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Wer bin ich - und wenn ja wie viele?

Eine philosophische Reise. Originalausgabe.
Buch (kartoniert)
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"Fragen zu stellen ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte."
Richard David Precht

Eine faszinierende Reise in die Welt der Philosophie - Richard David Prechts Buch bietet Antworten auf die großen Fragen des Lebens

Was ist Wahrheit? Wo … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Wer bin ich - und wenn ja wie viele?
Autor/en: Richard David Precht

ISBN: 3442311438
EAN: 9783442311439
Eine philosophische Reise.
Originalausgabe.
Goldmann Verlag

1. September 2007 - kartoniert - 400 Seiten

Kurzbeschreibung

"Fragen zu stellen ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte."
Richard David Precht

Eine faszinierende Reise in die Welt der Philosophie - Richard David Prechts Buch bietet Antworten auf die großen Fragen des Lebens

Was ist Wahrheit? Woher weiß ich, wer ich bin? Warum soll ich gut sein? Bücher über Philosophie gibt es viele. Doch Richard David Prechts Buch "Wer bin ich?" ist anders als alle anderen Einführungen. Niemand zuvor hat den Leser so kenntnisreich und kompetent und zugleich so spielerisch und elegant an die großen philosophischen Fragen des Lebens herangeführt. Ein einzigartiger Pfad durch die schier unüberschaubare Fülle unseres Wissens über den Menschen. Von der Hirnforschung über die Psychologie zur Philosophie bringt Precht uns dabei auf den allerneusten Stand. Wie ein Puzzle setzt sich das erstaunliche Bild zusammen, das die Wissenschaften heute vom Menschen zeichnen. Eine aufregende Entdeckungsreise zu uns selbst: Klug, humorvoll und unterhaltsam!

- Eine ebenso kompetente wie spielerische Annäherung an die großen philosophischen Fragen
- Ein Buch, das die Lust am Denken weckt!

Portrait

Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, wurde 1964 in Solingen geboren. Er promovierte 1994 an der Universität Köln und arbeitet seitdem für nahezu alle großen deutschen Zeitungen und Sendeanstalten. Precht war Fellow bei der "Chicago Tribune". Im Jahr 2000 wurde er mit dem Publizistikpreis für Biomedizin ausgezeichnet. Er schrieb zwei Romane und drei Sachbücher. Richard David Precht lebt in Köln und Luxembourg.

Leseprobe

Die griechische Insel Naxos ist die gr''e Insel der Kykladen im ''chen Meer. In der Mitte der Insel steigt die Bergkette des Zas bis auf tausend Meter an, und auf den w'rzig duftenden Feldern grasen Ziegen und Schafe, wachsen Wein und Gem'se. Noch in den 1980er Jahren besa'Naxos einen legend'n Strand bei Agia Ana, kilometerlange Sandd'nen, in denen nur wenige Touristen sich Bambush'tten geflochten hatten und ihre Zeit damit verbrachten, tr' im Schatten herumzud'sen. Im Sommer 1985 lagen unter einem Felsvorsprung zwei junge, gerade 20-j'ige M'er. Der eine hie'J'rgen und kam aus D'sseldorf; der andere war ich. Wir hatten uns erst vor wenigen Tagen am Strand kennen gelernt und diskutierten 'ber ein Buch, das ich aus der Bibliothek meines Vaters mit in den Urlaub genommen hatte: ein inzwischen arg ramponiertes Taschenbuch, von der Sonne ausgebleicht, mit einem griechischen Tempel auf dem Umschlag und zwei M'ern in griechischem Gewand. Platon: Sokrates im Gespr'.
Die Atmosph', in der wir unsere bescheidenen Gedanken leidenschaftlich austauschten, brannte sich mir so tief ein wie die Sonne auf der Haut. Abends, bei K', Wein und Melonen, sonderten wir uns ein wenig von den anderen ab und diskutierten weiter unsere Vorstellungen. Vor allem die Verteidigungsrede, die Sokrates laut Platon gehalten haben soll, als man ihn wegen des Verderbens der Jugend zum Tode verurteilte, besch'igte uns sehr.
Mir nahm sie - f'r einige Zeit - die Angst vor dem Tod, ein Thema, das mich zutiefst beunruhigte; J'rgen war weniger 'berzeugt.
J'rgens Gesicht ist mir entfallen. Ich habe ihn nie wieder getroffen, auf der Stra' w'rde ich ihn heute sicher nicht erkennen. Und der Strand von Agia Ana, an den ich nicht zur'ckgekehrt bin, ist laut zuverl'iger Quelle heute ein Touristen-Paradies mit Hotels, Z'en, Sonnenschirmen und geb'hrenpflichtigen Liegest'hlen. Ganze Passagen aus der Apologie des Sokrates in meinem Kopf dagegen sind mir geblieben und begleiten mich gewiss bis ins Altenpflege
heim; mal sehen, ob sie dann immer noch die Kraft haben, mich zu beruhigen.
Das leidenschaftliche Interesse f'r Philosophie habe ich nicht mehr verloren. Es lebt fort seit den Tagen von Agia Ana. Aus Naxos zur'ckgekehrt, leistete ich zun'st einen unerquicklichen Zivildienst ab. Es war gerade eine sehr moralische Zeit, Nato-Doppelbeschluss und Friedensbewegung erhitzten die Gem'ter, dazu Abenteuerlichkeiten wie US-amerikanische Planspiele 'ber einen begrenzten Atomkrieg in Europa, die man sich ohne Kopfsch'tteln heute kaum noch vorstellen mag. Mein Zivildienst als Gemeindehelfer freilich regte nicht zu k'hnen Gedanken an; seit ich die evangelische Kirche von innen gesehen habe, mag ich den Katholizismus. Was blieb, war die Suche nach dem richtigen Leben und nach 'berzeugenden Antworten auf die gro'n Fragen des Lebens. Ich beschloss, Philosophie zu studieren.
Das Studium in K'ln begann allerdings mit einer Entt'chung. Bislang hatte ich mir Philosophen als spannende Pers'nlichkeiten vorgestellt, die so aufregend und konsequent lebten, wie sie dachten. Faszinierende Menschen wie Theodor W. Adorno, Ernst Bloch oder Jean-Paul Sartre. Doch die Vision von einer Einheit aus k'hnen Gedanken und einem k'hnen Leben verfl'chtigte sich beim Anblick meiner zuk'nftigen Lehrer sofort: langweilige 'ere Herren in braunen oder blauen Busfahreranz'gen. Ich dachte an den Dichter Robert Musil, der sich dar'ber gewundert hatte, dass die modernen und fortschrittlichen Ingenieure der Kaiserzeit, die neue Welten zu Lande, zu Wasser und in der Luft eroberten, gleichzeitig so altmodische Zwirbelb'e, Westen und Taschenuhren trugen. Ebenso, schien es mir, wendeten die K'lner Philosophen ihre innere geistige Freiheit nicht auf ihr Leben an. Immerhin brachte mir einer von ihnen schlie'ich doch das Denken bei. Er lehrte mich, nach dem 'Warum' zu fragen und sich nicht mit schnellen Antworten zu begn'gen. Und er paukte mir ein, dass meine Gedankeng'e und Argumentationen l'ckenlos sein sollten,
so dass jeder einzelne Schritt m'glichst streng auf dem anderen aufbaut.
Ich verbrachte wunderbare Studienjahre. In meiner Erinnerung vermischen sie sich zu einer einzigen Abfolge aus spannender Lekt're, spontanem Kochen, Tischgespr'en beim Nudelessen, schlechtem Rotwein, wilden Diskussionen im Seminar und endlosen Kafteerunden in der Mensa mit Bew'ungsproben unserer philosophischen Lekt're: 'ber Erkenntnis und Irrtum, das richtige Leben, 'ber Fu'all und nat'rlich dar'ber, warum Mann und Frau - wie Loriot meinte - nicht zusammenpassen. Das Sch'ne an der Philosophie ist, dass sie kein Fach ist, das man je zu Ende studiert. Genau genommen, ist sie noch nicht einmal ein Fach. Naheliegend w' es deshalb gewesen, an der Universit'zu bleiben. Aber das Leben, das meine Professoren f'hrten, erschien mir, wie gesagt, erschreckend reizlos. Zudem bedr'ckte mich, wie wirkungslos die Hochschulphilosophie war. Die Aufs'e und B'cher wurden lediglich von Kollegen gelesen, und das zumeist nur, um sich davon abzugrenzen. Auch die Symposien und Kongresse, die ich als Doktorand besuchte, desillusionierten mich restlos 'ber den Verst'igungswillen ihrer Teilnehmer.
Allein die Fragen und die B'cher begleiteten mich weiter durch mein Leben. Vor einem Jahr fiel mir auf, dass es nur sehr wenige befriedigende Einf'hrungen in die Philosophie gibt. Nat'rlich existieren viele mehr oder weniger witzige B'cher, die von Logeleien und Kniffen des Denkens handeln, aber die meine ich nicht. Auch nicht die klugen n'tzlichen B'cher, die das Leben und Wirken ausgew'ter Philosophen beschreiben oder in ihre Werke einf'hren. Ich vermisse das systematische Interesse an den gro'n 'bergreifenden Fragen. Was sich als systematische Einf'hrung ausgibt, pr'ntiert zumeist eine Abfolge von Denkstr'mungen und -ismen, die mir oft zu sehr historisch interessiert sind oder die zu sperrig sind und zu trocken geschrieben.
Der Grund f'r diese unkulinarische Lekt're liegt nahe: Universit'n f'rdern nicht unbeding
t den eigenen Stil. Noch immer wird in der akademischen Lehre meist mehr Wert auf exakte Wiedergabe gelegt als auf die intellektuelle Kreativit'der Studenten. Besonders st'rend an der Vorstellung von der Philosophie als einem 'Fach' sind dabei ihre ganz unnat'rlichen Abgrenzungen. W'end meine Professoren das menschliche Bewusstsein anhand der Theorien von Kant und Hegel erkl'en, machten ihre Kollegen von der medizinischen Fakult' nur achthundert Meter entfernt, die aufschlussreichsten Versuche mit hirngesch'gten Patienten. Achthundert Meter Raum in einer Universit'sind sehr viel. Denn die Professoren lebten auf zwei v'llig verschiedenen Planeten und kannten nicht einmal die Namen ihrer Kollegen.
Wie passen die philosophischen, die psychologischen und die neurobiologischen Erkenntnisse 'ber das Bewusstsein zusammen? Stehen sie sich im Weg, oder erg'en sie sich? Gibt es ein 'Ich'? Was sind Gef'hle?

Pressestimmen

"Wenn Sie dieses Buch lesen, haben Sie den ersten Schritt auf dem Weg zum Glück schon getan. [...] Dieses Buch ist unverzichtbar."
Elke Heidenreich

"Lernen und Genießen sind das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Lernen ohne Genießen verhärmt, Genießen ohne Lernen verblödet. Sollte es diesem Buch gelingen, beim Leser die Lust am Denken zu wecken, wäre sein Ziel erreicht!"
Richard Precht

"Richard David Prechts rhetorisch feine Gedankengänge weisen über einen Zeitgeist und den eigenen Tellerrand hinaus. Er stellt systematische Fragen, die uns im Alltag berühren. Und spannt ein Netz aus philosophischen Erkenntnissen, naturwissenschaftlichen Entdeckungen und politischen Ereignissen, das den Blick öffnet für das Gesamtereignis Mensch."
WDR 5

"Das beste Buch auf dieser Sachbuchbestseller-Liste: angetrieben von unbändiger Erkenntnislust und ansteckendem Wissensdurst unternimmt Richard David Precht eine Rundreise ins Reich der Philosophie und Hirnforschung, verzichtet dabei wohltuend auf Originalität um der Originalität willen und hat gerade deshalb etwas sehr seltenes geschaffen: einen kompetenter Ratgeber, der seine Leser nicht für dümmer verkauft, als sie sind."
Dennis Scheck

"Eine Orientierungshilfe in der geradezu unüberschaubaren Fülle unseres Wissen vom Menschen."
Solinger Morgenpost

"Richard David Prechts Buch ist eine mitreißende Anleitung, der Welt auf den Grund zu gehen, nach Antworten zu suchen und diese kritisch zu überprüfen - kurzum:erzählte Philosophie."
Ulrich Baron, buchjournal

"Lustvoll, spielerisch und vor allem verständlich."
Obermain-Tagblatt

"Wissensgenuss"
Universum

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 22.03.2015

Auf Biegen und Brechen

Psychotests gibt es viele. Manche halten sogar wissenschaftlichen Ansprüchen stand. Andere sind nicht seriöser als Horoskope. Doch beliebt sind sie alle. Wir wollen schließlich wissen, wer wir sind.

Von Jörg Albrecht

Dass ein Sachbuch die Bestsellerliste des Spiegels erobert und sich dort mehr als vier Jahre lang auf Platz eins hält, kommt auch nicht alle Tage vor. Richard David Precht gelang das im Februar 2008. "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" hat sich seitdem mehr als eine Million Mal verkauft. Die Frage ist populär wie keine andere.

Bin ich ein Duckmäuser, ein Mitläufer, ein Fähnchen im Wind? Oder ein Narzisst, ein Machtmensch und Ehrgeizling? Jeder will wissen, was er und andere von ihm zu halten haben. Keine Frauenzeitschrift ohne Psychotest, der helfen soll, das herauszufinden. Und was am Ende herauskommt, stimmt ja irgendwie auch, hat man doch von jeher geahnt, dass man schüchtern ist und sein Licht viel zu oft unter den Scheffel stellt. Solche Tests sind wie Horoskope: Allgemeinmenschliches geht immer.

Ausgebildete Psychologen fühlen sich mit Recht auf den Schlips getreten, wenn man sie damit konfrontiert. Doch ihr Berufsstand kommt erst recht nicht ohne Fragebögen aus. In der Datenbank Psyndex werden für den deutschsprachigen Raum unter anderem aufgeführt: 3185 klinische Verfahren, 1828 Einstellungstests, 1370 Persönlichkeitstests, 682 Fähigkeits- und Eignungstests, 661 Entwicklungstests, 510 Intelligenztests samt Lernfähigkeits- und Gedächtnistests, 484 Schulleistungstests, 232 Verfahren zur Erfassung sensomotorischer Fähigkeiten, 228 Verhaltensskalen, 156 projektive Verfahren, 77 Interessen- sowie 24 Kreativitätstests.

Es fehlt demnach nicht an professionellen Bemühungen, Licht ins Dunkel der menschlichen Seele zu bringen. Es gibt sogar eine eigene DIN-Norm 33430, die regelt, welche Testverfahren bei beruflichen Vorstellungsgesprächen als seriös anzusehen sind. Denn mancher Personalchef vertraut im Zweifelsfall immer noch dem Gutachten eines Graphologen, der aus der Handschrift des Kandidaten auf dessen Charakter schließt.

"Gnothi seauton", erkenne dich selbst, heißt es seit dem Altertum. Hippokrates sah in sich und seinen Mitbürgern vier Temperamente am Werk: den Choleriker, der scharfsinnig, aber auch aufbrausend sei, den Melancholiker, den ein gesetztes Wesen, aber auch dauernde Missvergnügtheit kennzeichne, den Sanguiniker, der ein wenig einfältig, aber sorglos und gutmütig durchs Leben ginge, sowie den Phlegmatiker, der keine besonderen Charaktereigenschaften außer einer trägen Beharrlichkeit besitze. Die Lehre von den vier Temperamenten, denen die Körperflüssigkeiten gelbe und schwarze Galle, Blut und Schleim zugeordnet wurden, hielt sich bis in die Neuzeit; noch Immanuel Kant hat an sie geglaubt.

Persönlichkeitstests, wie wir sie heute kennen, wurden erst im zwanzigsten Jahrhundert entwickelt. Den Anfang machte die amerikanische Armee: Um jene Soldaten auszumustern, die besonders anfällig für den sogenannten Schützengrabenschock sein könnten, stellte der amerikanische Psychiater Robert Woodworth während des Ersten Weltkriegs einen hundert Punkte umfassenden Fragebogen zusammen, bei dem der Betreffende zum Beispiel angeben musste, ob er nachts häufiger aus dem Schlaf schrecke. Die Sache bekam eine solidere Basis, als sich Psychologen in den dreißiger Jahren daranmachten, die menschlichen Charaktereigenschaften systematisch zu erfassen. Sie durchforsteten Wörterbücher in der Annahme, dass die sprachliche Evolution im Laufe der Zeit genügend Ausdrücke hervorgebracht hätte, um jeden erdenklichen Wesenszug zu beschreiben. Tatsächlich fanden sich im Englischen rund 18 000 Begriffe. Fünf Prozent aller Wörter bezeichneten demnach irgendein Verhalten oder Naturell. Nachdem alle Synonyme aussortiert waren, blieben 4500 Ausdrücke übrig. Die wurden wiederum zu Wortgruppen zusammengefasst. Es blieben 16 Persönlichkeitstypen übrig.

Die Psychologen haben diese Typenvielfalt mit Hilfe von Befragungen und statistischen Methoden nach und nach auf fünf reduziert. Seit den achtziger Jahren nennt man sie die "Big Five" oder spricht vom "Ocean"-Modell, nach den Anfangsbuchstaben der fünf wesentlichen menschlichen Merkmale, als da sind: Openness, Conscientiousness, Extraversion, Agreeableness und Neuroticism. Innerhalb dieses Spektrums, glauben heute viele Psychologen, lässt sich jede Persönlichkeit eindeutig, aber dennoch individuell beschreiben. Je nach dem Grad seiner Offenheit denkt und verhält sich ein Mensch konventionell oder originell, gibt sich vorsichtig oder wagemutig. Wie gewissenhaft er ist, zeigt sich darin, ob er sorglos oder umsichtig zu Werke geht. Das Merkmal Extraversion bezieht sich darauf, wie zurückgezogen oder wie gesellig ein Mensch lebt, wie gehemmt oder wie spontan. Verträglichkeit bezeichnet das Maß seiner Gereiztheit beziehungsweise Gutmütigkeit, seines selbstlosen oder egoistischen Verhaltens. Neurotizismus schließlich beschreibt die gegensätzlichen Merkmale Stabilität und Verletzbarkeit.

Die meisten Persönlichkeitstests, die auf diesem Modell beruhen, verlangen vom Probanden keine Selbsteinschätzung bezüglich der fünf Eigenschaften. Stattdessen wird er gefragt, in welchem Ausmaß er bestimmten Aussagen zustimmt. Auf das Merkmal Offenheit würde zum Beispiel die Behauptung "Ich probiere gern neue Speisen aus" zielen, auf das Merkmal Extraversion die Überzeugung "Ich mag die meisten Menschen, die ich treffe".

Fragebögen, die nach diesem Schema konstruiert sind, bezeichnen Psychologen als Persönlichkeitsinventare. Eines der am häufigsten benutzten ist das Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI), das 1943 von dem amerikanischen Psychologen Starke Hathaway und dem Nervenarzt Charnley McKinley vorgestellt wurde und ursprünglich zur Diagnose psychischer Störungen gedacht war.

Das Minnesota-Inventar besteht aus mehr als fünfhundert Aussagen, die der Kandidat mit "stimmt", "stimmt nicht" oder "weiß nicht" bewerten kann. In der deutschen Ausgabe sind das Behauptungen wie "Ich werde leicht wütend, komme aber schnell wieder darüber hinweg". Oder: "Ich repariere gern ein Türschloss." Oder: "Der Mann sollte das Oberhaupt der Familie sein."

Bei der Auswertung werden die Antworten dann zu sogenannten Skalen zusammengefasst. Im Einzelnen geben die Skalenwerte an, wie stark jemand vom Durchschnitt abweicht. Erreicht er zum Beispiel beim Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit einen Wert von 2, so heißt das, dass 98 Prozent der getesteten Bevölkerung umgänglicher und mitfühlender sind als er; es wird sich also um einen ziemlich kritischen und kaltschnäuzigen Menschen handeln. Starke Abweichungen können im klinischen Zusammenhang auch auf eine psychopathologische Störung hinweisen. Die Güte solcher Tests lässt sich nach wissenschaftlichen Kriterien daran messen, wie valide, reliabel und objektiv sie sind. Ob sie also wiederholt dasselbe Ergebnis liefern, unabhängig vom Befragenden, und wirklich das erfassen, was sie zu erfassen vorgeben.

Anders verhält sich das mit Testverfahren, die in der Tradition Sigmund Freuds stehen und auf die Technik der freien Assoziation setzen. Am bekanntesten ist der Rorschach-Test, der von dem Schweizer Psychiater Hermann Rorschach in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurde. Er besteht aus zehn Karten, auf denen jeweils ein Tintenklecks abgebildet ist. Der Analytiker zieht aus dem, was der Testkandidat darin erkennt, seine Schlüsse, und zwar nach einem System, das im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert wurde. Besonders durchsichtig ist es nicht. Auf einem ähnlichen Prinzip beruht der Thematische Auffassungstest, bei dem es darum geht, eine bildlich dargestellte mehrdeutige Situation zu interpretieren.

Solchen "projektiven" Tests liegt die Annahme zugrunde, dass der Analysand seine Persönlichkeit unbewusst in das zu Deutende hineinprojiziert. So muss man wohl auch das Büroklammer-Orakel verstehen, das der Schweizer Psychiater Mario Gmür jetzt vorgelegt hat. Der Test sei, so sagt er, "nicht von letztem Ernst", aber das Ergebnis liege doch in vielen Fällen erstaunlich nahe bei der Wahrheit.

Gmür hat in seiner Praxis beobachtet, dass Patienten während des Gesprächs häufig in eine Schale mit Büroklammern auf dem Schreibtisch greifen und sie beiläufig verbiegen. Das sei, wie das Kritzeln beim Telefonieren, zunächst ein destruktiver Akt, dem ein kreativer Impuls folge, etwas halbwegs Sinnvolles daraus zu machen. Man könne das Resultat ähnlich deuten wie einen Traum.

Mario Gmür begann, die Biegearbeiten seiner Patienten zu sammeln. Der Fotograf Zoltan Gabor nahm sie vor weißem Hintergrund auf, eine kleine Ausstellung im Schaufester eines Zürcher Sportgeschäfts war die Folge. Das führte zur Anfrage des Verlags Kein & Aber, ob man daraus nicht ein Buch und einen Persönlichkeitstest machen könne. O nein, habe Gmür spontan reagiert, das sei doch Scharlatanerie, oder? Doch plötzlich, auf dem Rückweg vom Verlag, sei ihm eingefallen: Das ist ja noch besser als Rorschach!

Natürlich könne man an dieses Selbsterkennungsspiel nicht dieselben Gütekriterien anlegen, die bei naturwissenschaftlichen Tests gefordert werden, sagt Gmür. Er versteht sein Büroklammerexperiment eher als Protest gegen den Vermessungswahn in der Psychologie. Die Seele könne man sowieso nicht vermessen. Für klinische Fälle sei der Test nicht gedacht. Aber vielleicht nützlich bei der Berufs- und Eheberatung.

Und worauf beruhen nun die Charakter- und Typenbilder, die Mario Gmür so wortreich beschreibt? Da hält sich der Psychiater lieber bedeckt: "Der Zauberer verrät seine Tricks nie."

Eine Kurzform des Minnesota Multiphasic Personality Inventory findet sich unter http://de.outofservice.com/bigfive

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
Bewertungen unserer Kunden
Precht,R.D.:Wer bin ich - und wenn ja
von Elsa G. - 19.05.2011
Ein Dauerbestseller der Fragen stellt, beantwortet, Freude macht. Spielerische Welterkundung " super!
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