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Kommentar zu den Bänden III/1 und III/2

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Kommentar zu den Bänden III/1 und III/2 als Buch

Produktdetails

Titel: Kommentar zu den Bänden III/1 und III/2
Autor/en: Rudolf Borchardt, Rudolf Alexander Schröder

ISBN: 3446180273
EAN: 9783446180277
'Edition Tenschert'.
Herausgegeben von Gerhard Schuster, Hans Zimmermann
Hanser, Carl GmbH + Co.

Januar 2007 - gebunden

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 06.11.2001

Wenn die Welt, was man ihr gibt, nicht gelten läßt
Warum mir der Briefwechsel zwischen Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder zu einem großen Roman geworden ist / Von Martin Walser

I.

Es wird mir nicht gelingen, die Sprachenergie oder den Geistesglanz oder die Existenzintensität oder den Gedankenwirbel oder die Geschichtsmächtigkeit oder die Formulierungswut oder den Verantwortungsernst oder die Verachtungspotenz oder die Nervenbizarrerie oder die Hochmutsgesten oder die Einsamkeitsgloriole oder den Menschenstolz oder die Verletzlichkeitskultur dieses einen Briefschreibers Rudolf Borchardt darzustellen. Rühmen reicht nicht. Schröder kriege ich eher hin. Obwohl, auch Schröder überrascht. Da hat man so einen bremischen, eher besinnlich milde über die Halbbrille herlächelnden Dichterprotestanten im Sinn, und jetzt dieser Jugendstil-Salon-Ausmaler in Genf, Berlin, Hamburg und sonstwo, der Streichquartette komponiert, den Bremern ein "Ratssilber" designed, das der Kaiser dort frühstückend einweiht; und Reichskanzler Bethmann Hollweg protegiert ihn, daß er nicht mehr auf Wangeroog Engländer abwehren muß, sondern in Brüssel die Flamen bei Laune halten darf; und wenn die Zeiten gar zu lyrikfeindlich werden und andere Lyriker hungern, kann er sich auch schon einmal ein halbes Jahr vom Aquarellmalen ernähren. Daß diese Freundschaft zwischen zweien, die ihre Ungleichheit nicht nur empfunden, sondern noch und noch formuliert haben, daß diese Freundschaft so ins Große gedieh, ist unwillkürlich eine Auskunft darüber, was Literatur vermag. Eine hochfliegende Auskunft. Und ich sage nicht: was Literatur vermochte, sondern: vermag. Aber verwünscht historisch ist das Ganze natürlich schon. Wunderbar historisch auch. Selig historisch. Das allerschönste Eswareinmal.

Es waren nämlich einmal zwei Dichter. Die schrieben einander Briefe von 1901 bis 1944. Ab 1933 war der eine dann nach den rassistischen Gesetzen des Deutschen Reiches Jude. Emigrieren entfiel, da er schon seit 1907 in Italien lebte, einfach aus Freiheitsübermut oder weil er sich, trotz konservativster Gesinnungen, unfähig fühlte, Untertan zu sein, und auch weil es in Italien wirkliche Villen gibt, geschichtliche Schönheiten. Unterbrochen hat er seine lucchesische und pisanische Villenfolge nur, als er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger meldete und Dienst tat von Mühlheim/Baden bis Schützengraben und Berlin (im Generalstab des Feldheeres).

Ab 1933 war der andere ein Dichter in Deutschland, Mitglied der Reichsschrifttumskammer, weil er sonst seine Schriften nicht hätte veröffentlichen können. Der eine in Italien stand übrigens im Verruf, Monarchist zu sein. Er empfing in seinen Villen offenbar den in der Toskana lebenden bayerischen Kronprinzen Rupprecht, den abgedankten Bulgarenkönig Ferdinand, die deutsche Kronprinzessin Cecilie und die Königin von Italien. Dem Duce überreichte er schon mal seinen "Dante deutsch", ein Werk, das durch seine prachtvolle Verstiegenheit einem auch heute noch eine Gänsehaut riffeln kann.

Dieses Freundespaar - Borchardts zweite Frau war dann Schröders Nichte Marie Luise -, dieses Dichterpaar also schreibt in dreiundvierzig Jahren unwillkürlich einen Roman in Briefen, aber eben doch einen, den das Leben schmerzlich genau inspiriert. So kommt ein Lebenskunstwerk zustande. Borchardt schreibt einmal, es gebe Gedichte, denen sehe man an, daß sie sich selbst gemacht hätten, anderen, daß sie gemacht worden seien, und es ist geradezu heftig klar, daß er den Gedichten, die aussehen, als hätten sie sich selber gemacht, einen höheren Rang einräumt beziehungsweise daß er nur sie gelten läßt. Das Kernwort seiner Ästhetik ist deshalb Notwendigkeit. Woher ein Gedicht seine Notwendigkeit beziehe, sei ihm egal, nur, es muß vor allem die Notwendigkeit ausdrücken, aus der es entstanden ist. Und das tut eben dieser Briefwechsel auch, Brief für Brief.

II.

Nichts ist zeitgeschichtlichen Bedingungen mehr ausgeliefert als die Vermittlung von Literatur. Einen Dichter, den man nicht zur rechten Zeit lesen kann, kann man eigentlich nie mehr lesen. Wenn ich Borchardts hochdisziplinierte Gedicht-Ausschweifungen heute, erst heute lese, dann ahne ich als erfahrener Leser, wie ich darauf reagiert hätte, wenn ich sie rechtzeitig zu lesen bekommen hätte. Als ich fünfzehn bis siebzehn war, habe ich Stefan George gehabt und ihn gelesen, als wäre er mein Zeitgenosse. Also George statt Borchardt, statt Hofmannsthal. Daß mir Borchardt überhaupt erreichbar geworden ist, verdanke ich nach allen zeitgeschichtlichen Verhinderungen dem Freund Heribert Tenschert, der mit Borchardt seit Jahrzehnten jenen seelen- oder wesenssymbiotischen Umgang pflegt, der Literatur, ohne sie alltäglich zu machen, zur Lebenspraxis werden läßt. Die Gedichte, die man nicht rechtzeitig liest, muß man sich dann ein bißchen erarbeiten, das ist ein kräftespendendes Unternehmen, von Erobernwollen bis Erobertwerden; aber für diese Briefe ist es nicht zu spät. Nie.

III.

"Hochgeehrter Herr, ich werde vors erste allerlei Abhaltungen haben zu Ihren Gedichten zu gelangen und möchte den Dank für Ihre schöne und mich ehrende Gabe darum doch nicht hinausgezögert sehen . . ." So schreibt ein Dreiundzwanzigjähriger am 1. April 1901 an einen anderen Dreiundzwanzigjährigen. So schreibt ein Dichter an einen Dichter. So schreibt Rudolf Borchardt an Rudolf Alexander Schröder. Rudolf Alexander Schröder war damals sicher eine attraktive Adresse: einer der drei Insel-Erfinder und -Gründer. Zeitschrift und Verlag wären ohne ihn vielleicht gar nicht entstanden. Rudolf Borchardt schickte ihm Gedichte und schloß seinen Brief (aus dem Kurheim Bad Nassau) so: "Ich bin leider schwer leidend." Die mitgeschickten Gedichte waren Elegien. "Heroische Elegie", "Pathetische", "Saturnische". . . Oder auch einfach "Bacchische Epiphanie". Deren vorletzte Strophe - es ist die vierunddreißigste - fängt so an:

Zwischen Tod und Leben brausend

Meisternd das in Eins Geschloßne

Tanzt der Rosen Übergoßne

Ins Geschick der Welt

Borchardt wird das in Poesie, Prosa und Brief beibehalten, zwei deutsche Hauptwörter, die jeder sonst zusammenschreiben oder doch durch Bindestrich aneinanderbinden würde, einfach nacheinander erscheinen zu lassen - soll der Leser entscheiden, wie eng er die beiden Wörter zusammensehen will. Das ist keine mechanische Manier; oft genug verfährt er ja nach Gewohnheit; er schreibt, wenn er den Insel-Verleger Kippenberg auftreten läßt, von "Käseduft", "Lackstiefeln" und "genähten Ripsschlipschen", aber der Marcusplatz in Venedig verursacht ihm "intellektuelle Glücks Schauer". Oder 1915 "Im Felde" ist er "mehr bedrückt als erhoben von dem trostlos endlos willenlosen Vorbeizug dieser halb zerschmetterten Menschheits Procession". Es ist spürbar, daß er durch das Auseinanderschreiben solcher Doppelwörter jedem Wort wieder eine Kraft oder Deutlichkeit oder Würde zurückgeben will, die es als Doppelwort-Teil nicht mehr hat. Pathossteigerung, das will er, wenn er "Morgen Brot" schreibt oder "Lebens Element" oder "Reise Verdruss". Aber wenn er, weil er nach den rassistischen Einteilungen des Hitler-Regimes Jude ist und in Deutschland nicht mehr gedruckt wird, nennt er seinen Zustand "Weltabhandenheit". Solche Traditionsechos und Zitatfarben wie diese Verwendung der Friedrich-Rückert-Zeile ("Ich bin der Welt abhanden gekommen") liegen ihm. Er ist sprachversessen.

IV.

Es war Borchardt, der immer wieder die Gesetzlichkeit dieser Freundschaft, ihre Fundamentalbedingung formulierte, und es war Schröder, der die bis zur gesetzmäßigen Gültigkeit gediehene Freundschaftserklärung dann mit Leben belieferte, mit dem unmittelbaren Gefühl. Ein bißchen schief ist diese Einteilung sicher, weil Borchardts glanzvolle Sätze über diese Freundschaft alles andere als empfindungslos sind, sie zeigen die Empfindung eben in ihrer geistigsten Version. Oft genug schreibt Borchardt nur über sich und Schröder und kommt dann erst nach vielen Seiten ad rem. Schröder hat sehr viel mehr mit den Sachen zu tun, weil er immer nördlich der Alpen den Schaden begrenzen muß, den Borchardt anrichtet durch das, was er kurz vor seinem Tod in seiner letzten Schrift "Anabasis" (noch unveröffentlicht ) "Furor zur absoluten Freiheit" nannte, jene "Manie der Unabhängigkeit, der ich von je alles geopfert hatte, was sie von mir verlangte. Ich war als Student aus dem reichen väterlichen Hause Nachts geflohen um auf einem entscheidenden Punkte beim eigenen Willen zu bleiben und hatte harte Jahre gleichmütig auf mich genommen um mich nicht Befehlen haben beugen zu müssen. Nie hatte ich eine Autorität über mich zugelassen, nie gehorcht, nie compromitiert."

Wozu eine solche Haltung im Umgang mit Verlegern führen muß, ist vorstellbar. Kippenberg, Rowohlt, Kurt Wolff, Samuel Fischer waren die prominenteren Konfliktpartner, daneben noch eine Unzahl weniger Namhafter, aber genau so von Borchardt-Gesten Getroffener. Nicht nur körperlich erfüllen die beiden das Don Quixote-Sancho-Pansa-Programm. "100 kg" meldet dieser Sancho gelegentlich. Aber sie gehen in diesem Programm nicht auf. Und doch eher in diesem als im Schiller-Goethe-Briefwechsel-Programm. Jeder zweite, der über Borchardt nachdenkt und schreibt, nennt ihn einen Don Quixote. Aber es ist doch nicht ganz unwichtig zu bemerken, daß er selber weiß und es wissen läßt, er sei einer. Im Sommer 1913 instruiert er in einem Elfseitenbrief den Freund, wie der ihn zu S. Fischer bringen könne: Borchardt "sei weder ein Schleicher noch ein Gegenseitigkeitsschmeichler, sondern furchtlos und an der rechten Stelle bis zur Unklugheit rücksichtslos . . ." Ob das ein Verleger zu schätzen weiß? Auf dem Papier schon. Die Realität entscheidet eher die Gegenseitigkeitsschmeichelei. Borchardt läßt nun seine Pläne paradieren, daß Schröder dort etwas zu bieten hat: für fünf Bände hat er Manuskripte, Inhalte kann er, sie preisend, nennen, und momentan arbeitet er an seinem Lassalle, der soll werden "ein vehementes Bekenntnis meiner innern Totalität, politisch, leidenschaftlich donquixotisch, Feuer, Ekel an der Moderne, Hass, Liebe, Klage, Anklage, Deutschheit, Geschichte, Drang nach Einer Frau, Sterben an Einer Frau. Wenn es so weiter rast und donnert, steht es in vier Wochen auf dem Papier, im Winter auf einer Bühne deren Gebälke es krachen machen soll, wie seit den Räubern die deutsche Bühne nicht mehr gekracht hat." Und wenn er es so hat toben lassen, dann zieht er sich, auch schriftlich, zurück in seinen Garten, zu seinen "Godetien von einer azaleenhaften Schönheit", zu "Digitalis nevadenses aus den spanischen Hochgebirgen, mit Blüten wie an einer Pavlonia", zu "Delphinium brunnorianum von der Kaschmirjanum Sektion mit geschlossenen Haubenblüten . . ."

Ich kenne keinen Briefwechsel zwischen zwei Männern, der so sehr zum Roman wird wie der zwischen diesem donquixotesk Hochfahrenden und dabei eisig genau Empfindenden und Formulierenden und dem von einer Stimmung in die nächste tauchenden "ewig liedbereiten" Hanseaten, der nach 1918 zusehends religiöser wird und sich auch mit Kierkegaard und Karl Barth rüstet. Das Romanhafte kommt einfach vom Unterschied, den beide andauernd gleich stark erleben, den sie aber, weil sie sich sozusagen schicksalhaft befreundet fühlen, nicht als Trennendes gelten lassen wollen und ihn deshalb ausdrücken müssen, damit aus dem Unterschied Sinn entstehe. In jenem Novemberbrief formuliert Borchardt die "ungeheure Verschiedenheit des innern Ausgangspunkts, des Naturelles, des Ingeniums und der paideia . . ." Aber zum Unterschied gehört das Gegenteil, nämlich die ". . .unwandelbare wie unschätzbare Vereinigung in gleicher Ebene alles Höchsten". Und Borchardt folgert, bei dieser Verschiedenheit "wüßte man sich ohne ein fast absolutes Geltenlassen des Andern gar nicht zu helfen". Der Inhalt ihrer Differenz - und das erst macht ahnbar, was zwischen diesen beiden zu bestehen war - ist ihr Schreiben, ihre Sprache, ihre Ästhetik oder, damalig ausgedrückt, ihr Dichtertum. Und da kann nicht nur Schröder von Borchardt lernen, davon möchte man uns alle andauernd lernen lassen. Ich wäre schon zufrieden, wenn ich durch das Lesen und Wiederlesen dieser Briefe mir "das fast absolute Geltenlassen des Andern" als erlernbar vorstellen könnte. Vorstellen nicht als Schwundstufe des Vitalen, sondern Geltenlassen als Lieben.

Borchardt erzählt ja in diesem November-Brief ihre ganze Geistesgeschichte. Beide haben einander von Anfang an gelesen. Und wenn diese Geistesgeschichte einer Freundschaft zwischen so Selbstischen, wie es Dichter nun einmal sind (ohne daß sie blind und taub wären vor lauter Einzigartigkeitsfimmel), glaubhaft wird, dann ist das ein Zeugnis der wertvolleren Art: dann ist Freundschaft überhaupt möglich. Daran kann man nämlich, wenn man schon länger da ist, auch zweifeln. Eben deshalb ist mir dieser Briefwechsel zu einem so großen Roman geworden.

Wie aber reagiert Schröder, wenn ihm diese sechzehnseitige, nichts vertuschende und überaus atemreiche Borchardt-Prosa als Ausarbeitung ihres Wahrhaftigkeitsprogramms ins Haus kommt? Je hochfliegender Borchardt wird, um so praktischer reagiert der Hanseat. Zum Beispiel, indem er Borchardt als Antwort auf dessen Darstellung ihres Freundschaftsprogramms einen gerade geträumten Traum erzählt: Eine Art offizielles Diner im Haus seines Vaters, der Vorsitzende des Hansabundes, ein Herr Riesser, präsidiert, Borchardt ist auch da, in Reisekleidung, und steht auf und sagt, da von Herrn Riesser bekannt sei, daß er sich mit der Antike beschäftige, könne Herr Riesser doch jetzt aus seiner Pindarübersetzung lesen. Der Herr steht auf und liest: "Es kommen, es kommen mit einem Fürtuch angetan . . ." Da hat der Pindar-Übersetzer Borchardt schon ein Exemplar in der Hand und sagt: badizonai müsse mit "tief gegürtet" übersetzt werden. Der Vorsitzende des Hansabundes besteht auf "mit einem Fürtuch angetan". Darauf Borchardt: Um das zu entscheiden, müsse man sich zuerst über die "fünf Tuchwurzeln" der deutschen Sprache verständigen. Der Herr Vorsitzende will reden, Borchardt läßt das nicht zu, große Verlegenheit rundum, Borchardt sagt: Nichts für ungut, Herr College. Der dreht sich um. Schröders Schwester Lina ruft wütend, wie könne Herr Borchardt nur in diesem Haus eine so einflußreiche Persönlichkeit so brüskieren. Borchardt habe dann eine zerknüllte Reisemütze aus der Tasche gezogen und habe Saal und Haus tief verärgert verlassen. Schröder zur Schwester, wie könne sie Borchardt aus dem Haus treiben, mit dem er doch über das nächste Hesperus-Jahrbuch reden müsse.

Fortsetzung auf der folgenden Seite.

Im Jahr 1912 schreibt Borchardt, er habe "unbewußt die Gewohnheit" verloren, an Schröders "Produktionen mit détailliertem Krittel heranzugehn". Wenn er jetzt bei Schröder etwas treffe, worauf er kritisch reagieren möchte, erweitere sich sein "Einwand" "von der scheinbar ihn veranlassenden Wendung auf die Conception, von ihr auf den Kunstbegriff, und ich sehe mit einem Schlage, daß es nicht der Einwand des Kritikers ist, sondern die Differenz des Künstlers und des Menschen. Diese aber, ihrem Wesen nach, soll bestehen, und durch nichts aufgehoben werden." Und jetzt formuliert er, woran er künstlerische Hervorbringung von Anfang an und bis zum Schluß mißt: ob sie eben die Notwendigkeit ausdrückt, aus der sie entstanden ist. Und Schröders Gedichte seien "charmant gesagt" gewesen und hätten "auf tausend andere charmante Weisen gesagt werden können", aber Borchardt vermißte das "Eins ist not": "das Gedicht - in dem - durch das - naturnotwendig, explosiv, der Zustand oder die Bewegung sich selber so ausdrückt, daß es mit den Geburtsmarken . . . seiner Ausdrucksbedürftigkeit erschiene". Inzwischen aber habe er sich "zu menschlicher Duldung (der activen Form der Freiheit) entwickelt".

Jetzt sieht er die Differenz zwischen ihnen "als unendlich wertvoll" an. "Den Maßstab zur Beurteilung Deiner Kunst entnehme ich nicht mehr der meinen und auch nicht einem abstracten Canon, sondern Deiner Kunst selber und ausschließlich." Jetzt kann er den "essentiellen Unterschied", der ihrer "dichterischen Produktion zugrundeliegt" formulieren. "Die Poesie, die bei mir durchaus Axt ist, ist bei Dir Zustand." Er besitze nicht eigentlich "ein poetisches Naturell". Seine "innere Welt, in der organisierende und architektonische Kräfte alle anderen überwiegen, wird nur auf Augenblicke durch affektive Berührungen poetisch . . ." " So bist Du locker, ich starr . . . So also sind Deine Fehler nicht meine Fehler. Du bist in viel ursprünglicherem Sinne des Wortes Dichter als ich; bist es wie das Volk, wo es singt . . . wie der antike Dichter . . . leierkundig, ewig liedbereit . . . ich bin bacchisch, an die Feste meines Rausches gebunden . . . immer anredend, streitend, mich wehrend, in drei geteilt, abgrundlustig, reinigungssüchtig, dramatisch. Ich ende besten Falles, womit Du beginnst, mit dem Gleichgewichte . . . Und so ließe sich noch lange Das Eine am Andern messen."

Kann man die Freundschaftsmöglichkeit ernster untersuchen, beschreiben, herbeischreiben? Der reine Literatur-Roman.

Und zehn Jahre vorher, am Anfang dieses Briefwechsels, war es vielleicht eher das aktuelle Kalkül, das die beiden einander näherbrachte. Auf der einen Seite die immer noch szenisch mächtigen Naturalisten mit dem nicht nur imposanten, sondern auch aller Ehren werten Gerhart Hauptmann vornedran, auf der anderen Seite der sein eigenes Kunstreich inszenierende Stefan George. Hugo von Hofmannsthal ist deshalb für die zwei Jungliteraten das, was sie werden wollen. Er ist zwar nur vier Jahre älter, aber da er wunderkindhaft früh berühmt wurde, ist er ihre Galionsfigur. Auf sein Frühwerk läßt sich eine ästhetische Fraktion gründen, die einen neuen Namen verdient. Die Formulierung dessen, was jetzt ästhetisch, politisch und überhaupt fällig ist, ist viel mehr Borchardts als Schröders und Hofmannsthals Sache. Er will Schluß machen mit dem "lumpigen Begriffe der Neuromantik", schreibt er 1911 an Hofmannsthal, und dazu müsse jetzt begründet werden, "in welchem Sinne wir die geistige Führerschaft der Nation an uns zu nehmen gedenken . . ." Antinaturalistisch. Aus der Tradition schöpfend. Antimodern.

An Schröder, programmatisch, gleich am Anfang, 1901: "Wir rechtfertigen uns vor den Toten, nicht vor den Lebendigen." Er, Schröder und Hofmannsthal werden die Dichtersprache für Deutschland schaffen: aus der Tradition, aber mit dem schneidendsten Anspruch: "Ein Gedicht, von dem man nicht glaubt, daß es in zehn Jahren immer noch zu frühe veröffentlicht wird, soll man vernichten." Das ist der Aufbruchston der konservativen Avantgarde.

Aber hinter dem ebenso stürmischen wie drängerischen Programmdenker und Textkritiker darf der Freundschaftsfähige nicht verschwinden. Die vor nichts Halt machen müssende Geisteskraft ist einvernehmlich mit einer ebenso lebendigen Zuwendungskraft. Den anderen zu erleben und ihn spüren und wissen zu lassen, wie er ihn erlebt! Auch den Dichter! Ohne diese Erlebnisfähigkeit und ihr Aufblühen im Brief kann eine Dichterfreundschaft nur Zweckgemeinschaft werden oder Phrase. Wenn Borchardt ihn mit seinen steigen und steigen könnenden Sätzen auf eine historisch intelligente Weise lobt, ist Schröder ihm zwar dankbar - "abgesehen von der Beschämung über das Zuviel". Und was wäre das für eine Freundschaft, die nicht zuviel will. Borchardt gibt es gar nicht ohne "Überspannung", ohne die Tendenz zum Zuviel. Und er hat das schon früh und wieder gesetzhaft, das heißt für alle vorkommen könnenden Fälle formuliert: "für ein Ding mehr zu bezahlen als es wert ist, ist . . . doch die einzige Möglichkeit zum Leben zu kommen; im allerwinzigsten und im allergrandiosesten könnte ich das Gesetz meiner Natur mit keinen anderen Worten aussprechen". Weil Borchardt eben nichts mitteilen kann, ohne es durch Ausdruck ins mehr als Mitteilende zu treiben, wird dieser Briefwechsel zum Roman.

Als im Jahr 1930 Borchardt einmal offenbar nicht rechtzeitig auf Schröder-Gedichte reagiert, wird er von Schröder gemahnt. Schröder ist inzwischen in der aktuellen Literaturszene kein Glanzwert mehr, er hat gebeten, daß Borchardt in den "Münchener Neuesten Nachrichten" über seine gerade erschienenen Gedichte schreibe. Borchardt weiß, daß er hätte schreiben müssen. Er weiß und schreibt es hin, Hugo (Hofmannsthal) (seit einem Jahr tot) hätte in einer solchen Situation auch schreiben müssen. Aber "Thatsache ist, daß wir alle drei in den meisten Fällen es nicht gethan haben". Er habe auf keine seiner drei Gedichtsammlungen von den beiden ein Wort gehört, habe sich nie darüber gewundert oder gesorgt. Schröder habe jetzt ein Buch herrlicher Gedichte drucken lassen, er, Borchardt, kenne diese Gedichte seit Jahren aus Schröders Mund, aber über eine "ganze gedichtete Welt" könne man, wenn sie mit der Post ins Haus komme, nicht reagieren wie auf eine Schachtel Pralinées.

In dem Augenblick hätte er nur sagen können, es seien sechs Gedichte in dem Buch, von denen er glaube, sie lebten so lange, wie die deutsche Sprache lebe. Und schreibt ihm die Titel der Gedichte hin. Aber - und das ist der literaturvitale Borchardt schlechthin - eine Woche später hätte es doch sein können, "beim ersten Wiederinsbuchsehn", daß ein ihm bis dahin verschlossen gebliebenes Gedicht "plötzlich vor Augen geblüht" hätte, "schöner und tiefer in salomonischer Herrlichkeit als jene sechs oder acht". In dem nicht abgeschickten Brief hat er noch eine Erfahrung beim Gedichtelesen skizziert, die dürfte heute sowohl bei Dichtern wie bei Lesern als verschollen, unbekannt, obsolet oder verstiegen gelten. Er will erklären, daß man auf Gedichte schlechterdings nicht direkt reagieren kann, weil sich Gedichte gar nicht an uns wenden. Borchardt: "Es käme mir so vor als wollte die Rose durch ihren Duft meine Nase erreichen, oder die Nachtigall sänge für mein Ohr . . ." Das ist ganz schön genau. Und eben dadurch schön.

V.

Zum Glück (für den Leser des Freundschaftsromans) gab es Krisen zwischen ihnen, geistige, aus der Geschichte stammend und in Haltungen mündend. Aber bevor man als Leser nicht eine sozusagen unirritierbare, gefühlsgenaue Vorstellung von dieser Freundschaft gewonnen hat, kann man die Krisen nur mißverstehen.

Da ist sozusagen das heroische Motiv des Romans: Borchardts Einsamkeit. Ihre Gründe und ihre Folgen. Er sah sich der Geschichte gegenüber, sein Denken und Schreiben erlebte er als historisches Handeln. Viel geringer läßt es sich nicht sagen. Er halte seine "Augen nur noch auf Ewiges gerichtet", 1913. Der mehr als einsame, der isolierte Borchardt, dessen Bücher sich nicht verkaufen ließen und der eher von Vorschüssen, die in der Verrechnung oft genug zu Streit und Abbruch führten, als von Einkünften lebte, der muß seine Einsamkeit sprich Isolation mit Sinn versehen, auch wenn seinem Freund Schröder in München das h.c.-Kränzchen aufs blankere Haupt gesetzt wird. Aber bei dieser Gelegenheit bricht es doch aus ihm heraus. Einerseits ist er hinaus über das Geehrtwerdenkönnen, andererseits gäbe es, schreibt er, in keiner Fakultät die nötige Stimmeneinheit für ihn. Josef Nadler hat ihn in Königsberg nicht durchsetzen können. Jetzt also: "In welchem Elende und in welcher Schmach Deutschland seit Jahrhunderten seinen größten Söhnen das Herz brechen läßt . . ." Und zählt sie auf. Und Schröder, der weiß und es ausspricht, daß Borchardt der Würdigere gewesen wäre, windet sich förmlich vor schlechtem Gewissen. "Mein Guter, Lieber, Verehrter!" Aber Borchardt ist inzwischen schon geübt darin, seine Einsamkeit mit historischem Sinn zu versehen. 1937 formuliert er seine Unabhängigkeitsleistung so: "Ich, das weißt du, habe nie etwas für mich verlangt oder erwartet. Was ich hätte verlangen oder erwarten können, hat keiner zu geben; oder zu verweigern . . . Was man Ruhm nennt, teilen wir mit den Klopffechtern und Propagandagrößen des Tages, mit denen wir nicht gerne aus dem gleichen Glase trinken." Dann zitiert er wie so oft Goethe: "Tiefe Verachtung öffentlicher Meinung".

Nun zu sozusagen schwerer behebbaren Krisen. Ein Anlaß: sein "Dante deutsch" und seine "Epilegomena zu Dante".

Seit 1904 dichtet Borchardt in Dante. 1929 gibt er Auskunft, wie er zu dieser Dante-Deutsch-Sprache gekommen ist. Und dieser Sechzig-Seiten-Aufsatz verstört Schröder ganz und gar. Er ist voller "Bewunderung für das Ungeheure Geleistete", aber "das Prinzipielle des ungeheuren Werks" kann er nicht billigen. Schon das auszusprechen kommt ihm "wie eine Art Treubruch" vor. In seinem "Dante deutsch" sieht er Borchardt als Opfer "der jesuitischen Ränke des Herrn Nadler". Nadler, der berüchtigt-berühmte Literaturwissenschaftler, der die deutsche Literatur auf die deutschen Stämme zurückführte, also letzten Endes auf jeweils Mundartliches. Und es war eben weniger der deutsche Dante-Text, der Schröder verstörte, sondern das, was Borchardt auf sechzig Seiten über die Entstehung seines "Dante deutsch" mitgeteilt hatte. "Das sprachliche Schisma um 1500" heißt es da, hat den Deutschen "ihre eigene Vorzeit entwandt". Luther! Luther und die Kanzleisprache als Mehltau auf die mit hohen und höchsten Werken aus dem Mittelalter herüberblühende Literatur. "Die neuhochdeutsche Dichtersprache ist ein Geschöpf des Flachlandes und der sinnenfremden Schreibstube." Für Dante zu arm. So der zeitlebens in Italien lebende, aber immer unmittelbar zur Geschichte existierende Rudolf Borchardt. "Neuhochdeutsch ist eine Kolonistensprache emporgearbeiteter Stände, und daher aus pedantischer Conservierung des vermeintlich standesgemäßen Herkommens geboren, mit dem Auge auf Korrektheit und uniformen Anzug . . . mit der Todesangst vor dem popularen, aus dem man wider Willen stammt, eine Buchsprache ohne Ohr und ohne Stimme". Also "Durchbruch gegen die uns rings bedingende Wand des Luther-Opitz-Gottschedschen Geschiebes, den Klassizismus".

Das war zuviel für Schröder, der seit Jahr und Tag in seiner Sprache Kirchentöne weckte. Mir liefert dieser Aufsatz eine Befreiungskraft, die in mir selber zu wecken ich mir immer schuldig blieb. Und wie ging das bei diesem Königsberger in Italien? Er entdeckte glorios konservativ "Umkehr als den kürzesten Weg vorwärts". Nicht per Kopfgeburt, sondern durch Erfahrung. Winter 1905 / 06 in Arlesheim bei Basel, er erlebt das Alemannische, erlebt es als "Lichtstrahl" in sein "geschichtliches Gefängnis", "ein Wildbad" für seine "gesamte Sprachgewöhnung". Jetzt also entwickelte er, entwickelte sich in ihm eine Sprache, gestützt "auf unsere älteste klassische, die alemannische Sprache . . . wie die Dantische auf das zum Mitteltoskanischen gewordene Pisanisch der italienischen Kaiserhöfe." Er nannte das "Rückgebärung, rinascimento, der eigenen Nationalantike, des europäischen Mittelalters . . ." Und wußte, was Schröder ihm dann bestätigte, daß sein "Dante deutsch", das ungeheure Werk, ein Werk sei für vel duo, vel nemo. Echt Borchardtisch: "Was lag mir an Lesern . . .?" Seine Schmerzen habe er heilen wollen, die Wunden seiner "Nationalbiographie lindern", seiner "ersten großen verschollenen Nationalliteratur ihren Tod nicht hingehen lassen". Er habe "unsern Volkssprachen, unsern ehrwürdigen Mundarten" aus dem "Verschmähtsein" helfen müssen.

Aber Schröder sieht im Dante-Aufsatz einen "Angriff gegen die Grundlagen unsrer klassischen Poesie, d. h. die Lutherbibel . . ." Er habe immer gern in Borchardts Schatten gestanden, bleibe ihm "für unendliche Belehrung und Zurechtweisung zu lebenslangem Danke verpflichtet", jetzt aber habe Borchardt sich so geoffenbart, daß er, Schröder, dazu "eine unzweideutige Haltung" beziehen müsse. Den Dichter und den Freund Borchardt meine er damit nicht, aber eben den Denker, Borchardt müsse selber beurteilen, wie sie mit den zwischen ihnen "klaffenden Rissen" leben können. Borchardt antwortet mit hoher Laune. Er treibe alle seine Teufeleien unter Ausschluß der Öffentlichkeit, niemand schere sich einen Deut um das, was er tue, denke oder drucken lasse, und: er liebe Schröder, auch wenn der zur Rettung seiner Seele verkünden müsse, daß Borchardt auf schlechten Wegen wandle. Schröder ist froh, daß sie, nachdem sie sich ausgesprochen haben "in neuer Liebe an einander teilnehmen, auch in dem Fremderen im andern".

Jetzt die Krise, die von der Weltgeschichte inszeniert wurde. Sie sind einander wieder gut, Schröder schreibt 1934, er und Borchardt seien "doch von beispielloser Einsamkeit umgeben", mit den gegenwärtigen Landsleuten hätten sie "nur den kurrenten Teil" der Muttersprache gemeinsam. Aber Borchardts Einsamkeit ist noch einmal eine ganz andere. Schröders Briefe sind nur noch dann wirklich mitteilsam, wenn sie in Genf, Zürich oder Wien geschrieben werden. Da kann er zu erklären versuchen, daß man sich "ins Unvermeidliche fügen" werde und versuchen müsse zu leben und "dem unglücklichsten aller großen Völker zu dienen soweit man es vermag". Eine erste Berührung mit den neuen Mächten sei nicht vermeidbar. Ein "völliges Beiseitetreten" sei für ihn wegen seiner Vergangenheit und auch wegen seiner "leidenschaftlichen Liebe für Deutschland" nicht möglich. Er wird Erfahrung sammeln, um zu sehen, "ob man mit dem kleinen Finger, den ich geben könnte, auf der Gegenseite was anfangen kann und will". Reime fallen ihm nicht mehr ein, seit man, wenn man Stiefelwichs kaufen will, Heil Hitler murmeln muß. Öfter als je muß er in der Schweiz Geld für Borchardt organisieren, auch eigene Honorare an Borchardt überweisen lassen, oder wenn ein Münchener "Incasso-Bureau", das auch noch "Germania" heißt, Borchardt wegen einer "verbummelten Schneiderrechnung aus normalen Tagen bis aufs Blut quält", muß Schröder sofort fünfzig Mark einzahlen. Borchardt kann sich keine Samen mehr leisten für seine Gärten, er verspricht sogar, wenn er Schröder um Finanzhilfe bittet, daß er seine Gärtner-Passion bezähmen werde.

Wer nicht nur überzeugt sein will, daß er damals alles besser gemacht hätte, wer sich dafür interessieren kann, wie einer existierte, ein Intellektueller, der nicht dazugehörte, der sich als Gegner empfand, aber im Land bleiben mußte - aus Schröders Mitteilungen kann er es erfahren. Borchardt bildet indes seine Einsamkeitskraft aus. Daß er, wie ihm von Besorgten mitgeteilt wird, in Deutschland allmählich vergessen werde, amüsiere ihn nur und kränke ihn gar nicht. Er verweist auf Horaz: gehörte immer zur Weltliteratur, ohne je populär gewesen zu sein. Und subtilisiert das Verkanntsein so: Ihn habe die Natur gegen das, was Menschen uns geben können, "so constitutionell unempfindlich geschaffen", sonst hätte er längst das, was andere glücklich macht, und müßte das, was ihn glücklich macht, entbehren.

Im September '33 erfährt er, daß er in Genf, wo er öffentlich lesen sollte, nicht auftreten dürfe, "Quertreibereien der deutschen Juden in der Schweiz" haben das vereitelt, sie haben ihn "als rabiaten Nationalisten angeschwärzt". Es ist, als reize jede Zumutung sein Entwurfspotential. Er will jetzt, 1933, sofort ein Buch in englischer Sprache schreiben, es soll heißen "Interregnum, being an Enquiry into the causes of german disorders past and present". Schröder bildet sich indes zum Spezialisten für Choräle aus. Trifft sich aber doch "mit allen möglichen ,Auch'-Dichtern bei Hans Grimm", der sich darüber freue, und Schröder hat das Gefühl, man dürfe in diesen Zeiten "niemandem, der einen mit guten Manieren um etwas bittet, nein sagen". Jeder zitiert schon mal den "alten Goethe": "Wonach soll man am Ende trachten: Die Welt zu kennen und nicht zu verachten."

Aber in was für einen Projektewirbel gerät Borchardt, wenn er dem Freund von einem Besuch berichtet: Herr und Frau Hambuecher kommen in die Villa Bernardini Saltocchio, legen für ein Gartenbuch 20 000 Lire auf den Tisch und versprechen "bei allen künftigen verlegerischen Vergebungen main forte zu leisten". Sofort entwirft er eine Zweimonatszeitschrift, später monatlich, "europäisch, hohes Niveau aber lebhaft, keine Professoren, keine alten Jungfern, viel Zusammenarbeit mit Amerika und England, Conservatives Programm, Kritik, Grundsätzlichkeit, und die höchste Poesie der Zeit, keine Literaten . . ." Und sofort auch ein Plan für neun Romane. "Jedes Buch ist in sechs bis sieben Wochen zu schreiben . . ." Daß alles, was die Freunde einander schreiben, jetzt der Zensur ausgeliefert ist und jederzeit kassiert werden kann, legt sich "wie ein Frost auf das keimende Mitteilungsbedürfnis", schreibt Borchardt, in einem nicht abgeschickten Brief. Man kann finden, die Freunde schrieben jetzt aneinander vorbei. Das ist sozusagen notwendig. Nicht nur wegen der Zensur, sondern weil ihre Situationen nicht mehr miteinander vereinbar sind. An Schröders reiner Treue zu Borchardt kann man keine Sekunde zweifeln, aber wieviel kann er von dem, was von ihm an Anpassung verlangt wird, dem Freund verständlich machen! Es kommt zu keiner Krise, aber es herrscht andauernd eine unterdrückte Krise. Während Schröder sozusagen kaum noch wagt, Verständnis für seine Situation zu erhoffen, geschweige denn zu erwarten, rumort es in Borchardt rein sprachlich (Sommer 1942): "Da ich mich meiner insistierenden Umgebung gegenüber nicht länger darauf hinausreden kann, daß ich Dir geschrieben habe, schreiben würde, zu schreiben anfinge, vorhätte, verschoben, aufgegeben, wieder in Betracht gezogen hätte, und ich Dir also schreiben muß, und hiermit schreibe, so schreibe ich Dir hiermit." Ein Brief, der nicht abgeschickt wurde. Ein Tagebuch also. Eine reine Sprachhandlung. Ein Stück Literatur-Roman.

Obwohl Borchardt längst ein Meister ist in der Ausstaffierung seiner Einsamkeit mit Sinn, muß er jetzt manchmal doch zugeben, daß er Schröder als einzigen Leser braucht. Wenn ihm der Freund schreibt, daß er das Borchardtsche "Staufervorspiel" "wunderschön, grossartig und ergreifend" finde, dann hadert Borchardt mit sich auf Borchardtische Weise: dadurch, daß Schröders Lob ihm einen glücklichen Tag gemacht hat, wurde ihm klar, "wie tief gebeugt mein Stolz schon ist". Roman, Roman. Er habe sich immer jedes ihm gespendete Lob "mit einer unwillkürlichen Gegenbewegung sofort aus dem Sinne geschlagen - aus Scham, aus schlechtem Gewissen, aus Demut, aus Hochmut" - er weiß es nicht.

Und sogleich wird es eine Abhandlung beziehungsweise ein Beitrag zur Gefühls- und Geistestransparenz der Einsamkeit schlechthin: Gegen das, was einem die Epoche antut, kann man sich nicht durch "Gegenschimpf ins Gleichgewicht setzen sondern nur durch solche Leistungen, durch die man sich über sich selber gewissermaßen erhebt". Wenn die Welt, was man ihr gibt, nicht gelten läßt, soll man nicht versuchen, es zur Geltung zu bringen, man soll es ihr schenken, tue sie damit, was sie will. Erst was man jetzt bringt, wenn Dank nicht mehr zu erwarten ist, erst das "opfert man in die Hände der Ewigkeit von der man Genugthuung erwartet". Und dankt dann Gott, daß er in Schröder noch einen Leser hat: instar omnium. Schröder möge ihm, bittet er, seine "grossmütige Empfänglichkeit" erhalten und sein "schönes, tiefes Herz", er schulde ihm als erstem und einzigem "was man angeblich ,seiner Zeit schuldet'".

VI.

Aus der Villa Bernardini Saltocchio schreibt Borchardt Anfang 1935 einen Brief an "Rupprecht Kronprinz von Bayern". Der Entwurf zu diesem Brief ist im Briefband der Jahre 1931 bis 1935 nachzulesen. Er beginnt so: "Allerdurchlauchtigster König! Allergnädigster König und Herr!

Eurer Majestät bitte ich allerunterthänigst, unter den unzähligen getreuen Bringern ihrer Wünsche zum Neuen Jahre auch mit den meinigen und denen meines Hauses zu bleibenden Gnaden befohlen zu sein."

Bevor jemand an dieser Sprache seinen demokratischen Abscheu mästet, noch eine Stelle aus einem Brief an Schröder (1910): "Wer sich in der Welt bewegt, hat sich nach so vielen Seiten hin menschlich mitzuteilen . . . daß ihm bedingte Verhältnisse das eigentliche Lebens Element werden: und die Scheu gegen das Unbedingte ist allem Gesellschaftlichen auf allen Gebieten gemein." Das Unbedingte ist sein "Lebens Element", das Absolute sein Metier. Deshalb ist der "Allerdurchlauchtigste" kein Widerspruch zu dem Borchardt, der nie ein Untertan war und am Ende feststellt, daß er nie gehorcht habe. Er übermittelt dem Kronprinzen seine Wünsche und die seines "Hauses". Wenn er wieder einmal mit der "Wohnlichmachung" eines "riesigen Palastes" beschäftigt ist, den er sich "nur zu einem ruinös hohen Satze" hat sichern können, und zwar "wider Gewissen und Budget", dann winkt ihm dort dafür "ein Einsamkeits- und Hoheitsglück ohne gleichen, der Adel der durch die Geschichte geweihten Räume . . ."

Daß aber Herr und Frau Zeitgeist sich nicht unnötig sorgen: die Geschichte, die die Räume geweiht hat, ist Literaturgeschichte. Vittorio Alfieri hat hier "lang und oft" gewohnt. Also ein ihm ganz Verwandter, eben ein fortschrittlicher Traditionalist. Ich will keinem ein Borchardt-Bild einreden, ich will nur mir selber die Spannweite dieses Geistes nicht allzusehr auf Konfektionsgröße einschränken. Das "allerunterthänigst" ist für mich kein Kniefall, sondern eine aus dem Ästhetischen stammende Verbeugung unmittelbar zur Geschichte. Haltung und Ästhetik gehen bei keinem, von dem ich gehört oder gelesen habe, so in einander über wie bei Borchardt. Von der Poesie ein vollkommenes Kontinuum ins Politische. Die Poesie, das höchste Politische. Unmittelbar zur Geschichte.

Und er ist Deutscher, Jude und Königsberger. 1913, an Schröder: "Mein Glaube an das Ewige des deutschen Geistes ist unerschütterlich." Unmittelbar zur Geschichte! Und da kann er, auch wenn er europäisch und menschheitlich tendiert, und das tut er sozusagen prinzipiell, Deutschland nicht auslassen. Noch im Oktober 1944, in einem nicht abgeschickten Brief, verhält er sich wieder einmal zur Geschichte, und dies als Deutscher. Er formuliert, was Deutschland und der Welt nach dem Krieg bevorsteht. "Die ganze Welt wird unter Wirtschaftsdruck entwaffnet und unter das Gold gebeugt, auch Rußland. Verteilt wird nur an Gehorsame . . . und dann gewähren die Herren der Erde ihren Colonien stufenweise die Scheinfreiheit von Dominions, deren Handel ultimativ doch durch Londoner Bücher geht." Das ist seine kapitalismuskritische Voraussicht auf die Nachkriegszeit.

Wie immer gibt es dazu (aus viel früherer Zeit) eine persönliche Praxis, die auch Haltung genannt werden darf: " . . . und konnte nicht als Maxime von andern acceptieren, daß man mehr Geld verdienen müsse, als man eben brauche." In der Einschätzung der Nachkriegszeit fährt er fort: "Wir selber sind verloren, scheiden für ein Jahrhundert aus der Geschichte aus . . . die Tschechei, Polen, Österreich werden auf unsere Kosten lebensfähig hergestellt . . . . das Evangelium vom Reichtum und Wolergehen aller Artigen soll Weltmaxime werden . . ." Er schreibt von Deutschland und sagt wir und unser. Herbst 1944. Man erinnere sich noch einmal an sein im edelsten Sinn donquixoteskes Projekt, die deutsche Sprache von den Schäden, die sie durch lutherischen und anderen Zentralismus erlitten haben könnte, zu heilen, die Reichtümer der mittelalterlich blühenden oberdeutschen Literatursprachen in einer "Rückgebärung . . . der eigenen Nationalantike" seinem "Dante deutsch" dienstbar zu machen, und sein innerstes Motiv: " . . . mich wollte ich belehren, die Wunden meiner Nationalbiographie lindern oder schließen".

Man frage sich nach all dem, ob wir über Jüdisch-Deutsches und Deutsch-Jüdisches wirklich genug wissen. Als ich am genau nacherzählten Herkunfts- und Berufsschicksal Victor Klemperers zeigen wollte, daß das deutsch-jüdische Zusammenleben nicht notwendig in Auschwitz enden mußte, haben mir die feuilletonistischen Wächter über den richtigen Sprachgebrauch "Verharmlosung von Auschwitz" vorgeworfen. Borchardt hat aus seiner zuletzt von deutschem Politwahn verfügten Einsamkeit und Not nicht den Schluß gezogen, nicht mehr dazuzugehören. Vom Kriegsfreiwilligen 1914 bis zum Alpenhotel 1944. Das, wozu Borchardt imstande war, kann nicht vorausgesetzt oder gar erwartet werden. Nicht mehr. Nie mehr. Diese Haltung, also diese Ästhetik, ist Vergangenheit. Daß ein deutscher Jude noch einmal so erfüllt sein könnte von seinem ist gleich unserem "Kultur Erbe", ist unvorstellbar geworden. Das haben wir durch unseren Wahn vernichtet. Den Wahn haben wir hinter uns. Aber das Vernichtete auch. Als Vernichtetes. Deshalb sollte der Heutige sich über Borchardts konservativen Radikalismus keine aktuellen, also keine bekenntnissüchtigen Sorgen machen, sondern historische.

Am Anfang und noch langhin hat Borchardt die "Differenz mit dem Leben" für seine Produktionsbedingung schlechthin halten können. Ein "volles Vertrauen in Glückliches und dies ganze Genughaben am Leben" bleibt "abseits von der Poesie stehen", bei ihm wenigstens. Poesie lebt von der Notwendigkeit, einen Mangel "auszugleichen", von kleinen "Unzulänglichkeiten . . . bis zu den ewig menschlichen Entgängnissen". Also aus Not bildet sich jene Notwendigkeit zu schreiben. Und dem Geschriebenen anzusehen, daß es geschrieben werden mußte, das war immer sein Anspruch an alles Geschriebene. Dazu gehört unwillkürlich, daß das Schreiben mehr ein Entgegennehmen ist als ein Tun. So drückt er diesen Anspruch selber aus in einem nicht abgeschickten Brief (1930): "Was ich am meisten in Gedichten liebe, das unerwartete Wahnsinnigwerden des Sprechens in einem sich Losreissen von Bezeichnung und Ausdruck." Das gehört hierher, daß wir nicht meinen, er habe durch Geistes- und Sprachkraft und unerschütterbares Geschichtsvertrauen andauernd den von der Zeitgeschichte gelieferten barbarischen Unsinn gewissermaßen automatisch in für ihn erträglichen Sinn verwandeln können.

Zuerst war er ein Sprachmensch. Alle seine Sprachgebärden und Sprachtaten gehorchen der Notwendigkeit, einen Mangel, eine Entgängnis auszugleichen. Prinzipiell läßt er keinen Satz zu, bei dem das Können das Müssen diktiert. Alles Können muß aus einem Müssen kommen und das vorweisen. Da er so viel kann, ist ermeßbar, wieviel er mußte oder wieviel ihm zugemutet wurde. Ohne die ganz selbstverständlich dienende Mitwirkung Schröders ist der historische Verlauf dieses Borchardt-Daseins nicht denkbar. Aber auch Schröder hätte sich nicht so ins Welthaltige entwickeln können, wenn er nicht den anspruchsreichen Freund gehabt hätte, der ihn belebte, dem er schreiben konnte "Was treibst Du, was schreibst Du, wo bleibst Du?" Zu diesem geschichtsträchtigen Lebenskunstwerk bedurfte es beider gleichermaßen.

Ich habe beide unmäßig zitiert, Borchardt noch unmäßiger als Schröder. Aber ich glaube, daß das, was Borchardt jeweils unter der von vielfacher Not gespeisten Notwendigkeit zum Ausdruck bringt, sein Eigentliches einbüßt, wenn man es auf den nacherzählbaren Inhalt reduziert. "Epiphanie der Sprache" hat Adorno bildungsfromm genannt, was ich Auffälligkeit der Sprache nenne. Die war als das eigentlich Mitgeteilte bekannt zu machen. Da das ohne Schröder nicht herausgekommen wäre, soll Borchardt ihn noch einmal vor uns allen nennen als das, was er für ihn war: Tausend Gesellen erbat ich vom Ewigen eh mir

Gott in Einem

Vergalt mit vollen Tausend die er mir weigerte

Liebreich Herz, Du Geber, ich danke dir, Rudolf

Alexander

Verteidiger, Bestätiger, Besänftiger.

Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder: "Briefwechsel 1901 bis 1944". Hrsg. von Gerhard Schuster und Hans Zimmermann. Edition Tenschert im Carl Hanser Verlag, München und Wien 2001. Zwei Bände, zus. 1450 S., geb., jeweils 64,- <Euro>.

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