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Couchsurfing in China

Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht. Auflage 1. Mit 32 Seiten Farbbildteil und einer Karte.
Buch (kartoniert)
Couchsurfer Stephan Orth bereist China Inbegriff eines undurchschaubaren Landes. Doch gerade in Zeiten, in denen sich der Osten und der Westen immer fremder werden, lohnt es sich, einen Blick auf die neue Supermacht zu werfen.
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Produktdetails

Titel: Couchsurfing in China
Autor/en: Stephan Orth

ISBN: 3890294901
EAN: 9783890294902
Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht.
Auflage 1.
Mit 32 Seiten Farbbildteil und einer Karte.
Malik Verlag

1. März 2019 - kartoniert - 256 Seiten

Beschreibung

Wie ticken die Menschen in China? Drei Monate lang erkundet Couchsurfer Stephan Orth das Reich der Mitte: vom Spielerparadies Macau im Süden bis nach Dandong an der Grenze zu Nordkorea, von Shanghai bis in die Krisenprovinz Xinjiang. Er besucht Hightech-Metropolen, die mit totaler Überwachung experimentieren, und abgeschiedene Dörfer, in denen fürs Willkommensessen der Hund geschlachtet wird. Er wird als Gast einer Live-Fernsehshow zensiert und tritt fast einer verbotenen Sekte bei. Dabei wird immer deutlicher, wie sich das Leben hinter den Kulissen der neuen Supermacht gestaltet, welche Träume und Ängste die Menschen bewegen: Und plötzlich wirkt das schwer durchschaubare China viel weniger fremd, als man vermutet hätte.

Trailer

Portrait

Stephan Orth, Jahrgang 1979, studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Von 2008 bis 2016 arbeitete er als Redakteur im Reiseressort von SPIEGEL ONLINE, bevor er sich als Autor selbstständig machte. Für seine Reportagen wurde Orth mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet. Er ist Autor des Nr.1-Bestsellers »Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt«. Bei Malik erschienen seine Bücher »Opas Eisberg« sowie die SPIEGEL-Bestseller »Couchsurfing im Iran« und »Couchsurfing in Russland«, für das er mit dem ITB-BuchAward ausgezeichnet wurde.

Leseprobe

ANKUNFT IN DER ZUKUNFTIn einem fliegenden Auto rase ich durch ein Wolkenkratzer-Labyrinth aus Glas und Stahlbeton. Der Himmel ist schwarz, und die Fenster leuchten kalt, anstelle von Straßen zeigen Linien aus Neonlicht die Route an. Ich höre eine Hupe, was für ein seltsam altmodisches Geräusch, und reagiere mit einem blitzschnellen Ausweichmanöver nach oben. Gerade noch rechtzeitig, denn nur um Zentimeter entgehe ich der Kollision mit einem entgegenkommenden Fluggerät, das aussieht wie ein Zugwaggon. Auf LED-Verkehrsschildern stehen ein paar Daten : 21. Oktober 2052, 21.45 Uhr, 23 Grad Celsius, Regen.Plötzlich überholt mich ein schwarzer Cabrio-Sportwagenflieger, der am Heck mit einem riesigen Totenschädel verziert ist. Der Fahrer hat einen menschlichen Kopf mit Augenklappe, aber den Körper eines Roboters. Er bremst direkt vor mir und schießt aus dem Arm einen Lichtstrahl ab, der meine Beifahrerin einhüllt und in sein Auto zieht. Sie hat rosafarbene Augen und Haare und ebenfalls die metallenen Glieder eines Roboterkörpers.Er gibt Gas, ich folge ihm durch Häuserschluchten und über einen schwarzen See, in dem sich die cyanfarbenen Lichter der Zukunftsstadt spiegeln. Ein paar Polizei-Jets kommen mir zu Hilfe, schwirren rechts und links um mich herum und rammen dann das Fluggerät des Fieslings. Er stürzt ab, die Dame fällt heraus, mit einem blitzschnellen Flugmanöver und einem beherzten Handgriff kann ich sie retten. » Winner is human «, steht auf dem Bildschirm.Ich nehme die Virtual-Reality-Brille ab, löse den Anschnallgurt und stehe auf. Auf dem Weg zum Ausgang muss ich durch einen Shop, der Plastikschwerter und Horoskoptassen anbietet, Drohnen und Roboter, selbst elektrische Marienkäfer sind dabei und ein » first robot for baby «. Ich kaufe nichts.Zurück an die frische Luft. » Chinas erster Big-Data-Demonstrations-Park « steht auf einem Poster an der Wand des dunkelgrauen Gebäudes, » Oriental Science Fiction Valley « auf einem anderen. Beide Bezeichnungen für die 134 Hektar große Anlage in Guiyang sind ein bisschen irreführend. Denn was hier » orientalisch « sein soll, erschließt sich nicht, und » Big Data « bezieht sich nicht auf die massenhafte Verarbeitung statistischer Daten, sondern auf die riesigen Rechnerkapazitäten, die zur Erschaffung der digitalen 3-D-Welten nötig waren. Kann trotzdem nicht schaden, wenn ein wichtiges Schlagwort der Zukunft in den Köpfen der Besucher mit einem positiven Erlebnis verbunden wird.Fröhliche junge Familien spazieren über das Areal, die Kinder rennen voraus zu weiteren dunkelgrauen Gebäuden, in denen sich Attraktionen wie » Alien Battlefield «, » Sky Crisis « und » Interstellar Lost « verbergen.Der neu eröffnete Park sei völlig überlaufen, man müsse oft stundenlang anstehen, hieß es in Online-Bewertungen. Heute spüre ich davon nichts, aber vielleicht ist es noch zu früh am Tag. Die Mitarbeiter tragen hellblaue Uniformen mit silbernen Streifen, eine Mischung aus Star-Trek-Outfit und Trainingsanzug. Auf dem Revers ist der Kopf eines Roboters abgebildet, umgeben von acht Strahlen, wie die Darstellung eines Heiligen. Wenn sie auf Besucher treffen, heben die jungen Männer und Frauen die rechte Hand zum Spock-Gruß.In der Mitte des Parks ragt eine 53 Meter hohe Skulptur in die Höhe, die an eine übergroße » Transformers «-Actionfigur erinnert. Riesige Füße, auffallend kleiner Kopf. Das Gesicht ist das gleiche wie auf den Uniformen, die Körpersprache lässt an einen Anführer denken, der eine Armee vorwärtstreibt. Eine Armee aus Dutzenden kleineren Statuen von Cyborgwesen, die am Rand des sauber geteerten Rundwegs stehen. Stumme Beobachter mit Waffen in der Hand, die aber zugleich nicht ganz unfreundlich wirken. Ich bin hergekommen, um zu erfahren, wie sich China die Zukunft vorstellt, und ich finde mächtige Maschinengötter und auf Homogenität getrimmte Menschen.Ein Clown knotet aus Luftballonschlangen niedliche Tiere für Kinder. Er passt nicht so recht in die Science-Fiction-Landschaft, aber vielleicht haben die Parkmanager ihn engagiert, weil sie gemerkt haben, dass all die grauen Gebäude und Roboter doch ein bisschen trostlos wirken. Gäbe es einen Preis für den deprimierendsten Vergnügungspark der Welt, hätte dieser gute Chancen.Leichte Unterhaltung verspricht immerhin das Fahrgeschäft » Fly over Guizhou «, eine virtuelle 3-D-Reise zu den Top-Ten-Orten der Guizhou-Provinz : Huangguoshu-Wasserfall, Drachenpalasthöhle, Hongfeng-See. Ein paar Dutzend Metallgeländerserpentinen führen zu einem Zugwaggon mit acht Sitzplätzen.Ich bin der einzige Passagier. Alleinsein in China, das ist mal ein exklusives Erlebnis. Das Gefährt rumpelt los, doch irgendwas stimmt nicht. In meiner Digitalbrille ist nur eine Art Innenhof zu sehen, die Mauern um mich herum sind hellgrau und dunkelgrau wie die der Gebäude draußen, aber nach allen Seiten hin abgeschlossen, ohne Ausweg. Eine Frauenstimme wiederholt immer wieder den gleichen Satz auf Chinesisch, ich verstehe kein Wort. Ich kann mich umsehen, einmal um 360 Grad, aber sonst kann ich nichts machen, nichts selbst entscheiden, keine Initiative ergreifen.Ich nehme die Datenbrille ab. Die Gleise verlaufen in einer langen Kurve auf Pfeilern durch eine dunkle leere Halle, an der Wand hängen die Rohre eines Belüftungssystems. Links und rechts geht es zwei Meter nach unten, zehn Meter vor mir scheint eine Art Tür zu sein. Der Waggon bewegt sich nicht.Datenbrille auf, zurück in den digitalen Raum. Nichts hat sich dort geändert. Die Wände bleiben verschlossen, die Stimme sagt ihren Satz. Eben hieß es noch » Winner is human «. Jetzt bin ich in einem digitalen Niemandsland, gefangen in einem Fehler der virtuellen Realität.HAMBURGEinwohner : 1,7 MillionenDER CHINESISCHE TRAUMDrei Monate vorherJede Reise beginnt mit einer Idee. In diesem Fall mit Yangs Idee, mein Gesicht auf eine Wurstpackung zu drucken. » Du wirkst vertrauenswürdig. Mit deinem Foto würde sich eine chinesische Wurst gleich doppelt so gut verkaufen «, sagt sie.Ich stelle mir ein solches Produkt im Supermarktregal vor. So ganz entspricht das nicht meinen beruflichen Ambitionen, zum Glück hat sie noch ein paar andere Vorschläge.» Du könntest Filmstar werden. Für Nebenrollen brauchen die immer Ausländer. Oder in eine Datingshow gehen. Jede Frau wird dich wollen. Du könntest als falscher CEO jobben. Zieh einen Anzug an und gib dich auf Messen als deutscher Manager aus. Chinesische Firmen bezahlen dich dafür, weil sie ein internationales Image wollen. «Yang kauert auf einem Klappstuhl in meiner Altbau-Küche in Hamburg-Eimsbüttel, trinkt grünen Tee und schildert mir ihre Heimat als ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zumindest für Langnasen wie mich. » Englisch- oder Deutschlehrer. Das klappt immer. Die nehmen jeden und zahlen dir dreimal so viel wie den Einheimischen. Du könntest auch Werbung für Hautweißercreme machen. Oder als Prospektverteiler arbeiten in einem Kostüm, für das man groß sein muss. Als Drache oder Bär. «Meine chinesische Besucherin redet schnell und fast ohne Atempause, als wäre jede Zehntelsekunde Stille Zeitverschwendung. Nur manchmal verrät ein winziges Zucken um die Mundwinkel, dass sich eine gute Prise Humor in ihrem Wort-Stakkato verbirgt.» Du könntest Wahrsager werden, mit Millionen Online-Followern. Lass dir einen Bart wachsen, und man nimmt dir das ab. Oder Miet-Boyfriend fürs Neujahrsfest. Um Eltern zu beruhigen, die wollen, dass die Tochter endlich heiratet. Du wirkst gesund, du könntest eine Niere verkaufen, in Südchina gibt es dafür einen riesigen Markt. Aber pass auf, dass sie dir nicht einfach so geklaut wird, dann hast du nichts davon. Was immer geht für Deutsche : eine Bar eröffnen, eine Bäckerei oder eine Metzgerei. Es ist so unfair. Mich fragen sie in Europa nur, ob ich massieren kann. Aber wenn du nach China gehst, kannst du alles werden, was du dir erträumst. Bald bist du reich und berühmt. «Yang hat mich bei couchsurfing.com gefunden und nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt, jetzt wohnt sie für ein Wochenende auf meiner Couch. Während ich ihrem Monolog zuhöre, fällt in meinem Kopf die Entscheidung über mein nächstes Reiseziel. Yang selbst war schon einige Monate nicht mehr dort. Für ihr Masterstudium in Biologie ist sie aus Südchina nach Berlin gezogen.» Seit ich in Deutschland bin, habe ich das Gefühl, jeden Tag ein bisschen weiter abgehängt zu werden «, sagt sie. » Ich werde faul. «» Wie meinst du das ? «» In China geht alles schneller voran. Die Leute haben Ziele und beginnen jeden neuen Tag mit großem Elan. In Deutschland wacht man auf und überlegt als Erstes : Wann ist endlich Wochenende ? «Es ist Samstagnachmittag, und sie plaudert stundenlang mit mir. Hat das träge Europa schon so stark abgefärbt, dass sie zu derartigem Müßiggang fähig ist ? Gleichzeitig wirkt sie alles andere als träge, verrät alles an ihr eine gewisse Eile. Ihr zackiger Gang, ihre bunten Joggingschuhe, selbst der Polohemd-Kragen, der sich an einer Seite über, an der anderen Seite unter dem Halsbund ihres blauen Pullis befindet.» Vielleicht wollen Chinesen einfach jeden Tag so leben, als wäre es ihr letzter «, sagt Yang. » Hart arbeiten, weil es morgen schon vorbei sein kann. «» Wenn ich heute wüsste, morgen ist mein letzter Tag, würde ich 1000 Dinge tun, aber ganz bestimmt nicht schuften. «» In China nennen wir so eine Einstellung : Die Jugend verschwenden, die produktiven Jahre des Lebens verprassen. Wenn du produktiv bist, trägst du etwas zum Allgemeinwohl bei, verdienst Geld oder tust wenigstens etwas für dich. Du sitzt nicht herum und verschwendest Sauerstoff. «» Ich finde Sauerstoff verschwenden manchmal ganz okay. «» Du lazy laowai ! «, sagt sie und lacht. Laowai heißt » alter Fremder «, eine andere mögliche Übersetzung lautet aber auch : » Für immer ein Fremder «. Ein klarer Hinweis darauf, dass ihr Land es dem Besucher nicht ganz leicht macht.Dreimal bin ich schon in China gewesen. 2008, 2014 und 2017. Jedes Mal kam mir das Land wie ein anderes vor, so schnell verändert es sich. Neue Hochhausviertel, neue Erfolgsfirmen, neue Technologien, neue Benimmregeln. Mehr Bahngleise, mehr Flughäfen, mehr Hightech, mehr Verbote, mehr Menschen, und in meinem Kopf mit jedem Mal mehr Wissen, aber auch mehr Fragen. Wenn ich diesen Wandel schon so intensiv erlebe, wie muss er sich erst für Chinesen anfühlen ? Wie wirken sich Veränderungen im Eiltempo auf die Menschen und ihren Alltag aus ? Und was kommt auf uns zu, wenn China in Zukunft das Weltgeschehen immer mehr prägt ?Nicht nur wegen der von Yang geschilderten Verheißungen will ich nun noch einmal hin. Ich möchte versuchen zu begreifen, wie Chinesen die Welt sehen. Ich will mit ihnen über Träume und Ängste sprechen, das Leben und die Liebe und darüber, wohin dieses Riesenland steuert.» China muss die Welt besser verstehen, und die Welt muss China besser verstehen «, sagte Präsident Xi Jinping kürzlich. Das stimmt, kaum ein anderes Land mit einem vergleichbaren weltpolitischen Einfluss ist uns Europäern trotz Tourismus und Globalisierung so fremd geblieben.Und gerade jetzt ist eine Reise ins Reich der Mitte besonders interessant, weil sich eine epochale Veränderung vollzieht : Nach Jahren eines unfassbaren Wirtschaftsbooms, in dem clevere Nachahmung eine zentrale Rolle spielte, entsteht zurzeit etwas Eigenes, Neues. Präsident Xi will unter dem Motto » Made in China 2025 « die digitale Zukunft gestalten, setzt auf künstliche Intelligenz, Hightech und eine Art Überwachungsstaat, wie es ihn vorher noch nicht gegeben hat. Zugleich kauft China sich weltweit in Unternehmen ein, entwickelt mit der » One Belt, One Road «-Initiative neue Handelsrouten, macht ganze Staaten mit Krediten von sich abhängig. Weltweit verlieren westliche Handelspartner an Boden, seit China sich einen Großauftrag nach dem anderen sichert. Weil das Land außenpolitisch relativ leise auftritt, fällt kaum auf, wie groß der wirtschaftliche Einfluss bereits ist. Während sich der nördliche Nachbar Russland geopolitisch als Scheinriese aufführt, verhält China sich wie ein Scheinzwerg. » Verstecke deine Stärke und sei geduldig «, die Losung des früheren Parteiführers Deng Xiaoping, erwies sich als geniale Strategie. Während sich der Gegenspieler USA mit der Parole » America first « gerade aus der außenpolitischen Verantwortung zieht und Bündnisse aller Art aufkündigt, steht China bereit, die Weltwirtschaft nach eigenen Regeln neu zu gestalten. Gewissheiten, die jahrzehntelang gültig schienen, geraten ins Wanken : Durch den ökonomischen Erfolg dieser neuen Weltmacht ist ein ernst zu nehmendes ideologisches Gegenmodell zur Demokratie entstanden, gegen dessen irrwitzige Dynamik das komplexe Gebilde Europa zurzeit träge, zerstritten und ratlos daherkommt.Yang hat also recht, und Xi Jinping auch. In China geht alles schneller voran, und wir müssen mehr übereinander wissen. Als das Wochenende vorbei ist und Yang meine Couch wieder verlassen hat, lade ich mir einen Visumsantrag herunter.KEIN BUCH ÜBER CHINAWer individuell durch China reisen will, muss ein bisschen tricksen. Denn China will nicht, dass Ausländer jenseits der speziell für sie gedachten Hotels unterwegs sind. China will nicht, dass sie privat übernachten, ohne sich bei der lokalen Polizei zu registrieren. China will nicht, dass sie Rückständigkeit oder Armut erleben, wenn das öffentliche Bild stets den Fortschritt betont. China will Claqueure statt Fragensteller, Propaganda statt Realismus, Honig ums Maul statt Haar in der Suppe.Und China will Touristen, die die Sehenswürdigkeiten abklappern. Doch wer nur reist, um die Top-Attraktionen abzuhaken, ist für mich wie jemand, der Bill Gates, Banksy und Angela Merkel auf einer Pyjama-Party kennenlernt und nachher nur berichtet, wie hübsch der Kronleuchter in der Diele war. Chinas großartige Sehenswürdigkeiten sollen für mich bei dieser Reise nur am Rande eine Rolle spielen. Ich will hinter die Kulissen der neuen Supermacht schauen. Ich will in die Wohnzimmer.An einem trüben Februarmorgen fahre ich mit dem Rad zur Elbchaussee, einer Prachtstraße mit Villen von Reedereibossen, klassizistischen Landhäusern und Sternerestaurants. Hier residiert auch der chinesische Konsul, und er hat mich zu einem persönlichen Gespräch gebeten. Ist das nun eine Ehre oder eher eine Drohung ?Konsul, das klingt nach einem Raum mit holzvertäfelten Wänden, schweren Ledersesseln und altem Whisky. Doch weit gefehlt. Der öffentliche Bereich des chinesischen Generalkonsulats ist im Vergleich zu den Nachbarhäusern pures Understatement, eher Dorfpostamt als Vorzeigepalast. Plastikstühle, ein Ständer mit chinesischen Zeitungen, Wartende mit Formularstapeln in Klarsichtfolie, es riecht nach Kopiergerät, Jasmintee und Fußbodenreiniger.Der Wachmann führt mich zu einem Schalter im nächsten Raum. Eine Angestellte, die hinter einer Wand aus Sicherheitsglas sitzt, fordert mich durch eine zu tief platzierte Sprechöffnung auf, meine Hände auf einen Quader mit einer durchsichtigen Kunststoffplatte zu legen. Vier Finger rechte Hand, vier Finger linke Hand, dann beide Daumen. Grünes Licht signalisiert, dass die Abdrücke registriert worden sind.Dann begrüßt mich ein Mitarbeiter, ein ernst blickender Mann in gestreiftem Hemd und mit runden Brillengläsern. An einem winzigen Ecktisch nehmen wir Platz, nachdem er zwei Chinesinnen verscheucht hat, die nun im Stehen warten müssen, dafür aber alles mithören können.Schweigend überfliegt er den Ausdruck meines Visumsantrags. Ohne Zeit mit Small Talk zu verschwenden, beginnt er mit der Prüfung.» Die Einladende, Frau Wang aus Shanghai, ist Ihre Freundin ? «» Ja, eine Freundin. «» Normale Freundin oder ? « Ein vielsagender Blick von Mann zu Mann.» Normale Freundin «, antworte ich.» Sie schreiben Reisebücher, über Russland und Iran. Sie sind richtig berühmt «, sagt er. Gut informiert, der Mann, dass ich Autor bin, stand nicht in meinem Antrag.» Ach nein, nicht sehr berühmt «, antworte ich.» Wollen Sie auch ein Buch über China schreiben ? «» Nein «, antworte ich.Würde ich etwas anderes sagen, könnte er verlangen, dass ich ein Journalistenvisum beantrage. Dafür ist eine Extra-Behörde zuständig, die nicht den Ruf hat, besonders entgegenkommend zu sein. Ich müsste für die gesamten drei Reisemonate jedes geplante Thema und jeden Gesprächspartner im Voraus angeben. Das kann ich nicht, weil ich noch gar nicht weiß, wen ich treffen werde.» Wollen Sie viel durch das Land reisen ? «» Nur in zwei Städte, nach Shanghai und Chengdu «, behaupte ich.Ich will einmal quer durchs Land, durch elf oder zwölf Provinzen, von der Hightech-Metropole Shenzhen bis zur Hauptstadt Peking, von der Liaoning-Provinz an der Grenze zu Nordkorea bis in die Yunnan-Provinz an der Grenze zu Myanmar.» Nach Chengdu ? Zusammen mit Frau Wang ? «» Nein, allein. Ich möchte dort viel Hotpot essen. «» Können Sie scharf essen ? «» Ja. Aber so scharf wie in Sichuan nicht jeden Tag. «Keine Andeutung eines Lächelns. Das Thema Essen zieht normalerweise immer bei Chinesen, nur dieser Mann ist offenbar immun.Die beiden vorhin verjagten Chinesinnen stehen nun an einem der Schalter und reden aufgeregt auf die Glaswand ein, anscheinend stimmt etwas mit ihren Visumspapieren nicht. Konsulate sind die Zugbrücken der Neuzeit. Hier werden Festungen verteidigt, Menschen in » erwünscht « und » nicht erwünscht « eingeteilt. Im Spezialfall China ist ein Konsulat zudem ein Ort maximaler Individualität. Weil hier, und nur hier, suggeriert wird, in einem 1,4-Milliarden-Staat könne einer mehr oder weniger tatsächlich einen Unterschied machen.Weiter mit der Befragung.» Sie waren 2014 auch in China wo genau ? «» Shanghai, Peking, Xi an, Xinjiang-Provinz einmal mit dem Zug quer durchs Land, von Ost nach West. «» Wo waren Sie in Xinjiang ? «» In der Hauptstadt Ürümqi. «» Aha. Auch in Kashgar ? «» Ja, auch in Kashgar. «» Planen Sie diesmal wieder eine Reise nach Xinjiang ? «Xinjiang ist die Krisen-Provinz im Nordwesten, in der die Regierung Umerziehungslager für Muslime unterhält und ein Überwachungssystem errichtet hat, das weltweit seinesgleichen sucht. Hier zeigt sich China von seiner grausamsten Seite.Selbstverständlich will ich nach Xinjiang.» Nein «, sage ich. » Nur Shanghai und Chengdu. Ich will auf dieser Reise vor allem meine Sprachkenntnisse verbessern. «» Die Visumsstelle meldet sich bei Ihnen. «Den Konsul habe ich an diesem Tag nicht kennengelernt.Mein Wunsch, China besser verstehen zu wollen, widerspricht eigentlich nicht dem » Xi-Jinping-Denken über den Sozialismus mit chinesischen Kennzeichen für eine neue Ära «, wie die gesammelte Weisheit des Staatschefs offiziell in der Verfassung des Landes heißt. Und trotzdem musste ich im Konsulat dieses Theaterstück aufführen.Die angehende Weltmacht Nummer eins macht sich Sorgen wegen eines einzelnen Reisenden, der keinen Zugang zu Geheimdokumenten sucht, keine Revolution anzetteln will, keinen Giftmord plant, sondern nur ein bisschen durchs Land fahren und davon berichten möchte.Falls es klappt mit dem Visum, rechne ich damit, dass es eine Abschiedsreise wird, denn nach der Veröffentlichung des Buches werde ich wohl keines mehr bekommen. Weil ich mehr verstehen möchte, als dieses Land preisgeben will. Wie unterschiedlich man das Wort » verstehen « doch interpretieren kann.Ich logge mich beim Reiseportal couchsurfing.com ein, um nach Gastgebern zu suchen. Weltweit bieten hier Millionen Mitglieder kostenlose Unterkünfte an, mehr als 100 000 sind in China registriert. Yang ist erstaunt über die hohe Zahl.» Die meisten Chinesen sind misstrauisch «, sagt sie, als wir uns noch einmal treffen. » Sie vertrauen ihren Freunden, aber nicht jemandem, den sie gerade erst getroffen haben. Ich fürchte, diese Reise wird eine traumatische Erfahrung für dich. «» Letztes Mal hast du noch gesagt, ich könnte dort alles erreichen. «» Das eine schließt das andere ja nicht aus. Aber um Erfolg zu haben, solltest du erst mal gaofushuai werden. «» Was ? «» Gao fu shuai. Groß, reich, gut aussehend. Eine chinesische Bezeichnung für den perfekten Mann. «Yang mustert erst die kleine Küche meiner Zweier-WG, dann mustert sie mich von oben bis unten.» Groß bist du ja schon «, sagt sie dann.Nun, vielleicht lassen sich die fehlenden Eigenschaften noch korrigieren. Fürs fu beschließe ich, meine Reise im Casino-Paradies Macau zu beginnen. Fürs shuai lade ich zwei chinesische Apps herunter, die Selbstoptimierung versprechen und Pitu und MyIdol heißen. Außerdem reserviere ich mir einen Platz in einem Chinesisch-Intensivkurs, hole meine Atemschutzmaske aus dem Schrank, kaufe 15 Packungen Lübecker Marzipan für meine Gastgeber und ein VPN-Programm für mein Handy, das mir ermöglicht, von überall auf blockierte Webseiten zuzugreifen.Und irgendwann im März kommt der erlösende Anruf aus dem chinesischen Generalkonsulat an der piekfeinen Elbchaussee : Mein Reisepass mit dem Visum liegt zur Abholung bereit.

Pressestimmen

"Eine spannende Reise", Zeit Online, 16.07.2019

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 26.05.2019

Für die Tasche Man kann ja heute regelrecht wehmütig werden, wenn man das Wort "Couchsurfing" hört. Ist diese romantische Idee, auf Reisen bei anderen Menschen zu wohnen, nicht längst von Giganten wie Airbnb gnadenlos kommerzialisiert worden? Offenbar nicht ganz, und vor allem: nicht überall. Der Reise-Autor Stephan Orth hat sich einen Namen dafür gemacht, das alternative Reisen an den Orten zu studieren, die dem westlichen Beobachter sonst als unheimlich bis problematisch erscheinen. Seine letzten Bücher drehten sich um Iran und Russland. Nun erscheint "Couchsurfing in China" - und wer ein Sachbuch oder einen Reiseführer erwartet, wird auf Seite eins enttäuscht. Da geht es erst einmal um ein paar Szenen aus einem Videospiel. Und direkt danach sitzen wir mit Orth in der WG-Küche, und ein Freund sagt: "Jede Frau würde dich wollen!" Es ist Yang, und seine fixe Idee ist: Orth soll sein Gesicht für Werbung auf Wurstpackungen in China zur Verfügung stellen. Wir befinden uns hier also mitten in einem sehr subjektiven Bericht, einer Art Blog auf Papier. Und dass es dabei auch um große Fragen geht, wird erst nach und nach klar. Etwa: Wie reist man überhaupt individuell durch China? Das Land will das möglichst verhindern. Entsprechend kafkaesk wird ein Besuch im Konsulat, doch dann geht es schon los.

Der Bericht ist eine Rundreise, von Südchina erst ins Landesinnere, dann zur Grenze zu Nordkorea, in die Hauptstadt, nach Schanghai und schließlich in den Westen. Immer von einer Empfehlung zur nächsten. So lernt der Reisende Bo kennen oder Nora oder Yun, von dessen Restaurant aus man nach Nordkorea blicken kann. Immer chattet man erst, sieht sich dann, freundet sich dann an. Das alles strahlt zunächst eine herrliche Leichtigkeit aus. Und dann sagt die Künstlerin aus Peking, die Polizei habe ihr Atelier zertrümmert. Und die Frau vom Fernsehen will, dass man das Wort Couchsurfing nicht erwähnt. Wegen der Regierung. Und dann gibt es diese drahtige ältere Yogalehrerin, die Wutausbrüche bekommt, wenn man ihr Land kritisiert.

Das alles wirkt sehr verwirrend und ist auf gar keinen Fall eine Empfehlung, das größte Land der Welt auch nur zu betreten. Aber es ist aufregend. Bis ganz zum Schluss, als zwei Männer mit Maschinengewehren den Autor zwingen, sein eben geschossenes Foto der Moschee von Urumtschi wieder zu löschen. Im autonomen uigurischen Gebiet hört diese Reise auf. Kleine Elemente zwischen den Kapiteln machen das Buch äußert kurzweilig, etwa das Ranking der zehn Millionenstädte, die keiner kennt, oder die kuriosesten Details der Zensur. Bilder von Pu dem Bären sind verboten, seit im Internet Witze kursierten, der Generalsekretär der KP Chinas, Xi Jinping, sehe so aus wie die Kinderbuchfigur.

tlin

Stephan Orth: "Couchsurfing in China. Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht". Piper, 256 Seiten

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