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Die kasernierte Nation

Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland.
Buch (gebunden)
Nach zwei Jahrhunderten steht in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht zur Debatte. Ute Frevert zeigt in ihrem grundlegenden Werk, wie nachhaltig der Militärdienst die Entwicklung der modernen Zivilgesellschaft beeinflußt und geprägt hat. Ihre point … weiterlesen
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Die kasernierte Nation als Buch

Produktdetails

Titel: Die kasernierte Nation
Autor/en: Ute Frevert

ISBN: 3406479790
EAN: 9783406479793
Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland.
Beck C. H.

2. Oktober 2001 - gebunden - 458 Seiten

Beschreibung

Nach zwei Jahrhunderten steht in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht zur Debatte. Ute Frevert zeigt in ihrem grundlegenden Werk, wie nachhaltig der Militärdienst die Entwicklung der modernen Zivilgesellschaft beeinflußt und geprägt hat. Ihre pointierte Darstellung ist eine unentbehrliche Grundlage für das historisch-politische Verständnis der Wehrpflicht in Deutschland. Seit Jahren streiten Politiker, Offiziere und Publizisten über Vor- und Nachteile der allgemeinen Wehrpflicht. Für die Abschaffung der Wehrpflichtarmee sprechen vor allem militär- und sicherheitspolitische Gründe. Zudem löst eine Berufsarmee das Problem mangelnder Wehrgerechtigkeit, umschifft die politisch brisante Frage einer Wehrpflicht für Frauen und beendet den rechtspolitischen Streit, ob die Wehrpflicht ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Grundrechte sei oder nicht. Diesen Argumenten stehen andere zugunsten einer Wehrpflichtarmee gegenüber, die vor allem gesellschaftspolitischen Überlegungen einen hohen Stellenwert zuweisen. In dieser Sichtweise wird die Wehrpflicht zu einem Fundament des bundesdeutschen Verfassungs- und Staatsverständnisses, der " Staatsbürger in Uniform" zu einer Säule der Demokratie. Ute Frevert schildert in ihrem Buch die Geschichte der allgemeinen Wehrpflicht von ihrer " Erfindung" in Preußen im frühen 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Dabei wird die große historische Bedeutung dieser Institution sichtbar, die - nicht nur politisch und sozial, sondern auch kulturell bis hin zur Ausgestaltung der Geschlechterordnung - in der deutschen Geschichte eine kaum zu unterschätzende Rolle gespielt hat.

Portrait

Ute Frevert ist Professorin f r Allgemeine Geschichte an der Universit Bielefeld. Bei C.H.Beck ist von ihr erschienen: Ehrenm er. Das Duell in der b rgerlichen Gesellschaft (1991); Mann und Weib und Weib und Mann. Geschlechter-Differenzen in der Moderne (1995).

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 07.11.2001

Macht Unmacht Ohnmacht?
In riskant eingeschränkter Perspektive: Ute Freverts Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland

Ute Frevert: Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland. Verlag C. H. Beck, München 2001. 458 Seiten, 68,- Mark.

Seit geraumer Zeit wird in der Bundesrepublik Deutschland über Vorzüge und Nachteile einer Wehrpflicht- oder Berufsarmee debattiert. Vor diesem Hintergrund greift man mit besonderem Interesse nach einem Buch, das sich mit der deutschen Entwicklung des Untersuchungsgegenstandes während des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Wehrpflicht "in den deutschen Staaten des ,langen' 19. Jahrhunderts, ihre Entwicklung als soziale Institution, als Erfahrungsraum für Millionen junger Männer und als politische Ikone".

Die Tatsache also, daß Heere als Berufs- oder als Wehrpflichtarmee eines der entscheidenden Merkmale des modernen Nationalstaates darstellen, daß sie kausal mit der ursprünglichen Aufgabe des souveränen Staates überhaupt zu tun haben, nämlich die Sicherheit der Untertanen (sodann der Bürger) vor allem nach außen zu garantieren, scheint die Autorin nicht zu interessieren. In dieser riskant eingeschränkten Perspektive werden Existenz und Geschichte der Wehrpflicht in Preußen zwischen der Reformzeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg ebenso abgehandelt wie ihre Entwicklung in den Territorien des "Dritten Deutschland".

Der Leser erfährt viel, vor allem an Einzelheiten, über den Weg, den die Staaten zur allgemeinen Wehrpflicht gegangen sind: Über lange Zeiträume waren es vor allem Angehörige aus den sozialen Unterschichten, Bauernsöhne, Knechte, ländliche und städtische Tagelöhner, Handwerksgesellen und Fabrikarbeiter, die eingezogen wurden, während sich die Söhne aus den sozialen Mittel- und Oberschichten durch Exemtion und Stellvertretung dem oft ungeliebten Militärdienst zu entziehen verstanden. Wie sich vor allem im wilhelminischen Kaiserreich die Armee sodann aber doch zur "Schule der Nation" gewandelt hat und für das bürgerliche Leben schlechthin Vorbildcharakter gewann, gehört zu den lesenswerten Kapiteln der Darstellung - der Tendenz nach nicht ganz neu, in der kleinteiligen Darstellung jedoch farbig, illustrativ und anschaulich.

Die sich anschließenden Abschnitte über die Geschichte der Wehrpflicht nach der Zäsur des Jahres 1914 bis zur Gegenwart, über die Weimarer Republik und das "Dritte Reich", über die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, entbehren dieses Vorzugs. Die Verfasserin räumt ein, daß ihre Darstellung für das 20. Jahrhundert "stärker pointierend als differenzierend, skizzenhaft statt quellengesättigt, flächig statt detailgenau" angelegt sei - man könnte auch sagen: oberflächlich statt angemessen.

"Totale Institutionen"

Daß die Wehrpflicht im preußischen und wilhelminischen Staat "nicht nur die Entwicklung gesellschaftsbezogenen Bürgersinns blockiert", sondern "darüber hinaus Geschlechterverhältnisse festgeschrieben , die sich den sozialen, ökonomischen und kulturellen Dynamisierungstendenzen der Moderne konsequent widersetzten", ist die zentrale These des Buches - als Aussage nicht eben überraschend und gerade nach dieser Darstellung mehr als erklärungsbedürftig. Aufschlußreich hätte in diesem Zusammenhang der Vergleich mit anderen Großstaaten Europas gewirkt, in denen sich wie in Frankreich die Armee oder wie in Großbritannien die Marine gleichfalls als "totale Institutionen" organisierten. Gleichwohl wurde die bürgerliche Gesellschaft, die heute so genannte Zivilgesellschaft, dadurch nicht deformiert. Sicherheit zu gewährleisten und darüber nicht zu einem "Kasernenstaat" (Harold Lasswell) zu verkommen beschreibt die zentrale Aufgabe freiheitlicher Gemeinwesen. Ihr Erfolg oder Mißlingen hängt von zahlreichen anderen Faktoren ab als nur von der Frage nach einer Wehrpflicht - oder Berufsarmee. Beide sind mit der Existenz eines Gemeinwesens vereinbar, wenn Regierende und Regierte in der Erhaltung der Freiheit ihre vorwaltende Aufgabe suchen.

Daß Sicherheit kein anstrengungslos gewährtes Naturrecht ist, daß die bevorzugte Aufgabe von Armeen nicht in der allgemeinen Emanzipation von Mann und Frau liegt, muß man sich bei der Lektüre des Buches von Ute Frevert immer wieder ins Gedächtnis rufen. Mehr noch: Die Tatsache beispielsweise, daß es im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts fast überall auf dem europäischen Kontinent zu einer Überlagerung der Politik durch Strategie kam, wird in der vorliegenden Darstellung nicht beachtet. Dabei galt diese ebenso geschichtsmächtige wie verhängnisvolle Tatsache selbst für ein so altertümliches und empfindliches Gebilde wie die Habsburger Monarchie, die in ihrer "Existenz nach innen und außen auf ein Klima von Vertragstreue, Liberalität und Ausgleich angewiesen" (Heinrich Lutz) war. In Anwesenheit des Kaisers und der militärischen Spitzen erklärte Außenminister Andrássy beispielsweise zu Beginn einer Geheimkonferenz am 17. Februar 1872 mit realpolitischer Entschlossenheit: "Die Folge der letzten Kriege ist, ,daß Macht über Recht geht' . . . jene äußere Politik ist richtig, die auch strategisch richtig ist." Daß die Vorzüge der Zivilgesellschaft aber in ausschlaggebendem Maße schutzbedürftig sind, wußte bereits Friedrich List, dem Macht deshalb letztlich wichtiger vorkam als Reichtum: "Warum aber ist sie wichtiger? Weil die Macht der Nation eine Kraft ist, neue produktive Hilfsquellen zu eröffnen, und weil die produktiven Kräfte der Baum sind, an welchem die Reichtümer wachsen, und weil der Baum, welcher die Frucht trägt, wertvoller ist als die Frucht selbst. Macht ist wichtiger als Reichtum, weil eine Nation vermittelst der Macht nicht bloß sich neue produktive Quellen eröffnet, sondern sich auch im Besitz der alten und ihrer früher erlangten Reichtümer behauptet, und weil das Gegenteil von Macht - die Unmacht - alles, was wir besitzen, nicht nur den Reichtum, sondern auch unsere produktiven Kräfte, unsere Kultur, unsere Freiheit, ja unsere Nationalselbständigkeit in die Hände derer gibt, die uns an Macht überlegen sind."

So wie die griechische "Hoplitenpolis" unabhängig davon existierte, ob ein Stadtstaat als Demokratie oder Tyrannis verfaßt war, weil im antiken Griechenland überall eine Dominanz der Konfliktnatur, der "Erwiderungsmoral" und "Vergeltungsethik" anzutreffen war, so ist die Frage nach Wehrpflicht- oder Berufsarmee für die Verfaßtheit eines Staates nicht ursächlich verantwortlich. Maßgeblich dafür sind vielmehr seine Konstitution und die Praxis seiner Eliten und Bürger, die über Sinn und Wirkung einer Armee verfügen.

Weil Ute Frevert ihre für das 19. und 20. Jahrhundert angekündigte Darstellung der Wehrpflicht in Deutschland im Grunde nur bis 1914 geführt hat, weil ihr über dem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse der für militärische Institutionen nun einmal maßgebliche Sicherheitsaspekt im internationalen Zusammenhang entgeht und weil sie den systematischen Vergleich mit anderen Großstaaten weitestgehend ausspart, wirkt ihr Buch mehr als problematisch: Im Grunde hat sie nur die halbe Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland geschrieben, die leider ganz mißlungen ist.

KLAUS HILDEBRAND

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