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Mein erster Mörder als Buch
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Mein erster Mörder

Lebensgeschichten.
Buch (gebunden)
In der Titelgeschichte "Mein erster Mörder" wird ein bis dahin unbescholtener Mann wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Was haben sein Vater und dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg mit dem Sohn und seiner Tat zu tun?In insges… weiterlesen
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Mein erster Mörder als Buch

Produktdetails

Titel: Mein erster Mörder
Autor/en: Vladimir Vertlib

ISBN: 3552060316
EAN: 9783552060319
Lebensgeschichten.
Zsolnay-Verlag

4. Februar 2006 - gebunden - 252 Seiten

Beschreibung

In der Titelgeschichte "Mein erster Mörder" wird ein bis dahin unbescholtener Mann wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Was haben sein Vater und dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg mit dem Sohn und seiner Tat zu tun?In insgesamt drei Geschichten zeichnet Vladimir Vertlib das Leben von Menschen, die zwischen politischer Willkür und schicksalhaften Gegebenheiten ihre Würde oder auch nur ihr nacktes Leben zu bewahren versuchen, nach: ganz ruhig und unaufgeregt, stets auf Augenhöhe mit den Menschen, ohne sich über sie zu erheben - und gerade deshalb umso spannender.

Portrait

Vladimir Vertlib, geboren 1966 in Leningrad, emigrierte 1971 mit seiner Familie nach Israel, übersiedelte 1981 nach Österreich, Studium der Volkswirtschaftslehre, lebt als freier Schriftsteller in Salzburg. Bei Deuticke erschienen bisher die Romane Zwischenstationen (1999), Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur (2001), Letzter Wunsch (2003), Mein erster Mörder (2006), Am Morgen des zwölften Tages (2009), Schimons Schweigen (2012) und Lucia Binar und die russische Seele (2015). Im Herbst 2018 folgt sein neuer Roman Viktor hilft.

Leseprobe

Der Mörder hat mich zum Abendessen eingeladen. Er und seine Frau kochen gemeinsam. Sie macht die Vorspeise, er das Hauptgericht. Auf sein Nachfragen hin, gebe ich zu, dass er der erste Mörder ist, den ich in meinem Leben kennen lerne. Er lacht. Für ihn hingegen sei ich längst nicht der erste Neugierige, meint er. Allerdings habe bis jetzt niemand etwas über ihn schreiben wollen. Nach dem Essen trinken wir Tee aus Gläsern mit vergoldeten Untersätzen und sprechen über den Mord, den der Mann vor zwanzig Jahren begangen hat.
Der Mord war in Wirklichkeit ein Totschlag. Leopold Ableitinger, damals zweiundvierzig Jahre alt, Angestellter in der Verrechnungsabteilung eines großen Gastronomiebetriebs in Salzburg, verheiratet, Vater zweier Kinder, hatte sich an einem sonnigen Oktobernachmittag zwei Stunden frei genommen, um eine kleine Radtour in der Umgebung zu machen. Ab und zu - höchstens dreimal im Monat, betont er - wollte er seine beruflichen und privaten Verpflichtungen vergessen und allein sein.
In der Nähe des schon vor vielen Jahrzehnten eingemeindeten Ortes Morzg, der trotzdem seinen dörflichen Charakter bewahrt hat, bog Leopold in eine Seitengasse ein, die an Einfamilienhäusern, Gärten, einer Wiese und einer Blockhütte vorbeiführte. Neben der Hütte standen ein Holztisch und zwei Bänke. Leopold beschloss, eine Pause zu machen, lehnte das Rad gegen die Hüttenwand, setzte sich auf eine Bank, zündete sich eine Pfeife an und begann, Zeitung zu lesen. So vergingen zwanzig Minuten, vielleicht etwas mehr. Er wollte sich wieder auf den Weg machen, hatte die Zeitung zusammengefaltet und in die Innentasche seiner Jacke gesteckt, als er das Quietschen von Reifen hörte.
Der Mann war jung, zwanzig, vielleicht zweiundzwanzig Jahre alt. Er trug eine Schirmmütze und einen Pullover mit V-Ausschnitt im Stile englischer Gentlemen der Zwanzigerjahre. Er sprang aus dem Wagen, einem roten Cabriolet, schlug die Tür hinter sich zu und schrie: Das ist doch wohl privat hier, oder
?! Schau dass d' weiterkommst! Leopold versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben.
Ich wollte ohnehin gehen, sagte er leise. Es war ärgerlich, von einem Menschen, der nur halb so alt war wie er selbst, geduzt zu werden. Mochte er ihn anschreien und beschimpfen, wenn er wollte, aber bitte mit dem nötigen Respekt.
Es tut mir Leid. Ich wusste nicht, dass es sich hier um einen Privatgrund handelt.
Na, das ist ja wohl logisch! Kannst' nicht lesen? Der junge Mann zeigte mit dem Finger auf ein Schild, auf dem in roten Lettern Privatgrund! Betreten verboten! stand. Es hing einige Meter entfernt an einem Draht, der zwischen zwei Pfosten gespannt war. Er versperrte den Weg zu einem Pfad, der an der Hütte vorbei zu einem Waldstück führte.
Das muss ich übersehen haben, murmelte Leopold. Ich hol' mein Rad, dann bin ich weg.
Ja, und beeil' dich, sonst lass ich den Hund frei.
Leopold hatte einen Hund weder gehört noch gesehen. Als Elfjähriger war er von einem Schäferhund in die rechte Wange gebissen worden. Seitdem hasste er Hunde.
Leopold ging zu seinem Fahrrad. Sein Widersacher blieb dicht hinter ihm. Er sei es Leid, schrie er, sich mit Obdachlosen, Jugendlichen oder türkischen Großfamilien herumschlagen zu müssen. Die Türken verbinden ihre Wochenendausflüge immer wieder mit einem Picknick auf seinem Grundstück. Er und sein Vater hätten schon zweimal Anzeige erstattet.
Sie müssten das Schild direkt neben der Hütte anbringen oder das Grundstück einzäunen, meinte Leopold. Der Tisch und die Bänke sind ja nur zwei Meter vom Straßenrand entfernt und -
Willst du mir erklären, was ich tun soll? Komm mir nicht noch einmal zu nahe mit deinem Scheißrad - ich schwör's, wenn ich dich das nächste Mal seh', fahr' ich dich nieder!
Leopold drehte sich um. In der rechten Hand hielt er immer noch die Pfeife. Er holte aus und stach zu. Das Mundstück der Pfeife drang durch das linke Auge in das Gehirn des jungen Mannes. Er starb wenige Stunden später in der I
ntensivstation des Salzburger Unfallkrankenhauses.
Leopold Ableitinger wurde wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er fünf in der Strafanstalt Stein absitzen musste. An die Zeit nach seiner Entlassung denkt er nicht gern zurück. Versuchen Sie, als siebenundvierzigjähriger Vorbestrafter in einer Stadt wie Salzburg eine angemessene Arbeit zu finden, erklärt er. Ich habe schließlich alles genommen, was mir das Arbeitsamt angeboten hat: Trotz meiner Rückenprobleme war ich Hilfsarbeiter in einem Möbellager. Nach einem Bandscheibenvorfall musste ich aufhören. Wenn das Einkommen meiner Frau nicht gewesen wäre - Aber gut, seit die Kinder erwachsen sind, kommen wir über die Runden. Ich sollte zufrieden sein.
Seit dem Mord raucht Leopold nur mehr Zigarillos. Um zu rauchen, müssen wir auf den Balkon hinaus, weil Leopolds Frau keinen Rauch in der Wohnung duldet. Wir schauen auf eine belebte Kreuzung. Der Straßenlärm macht die Unterhaltung schwierig. Die Gebäude um uns herum sind ein repräsentativer Querschnitt aller architektonischen Abscheulichkeiten der letzten fünfzig Jahre. Außerdem sieht man die Trasse einer Bahnlinie, ein Fabrikgebäude und den Untersberg. Der Berg passe hierher wie ein Blatt aus dem Alpenvereinskalender an die Wand eines Waschsalons oder eines Döner-Kebab-Standes, bemerkt Leopold. Ich beginne zu überlegen, welches Bild zu dieser Kreuzung passen würde.
Leopold kommt meinen Fragen zuvor. Nein, er schlafe gut. Jene Zeit sei vorbei. Die Alpträume. Die Ohrfeigen der Mithäftlinge, deren Nachtruhe er störte. Die Gespräche mit dem Therapeuten. Er habe trotzdem nicht genug bezahlt. Es sei nie genug. Seit er das wisse, habe er keine Schlafprobleme mehr. Mehr sei dazu nicht zu sagen. Er kippt die Asche des Zigarillos über das Geländer hinunter auf die Straße, schaut mich an, wirkt immer noch auf eine unverbindliche Weise freundlich. Nur das Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden. Sie wollen mehr?, fragt er.
Früher dacht
e ich, im Zweifelsfall sei Schweigen immer die bessere Antwort. Heute nicht mehr. Ich schweige trotzdem.
Gut, sagt er, ich verstehe. Hören Sie zu, ich werde Ihnen von einem Erlebnis erzählen, das sehr lange zurückliegt. Das wird, glaube ich, alle Ihre Fragen beantworten, auch jene, die Sie nicht stellen wollten -
2
Meinem Vater machte es Spaß, mir lange Vorträge über das Aufhängen von Handtüchern zu halten. Ich hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Auch an diesem warmen Apriltag. Der Rest der Wäsche war Vater egal. Er war fürchterlich akribisch, aber nur bei Handtüchern. Nicht etwa, dass alle auf gleicher Höhe und ausgebreitet auf der Schnur hängen mussten! Ein Außenstehender hätte glauben können, die Tücher seien aus einem Flugzeug geworfen worden und zufällig auf unseren Balkon gefallen. Aber es hatte alles seine Regel. Das dritte Handtuch von links musste dreimal zusammengefaltet, das fünfte mit einer Wäscheklammer am rechten oberen Zipfel festgemacht sein. Das Wichtigste war, dass die blauen Streifen keine durchgehenden Linien bildeten. Dein Vater hat einen Huscher, sagte Großtante Elfriede. Mein altes Radio aus der Systemzeit funktioniert besser als sein Kopf. Ich frage mich, wieviele Röhren da wohl durchgebrannt sind. Aber ich kannte die Handtuchregeln bald besser als Vater selbst und korrigierte ihn, wenn er Fehler machte. Ich war vierzehn. Meine Eltern und ich lebten damals in Wien. Nach Salzburg kam ich erst später. Als Erwachsener.
Wir hatten eine schöne Wohnung in einem während des Krieges beschädigten Haus. Nachträglich erwies es sich als Glück für uns, dass die Deutschen und die Russen sich im April 1945 am Donaukanal Artillerieduelle geliefert hatten. So kamen wir zu unserem Balkon. Ein Geschoß hatte in der rechten oberen Ecke des Gebäudes nicht nur die Fassade, sondern auch das dahinter liegende Zimmer und den darüber liegenden Dachboden und Dachbereich weggesprengt. Nach einer notdürftigen Instandsetzung wurde die Wohnung neu vermie
tet. Zwei Zimmer, Küche u

Pressestimmen

"Vertlibs Erzählungen lesen sich wie konzentrierte Lehrstücke über die Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit des Amoralismus...Eine schmucklose und doch leidenschaftliche Prosa, die trotz aller Traumata keinen bitteren Sog entfaltet, sondern schnell und auch nicht ohne Humor von einer historischen Katastrophe zur nächsten eilt."
Christine Hamel, BR 2, 5.3.2005

"Vladimir Vertlib hat die Kraft, die Ironie des Lebens zu erkennen und sich ihr zu stellen, ist ein schmuckloser und sehr direkter Erzähler... ein großer Realist, er verbindet Geschichte, Politik und Alltagsleben."
Verena Auffermann, Süddeutsche Zeitung, 02.11.06
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