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Achtung Baustelle

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'Ich sehnte mich danach, den Schrank schrumpfen zu sehen.'; 'Vogerlsalat grüßt'; 'Ich lese auf meinem Zimmer Proust, fresse dazu Marzipan'; 'Kätzchen, mein Meerrettich geht unter' - das sind Sätze, bei denen Wilhelm Genazino in Romanen, Essays und Be … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Achtung Baustelle
Autor/en: Wilhelm Genazino

ISBN: 3895612502
EAN: 9783895612503
Schoeffling + Co.

1. Januar 1998 - gebunden - 182 Seiten

Beschreibung

'Ich sehnte mich danach, den Schrank schrumpfen zu sehen.'; 'Vogerlsalat grüßt'; 'Ich lese auf meinem Zimmer Proust, fresse dazu Marzipan'; 'Kätzchen, mein Meerrettich geht unter' - das sind Sätze, bei denen Wilhelm Genazino in Romanen, Essays und Betrachtungen aufmerkte, die ihn verwunderten oder verärgerten, denen er auf jeden Fall in unnachahmlicher Weise nachgegangen ist, indem er seine Fundsätze ernst nimmt, sie gleichsam seziert, mehrfach wendet, um zu ebenso einleuchtenden wie schonungslosen Analysen zu kommen. Der zweite Teil von 'Achtung Baustelle' versammelt drei große Essays zu James Joyce, Marcel Proust und Italo Svevo, der abschließende Teil faßt drei öffentliche Äußerungen anläßlich der Verleihung bedeutender Literaturpreise zusammen. 'Achtung Baustelle' sammelt Genazinos kluge, witzige, intelligente und erstaunliche Betrachtungen, die humorvoll ein anderes, besseres Lesen lehren können.

Portrait

Wilhelm Genazino wurde 1943 in Mannheim geboren und lebt heute als freier Schriftsteller in Heidelberg. Er arbeitete als freier Journalist und später als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften.

Preise, Auszeichnungen und Stipendien:

1990 Bremer Literaturpreis
1996/97 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim
2004 Georg-Büchner-Preis

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 02.09.1998

Festland, Tiefsee und zurück
In diesem Sinne kurz gesagt: Wilhelm Genazino räumt einmal auf

"Der Mensch von 1950: Er fickte und las Zeitungen." Ein denkwürdiger Satz, allein schon in den verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten der Kopula und! Sätze wie diese werden im ersten und bei weitem anregendsten Kapitel von Wilhelm Genazinos dreiteiligen Essayband aufgespießt und gemustert. "Aus dem Zusammenhang gerissen" pflegte seinerzeit Franz Joseph Strauß sämtliche Zitate zu nennen, mit deren Verwendung durch die Zitierenden er nicht einverstanden war, als läge es nicht im Begriff des Zitats, daß es Textsegmente isoliert. Genazino verfährt nun so, wie Strauß es beklagte; dreht und wendet also siebenundzwanzig aus dem Zusammenhang gerissene Sätze unterschiedlichster Herkunft auf jeweils höchstens anderthalb Druckseiten. Die Idee verspricht Unterhaltung und Belehrung. Als Bruchstück wird das sonst womöglich Überlesene wieder lockend und fremd, und außerdem kann man des Rätsels Lösung jedesmal wie eine Pointe erwarten: was ist das nun wieder, woher stammt es? Das sonderbare Bonmot über die Roaring Fifties zum Beispiel findet sich bei Camus, ein ungewöhnlich schönes Stück.

Den Spaß am Spielerischen aber muß Genazino nach dem ersten Einfall wieder verloren haben, und damit auch die Lust des genauen Lesens; statt fremder Stimmen vernimmt er darum immer wieder bloß das Echo der eigenen. "Die Liebe aber ist unwiderstehlich", liest er und fragt scheinheilig: "Handelt es sich vielleicht um eine Botschaft von Udo Jürgens oder Roland Kaiser?", um sogleich triumphierend auszuposaunen, was nun niemanden mehr überraschen wird: "Mitnichten! Der Satz steht im Werk einer als hochkarätig geltenden Autorin, nämlich" - aber hätten wir genau diesen Satz denn wirklich Udo Jürgens unterstellt? Oder Roland Kaiser? Wie sich zeigt, sollen die trivialen Eideshelfer bloß behaupten helfen, was dem Satz gar nicht abgelesen wird. Dem wird vielmehr alles mögliche bloß unterstellt: daß er "ein bißchen verschmockt" klinge, daß er "gewiß problematisch, wenn nicht offen kitschig", ja "explizit kunstlos" daherkomme (wieso übrigens offen und explizit?) - alles mögliche wird erwogen, nur das auffälligste Stilmerkmal nicht.

Dabei hätte der Satz doch auch anfangen können: "Aber die Liebe" oder: "Die Liebe ist aber", und das "aber" könnte auch ganz fehlen. Erst nach solchen Gegenproben hätte dann der paulinische Ton von Ingeborg Bachmanns Variante "Die Liebe aber" hörbar werden können, das biblische Pathos, mit dessen Nachweis sich zumindest das Gefühl des irgendwie Kitschigen erklären, vielleicht dann auch noch die Frage stellen ließe, von welcher "Liebe" der Satz überhaupt spricht. Den aber schaut dieser Betrachter gar nicht mehr richtig an, weil ihm die eigenen Pappkameraden die Sicht versperren und ihn zu der Behauptung verleiten, eine "eigensprachliche Note" sei "nicht erkennbar".

Je schwerer der Gegenstand, desto leichter die Lektüren. In einem Brief der Annette von Droste-Hülshoff findet sich die Notiz: "Und was soll ich anfangen, um meinen Unsinn loszuwerden?" Die Frage ist von durchaus existentieller Dringlichkeit; wovon sie redet, berührt psychopathologische Zustände. Es kann einem aber der Kinnladen herunterklappen angesichts der Arglosigkeit, mit der hier das Wort "Unsinn" umstandslos als "Ticks und Marotten" übersetzt und anschließend, in übrigens sonderbar ungelenken Formulierungen, erläutert wird: "Die Droste-Hülshoff hatte Bewußtsein davon, daß sie oft nur aufgeblähtem Unsinn erlag." So war sie, die Droste; ein Mensch mit Ticks wie du und ich.

Neben den literarischen Klassikern bevorzugt die Auswahl den philosophischen Kanon. Adorno und Benjamin, Heidegger und Habermas werden kritisch überprüft; und nur wenig hat dabei Bestand. Leidlich ergeht es Benjamin; Adorno und Habermas dagegen müssen sich auf einiges gefaßt machen. Als abgemacht aber darf gelten, "daß Heideggers These vom Sprechen der Sprache nur sehr eingeschränkt gilt - und damit überhaupt nicht". Wie ja auch ein eingeschränktes Halteverbot eben nur eingeschränkt gilt - und damit überhaupt nicht.

So rasant geht es hier vom feuilletonistischen Festland auf die philosophische Tiefsee hinaus, und nicht weit ist es vom Geschwindigkeitsrausch zum Größenwahn: Nach zwölf Sätzen über einen "fast bodenlosen Satz von Samuel Beckett" - aber eben nur fast bodenlos, nach seinen zwölf eigenen Sätzen ist Genazino nämlich schon unten angekommen - lautet der dreizehnte und letzte: "Jetzt, denke ich, sind wir in die enorme Weite des Beckettschen Schreibens eingedrungen."

So denkt er oft, und man denkt ihn sich dabei unwillkürlich als eine Mischung aus Oberlehrer und Sozialarbeiter. Der sagt dann beispielsweise, vom Blatt auf- und in die Gruppenrunde blickend: "Jetzt, denke ich, hat der Satz ( . . .) schon beträchtlich an Fremdheit verloren." Oder ein andermal: "Jetzt hat der Satz, denke ich, seine Schrecken schon fast eingebüßt" - dafür führt er jetzt zu der mahnenden Frage: "Leben wir nicht alle so, zumindest vorübergehend?" Ja, darüber müßten wir einmal ein Stück weit nachdenken, doch ehe wir damit anfangen können, geht es schon in die jedesmal zu schnell erreichte Schlußkurve, und zwar am liebsten mit Floskeln wie "In diesem Sinn", "kurz gesagt", "mit einem Wort" oder dem pädagogischen Plural des "Jetzt sehen wir", "Jetzt merken wir". Und immerfort erinnert der Schreiber daran, daß er soeben denkt: die Formel "denke ich" durchzieht den Band als dunkles Leitmotiv.

Erhellend und erheiternd wird die Lektüre hingegen mit einem Schlag dann, wenn man das Verfahren der verfremdenden Einzelsatz-Meditation auf diesen Band selbst anwendet. Gleich zu Beginn der literarischen Essays, die der zweite Teil versammelt, findet sich da beispielsweise dieser Satz: "Dennoch ist es falsch, aus Joyce einen Irlandverächter zu machen." Die schon für sich genommen bedenkliche Mahnung bekommt etwas Abgründiges, wenn sie auf lauter Zitate folgt, in denen Joyce seine Heimat mit Epitheta wie "widerwärtig", "rückständig", "ganz abscheulich" und "eine alte Sau" bedacht hat. Wenn da nicht am Ende doch ein Irlandverächter am Werk ist! Dem Ausland, weiß Genazino aber, ergeht es auch nicht besser. Denn: "Das Leben, das Joyce im Ausland führte, wurde von ihm stets unerbittlich eingeschätzt." Das sollte man langsam und mehrmals lesen - diesen Tonfall eines Führungszeugnisses, das kadermäßig "stets unerbittlich" und besonders das Passiv, in dem das Leben vom unerbittlichen Auslandsverächter Joyce beim Schlafittchen gepackt wird.

Auch andere Monumente der Moderne werden so gemustert, zum Beispiel dieser Herr: "Nur wenige Jahre nach seinem ersten Asthma-Anfall zeigte sich die zweite Kennzeichnung seines Lebens, das Schreiben." Wer war's? Proust, natürlich. Der ihm und seinen Kennzeichnungen gewidmete Essay beginnt mit den Worten: "Das große Privatobjekt des Marcel Proust, die Zurückweisung von Lebenspraxis", also "die strategische Ausgrenzung von Außenwelt" - und kein Therapeut an Prousts Krankenlager hätte das nüchterner sagen, kein Soziologiestudent das "Privatobjekt" (oder ist "-projekt" gemeint?) so lapidar bestimmen können. So sachgemäß, in diesem Sachbearbeiterton, kann man das Drama von Prousts Krankheit und Kunst resümieren; und was heißt hier Sein oder Nichtsein? Es heißt hier: "verschiedene Existenz-Einschätzungen."

Später ist dann noch vom "Projekt der Ironie" die Rede, von Sprache als "Selbsterkundigung" (vielleicht ist aber nur Selbsterkundung gemeint) und vom "Kulturkampf um den Erfahrungsraum Stadt"; es fehlt eigentlich nur die Streitkultur im Lernfeld Schule. Das alles mündet in einen Kulturpessimismus, den die im dritten Teil gesammelten Dankesreden zu diversen Preisverleihungen verkünden und der auch nach diesem Buch in der Tat nicht unbegründet ist. "Ein No-entertainment-Autor wie ich", bekennt der Verfasser gegen Ende, "erlebt den Einbruch der Kultur besonders nah". HEINRICH DETERING

Wilhelm Genazino: "Achtung Baustelle". Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 1998. 184 S., geb.

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