
Besprechung vom 29.11.2025
Ruhmesblattkränze
So vieles hätte er sein können: Bernd Schuchters Atlas, der keiner ist
Manchen Büchern liegt eine originelle Idee zugrunde, doch hat man sie zu Ende gelesen, bleibt die Enttäuschung darüber, wie diese höchst unbefriedigend umgesetzt wurde. Bernd Schuchter, seit vielen Jahren Verleger des Innsbrucker Limbus Verlags, hat nun in seinem eigenen Haus ein solches Werk vorgelegt, nach dessen Lektüre man sich verwundert fragt, warum es überhaupt erschienen ist.
In zehn Essays widmet sich der Autor bekannten Größen der Literatur- und Philosophiegeschichte. Er setzt im 16. Jahrhundert bei Michel de Montaigne ein und endet fünf Jahrhunderte später bei Stefan Zweig und Irmgard Keun. Warum es gerade zu dieser Auswahl, darunter auch Miguel de Cervantes, Maria Sibylla Merian und Olympe de Gouges, kam, bleibt im weitschweifigen Vorwort ungesagt. Alle Betrachtungen, heißt es da, mündeten in "Flunkereien" oder - so der Untertitel - "Fabulierungen", die sich ungeschriebenen, verschollenen oder vernichteten Manuskripten widmen.
Darin liegt die Grundidee des Buches, die darauf setzt, dass von unauffindbaren Werken - Umberto Eco erzählte davon in "Der Name der Rose" besonders eindrucksvoll - und den Mythen, die sie umgeben, ein oft unwiderstehlicher Reiz ausgeht. Doch was Bernd Schuchter daraus macht, ist enttäuschend. Ausführlich erzählt er Biographien nach, schiebt nicht zwingend wirkende Exkurse ein zu Figuren wie dem Kupferstecher Jacques Callot oder dem Philosophen Julien Offray de La Mettrie, über die er zuletzt eigene Abhandlungen veröffentlichte, und lässt Kapitel mit einigen wenigen Hinweisen auf ebenjene Manuskripte enden, die in allen Werkverzeichnissen fehlen.
So erfahren wir, warum es nie zur Veröffentlichung von Montaignes Traktat "Über die Tyrannei" oder von Voltaires "Das Würstchen", einer Abrechnung mit seiner Zeit am Potsdamer Hof, kam, warum Mary Shelley ihre Schrift über die Vielehe nie in Verlegerhände gab und Stefan Zweig von der Publikation der "Vorstadtdirne" absah, nachdem die später seinem Landsmann Felix Salten zugeschriebene "Josefine Mutzenbacher" auf den Markt gekommen war und nicht nur die Wiener Öffentlichkeit schockiert hatte. Das alles hat gelegentlich Witz, doch Schuchters Aufwand, um zu den nie geschriebenen Büchern hinzuführen, ist entschieden zu groß und von überschaubarem Interesse. Vor allem aber leidet sein Buch unter unangenehmen Begleiterscheinungen und einem flapsigen Stil, der vor Stilblüten und Peinlichkeiten nicht gefeit ist.
Schon der Titel ist eine Irreführung, denn nichts ist dieses Buch weniger als ein "Atlas". Ja, es scheint so, als habe der Autor als sein eigener Verleger sich von einer anderen Publikation zu einem Etikettenschwindel hinreißen lassen: von Judith Schalanskys 2009 bei Mare erschienenem Bestseller "Atlas der abgelegenen Inseln", der vielerorts zu oft plumpen Nachahmungen geführt hat. Auch die Halbleinenausstattung und der sanft blaue Buchdeckel erinnern sehr an Schalanskys Meisterstück.
Vor allem aber ist es der von Schuchter angeschlagene Ton, der Unbehagen hervorruft. Mit vermeintlich souveräner Geste schmiegt er sich der Gedankenwelt seiner Protagonisten an, kommentiert und wertet ungeniert, erklärt, wie Revolutionen entstehen, und versteigt sich zu unfreiwillig komischen Formulierungen: "Aber der Tod als einziger Ausweg aus einem unfreiwilligen Exil ist nicht sonderlich erstrebenswert."
Vor allem im Kapitel über Henry David Thoreau läuft Schuchter, von keiner lektorierenden Hand gebändigt, zur Höchstform auf. Sätzen wie "Denn es ist der pure Zufall, dass wir diesem Viel- und Alleskönner heute vor allem als Schriftsteller, als Essayisten und Denker kennen. Er war so viele Menschen, und alle hätte er sein können" wohnt kein Erkenntnisgewinn inne. So wie Olympe de Gouges attestiert wird, "leergeschrieben" gewesen zu sein, so war Thoreau "unrund" und habe deshalb ein "wesentliches Leben" führen wollen. Stefan Zweigs Selbstmord ist "tragisch", wenige Seiten später "plausibel und notwendig", zumal seine Entscheidung eine "durchaus freie" gewesen sei. Seine Begegnungen mit dem misogynen Philosophen Otto Weininger seien - man stelle sich das bildlich vor - "kein Ruhmesblatt" gewesen, "aus dem sich Zweig einen Kranz geflochten hätte".
Und nicht zuletzt: Auch mit der Grammatik haben diese "Fabulierungen" zu kämpfen, ganz zu schweigen davon, dass Robert Musils 1906 erschienener Roman "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" Friedrich Torberg zugeschrieben wird, der damals noch gar nicht geboren war. Angepriesen wird Bernd Schuchters Scheinatlas übrigens mit "Aber Vorsicht! Lesen auf eigene Gefahr". Wie wahr. RAINER MORITZ
Bernd Schuchter:
"Kleiner Atlas der nie geschriebenen Bücher". Fabulierungen.
Limbus Verlag, Innsbruck 2025.
176 S., geb.,
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