Nicht immer ist Recht gleichbedeutend mit dem eigenen Empfinden von Gerechtigkeit.
Feine Risse ist der zweite Roman von Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht an der Uni Leipzig. Rechtsfälle eignen sich hervorragend als Spiegel für die moralische Reflexionen über Recht und Unrecht, die Analyse von Schuld und die philosophische Debatte um den Rechtsstaat. Sie öffnen einen literarischen Raum.
Strafverteidigerin Eva Herbergen ist kurz vor dem Ruhestand. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter besucht sie Theatervorstellungen, geniesst gutes Essen, besucht die Oper und Kunstausstellungen, gerne klassisch, ohne Abstraktion. Das selbstgenügsame, konservative Leben des Paares bildet die Rahmenhandlung des Episodenromans. Peter dient Eva als Gewissen, hinterfragt Verantwortungsbereiche. Eva hingegen wird zur Suchenden an der Grenze zwischen Recht und Lebensrealität.
Elisa Hoven stellt zwei Erzählformen gegeneinander. Das Recht argumentiert mit Daten, Fakten, Beweisen. Es kategorisiert. Die menschliche Existenz aber ist ambivalent, unlogisch, folgt Familiengeschichten und Gefühlen. Die feinen Risse zeigen sich in den Fundamenten, auf denen Lebensgeschichten gebaut sind, lassen Verborgenes an die Oberfläche.
Die Spannung, der Sog, die Genialität von Feine Risse entwickelt sich da, wo sich Genres überlappen, der Erzählstil in diametralem Kontrast zu den Wendungen der Fälle steht und wo die Fälle realen Vorbildern ähneln, die ihre gesellschaftliche Relevanz demonstrieren.
Durch die aufs Wesentliche reduzierte Sprache könnte Feine Risse das Drehbuch für einen Krimi sein, verortet den Episodenroman irgendwo zwischen Reportage, Kriminalliteratur und Psychogramm.
Aufgrund des hohen Personalaufkommens treten die Figuren oft hinter der Botschaft zurück, die sie verkörpern. Dennoch erzählt der Roman unglaublich spannend von der Bruchstelle zwischen unumstößlicher juristischer Logik und dem, was Menschsein ausmacht: Erfahrungen, Emotionen, Zufälle.
Es hat mich eingesogen, nachdenken lassen und gibt mich noch nicht frei.