
Besprechung vom 26.03.2025
Als würde man von innen tätowiert
So hat noch niemand über Kriegstraumata geschrieben: Faruk Sehics Roman "Von der Una" handelt vom Fluss der Erinnerungen und seinem schwärzesten Treibgut.
Auf die Frage, wovon sein Roman "Von der Una" handele, antwortete der bosnische Autor Faruk Sehic in einem Interview mit dem Satz: "Ein Mann versucht, sein Kriegstrauma zu überwinden." Mit 21 Jahren wurde der 1970 geborene Schriftsteller Soldat, um seine Heimat Bosnien zu verteidigen, er stieg auf und kommandierte schließlich 130 Mann. "Von der Una" stieß 2011 in Bosnien-Herzegowina auf große Resonanz, Sehic gilt als herausragender Autor der Kriegsgeneration. "Ich bin einer, doch von uns gibt es Tausende. Unzerbrechlich und doch gebrochen", sagt der Ich-Erzähler im Roman.
Wobei die Gattungsbezeichnung "Roman" in die Irre führt. Er habe nicht das gesamte Fresko des Kriegs gesehen, sondern nur dessen Teilchen, sagt der Ich-Erzähler, und die fragmentierte Prosa spiegelt diese Wahrnehmung. Es gibt eine grobe Chronologie - Kindheit, Krieg, Nachkriegszeit -, und es gibt eine Art Rahmenhandlung: Der Ich-Erzähler gerät im Kulturhaus seiner Stadt in die Probe eines indischen Wanderzirkus und dient dem Fakir als Versuchskaninchen für Hypnose. Die Erinnerungen, in die er nun eintaucht, werden sozusagen live erzählt. Der Ich-Erzähler sieht sich als "Chronist der verschwundenen Zeit, der versunkenen, verbrannten Zeit"; seine Träume, Gedanken, Visionen und Erinnerungen folgen allerdings ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Man betritt einen Bewusstseinsraum, in dem sich die Zeitebenen ständig durchdringen. Viele der Kapitel sind nur zwei oder drei Seiten lang, ständig wechseln Schauplätze und Themen. Ein Leitmotiv ist der Fluss Una, für den Ich-Erzähler ein Sehnsuchtsort, an den er immer wieder zurückkehrt; auch das mythisch aufgeladene Haus der Großmutter, in dem alle Gegenstände nach Fluss riechen, taucht ständig auf.
Die Bewältigung des Traumas beginnt mit der Wiedergewinnung der Kindheit, denn der Krieg löscht alles aus, was vorher war. Die Kindheit erscheint als Paradies, denn das Kind erlebt sich als Teil der Natur: "Trunken von Regentropfen blieb ich neben jeder Blüte stehen, deren Blütenstaub vom Regen verschmiert worden war." Es ist fasziniert von Fischen und Schnecken, sieht Maulwurfshügel, "die üppige Erdwärme ausdunsten", und es wartet auf den Frühling, "bis die Erde den Schnee vom Rücken geschüttelt hatte".
Der Krieg wird einerseits körperhaft direkt beschrieben, die Angst, das Leben im Wald, die Dunkelheit "dicht wie Motoröl". Andererseits wird der Krieg zu einem Naturphänomen - eine kühne Ästhetisierung: "es regnete Mörsergranaten wie Blumensträuße", die Schüsse der Gegner verstummen "wie plötzlicher Sommerregen". Die Nachkriegszeit wiederum ist surreal, die vertraute Welt nicht wiederzuerkennen, denn außer Ruinen ist nichts geblieben in Bosanska Krupa, Faruk Sehics Heimatstadt. Das zerstörte Haus der Großmutter wird in einer Mischung von Sarkasmus und Poesie beschrieben: "Aus diesen Zimmern, die weder Boden noch Decke haben, kann man direkt in den Himmel fliegen. Alle Sachen aus dem Haus haben genau das getan." Schlimmer noch als die Ruinen sind die hässlichen riesigen Häuser, die aus den Trümmern sprossen "wie Pflanzen aus radioaktiver Muttererde".
In Faruk Sehics Prosa gibt es kaum Alltagssprache. In Elvira Veselinovics sorgfältiger Übersetzung sind die verschiedenen stilistischen Register der sinnlichen Vergegenwärtigung sofort zu erkennen. Vom Blutdurst schreibt der Ich-Erzähler, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, leichthin erzählt er vom Töten, denn im Krieg fiel ihm das Töten tatsächlich leicht, ohne jegliche Gewissensbisse. Sein Lebenswille wiederum ist so stark, dass er, dem Zug der Sprache folgend, ins Gegenteil kippt: "Ich liebte mein Leben so sehr, dass ich sogar bereit war, dafür zu sterben." Er weiß, dass er sich "zu den schwärzesten und schwierigsten Erinnerungen" zwingen muss, "zu solchen, wie sie in uns allen steckten": die Erinnerung an die eigenen Verbrechen. Um den "Folter-Hangar", wo serbische Kriegsgefangene gequält wurden, macht der Ich- Erzähler einen weiten Bogen, und er kann sich nicht mehr genau an die Umstände der Ermordung einer serbischen Bäuerin erinnern, die an ihrem Küchentisch erschossen wurde.
Zu den Figuren, die immer wieder auftauchen, gehört der wahnsinnige Gargano. Er lebt als abgespaltenes Alter Ego buchstäblich in den Wunden des Ich- Erzählers, in einem Schnitt am Unterarm zum Beispiel. Gargano sei sein "wahres Ich", so der Erzähler, der weiß, dass er ihm nie begegnen kann. Und doch sucht ihn Garganos Stimme heim: "Das war ein so schweres Gefühl, als würde man von innen tätowiert, auf der Schleimhaut der inneren Organe."
So wurde noch nie über Trauma geschrieben. Obwohl sich "Von der Una" aus dem eigenen Erleben des Autors speist, wird man dem Roman mit dem Label "Autofiktion" nicht gerecht. Diese unruhige, ständig ab- und ausschweifende Prosa transzendiert das Erleben ihres Autors. "Es gibt nur eine Art, aus diesem Labyrinth herauszukommen - mithilfe der Erinnerung und der Sprache." Sehics Stil entsteht durch die Aufladung der Sprache durch das Trauma, und er gelangt dabei zu Formulierungen, die niemand anders je gefunden hätte. SIEGLINDE GEISEL
Faruk Sehic: "Von der Una". Roman.
Aus dem Bosnischen von Elvira Veselinovic.
Verlag Voland & Quist, Berlin 2025.
237 S., geb.
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