
Besprechung vom 07.02.2026
Schön sachlich sei die Utopie
Auch im Sperrmüll lassen sich Funde machen: Ein Band präsentiert Texte des passionierten Entdeckers und Historikers auf dem Feld des Designs.
Jörg Stürzebecher ist, obwohl er an zahlreichen Hochschulen und Universitäten unterrichtet hat, zeit seines Lebens nicht in der etablierten akademischen Welt angekommen. Vermutlich wollte er das auch nie. Er führte eine Art Privatgelehrtenexistenz, zu der auch ein obsessives Sammeln von Büchern, Möbeln und Designobjekten gehörte. Stürzebechers Wohnung war, so schildern es anschaulich Berichte von Weggefährten, derart übervoll mit Büchern und Drucken, dass sie am Ende nur noch für ihn begehbar war.
Aber sie allein reichte nicht aus: Er füllte ein Lager, eine Self-Storage-Box und schließlich sein Elternhaus mit seinen Entdeckungen, die nicht selten aus dem Sperrmüll kamen. Dort fand er Teile von Rams-Regalen, Design-Zeitschriften, Plakate und vieles andere mehr. Dieser Sammel- und Entdeckertrieb schlägt sich auch in seinen zahlreichen Texten nieder, die zwischen 1987 und 2020 vielerorts, vor allem aber in den Zeitschriften "design report" und "form" sowie dem Frankfurter Magazin "Auftritt" erschienen. Seine Rezensionen und Berichte, Radiofeatures und Nachrufe sind aber keineswegs unorganisierte und mit Material vollgestopfte Essays, sondern im Gegenteil überaus klar und präzise argumentierende und souverän die Leser durch die Fülle des Stoffs führende Texte. Stürzebechers Ausführungen sind anschaulich und pointiert, oft witzig und durchweg mit präzisen Beobachtungen an ihren konkreten Gegenständen argumentierend. Sie leben von drei Tugenden: von der Lust an der Entdeckung, der Begeisterung angesichts des reichen Materials sowie von der Präzision und Klarheit ihrer Gegenstände und dann auch ihrer Darstellung.
Es ist vor allem Jörg Stürzebechers Verdienst, den Fotografen, Künstler und Gestalter Max Burchartz wiederentdeckt zu haben. Ihm widmete er 1993 eine große Werkschau im Deutschen Werkbund, die diese wichtige Avantgardefigur neu vorstellte. Er wollte, so schrieb er nur scheinbar bescheiden, auf etwas hinweisen und unterstrich dabei die polemische Absicht der Darstellung. Es war wohl Burchartz' Nähe zum Bauhaus und vor allem zum Konstruktivismus, die Stürzebecher faszinierte. Der Konstruktivismus ist neben der konkreten Kunst und einer funktional-reduzierten Gestaltung etwa eines Dieter Rams eine der tragenden Säulen seiner Designgeschichten.
Zu Stürzebechers weiteren Entdeckungen gehört auch der Briefroman "Hannelore erlebt die Großstadt" der Autorin Clara Hohrath alias Clara Rommel, der 1931/32 ein Stuttgart beschrieb, zu dem die Weißenhofsiedlung und das Neue Bauen wie selbstverständlich dazugehörten, und eine andere Zukunft erhoffte als jene der NS-Zeit. Hohrath wie dann auch Stürzebecher erblickten in Architektur und Design "die Verheißung der Zukunft in der Gegenwart", eine sachlich-nüchterne Utopie der funktionalen Gestaltung. Von "Prototypen für ein neues Leben" ist bereits in einem Text über den russischen Künstler Wladimir Tatlin die Rede und von den Versprechungen einer "exakten Ästhetik" in einer umfänglichen Vorstellung wichtiger Arbeiten der konkreten Kunst.
Das ist der inhaltliche rote Faden der oft sehr kurzen Texte Stürzebechers, ihre ästhetische Leitplanke. Zu dieser formalen wie konzeptionell-weltanschaulichen Strenge kommt dann aber die enorm materialreiche und komprimierte Darstellung von umfassenden historischen Zusammenhängen hinzu, die eine ganze Reihe von Texten mit Bravour leisten. Zu den Glanzstücken der Essays gehören etwa ungemein konzentrierte Geschichten der Schulmöbel im 20. Jahrhundert oder - mit dem sprechenden Titel "Vom Schützengraben in den Heizungskeller" - der Entwicklung des Ofens zum Heizkessel, als Objekt der Gestaltung wohlgemerkt. Und wer die Designgeschichte von 1900 bis 1980 rekapitulieren möchte, der greife zu der auf siebzig Seiten komprimierten Darstellung Stürzebechers, der in Dekadenschritten das Jahrhundert durchschreitet und als Design in Bild und Text vor Augen führt.
Stürzebechers Erkundungsreisen der Designgeschichte haben keinerlei Berührungsängste und schließen auf höchst erfrischende Weise alle möglichen Bereiche ein, wie etwa Einrichtungsbücher, Wegwerf-Kaffeebecher und Fernsehserien. So entdeckt er Wagenfelds "Max und Moritz" im imaginierten Weltraum der Science-Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise" und erkundet dann auch genauer die Gestaltung von "Mondbasis Alpha 1" oder "Mad Men".
In dieser Serie greift er aber nicht nur auf Imitate von Gestaltungsformen der Sechzigerjahre zurück, von Bridget-Riley-Gemälden über Eames-Sessel bis hin zu Sofas von Florence Knoll, sondern auch auf die Schriften Ayn Rands aus, die schon länger zu den zentralen Quellen der extremen Rechten in Amerika zählen. "Das Ganze ist hier eben das Unwahre", konstatiert Stürzebecher mit Adorno und belegt seine Deutung mit seinen scharfsinnigen Beobachtungen, die Filmausstattung und Designgeschichte vergleichend analysieren. "Man muss bis zur Gefahr fortschreiten": Dieses Diktum der französischen Künstlerin Aurélie Nemours, die - selbstverständlich - der konkreten Kunst nahestand, gilt auch für die besten der über 120 Texte, die Ursula Wenzel in dieser Edition zusammengetragen hat. Am Ende des Bandes häufen sich die Nachrufe, die Werke als Visionen begreifen und würdigen. Sie stellen Formen eines Designs vor, das auf je eigene Weise ein "Vorausdenken für den Menschen" ist.
"Bücher wollen gelesen, nicht gelobt sein", schrieb Jörg Stürzebecher. Das gilt auch für die Sammlung seiner Essays. Es ist eine glückliche, aber wohl keinesfalls zufällige Fügung, dass die Edition seiner Texte in einem Verlag erscheint, der Jahr für Jahr nur zwei oder drei Bücher herausbringt, die dann aber typographisch besonders gestaltet sind. Gesetzt ist das Buch in der Schrift MT Grotesque, die Stürzebecher offenbar besonders schätzte. BERND STIEGLER
Jörg Stürzebecher: "Designreportagen".
Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 2025. 480 S., Abb., geb.
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