Siegfried und Krimhild als Buch (gebunden)
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Siegfried und Krimhild

Die älteste Geschichte aus der Mitte Europas im 5. Jahrhundert notiert, teils lateinisch, teils in der…
Buch (gebunden)
"So ungewöhnlich wie Lodemann hat noch niemand diese erste deutsche Geschichte erzählt." (DIE ZEIT)
"Ein postmodernes Meisterstück"(FAZ)
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Siegfried und Krimhild als Buch (gebunden)

Produktdetails

Titel: Siegfried und Krimhild
Autor/en: Jürgen Lodemann

ISBN: 3608935487
EAN: 9783608935486
Die älteste Geschichte aus der Mitte Europas im 5. Jahrhundert notiert, teils lateinisch, teils in der Volkssprache.
3. , durchges. Aufl.
Lesebändchen.
Übersetzt von Kilian Hilarus von Kilmacduagh, John Schazman
Klett-Cotta Verlag

1. Februar 2002 - gebunden - 886 Seiten

Beschreibung

Es ist die älteste deutsche Geschichte, die hier erzählt wird. Die Historie vom Nibelungen, mehr als 1500 Jahre alt, wird in diesem Buch so mitreißend und sprachgewaltig zum Leben erweckt, daß uns eine Zeit und eine Literatur zurückgegeben wird, die uns abhanden gekommen waren.
Im 5. Jahrhundert spielt die Liebesgeschichte zwischen Siegfried aus Xanten, dem Drachentöter, und Krimhild, der Königstochter. Es sind barbarische Zeiten, Krieg, Gewalt, Vertreibung sind an der Tagesordnung. Ein phantastisches und am Ende hochdramatisches Geschehen wird vor uns entfaltet, eine geschichtliche Wende: Das Römische Imperium geht unter, die neue Ordnung der Christenheit scheint herauf; in der Mitte Europas ein früher Kampf der Kulturen.
In diesen gewaltigen Stoff sind zahlreiche mythische Erzählungen eingegangen. Der Kampf zwischen Treue und Verrat, Recht und Anarchie, unauslöschlichem Haß und Liebe über den Tod hinaus bewegen uns heute fast noch mehr als in der Vergangenheit: Es ist das Volk der "Deutschen", das sich aus diesen Widersprüchen bildet - an überraschenden Verweisen auf unsere Gegenwart fehlt es in diesem Buch nicht.
"Eine der spannendsten Geschichten, die es gibt", schrieb die Presse über Jürgen Lodemanns in fast zwanzigjähriger Arbeit entstandenes Werk, "lebendig, sinnlich verführend und zuweilen auch derb." Das Aufregendste an dieser Reise in die Vergangenheit ist, daß sie in die Gegenwart führt.

Portrait

Jürgen Lodemann, geboren in Essen, Studium der Germanistik und Geographie in Freiburg. Ab 1965 beim SWF-Fernsehen in Baden- Baden, 143 Mal Literaturmagazin, ab 1975 in der Jury der SWF- Bestenliste. Dokumentarfilme. Mitglied des PEN-Zentrums. Lehrtätigkeit an den Universitäten Stuttgart, Frankfurt, Marburg und Freiburg. Lebt in Freiburg, Essen und im irischen Galway. 1978 Kerr-Preis für Literaturkritik.

Leseprobe

Am Anfang von allem waren Feuer und Wasser. Licht und Nebel bildeten das Chaos Ginungagap. In der ältesten überlieferten deutschen Sprache ist Ginungagap das »klaffend Schlingende« (gin = »Rachen«), noch heute erkennbar in Wörtern wie »gähnen« und »beginnen«

Zwischen dem südlichen Feuer muspel und dem nördlichen Nebel nifhel, in der Tiefe von Ginungagap wohnte und wohnt die Unerschaffene, die bei den Griechen Gaia heißt und die immer gewesen ist und immer sein wird, in stets anderer Weise. Gaia lebt im Chaos und begehrt, und was sie begehrt, das tritt ins Dasein. Denn wenn Licht und Nebel einander erschlagen wollen, dann durchdringen sie sich. So zeugt die Unerschaffene die Kräfte der Welt, die in Burgund und bei vielen anderen Stämmen nach wie vor als Götter gelten.

Zuerst freilich zeugte sie auf Bornholm den Bor. Den Bor erschlug sein Sohn Gar. Den tötete sein Bruder Grindel. Als wären am Anfang nicht Begehren und Durchdringen gewesen, sondern Beseitigen und Erschlagen.

Ich, Giselher, jüngster Sohn des burgundischen Königs Gundomar, nun im Kerker des Klosters Lorsch, will beschreiben, warum einer erschlagen wird. Warum unser Gast aus Xanten kurz vor dem Tag, der an die Kreuzigung des Jesus erinnert, ermordet wurde. Meine Wächter sind mir gewogen. Wo nicht, werde ich sie zu täuschen wissen, damit ich einen dieser Morde, mit denen alles zu beginnen und mit denen alles zu enden scheint, schildern kann von seinen ersten Anfängen bis zu seinem entsetzlichen Ende.

Beschreiben will ich, wie sehr der Mann aus dem Niederland meine Schwester Krimhild geliebt hat und wie leidenschaftlich Krimhild den Niederländer liebte. Und ergründen will ich, warum ihr Liebster getötet wurde von Hagen, vom Dux Exercitus Burgundiae. »Heermeister Burgunds«. Jochen Martin (Freiburger Historiker): »Für die Ausbildungsphase des germanischen Königtums war die Anlehnung an Institutionen des Imperium Romanum außerordentlich wichtig. Dazu gehörte die Ernennung zum Heermeister, eine hohe römische Würde«.

Gestern kam der irische Mönch Kilian Hilarus zu mir in meine Gruft und zog unter seiner Kutte zehn Pergamente hervor, zehn Kalbshäute, glatt und gut zu beschriften. Kilians Leibesumfang ist groß, der Wache war nicht aufgefallen, daß sein Umfang diesmal zwei Fingerdicken dicker war. Von nun an, so erklärte mir der Ire, bringe ich dir jede Woche zehn neue Häute hier herein und schaffe zehn beschriebene wieder hinaus. Die Geschichte muß gerettet werden. Und wenn ich sie am Ende mitnehmen müßte in mein Irland. Und dann mahnte er, ich solle diesmal keine lateinische Staatschronik schreiben, sondern sollte so genau wie möglich die wirklichen Begebenheiten notieren, und zwar in der Volkssprache, so daß sie beim Vorlesen alle sofort verstehen, nicht nur die Herren, sondern auch die Unfreien und jederlei Leute.

Probemus! »probieren wir?s«, hab ich ihm geantwortet, und wir haben uns lachend umarmt.

Auf der ersten Schreibhaut hat Kilian seinen Gott um Beistand angefleht und mir alle Kraft der Sinne gewünscht und alle Stärke des Kopfes. Wenn beides mich nicht verläßt und wenn das Todesurteil vorerst nicht vollstreckt wird, will ich tun, was er verlangt.

Und es sieht fast so aus, als bliebe mir genügend Zeit. Denn meinem Bruder, dem König Gunther, dem ist das Todesurteil offenbar peinlich. Und Kilian hat recht, ja, ich sollte tatsächlich alles Latein vermeiden. Obwohl auch er selbst in seinem frommen Vorspruch schon wieder Latein einsetzt, als verstünde sein Gott manche Angelegenheiten nur in der Herrensprache. O doch, diese Mühe sollte ich mir machen und für jedermann verständlich bleiben und nur deutsch schreiben, was schon deshalb nicht einfach wird, weil in der Mordgeschichte der Bischof viel Lateinisches geredet hat, aber auch Hagen und Krimhild und auch der Mann aus Xanten - und fast immer in den entscheidenden Momenten. Wir werden sehen.

Draußen, nicht weit von meinem Kerkerloch hat Kilian junge Leute postiert, seine Schüler. Auch sie haben den Erschlagenen geliebt. Lustige Kerle sind das, die hocken nun da draußen unter den Frühlingsbäumen, ich höre sie lachen. Heute morgen lehrte Kilian sie Latein, danach unterrichtete er sie im Keltischen, mit viel Gelächter. Jetzt braten sie sich was, es duftet sehr.

Wenn ein Wächter naht, werden die dort unten mich warnen, dann imitieren sie den Eichelhäher und werfen Steinchen ins Mauerloch, so ist es abgemacht. Meine Schreibtruhe hat einen doppelten Boden, unter dem sind die Pergamente rasch versteckt. Auf dem oberen Boden liegt die Fiedel. Seit dem Mord habe ich nicht wieder spielen können. Seitdem überlege ich nur noch, wie zu begreifen ist, was in der Wirklichkeit geschah. »In der Wirklichkeit« übersetzt Schazmans actually, obwohl das Wort »Wirklichkeit« im Deutschen erst mehrere Jahrhunderte nach Giselher/Kilians Notaten erfunden wurde, von der deutschen Mystik, 1312, von Meister Eckhart, westlich Straßburg, und zwar, wie Kenner des späten Mittelalters beteuern, unter der Wirkung elsässischen Weins. Noch heute erklären Iren »Wirklichkeit« für ein Erzeugnis alkoholischer Spiritualität. Das deutsche »Wörterbuch der Philosophie« (Fritz Mauthner) ignoriert das Stichwort »Wirklichkeit«. »Wahrheit« erklärt es in 54 Lexikon-Spalten.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 20.07.2002

Das ist der Nibelunge Talkshow
Neue Funde zu altgermanischen Debattenhelden: Jürgen Lodemanns Roman "Siegfried und Kriemhild"

Wenn jemand weiß, wo der Roman in diesen Tagen zu stehen hat, dann ist es der frühere Literaturredakteur Jürgen Lodemann: Vielsprachig, vielstimmig, ironisch gebrochen soll der Roman vor allem sein. Und so beginnt "Siegfried und Kriemhild" mit einer Vorrede des fingierten Herausgebers John J. B. B. Schazman. Schazman - Achtung: Nibelungenhort! - ist ein Ire des neunzehnten Jahrhunderts, der eine keltische Chronik des Nibelungenstoffes ins Englische übertragen haben will, sah er doch seine "eigene vertrackte Gegenwart" in der Geschichte von Liebe, Eifersucht und Mord gespiegelt.

"Keltisch" - das geht heute freilich leichter von der Zunge als "germanisch". Lodemann lebt in Irland, über Galway hat er einen Fernsehfilm gedreht, und von einem Buchhändler in Galway, so die Fiktion, habe er Schazmans Manuskript erhalten. Eine Urfassung der Nibelungen also, von Giselhers eigener Hand verfaßt, von dem irischen Mönch Kilian Hilarus gerettet und ins Keltische übertragen, mit gelehrten Anmerkungen versehen; an Leitmotiven, an multikulturellen und feministischen Tupfern fehlt es nicht; Meta-, Sub- und Paratexte und -fiktionen sind reichlich vorhanden.

Alles, was die postmoderne Literaturtheorie verlangt, findet der Leser im Übermaß; soweit die Erfolgsrezepte von Umberto Eco erlernbar sind, hat es Lodemann an Fleiß nicht fehlen lassen. Herausgekommen ist freilich ein unlesbares Buch. Weil Lodemann seinen Roman geschrieben hat, um etwas zu beweisen. Denn so steht es gleich zu Anfang in Kilians eigener Chronik-Vorrede: Der Mord an Siegfried ebenso wie Giselhers Schicksal seien "Beweise dafür, daß unsere heilige christliche Religion zu einer Todesreligion wird, die das Leben und die Welt verachtet, die nur noch das paradiesische Jenseits preist und nicht mehr das umsichtige Wirken im Diesseits". Primär war hier der Wille zur These. Jede Episode der Nibelungen-Geschichte wird diesem Willen geopfert. Statt eines Romans findet man eine Kopfgeburt.

Über den Stoff des mittelalterlichen Nibelungenlieds legt Lodemann ein Schema. Mit klaren Feldzeichen treten die Protagonisten an: Gegen die Freien und Fröhlichen stehen die Welt-Verfinsterer. Finster sind Rom und seine Wormser Agenten, finster ist die Macht im allgemeinen, die Kirche im besonderen, "Zinsraffwut" und Geldgier und vor allem Hagen. Er ist als Übeltäter leicht erkennbar: "Über seine Zahnspitzen sah ich im Flackerlicht die grinsenden, die rissigen Lippen", notiert Giselher. Heiter sind dagegen die Kelten, fröhlich ist der Glaube an Erdmutter Gaia, fröhlich sind die Freiheit, die Toleranz und ihr Vorkämpfer Siegfried. So fällt dem Leser die Orientierung nicht schwer. Er weiß, daß es die Bischöfe sind, die "die Juden, die Heiden und die Frauen" verdammen und von Materie oder Lebenslust nichts wissen wollen.

Zwar ist auch Kilian Hilarus kein Heide, aber durch seinen Beinamen den Fröhlichen zugeordnet. Er gehört zur "heiteren Christuskirche der Iren". Bei den Finsteren steht naturgemäß Bischof Ringwolf, der schon zu Beginn Siegfried den Zutritt nach Worms verwehren will. Siegfried nämlich ist der Hoffnungsträger der antirömischen Partei, gilt er doch als Nachkomme von Hermann dem Cherusker, der die Streitkräfte des Imperiums erstmals hatte zurückschlagen können. Lodemann sieht ihn als wiedergekehrten Spartakus. Der junge Held jedenfalls ist "kein Trauerkloß", ihm kann keiner mit "Geistesgedöns" kommen.

Auch Giselher hält es lieber mit der "schönen Freiheitsreligion des Jesus" als mit der "kirchlichen MachtArbeit", der "Angstseuche", ja dem "Angst-Terror des RomImperiums". Niemanden wird es überraschen, daß die Kirchenmänner sich in diesem Roman als Frauenfeinde hervortun. Die Frauen nämlich pflegen die "Baumkraft"; ihnen ist das alte Wissen anvertraut, das geradewegs aus einem Wochenend-Workshop des Jahres 1977 zum ganzheitlichen Leben zu stammen scheint. Natürlich muß der Männerneid ihnen diese Kraft entwenden, wie Hagen es dem Bischof Ringwolf eingeflüstert hat: "Zertrenne du die Geister von den Leibern. Die Weisheit von den Weibern. Mit den Zertrennten operiere dann ich". Wie Hagen die Kriegstreiberei, so vertreten die Frauen den Friedenswillen: "Für Frau Sieglind ist das Sternbild Orion kein Jäger, sondern eine riesenhafte Kuh. Ein friedliches Rind. Nicht um Eisen, Kampf und Speerstöße geht es ihr, sondern um Milch und Sonne und Freundlichkeit." Daß es gerade ein männlicher Autor ist, der uns mit solch kuhwarmer Weisheit traktiert, macht die Sache nur peinlicher.

Die Sprache dieses Buchs will den Ton mündlichen Erzählens treffen. Manches klingt wie vom seligen Felix Dahn - "Weh, ächzte Hagen" -, an anderen Stellen häufen sich genaue Benennungen, die pralles Leben simulieren sollen: Da findet sich das "Unschlitt-Lämpchen" neben dem "Rupfenrock". Und deshalb muß Hagen ebenso regelmäßig rülpsen ("Qualp") wie sonstige Leibeswinde entlassen. Wer das Buch liest, tut gut daran, gelegentlich zu lüften.

Als die Nibelungen, im letzten Abschnitt, die Reise in den Osten antreten, in Etzels und Kriemhilds Land, machen sie Rast bei Miltenberg. Die Sonne geht unter. Die Beleuchtung der Szene gibt dem starr-fanatischen Geistlichen nur das Stichwort, um auf den "überaus dämonischen Mithraskult" zu sprechen zu kommen, dem Etzel mit seinen Hunnen anhänge - er sieht den Zug als Missionsreise. "Da fragte ich", so wirft Kilian ein, "den schmächtigen Gotteskrieger, warum wir den Herrn Etzel nicht glücklich sein lassen könnten mit seinem Sonnenglauben, es sei doch die Sonne vor allem, was die unfaßlich schöne Gottheit geschaffen habe, das Hellste und Wunderbarste, die Kraftquelle für jedes Leben."

Wie zu erwarten, eifert der Gottesmann für Maria und die Trinität, worauf Kilian seine Sonnenpredigt wiederaufnimmt: "Und lieber Bruder, auch dann, wenn wir selber längste zur Erde geworden sind, auch dann, denk dir, wird immer wieder neu ringsherum und allenthalben dies lüsterne Blühen sein und wird, von der Sonne geweckt, immer von neuem solch zwitschernde, betäubend duftende Zeugungsfreude sich tummeln, in unendlicher Lust, voller Begehren nach neuem Leben." So angestrengt poetisch, so herzlich platt redet er über Seiten, und so wiederholt es sich in jedem Kapitel. Mädchenschönheit, Vogelzwitschern, Hagen-Bosheit sind Anlässe nicht fürs Erzählen, sondern für Debatten. Der Leser wird in die große Nibelungen-Talkshow über die heidnisch-christliche Epochenschwelle versetzt.

Wer sich, wie Lodemann, ehrenamtlich im Schriftstellerverband engagierte, wer gar den Beruf des Literaturredakteurs wählte, der hat gezeigt, daß ihm an Büchern etwas liegt. Nur über die eigene schriftstellerische Begabung ist damit noch nichts gesagt. Kaum war das Buch allerdings erschienen, da stand es, im Juni, auf Platz eins eben jener SWR-Bestenliste, die Lodemann einst begründet hatte, in diesem Monat immerhin noch auf Platz zwei. Wollen wir der fröhlichen Partei zustimmen, die von einer Hommage an den alten Kollegen spricht, oder der finsteren, die sich abwendet?

Jürgen Lodemann: "Siegfried und Kriemhild". Roman. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002. 887 S., geb.

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