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Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle

Verdrängt und ungesühnt. Auflage 2002. KART.
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Produktdetails

Titel: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle

ISBN: 3506742043
EAN: 9783506742049
Verdrängt und ungesühnt.
Auflage 2002.
KART.
Herausgegeben von Burkhard Jellonek, Rüdiger Lautmann
Schoeningh Ferdinand GmbH

1. Januar 2002 - kartoniert - 428 Seiten

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 14.05.2002

Keine Opfer zweiter Klasse
Die Verfolgung von Homosexuellen während des "Dritten Reiches"

Burkhard Jellonnek/Rüdiger Lautmann (Herausgeber): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002. 428 Seiten, 34,80 Euro.

Im Herbst 1996 referierten und diskutierten Historiker, Soziologen und Mediziner auf einem Kongreß zum Thema "Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich". Die jetzt gedruckt vorliegenden Vorträge dokumentieren den Kenntnisstand zu wesentlichen Aspekten der Verfolgung zwischen 1933 und 1945 im deutschen Machtbereich. Weitere thematische Schwerpunkte reichen von der "Frauenliebe im Dritten Reich" über die "Wiedergutmachung an homosexuellen NS-Opfern in der Bundesrepublik Deutschland" bis zur "Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit".

Wolfgang Benz beschreibt die "späte Wahrnehmung nichtjüdischer Opfer" und den "Platz der Homosexuellen" im "Schatten des Holocaust". Unter den Opfern des nationalsozialistischen Regimes hätten die Homosexuellen einen "besonderen Platz", weil nicht nur deren Diskriminierung nach 1945 anhielt und Haftentschädigung verweigert wurde, sondern auch ihre strafrechtliche Verfolgung bis in die sechziger Jahre fortdauerte - in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR. Burkhard Jellonnek, der staatspolizeiliche Fahndungs- und Ermittlungsmethoden gegenüber Homosexuellen untersucht, kommt zu dem Befund, daß bloßer Homosexualitätsverdacht nicht automatisch zur Einweisung in ein Konzentrationslager führte. Gleichgeschlechtliche Handlungen mußten im Einzelfall nachgewiesen werden. Außerdem versuchte die Geheime Staatspolizei, die "Verführer" von den "Verführten" zu trennen. "Umerziehung" lautete das Programm, das zwangsweise Psychotherapie oder Kastration vorsah.

John C. Fout präsentiert nach Auswertung mehrerer hundert Justizakten aus bundesdeutschen Archiven neue Forschungsansätze über Alltagsleben und Verfolgung der Homosexuellen. Nach seinen Erhebungen waren es "gerade Angehörige der Arbeiterschicht", die überproportional in die Fänge der Gestapo gerieten. An vier Orten kamen Homosexuelle vor allem ums Leben: in Zuchthäusern, Konzentrationslagern, Heilanstalten und in den Bewährungseinheiten der Wehrmacht. Trotz aller Repressionen sei es dem Regime jedoch nicht gelungen, die homosexuelle Subkultur nachhaltig zu unterdrücken. Fout kann nachweisen, daß während der gesamten Zeit des "Dritten Reiches" die Homosexuellen-Treffpunkte wie Bars und Kneipen in den Großstädten geöffnet blieben. Eine systematische Verfolgung und Vernichtung - vergleichbar dem Genozid an Juden - habe nicht stattgefunden.

Auf vergleichsweise schmaler Quellenbasis porträtiert Manfred Herzer vier "schwule Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus". Seinem Beitrag liegen mehr Mutmaßungen als gesicherte Erkenntnisse zugrunde. Um so provozierender wirkt seine Frage, ob nicht manche Homosexuelle so lange Sympathien für das nationalsozialistische Regime hegten, "bis es sich in den Röhm-Morden" (1934) entlarvte. Zu Beginn der dreißiger Jahre hätten sich etliche Homosexuelle der NS-Bewegung angeschlossen - nicht zuletzt wegen deren "Ästhetisierung als Bund jugendlicher, aggressiver Männer".

Folgt man dem Beitrag von Harry Oosterhuis, liegt die Haupttriebfeder der Homosexuellenverfolgung in dem Versuch, die im nationalsozialistischen Regime grundlegenden Männerbünde zu entsexualisieren. Die ihnen "drohenden gleichgeschlechtlichen Gefahren" hätten geradezu "eine antihomosexuelle Obsession" ausgelöst.

Angela H. Meyer berichtet über die Diskriminierung lesbischer Frauen in Österreich. Im österreichischen Strafgesetzbuch zielten die Paragraphen 129 und 130 ("Unzucht wider die Natur") nicht allein auf männliche Homosexuelle, sondern auch auf lesbische Frauen. Diese Vorschriften blieben auch nach dem "Anschluß" Österreichs an das Deutsche Reich (1938) in Kraft. Lesbische Frauen sind vornehmlich als "asoziale Psychopathen" und angebliche Prostituierte verfolgt worden. Nicht selten wurden sie auf Grund der "Reichsfürsorgeverordnung" in Arbeitsanstalten eingewiesen oder in psychiatrischen Anstalten der Zwangssterilisation unterworfen.

Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags, hat dem Sammelband ein eindrucksvolles Geleitwort vorangestellt. Homosexuelle Opfer der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus seien von der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit tabuisiert, oftmals auch schlicht vergessen worden. Das Leid, das diesen Menschen angetan worden sei und das den Überlebenden immer unauslöschlich vor Augen stehe, müsse vor dem Vergessen bewahrt werden. Aller Opfer der nationalsozialistischen Diktatur sei gleichermaßen zu gedenken. Homosexuelle seien keine "Opfer zweiter Klasse".

HANS-JÜRGEN DÖSCHER

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