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Der verlorene Sohn

Roman. 2. Auflage.
Buch (gebunden)
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Akhulgo, Nordkaukasus, 1839: Jamalludin wächst als Sohn eines mächtigen Imams auf. Seit Jahrzehnten tobt der Kaukasische Krieg, und sein Vater wird von der russischen Armee immer mehr bedrängt. Schließlich muss er seinen Sohn als Geisel geben, um die … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Der verlorene Sohn
Autor/en: Olga Grjasnowa

ISBN: 335103783X
EAN: 9783351037833
Roman.
2. Auflage.
Aufbau Verlag GmbH

7. September 2020 - gebunden - 383 Seiten

Beschreibung

»So sinnlich und anschaulich wie Olga Grjasnowa schreiben auf Deutsch nur wenige.« DER SPIEGEL.

Akhulgo, Nordkaukasus, 1839: Jamalludin wächst als Sohn eines mächtigen Imams auf. Seit Jahrzehnten tobt der Kaukasische Krieg, und sein Vater wird von der russischen Armee immer mehr bedrängt. Schließlich muss er seinen Sohn als Geisel geben, um die Verhandlungen mit dem Feind aufzunehmen, und Jamalludin wird an den Hof des Zaren nach St. Petersburg gebracht. Bald schon ist der Junge hin - und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach seiner Familie und den verlockenden Möglich keiten, die sich ihm in der prächtigen Welt des Zaren bieten. Olga Grjasnowa erzählt sprachmächtig von einem Kind, das zwischen zwei Kulturen und zwei Religionen steht und seine Identität finden muss. Und von der verheerenden Wirkung eines Krieges, in dem es keine Sieger geben kann.

»Olga Grjasnowa ist eine vielbeachtete Stimme ihrer Generation.« NDR

Portrait

Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan. Längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, Israel und der Türkei. Für ihren vielbeachteten Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" wurde sie mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr "Gott ist nicht schüchtern". Der Roman wurde zum Bestseller und hat sich 50 000 mal verkauft. Olga Grjasnowa lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Pressestimmen

»Kultur entsteht aus Vermischung - wer kann noch daran zweifeln, wenn er eine Lesung mit Olga Grjasnowa erlebt!«

»Grjasnowa wird dabei nie sentimental, sondern schreibt schnörkellose Sätze, die nachfühlen lassen, wie Menschen an dem Spagat zwischen zwei Kulturen zerbrechen können. Eindrucksvoll!«

»Sie weiß, was es bedeutet, in der Fremde neu zu beginnen.«

»Olga Grjasnowa zeigt mit viel Gespür für Nuancen, wie schwer, ja aussichtlos es sein kann, fremden Zuschreibungen und Markierungen zu entkommen zumal in einer Welt, in der strenge ethnische und soziale Grenzlinien gezogen werden.«

»Genau dieses Dazwischen ist es, das ihre Bücher so prägt und so interessant macht.«

»Die Geschichte eines Menschen, der aus allen Zusammenhängen gerissen wird und nicht mehr weiß, wo er hingehört.«

»Ein Buch, das sich gut liest und das packt. Und im Mittelpunkt steht die Frage: Was prägt mehr - die Herkunft oder Bildung, Erziehung und Begegnungen?«

»Man sollte über Tschetschenien, über Dagestan und überhaupt über die Lage im Kaukasus nicht sprechen,ohne Olga Grjasnowas Der verlorene Sohn gelesen zu haben.«

»Entwurzelung, Großmachtstreben, Antisemitismus Olga Grjasnowa findet viele gegenwärtige Themen.«

»Mit erzählerischer Schärfe gelingt die Verbindung aus packender Historie und menschlichem Schicksal.«

»Wie präzise und konsequent Olga Grjasnowa diese Geschichte erzählt ist beeindruckend. "Der verlorene Sohn" ein großartiger Roman fesselnd und voller Weisheit.«

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 10.10.2020

Die Rückkehr macht ihn zum Monster

Olga Grjasnowas "Der verlorene Sohn" nutzt einen Topos der europäischen Literaturgeschichte für ein Romanexperiment: Wie erzählt man einen Stoff des neunzehnten Jahrhunderts im einundzwanzigsten?

Von Tilman Spreckelsen

Sein Vater liefert ihn als Geisel dem russischen Feind aus, seine Mutter versichert dem Neunjährigen: "In ein paar Tagen bist du wieder bei mir", und als Jamalludin an diesem Augusttag 1839 tatsächlich im Lager der Gegner ankommt, ahnt er nicht, dass aus den paar Tagen mehr als fünfzehn Jahre werden sollen. Denn Zar Nikolai, der auf die Auslieferung des ältesten Sohnes seines Widersachers, des awarischen Fürsten Schamil, als Vorbedingung zu Friedensverhandlungen bestanden hatte, kassiert den Knaben und lässt ihn über einige Umwege nach Petersburg bringen, während er das Reich von dessen Vater im heutigen Dagestan weiter mit Krieg überzieht.

Jamalludin, der anfangs kein Wort Russisch spricht, wird auf eine Kadettenanstalt gesteckt. Er erweist sich als intelligenter Schüler, tut sich allerdings schwer mit der Disziplin, die man von ihm verlangt. Der Zar selbst nimmt Anteil an seinem Werdegang und zeichnet ihn bei jeder Begegnung aus. Dass er sich fremd fühlt und von Lehrern oder Mitschülern wegen seiner Fremdheit argwöhnisch beäugt wird, ändert sich durch diese Gunstbeweise nicht. Er selbst beharrt auf dieser Rolle, klammert sich an die Erinnerungen, die ihm von seiner Heimat bleiben und die dennoch immer unklarer werden, an die awarische Sprache, die ihm entgleitet, an den Islam. Und als er seinen ebenfalls nach Petersburg entführten Vetter Gamzat trifft, der sich längst in der russischen Kultur aufgehoben fühlt, stehen die beiden Jungen kurz vor einer Prügelei.

Doch Jamalludin verliebt sich ("Clara war das Leben selbst"), verliebt sich ein weiteres Mal (Lisa "glich einem Schmetterling, unbeschwert und frei"), will sich verheiraten und steht vor einer Karriere in der russischen Armee, als sein Vater den mittlerweile 24 Jahre alten Offizier nun doch freipressen kann. Für Jamalludin ist das ein Schock, schließlich ist er sich über seine kulturelle Identität alles andere als klar. Zurückgekehrt ins religiös recht strikte Reich seines Vaters, des Imams, wird er von Beginn an als Verräter angesehen, gar als "Monster", wie ihm bei einer Rundreise klarwird. Seine Kenntnisse der russischen Armee und Verwaltung sind zwar nützlich, lassen den Argwohn der anderen aber nicht kleiner werden. Nützlich im Krieg ist er nicht, und der Frieden, den er herbeiführen möchte, ist unter den Gotteskriegern verpönt.

Mit ihrem Roman "Der verlorene Sohn" greift die 1984 im aserbaidschanischen Baku geborene Olga Grjasnowa, die in Berlin lebt und auf Deutsch schreibt, ein Modethema des neunzehnten Jahrhunderts auf: die jahrzehntelangen erbitterten Kämpfe des awarischen Imams Schamil gegen die russischen Invasoren im Kaukasus. Bereits um 1850 kursierten in Westeuropa kolorierte Stiche, die "Schamyl den Schreckbaren, Held und Prophet im Kaukasus" zeigten. Sein Kampf gegen den Zaren fand damals Eingang in Enzyklopädien, ihm wurden Sachbücher und Romane gewidmet ("Die Völker des Kaukasus und ihre Freiheitskämpfe gegen die Russen", "Prinz Schamyls Brautwerbung" und vieles mehr), Sammelbilder von Liebigs Fleischextrakt zeigten seine endgültige Niederlage im Jahr 1859, der georgische Autor Grigol Robakidse griff eine Episode für seine "Kaukasischen Novellen" auf, und bis in die jüngere Zeit ist sein Schicksal Thema in Jugendbüchern. Unter all diesen Adaptionen ragt Leo Tolstois erst postum veröffentlichter Roman "Hadschi Murat" heraus, der dem awarischen Kampf gegen die Russen ein Denkmal setzt, und in Rassul Gamsatows Roman "Mein Dagestan" von 1972 erzählt der Autor ausführlich von dem Imam, aber auch vom Verlust seines Sohnes an die Russen und davon, was auf die Rückkehr des bei Gamsatow "Dshamalutdin" genannten jungen Mannes folgt: die Entfremdung von der Heimat, das Unverständnis zwischen Vater und Sohn, der sich beiden Kulturen angehörig fühlt. "Zwei Adler lebten in Dshamalutdins Brust. Sie zerrissen sein Inneres."

Dieser Disposition gilt das Interesse Grjasnowas, und auch wenn die Perspektive des entwurzelten jungen Mannes nicht konsequent durchgehalten, sondern mit vielen erklärenden Beobachtungen jenseits dieses Horizonts begleitet wird, konzentriert sie sich auf Jamalludins Geschichte, auf sein Aufwachsen ohne Eltern in der Fremde und auf die Frage, woran sich jemand festhält, der in dieser Situation nicht einmal Briefe oder wenigstens Nachrichten von der Familie erhält. Eine wichtige Rolle spielen Sprachen, ihr Erwerb und ihr Verlust, spielen Freundschaften und Momente des gesellschaftlichen Aufstiegs. Aber auch das Misstrauen gegenüber der neuen Umgebung wird eingefangen, die ewige Wachsamkeit, ob nicht wieder jemand heimlich oder offen den Fremden abschätzig betrachtet.

Zugleich bemüht sich Grjasnowa darum, Jamalludins Schicksal in die Historie einzubetten, den Glanz des Zarenhofs zu schildern und das wachsam beobachtete Elend der anderen. Von fern wetterleuchten Dumas, Tolstoi, Dostojewskij oder die Sängerin Henriette Sontag, was mal organisch und dann wieder herbeigezwungen wirkt. Auch Puschkin erscheint unter diesen Verweisen, mit ihm allerdings wesentlich konkreter die Familie Olenin - der Dichter war einst in eine Anna Olenina verliebt gewesen, deren Neffe bei Grjasnowa nun zu Jamalludins Freund avanciert und dessen Schwester Lisa wiederum zur Verlobten des jungen Mannes.

Die Erzählerin zeigt dabei keine Scheu vor Floskeln, und leise Töne sind ihre Sache nicht. Da sind "die endlosen Ebenen Russlands" oder "die unendlichen Weiten der russischen Landschaft" und dergleichen mehr, der "hochsommerliche Nachmittag floss dahin wie Honig", und der verliebte Jamalludin kreist um Lisa "wie die Motte um das Licht". Erzählt wird gern in Gegensätzen, was die Dinge klarer erscheinen lässt, als sie vielleicht sind, Figuren werden eingeführt und wieder fallengelassen, und doch hält die Frage nach Identität und Zugehörigkeit, die sich etliche Protagonisten aus nachvollziehbaren Gründen stellen, das bunte Figurenensemble um Jamalludin so weit zusammen, dass man der Handlung folgt.

Dass der Stoff dazu taugt, ihn historisch zu betrachten und auf die Gegenwart zu beziehen, steht außer Frage. Deshalb liest man den Roman mit Gewinn. Warum sprachlich so ausgetretene Pfade gewählt werden, erschließt sich dagegen nicht. Erst auf den letzten Seiten zeigt die Autorin, dass sie auch anders kann, dass sie, im Stil plötzlich nüchtern und zugleich innovativ, eine Wirkung erzeugen kann, die man zuvor vermisste.

Olga Grjasnowa: "Der verlorene Sohn". Roman.

Aufbau Verlag, Berlin 2020. 383 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
Bewertungen unserer Kunden
Entwurzelung
von Kaffeeelse - 21.09.2020
Olga Grjasnowa kann sehr gut schreiben. Dieses Buch fesselt und bedrückt. Auch wenn man sich denken kann auf was die Schreibe zusteuert, ist es dennoch spannend geschrieben und zeigt was eine Entwurzelung ist und was Wurzellosigkeit bedeutet. Ebenso zeigt es zwei Kulturen und ihre Unterschiede, beleuchtet dabei recht geschickt beide Seiten und das Herumirren des Hauptcharakters zwischen ihnen. Ein Hauptcharakter, den man bedauern kann, der einem leid tut. Für den es kein entrinnen gibt! Dieses Buch handelt in historischen Zeiten, ist im 19. Jahrhundert angesiedelt. Dennoch ist die Handlung auf anderes übertragbar, denn ein Herumirren zwischen den Kulturen wird es immer geben, bzw. solange es verschiedene Kulturen gibt. Unsere Welt steuert ja immer mehr auf eine verwestlichte Welt zu und immer mehr Kulturen verschwinden nach und nach. Aber noch gibt es kulturelle Unterschiede und so ist Jamalludins Odyssee auch ein Beispiel. Jamalludin wird als Junge von seiner awarischen Heimat in den dagestanischen Bergen des nördlichen Kaukasus als Geisel im Kaukasuskrieg ins Russische Reich gebracht. Von seiner Heimat/von seiner Familie/von seiner Kultur/von seinem Glauben wird der Junge fortgerissen, muss sich neu anpassen, vermisst seine Eltern, wundert sich über den fehlenden Kontakt, wird älter, wird reifer, Jahre vergehen. Jamalludin passt sich an, wird ein Bewohner des Russischen Reichs, verliebt sich, doch merkt er nicht, dass er nur zum Schein anerkannt wird. Er, der einst in den Bergen Dagestans groß geworden ist, der die restliche Zeit im Russischen Reich erwachsen wurde, steht nun zwischen den Welten, ist entwurzelt und hat neue Wurzeln sprießen lassen. Doch halten diese den Stürmen des Lebens stand? Olga Grjasnowas Schreibe ist ein Highlight, sie bringt einfühlsam einen verlorenen Menschen nahe. Eine Autorin, die ich mir merken werde!!!
Der verlorene Sohn
von Sabine Rave - 20.09.2020
Im Jahr 1838 wird Jamalludin der Sohn eines mächtigen Imans als Geisel an den russischen Zaren gegeben. Am Hof des Zaren in St Petersburg erwartet ihn eine völlig neue Welt. Der Junge ist auf der einen Seite fasziniert von der schillernden Welt die er hier erlebt, auf der anderen Seite vermisst er seine Familie. Die Autorin erzählt eine mitreißende Geschichte, die dem Leser sehr eindrucksvoll Einblicke in das Leben der russischen Adeligen gibt. Es ist spannend diese Welt mit den Augen eines Heranwachsenden zu sehen, der in einer völlig anderen Welt aufgewachsen ist. Vor dem inneren Augen erwachen Kadettenanstalten genauso wie Tanzsäle und der Zarenpalast zum Leben. Wir erleben Vorurteile gegen das Fremde, aber auch Freundschaft und Liebe. Jamalludin ist ein interessanter Charakter, mit dem man gerne durch die Geschichte geht und der einen Einblicke in seine Gedankenwelt und sein Leben gibt. Absolut lesenswert uns authentisch.
Kann man die Heimat wechseln?
von G. Schad (Hugendubel Landshut) - 16.09.2020
Ein höchst aktuelles Thema im Gewand eines historischen Romans: Wo ist die Heimat eines Menschen, kann man sie wechseln? In wunderbarer, farbenreicher Sprache erzählt dieser Roman sehr eindringlich von Jamalludin, der sich die Heimatfrage gleich zweimal in seinem leben stellen muss.
Tief abtauchen
von yellowdog - 06.09.2020
Beim Lesen von Olga Grjasnowas großartigen, neuen Roman "Der verlorene Sohn" habe ich mir keine Gedanken gemacht, was ich schlaues als Rezension schreiben kann. Dazu war keine Zeit, da ich ganz und gar in die Handlung und ins 19.Jahrhundert in Russland und im Nordkaukasus versunken war. Man erlebt Jamalludins Entwicklung von Ende der 30ziger bis Ende der 50ziger Jahre des 19.Jahrhunderts mit. Seine kurze Kindheit bei seiner Familie als Sohn eines Imams, dann jahrelang als Geisel in Russland, wo er aber auch eine hochwertige Offiziersausbildung erhält, bis er schließlich nach 15 Jahren zurückkehrt. Aber das wird eine schwierige Heimkehr, zu sehr wurde er inzwischen von dem moderneren Russland geprägt. Diese Wandel von einer Welt in die andere und zurück, bewirken etwas bei einem Menschen. Zudem kommen andauernde Konflikte, denn die anfangs erhoffte Annäherung scheitert, weil die Führer zu sehr Hardliner sind. Eigentlich ist der Roman nicht so kurz, aber ich habe ihn innerhalb einiger intensiver Lesestunden gelesen. Diesem Roman wünsche ich so viel Erfolg wie möglich!
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