Der Sound der Macht

Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. Klappenbroschur.
Buch (kartoniert)
Die Bundeskanzlerin erklärt ihre Entscheidungen für «alternativlos». Der Finanzminister fordert andere dazu auf, «ihre Hausaufgaben zu machen». Und gebetsmühlenartig versichern Politiker nach Wahlniederlagen, «die Sorgen der Bürger künftig ernst zu n … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Der Sound der Macht
Autor/en: Astrid Séville

ISBN: 3406727220
EAN: 9783406727221
Eine Kritik der dissonanten Herrschaft.
Klappenbroschur.
Beck C. H.

28. August 2018 - kartoniert - 191 Seiten

Beschreibung

Die Bundeskanzlerin erklärt ihre Entscheidungen für «alternativlos». Der Finanzminister fordert andere dazu auf, «ihre Hausaufgaben zu machen». Und gebetsmühlenartig versichern Politiker nach Wahlniederlagen, «die Sorgen der Bürger künftig ernst zu nehmen». Das ist der «Sound der Macht», den niemand mehr hören mag. Astrid Séville erklärt den Verfall der politischen Sprache in Deutschland - und welche Folgen das für die Demokratie hat.

Viel zu lange haben unsere Politiker mit ihren Phrasen notwendige gesellschaftliche Debatten über politische Zukunftsentwürfe schon im Keim erstickt. Das schlägt nun wie ein Bumerang auf sie zurück: Die Politikverdrossenheit ist einem wütenden Anreden gegen die Politik gewichen, einer toxischen Gegensprache, in der diffamiert, gehetzt und gelogen wird. Die etablierten Parteien reagieren hilflos auf diese Entwicklung. Sie wollen die Menschen wieder abholen, wo sie sind, und machen sich die Ressentiments ihrer populistischen Jäger selbst zu eigen. Die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville plädiert in ihrem Buch für eine neue demokratische Streitkultur und fordert von unseren Abgeordneten den Mut, sich dem Verfall der politischen Sprache in Deutschland offensiv entgegenzustellen - notfalls auch mit der Konsequenz, abgewählt zu werden.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt



Einleitung: Die Fallstricke politischer Sprache im Zeitalter des Populismus



1. Kapitel


«There is no alternative» Die lange Geschichte einer fatalen Floskel



2. Kapitel


«Hausaufgaben machen» Die toxischen Phrasen politischer Ökonomie



3. Kapitel


«Wir sind das Volk» Die diskursive Privilegierung der Unterprivilegierten



4. Kapitel


«Mut zur Wahrheit» Die Unkultur des Disclaimers



Schluss: Die Dissonanzen unserer Zeit



Anmerkungen

Portrait

Astrid Séville lehrt Politische Theorie an der Ludwig- Maximilians-Universität München. 2016 erhielt sie für ihre Doktorarbeit den renommierten Deutschen Studienpreis. Sie ist Mitglied im Jungen Kolleg der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und in der Jungen Akademie Mainz.

Pressestimmen

"Für eine gelingende Demokratie ist zumindest diese Debatte alternativlos."
Tagesspiegel, Valentin Feneberg

"(Séville) entlarvt die Politikersprache."
HNA Online, Thomas Kopietz

"Séville ist eine scharfe Beobachterin der politischen Kommunikation und besticht (...) mit ihrer Diskursanalyse von Spitzenpolitikern und deren rechtspopulistischen Gegnern."
Deutschlandfunk Kultur, Hannah Bethke

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 24.11.2018

Handbrevier für Mundwerker

Wird wirklich alles gut, wenn wir bloß anders miteinander reden? Astrid Séville plädiert für einen neuen Stil der politischen Sprache.

Von Philip Manow

Dass man eigentlich politisch schon die ganze Zeit das Richtige tue, dass es bedauerlicherweise nur mit der Vermittlung dieser basalen Wahrheit gegenüber den Wählern noch hapere, ist eine jener Standardformeln, die Politiker gerne bemühen, wenn Umfragewerte oder Stimmanteile mal wieder enttäuschend ausfallen. Von einem Buch über die "toxischen Phrasen" der Politik hätte man vielleicht erwarten können, die in einer solchen Formel enthaltene, unsägliche Reduktion von Politik auf Sozialpädagogik plus Marketing analysiert und seziert zu bekommen.

Umso erstaunlicher, sie unter der Hand zur zentralen Arbeitshypothese von Astrid Sévilles "Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft" verwandelt zu sehen. Denn Politik hat sich bei Séville weniger um die Dinge als um die Ansicht der Dinge zu kümmern, sie ist wesentlich Weltbildproduktion durch Worte, und dort, wo sie scheitert, eben gescheiterte Weltbildproduktion. Dann muss also noch an der Rede gearbeitet werden, nicht an den Verhältnissen, denn das Problem sei ja der Verfall der politischen Sprache. Hier, so der Eindruck, affiziert das konstruktivistische Selbstmissverständnis zeitgenössischer Politik, deren ,Wirklichkeit' nur noch in ihrer Medienresonanz zu bestehen scheint, die Analyse ebendieser Politik.

Ja, Politiker sind "Handwerker, die mit Wörtern arbeiten" (? ñigo Errejón von der spanischen Podemos), also eigentlich Mundwerker. Gefragt, was er Tag für Tag hauptsächlich tue, antwortete Präsident Obama: sprechen. Ganz folgerichtig erscheint aus Sévilles Perspektive beispielsweise die Euro-Krise als "Kommunikationsdesaster". Sie war also nicht, wie der eine oder andere irrigerweise meinen könnte, in erste Linie ein geld- und fiskalpolitisches Desaster.

Hätte man den Spread zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen also nur zu besprechen brauchen wie eine Warze? Und hätte es die Rettungspakete, denen regelmäßig im Bundestag Regierungsmehrheit und Opposition gleichermaßen zustimmten, irgendwie weniger alternativlos gemacht, wären sie nicht von der Kanzlerin zuvor als alternativlos bezeichnet worden? Wobei es bei Merkels Rede ihre entpolitisierende Absicht, ihr ,chloroformierender' Effekt ist, der die Autorin stört und bei ihr dann schon wieder die "Sehnsucht nach einer politisierenden Thatcher" und deren harscher, konfrontativer There-Is-No-Alternative-Rhetorik weckt, die aber ihrerseits wenige Seiten zuvor beklagt worden war. An dieser Kritik der Rede von der Alternativlosigkeit fällt also vor allem die Alternativlosigkeit der Kritik auf.

Anhand von vier exemplarischen Politfloskeln - "alternativlos", "Hausaufgaben machen", "wir sind das Volk" und "sich ehrlich machen" - lässt die Autorin das politische Geschehen der jüngsten Vergangenheit, vor allem von Euro- und Flüchtlingskrise, noch einmal meinungsstark Revue passieren, wechselt dabei aber auch gerne von der Analyse der politischen Rede direkt zu ihr. Zahlreich die Appelle, was ,wir' jetzt zu unternehmen und zu unterlassen hätten, was nun geboten sei und vordringlich wäre, was wir gut beraten wären zu tun - vor allem und am wichtigsten nämlich: "einen neuen Sound der Macht zu kultivieren".

Wobei die Diagnosen zuweilen Zweifel daran wecken, ob die Sprachkritik hier wirklich in den berufensten Händen liegt, etwa wenn bei der Autorin das "Missmanagement der Krisenkommunikation" zu einem "Sündenfall" wird, "der einen großen Stein ins Rollen gebracht hat". Bei Séville "verpufft" eine Sprache, "weil sie ausgelutscht ist", bei ihr "kommt der Motor des deutsch-französischen Tandems mächtig ins Stottern", und es wird auch nicht etwa nur "Öl ins Feuer gegossen". Nein, hier wird "mit unüberlegter Arroganz noch mehr Öl ins Feuer gegossen". Wenn das doch wenigstens mit überlegter Arroganz geschehen wäre, denkt man unwillkürlich. Und zugleich: was machen bei C.H. Beck eigentlich die Lektoren?

Die aktuelle Krise der Demokratie scheint aber nicht hinreichend damit erklärt, dass zuletzt besonders schlecht geredet worden wäre. Es ist ja nicht völlig auszuschließen, dass die technokratische Rede die faktische Einengung der politischen Handlungsspielräume nationaler Regierungen in Zeiten von Globalisierung und Europäisierung recht getreu widerspiegelt. Dann aber wäre eine Kritik des technokratischen Neoliberalismus vielleicht etwas vordringlicher als eine Kritik am "technokratischen Sound des Neoliberalismus" (Séville).

Die Forderung nach einer neuen politischen Sprache erscheint in etwa so hilflos wie die Einschätzung, was Europa nun vor allem brauche, sei ein neues Narrativ. Eine neue Erzählung, und schon sind alle Interessenkonflikte wie fortgespült? Hierzu hat Gertrude Lübbe-Wolff in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 6. Januar) bereits alles Notwendige gesagt - zusammengefasst: forget it!

Und es scheint bemerkenswert, dass sich eine solche Forderung nach einer neuen politischen Sprache auch in dem gängigen Urteil wiederfindet, beim erstarkenden Populismus ginge es eigentlich nur um eine besonders intensive Ausgrenzungsrhetorik, er sei im Wesentlichen nur sprachliche Intensität ohne politischen Inhalt. Also auch hier die Vorstellung, das Problem sei im Kern ein sprachliches. Wenn das mal nicht den Konflikt auf dramatische Weise missversteht. In dem Lösungsvorschlag aber, der Forderung nach einem "neuen Sound der Macht", gehen die politische Praxis des manipulativen Spins und die romantische Vorstellung von der Politik als fortwährendem Gespräch eine seltsame Liaison ein.

Und ein Bürgertum darf sein im Kern unpolitisches Verständnis von Politik in die Illusion hinein verlängern, dass schon alles gut wird, wenn wir doch bloß anders miteinander reden würden.

Astrid Séville: "Der Sound der Macht". Eine Kritik der dissonanten Herrschaft.

C. H. Beck Verlag, München 2018. 192 S., br.

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