... alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie als Buch (kartoniert)
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... alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie

Enthüllung und Dokumentation eines literarischen Skandals. Dokumentation über die erfundene Auschwitz-Biographie…
Buch (kartoniert)
Fünf Jahre lang wurden die "Bruchstücke" des KZ-Überlebenden Wilkomirski, 1995 in Frankfurt/Main erschienen, als Klassiker der Shoa-Literatur gefeiert. Ihre Entlarvung als skandalöse Fälschung ging durch das internationale Feuilleton. Für die Offenle … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: ... alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie
Autor/en: Daniel Ganzfried, Philip Gourevitch, Imre Kertész, Ruth Klüger

ISBN: 3934658296
EAN: 9783934658295
Enthüllung und Dokumentation eines literarischen Skandals. Dokumentation über die erfundene Auschwitz-Biographie 'Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948' von Bruno Doessekker.
Herausgegeben von Sebastian Hefti
Juedische Verlagsanstalt

1. Januar 2002 - kartoniert - 270 Seiten

Beschreibung

Fünf Jahre lang wurden die "Bruchstücke" des KZ-Überlebenden Wilkomirski, 1995 in Frankfurt/Main erschienen, als Klassiker der Shoa-Literatur gefeiert. Ihre Entlarvung als skandalöse Fälschung ging durch das internationale Feuilleton. Für die Offenlegung der Fakten und den beharrlichen Kampf um ihre Bekanntmachung steht der Name des Schriftstellers Daniel Ganzfried. Durch diese dokumentarische Erzählung wird auf spannende Weise deutlich, wie bekannte Institutionen und respektable Persönlichkeiten der Fälschung des Bruno Doessekker alias Binjamin Wilkomirski erst zum Durchbruch verholfen haben und mit welchen Mitteln sie ihre Aufdeckung verhindern wollten.
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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 08.05.2002

Die unheimliche Macht von Fiktionen
Daniel Ganzfried diskutiert in Berlin über sein neues Buch

Vor vier Jahren konnte der Journalist und Schriftsteller Daniel Ganzfried einwandfrei nachweisen, daß Binjamin Wilkomirski nie, auch in frühster Kindheit nicht, in jenen Konzentrationslagern war, an die er sich in seinem Buch "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948" zu erinnern glaubte. Der Mensch, der sich Binjamin Wilkomirski nannte, war gar kein Jude, wie er in vielen öffentlichen Auftritten weismachen wollte, sondern das uneheliche Kind einer einfachen protestantischen Frau aus dem Berner Jura. Und wie es ausschaut, waren die verstorbenen Pflegeeltern von Bruno Doessekker - so heißt der Mensch richtig -, anders als von ihm dargestellt, sehr fürsorgliche Leute. Jetzt hat Daniel Ganzfried sein Buch zum Fall veröffentlicht.*

Kurz nachdem Wilkomirskis "Bruchstücke" 1995 erschienen waren, wurde die Schweiz von ihrer ruhmlosen Rolle während des Zweiten Weltkriegs eingeholt. "Anklagen, Verteidigung, Selbstanklage und Rechtfertigung tanzen Reigen", schreibt Ganzfried, der 1958 in Israel geboren wurde und seit 1960 in Zürich lebt. Man sucht nach Tätern und nach Opfern, will dem Schrecken eine Gestalt geben, Adolf Muschg zündet einen Betroffenheitsknaller: "Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt . . ." In dieser Situation fällt das Buch von einem, der als Kind den Holocaust überlebt hat und dann unter einer eidgenössischen Zwangsidentität weiterleben mußte, auf fruchtbaren Boden.

Schon aus geringer Distanz betrachtet, wirkt das bald einsetzende Buß- und Gedenkspektakel nur noch wie eine schlechte Posse: Bruno Doessekker, der normalerweise lupenreines Zürichdeutsch spricht, verfällt vor Schulklassen in eine Art jiddischen Singsang, Besucher empfängt er in einem Haus voller Judaica, "als endete keine seiner Reisen ins heilige Land ohne Duty-Free-Shop im Flughafen Ben Gurion". Daß der gelernte Musiker und Instrumentenbauer und sein Psychotherapeut Elitsur Bernstein auch mit einer handgestrickten Trauma-Theorie in der psychologischen Fachwelt reüssierten, ist dann fast schon ein Schelmenstück.

Erfrischendes kommt von seiner Ex-Frau: "Also, wenn sie mich fragen, hat alles mit Elitsur Bernstein angefangen. Bis er kam, war mein Mann einfach ein Spinner." Hier schleicht sich aber auch die monströse Seite des Falls ein, mit seinen Verschwörungsszenarien und der unheimlichen Macht von Fiktionen. Als bilde er ein Echo darauf, hat Ganzfried seinen Bericht eine "Erzählung" genannt. Fiktives auch hier: Wie er einem Philipp Marlowe gleich die Wahrheit gegen einen verkommenen Literatur- und Medienbetrieb ans Licht befördert, ist spannend, auch sehr pathetisch. Unwahr muß es dennoch nicht sein. Keine gute Figur machte besonders der Suhrkamp-Verlag, der die Warnungen zu Wilkomirski lange geflissentlich ignoriert hatte - bis er die "Bruchstücke" sang- und klanglos zurückzog. Auch eine bekannte Schweizer Journalistin sieht alt aus; und wird durch unnötige Häme noch etwas älter gemacht. Hier kommen jene "Stilfragen ins Spiel, die den Fall begleiten", von denen Lorenz Jäger in einem Aufsatz spricht, der mit weiteren Materialien in den langen Anhang von Ganzfrieds Buch aufgenommen wurde.

Der Fall wurde von ihm zuerst in der Zürcher "Weltwoche" publik gemacht. Die Zeitschrift "Passagen", die ursprünglich berichten wollte, lehnte schließlich ab, man wolle den "Mann nicht entlarven, sondern zeigen, welche Mechanismen dazu geführt haben, daß dies passieren konnte". Ganzfried hat den Zugang zum Getriebe in einem erhöhten Betriebsklima gefunden, in dem Übersetzungen angefordert, Preise gewonnen und Dokumentarfilme eiligst gedreht wurden. Daß seine Aufklärungstat nicht ohne einen Entlarvungsgestus möglich scheint, hinterläßt allerdings einen schalen Beigeschmack.

Aber der resultiert auch von anderer Seite. Nachdem die ersten Kritiken enthusiastisch gewesen waren, hieß es nun hüben und drüben (Vereinigte Staaten), Wilkomirski habe ein grottenschlechtes Buch geschrieben. Stellen, die gerade in ihrer Drastik berührt hatten, wurden nun als besonders kitschig empfunden. Kitsch wirkt so lange plausibel, wie man seine "Pseudoplausibilität" nicht erkennen kann, schreibt Ruth Klüger. Das ist nicht immer leicht. Vermutlich faszinieren Fälschungen ja deshalb so sehr, weil sie zeigen, wie dünn der Boden ist, auf dem unsere Urteile und Überzeugungen stehen. So hat der Fall vor Augen geführt, wie die Literaturkritik, besonders auch die zur Schoa-Literatur, von Bedingungen abhängig ist, die nicht in der Literatur selbst liegen.

Durch den Skandal hatte sich ja kein einziges Wort an den "Bruchstücken" geändert, nur seine Rezeptionsbedingungen waren ganz anders geworden. Sie konnte nicht länger als authentisches Zeugnis aus einer schlimmen Vergangenheit gelesen werden, noch nicht einmal mehr als die beklemmende Phantasie einer autorisierten Stimme. Von Wilkomirskis Buch blieb buchstäblich nichts als eine Ent-Täuschung. Vielleicht wird man es eines Tages als Schweizer Literatur lesen, ein depressives Werk aus bester Gegend, ähnlich Fritz Zorns "Mars". In diesen Tagen entscheidet die Zürcher Bezirksanwaltschaft aber erst einmal, ob sie gegen Doessekker Anklage wegen Betrugs und unlauteren Wettbewerb erheben will. Sie sollte es bleiben lassen.

MICHAEL ANGELE

* Daniel Ganzfried, ". . . alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie. Enthüllung und Dokumentation eines literarischen Skandals", Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2002, 240 S., 12,90 Euro.

Mit Ganzfried diskutiert Wolfgang Benz heute um 18 Uhr im Kulturhaus Dussmann, Friedrichstraße 90, Mitte.

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