Reisen in die Ukraine und nach Russland als Buch (kartoniert)
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Reisen in die Ukraine und nach Russland

mit 2 Karten.
Buch (kartoniert)
Auf seinen Expeditionen nach Kiew, Moskau und Odessa, nach Lemberg, Baku oder Astrachan taucht der in Galizien geborene Schriftsteller und Journalist Joseph Roth in den vielgestaltigen Kosmos des östlichen Europa ein. Seine Berichte und Essays aus de … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Reisen in die Ukraine und nach Russland
Autor/en: Joseph Roth

ISBN: 340667545X
EAN: 9783406675454
mit 2 Karten.
Herausgegeben von Jan Bürger
Beck C. H.

21. September 2015 - kartoniert - 131 Seiten

Beschreibung

Auf seinen Expeditionen nach Kiew, Moskau und Odessa, nach Lemberg, Baku oder Astrachan taucht der in Galizien geborene Schriftsteller und Journalist Joseph Roth in den vielgestaltigen Kosmos des östlichen Europa ein. Seine Berichte und Essays aus den 1920er Jahren sind bewegende Zeugnisse von großer Aktualität! Die Aufmerksamkeit von Joseph Roth gilt den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit in der Sowjetunion, die von einem Nebeneinander an Sprachen, Kulturen und Religionen geprägt ist. Ob im Alltagstrubel auf den Straßen von Leningrad, am Grenzübergang von Niegoreloje oder an Bord eines Wolga-Dampfers: Stets bestechen Roths Schilderungen durch fundierte Recherchen und seinen besonderen Stil. Dabei entwirft er spannungsreiche Bilder gesellschaftlicher Realitäten zwischen den gegensätzlichen Polen von Staat und Kirche, Diktatur und Pressefreiheit, Armut und Reichtum. Und zeigt damit gleichzeitig, wie er, der heimatlos Gewordene, sich reisend, schreibend und kritisch sondierend ein Stück Heimat zurückerobert.

Inhaltsverzeichnis

I.
NACHRICHTEN AUS DEM OSTEN Ukrainomanie. Berlins neueste Mode. Die ukrainische Minderheit. Lemberg, die Stadt. Die Krüppel. Ein polnisches Invalidenbegräbnis. II. RUSSISCHE ANSICHTEN Eine Nacht mit Wanzen. Leningrad. III. SOWJETISCHE WIRKLICHKEIT Die Grenze Niegoreloje. Gespenster in Moskau. Auf der Wolga bis Astrachan. Die Wunder von Astrachan. Das Völker-Labyrinth im Kaukasus. Wie sieht es in der russischen Straße aus? Rußland geht nach Amerika. Die Frau, die neue Geschlechtsmoral und die
Prostitution. Die Kirche, der Atheismus, die Religionspolitik. Die Stadt geht ins Dorf. Öffentliche Meinung, Zeitungen, Zensur. Der Liebe Gott in Rußland. NACHWORT EDITORISCHE NOTIZ DANKSAGUNG

Portrait

Joseph Roth, geboren 1894 in Brody, Ostgalizien, gestorben 1939 im Pariser Exil, wurde mit den Romanen "Hiob" (1930) und "Radetzkymarsch" (1932) zu einem Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 28.07.2015

Wider den wohlfeilen und faulen Witz des zivilisierten Hochmuts
Nicht nur Russland, auch die Ukraine hat er treffend beschrieben: Ein neuer Blick auf den Osteuropa-Reisenden Joseph Roth

Zu Joseph Roths umfangreichem journalistischem Werk gehören auch seine glänzend geschriebenen Reportagen aus Osteuropa, in denen sich scharfsinnige Beobachtungen mit Sprachkunst und Weitblick vereinigen. Seine im Herbst 1926 für die "Frankfurter Zeitung" verfassten Reiseberichte aus Russland nehmen hier eine besondere Stellung ein, weil sie je nach politischer Großwetterlage aktuell erscheinen und deshalb auch immer wieder neu verlegt werden. 1995, nur wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, veröffentlichte Roths langjähriger Stammverlag Kiepenheuer & Witsch die umfangreiche Auswahl "Reise nach Russland. Feuilletons, Reportagen, Tagebuchnotizen 1920-1930". Herausgegeben wurde sie von Klaus Westermann, der dort wenige Jahre zuvor Roths journalistisches Gesamtwerk veröffentlicht hatte.

Noch siebzig Jahre nach ihrem Entstehen konnte man in Roths analytischen wie unterhaltsamen Schilderungen aus dem nicht mehr leninistischen und noch nicht stalinistischen nachrevolutionären Russland manche Parallele zur Lage des Landes zwischen Postsozialismus und dem sich ankündigenden Autoritarismus entdecken. Die Fixierung im Titel auf Russland stand auch durchaus im Einklang mit dem damaligen deutschen Osteuropa-Bild und ließ unberücksichtigt, dass die Textsammlung auch das eine oder andere Stück mit ukrainischem Bezug enthielt. Die jetzt von Jan Bürger für den C. H. Beck Verlag getroffene Auswahl der Osteuropa-Reportagen des im ukrainischen Ostgalizien geborenen österreichisch-jüdischen Schriftstellers will diese im Hinblick auf die Ukraine verengte Wahrnehmung korrigieren. Sie trägt den zeitgemäßeren Titel "Joseph Roth. Reisen in die Ukraine und nach Russland".

Die Freude über die begrüßenswerte Ergänzung wird insofern getrübt, als in dieser neuen Edition von den 1924 entstandenen ursprünglich drei Reiseschilderungen aus Galizien - damals polnisches Staatsgebiet, heute Teil der Westukraine - lediglich zwei Aufnahme fanden. Erschien womöglich vor dem Hintergrund des heutigen Geschehens in der Ukraine Roths erste Galizien-Reportage "Leute und Gegend" zu politisch unkorrekt? Zumal sie mit der Feststellung beginnt: "Das Land hat in Westeuropa einen üblen Ruf." Gerade aber Roths anschließende Diagnose dürfte auch heute, wo im Osten wie im Westen innereuropäische Misstöne vernehmbar sind, eine gewisse Gültigkeit haben: "Der wohlfeile und faule Witz des zivilisierten Hochmuts bringt es (Galizien) in eine abgeschmackte Verbindung mit Ungeziefer, Unrat, Unredlichkeit. Aber so treffend einmal die Beobachtung war, dass es im Osten Europas weniger Sauberkeit gebe als im Westen, so banal ist sie heute; und wer sie jetzt noch gebraucht, kennzeichnet weniger die Gegend, die er beschreiben will, als die Originalität, die er nicht besitzt."

Entschädigt wird der Leser indes mit einer nicht minder aktuellen Einsicht, zu der der gebürtige Galizier 1928 auf seiner Reise durch Polen in Bezug auf die dortige ukrainische Minderheit gelangte. Die Ukrainer, die seinerzeit als geteiltes Volk unter polnischer und sowjetischer Herrschaft lebten, "verdienten gewiß einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur - und das ist ihr Verhängnis." Dass knapp ein Jahrzehnt zuvor Berlins "neueste Mode", wie es Roth 1920 in der "Neuen Berliner Zeitung" formulierte, die "Ukrainomanie" war, ist heute längst vergessen. Die Spreemetropole, mokierte er sich dort, "schwelgt in groteskem Operetten-Ukrainertum", und in ihren Kaffeehäusern "tanzen Mädchen den neuesten amerikanischen Jazz und nennen ihn ,ukrainischen Nationaltanz'" - Resultat westeuropäischer Vorurteile und Unwissenheit, die Roth stets zu entlarven bemüht war.

Voraussetzung hierfür war das unablässige Arbeiten an sich selbst und den eigenen Kenntnissen. In Bürgers Nachwort liest man verwundert, dass der Journalist Joseph Roth "im seltensten Fall" zielgerichtet recherchiert habe. Westermann hingegen sprach noch von der "Akribie der Vorbereitung" und attestierte dem Schriftsteller, dass er vor allem für seine Russland-Reportagen besonders viel Material gesammelt und sich intensiv in die Materie eingearbeitet habe. Von diesen versammelt der neue Band zwölf Stück von ursprünglich fast doppelt so vielen - mit Beschreibungen von bestechender Aktualität. So in dem Beitrag "Öffentliche Meinung, Zeitungen, Zensur", der nicht nur die Mechanismen, mit denen die Sowjets Meinungsfreiheit inszenierten, aufzeigt und so an die gegängelte russische Presse von heute denken lässt. Verblüfft liest man hier auch, dass schon die Kommunisten eine Form des Bürgerjournalismus pflegten, um ihren Medien die Aura der "Authentizität" zu verleihen: "In den Fabriken gibt es Arbeiterkorrespondenten, in den Dörfern Dorfkorrespondenten, in den Schulen Schülerkorrespondenten. Der Leser macht gewissermaßen seine Zeitung selbst" - ideologisch gesteuert, versteht sich, und nicht viel anders als die heutigen Propagandatruppen Wladimir Putins, die auf Facebook und anderswo im Netz in der Mission unterwegs sind, der "echten" russischen Volksstimme Geltung zu verschaffen. Dass sie sich dabei nur allzu gern just jener rhetorischen Waffen bedienen, die sich schon bei ihren Altvordern bewährt hatten, überrascht nicht: "Je nach Zeit und Bedürfnis lauten die Losungen: Verachtet die Verräter! Schmarotzer hinaus!"

Wie jede Übergangszeit hatte auch die damalige in Russland ihre Profiteure, die Roth "NEP-Männer" - nach NEP, Lenins dezentralistischer Wirtschaftspolitik - nannte. Diese Handels- und Gewerbetreibenden retteten manche Praktik des Kapitalismus, wie den privaten Geldverleih, in den Sozialismus. Dieser Typ war für den Schriftsteller, anders als für damals vom neuen sozialistischen Russland schwärmende deutsche Kollegen, schlicht "Der auferstandene Bourgeois". Ihm widmete Roth unter ebendiesem Titel ein gesellschaftskritisches Porträt, das, obgleich sich unmittelbar Assoziationen zu heutigen russischen Neureichen ergeben, leider in Bürgers Auswahl fehlt. Immerhin finden sich hier Roths hellsichtige Beobachtungen zum Verhältnis von Staat und Kirche, die sich damals, wie er 1926 noch konstatieren konnte, in einem Zustand des "Waffenstillstands" befanden. Der russische Staat begnüge sich nurmehr, die Religion mit Propaganda zu bekämpfen, beobachtete er und war der Meinung, dass diese viel zu "billig" sei, um wirklich zu wirken, führe sie doch "unglaublich antiquierte ,Beweise'" gegen die Gottesexistenz an. Nicht nur mit seiner Einschätzung der Wirkungslosigkeit dieser antireligiösen Kampagne, die einer der Gründe für Stalins schon wenige Jahre später einsetzenden Vernichtungsterror gegen die russische Geistlichkeit war, hatte Roth richtig gelegen. Auch sein Urteil über die seiner Ansicht nach unterschätzte "Areligiosität des russischen Durchschnitts-Menschen" hat sich in mancherlei Hinsicht als realistisch erwiesen - und wird immer wieder durch russische Meinungsumfragen bestätigt.

JOSEPH CROITORU

Joseph Roth: "Reisen in die Ukraine und nach Russland". Hrsg. von Jan Bürger.

Verlag C. H. Beck, München 2015. 136 S., br.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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