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Die Kuba-Krise

Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg. 2. Auflage. mit 2 Karten.
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Was sich im Oktober 1962 abspielte, hatte die Welt nach 1945 noch nicht erlebt. Und zu ihrem Glück ist Ähnliches bisher ausgeblieben: Wegen der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba verhängten die USA eine Blockade über die Insel … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die Kuba-Krise
Autor/en: Bernd Greiner

EAN: 9783406615160
Format:  EPUB
Die Welt an der Schwelle zum Atomkrieg.
2. Auflage.
mit 2 Karten.
Beck C. H.

2. Oktober 2015 - epub eBook - 128 Seiten

Beschreibung

Was sich im Oktober 1962 abspielte, hatte die Welt nach 1945 noch nicht erlebt. Und zu ihrem Glück ist Ähnliches bisher ausgeblieben: Wegen der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba verhängten die USA eine Blockade über die Insel und versetzten ihre Atomraketen und Langstreckenbomber in den höchsten Alarmzustand unterhalb der Schwelle eines Nuklearkrieges. Gestützt auf amerikanische, sowjetische und kubanische Akten, erzählt Bernd Greiner die Geschichte der Kuba-Krise: Warum sie bis zur Schwelle eines Atomkrieges eskalierte, wie letztlich ein politischer Ausweg gefunden wurde und wie diese Konfrontation bis weit in die 1980er Jahre nachwirkte.

Inhaltsverzeichnis

1;Cover;1 2;Zum Buch;2 3;Über den Autor;2 4;Titel;3 5;Widmung;4 6;Impressum;4 7;Inhalt;5 8;Einleitung;7 9;Vorgeschichte;15 9.1;Kuba Symbol des Kalten Krieges;16 9.2;Kennedy, Chruschtschow, Castro;23 9.3;Die gewollte Krise;42 10;16.22. Oktober 1962;49 10.1;Die Sowjets würden aussehen, als wären sie mit uns gleich;51 10.2;Absage an die Diplomatie;57 10.3;Die Entscheidung für die Blockade;60 10.4;Erste Reaktionen in Moskau und Havanna;64 10.5;Eine Bühne für John F. Kennedy;68 11;23.26. Oktober 1962;71 11.1;Chruschtschow lenkt ein;71 11.2;Die Blockade, ein Kommunikationsdesaster;74 11.3;Konfrontation auf hoher See;78 11.4;Ein Angebot aus Moskau;81 11.5;Gereizte Stimmung in Washington;84 11.6;Kuba vor der Invasion?;86 12;27. und 28. Oktober 1962;89 12.1;Fidel Castro fordert zum Atomkrieg auf;89 12.2;Raketenhandel?;91 12.3;Eskalation hinter dem Rücken der Akteure;95 12.4;John F. Kennedys Geheimdiplomatie;97 12.5;Nikita Chruschtschow löst den Knoten;102 12.6;Keine Kompromisse;105 13;Schockwellen;108 13.1;Die endgültige Beilegung der Kuba-Krise;109 13.2;Kubanische Vorwärtsverteidigung;112 13.3;Sowjetischer Nachholbedarf;115 13.4;Amerikanischer Triumphalismus;118 13.5;Höhepunkt, aber kein Wendepunkt;122 14;Literatur;124 15;Register;127 16;Karten;129


Portrait

Bernd Greiner, geb. 1952, ist Leiter des Arbeitsbereichs «Theorie und Geschichte der Gewalt» am Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften der Universität Hamburg.

Leseprobe

Einleitung


Was sich im Oktober 1962 abspielte, hatte die Welt nach 1945 noch nicht erlebt. Und zu ihrem Glück ist Ähnliches seither ausgeblieben. Angesichts der knapp 150 heißen Kriege im Kalten Krieg und der Gewaltexzesse seit den 1990er Jahren mag eine solche Behauptung übertrieben klingen – immerhin weitete sich die Krise um Kuba nicht zu einem Krieg aus. Dennoch trifft dieses Resümee den Kern der Sache.

Mitte des Monats ging «Operation Anadyr» in ihre entscheidende Phase, das logistisch anspruchsvollste und zugleich umfangreichste Unternehmen der sowjetischen Streitkräfte seit dem Zweiten Weltkrieg. Niemals zuvor hatte man in Friedenszeiten Waffen, Material, technisches Personal und Truppen in einem derartigen Umfang ins Ausland verlegt, geschweige denn nach Übersee. Auf Kuba wurden angelandet: eine aus fünf Regimentern bestehende Raketendivision; zwei Luftabwehrdivisionen mit sechs Regimentern, die neben 144 SA-2-Raketen auch über ein Geschwader von MiG-21-Jägern verfügten; vier motorisierte Schützenregimenter und zwei Panzerbataillone; drei mit konventionellen Kurzstreckenraketen ausgestattete Bataillone für den Küstenschutz; 98 Sprengköpfe für nukleare Gefechtsfeldwaffen; vier dieselgetriebene U-Boote der «Foxtrot»-Klasse mit je einem Atomtorpedo; 42.000 Soldaten, darunter eine 10.000 Mann starke Kampftruppe. Und vor allem: 36 nukleare Mittelstreckenraketen vom Typ R-12, die mit einer Reich-weite von 1100 nautischen Meilen oder 2000 Kilometern Verwüstungen weit im Inneren der USA hätten anrichten können.

Unumstößliche Beweise für das Herzstück der sowjetischen Waffenlieferungen hatte die amerikanische Luftaufklärung am 15. Oktober geliefert: Fotos über im Bau befindliche Abschussrampen für die R-12. Von den nahe San Cristobal, Remedios, Sagua la Gran
de und Guanajay gelegenen Anlagen abgesehen, entdeckte man wenige Tage später auch noch unfertige Startplätze für so genannte «Intermediate-Range Ballistic Missiles» (IRBM) vom Typ R-14, ausgelegt auf Ziele in einer Entfernung von 2200 nautischen Meilen oder 4000 Kilometern.

Um Moskau zum Abzug seiner ballistischen Raketen zu zwingen, rief Präsident John F. Kennedy eine Seeblockade Kubas aus und versetzte die strategischen Luftstreitkräfte der USA am 24. Oktober in den höchsten Alarmzustand unterhalb der Schwelle eines umfassenden Nuklearkrieges: «Defense Condition 2». Zum ersten und bisher einzigen Mal in der Geschichte des Landes galt «DefCon 2» für alle Interkontinentalraketen (ICBM) und Langstreckenbomber. Den Vorgaben einer «immediate execution policy» entsprechend, konnten fortan 1479 Langstreckenbomber vom Typ B-52 und B-47 sowie 183 ICBM aus der Baureihe «Atlas», «Titan» und «Minuteman» spätestens 60 Minuten nach einem Befehl aus dem Weißen Haus eingesetzt werden. Ohne jede Verzögerung angriffsbereit waren zwischen 65 und 76 B-52, die bis Ende November Tag für Tag und Nacht für Nacht die Grenzen des sowjetischen Luftraums abflogen, aktualisierte Ziellisten im Cockpit. Allein mit diesen Trägersystemen – 128 Polaris-Raketen auf U-Booten im Atlantik sowie grenznah zum Warschauer Pakt stationierte Kampfbomber mittlerer und kurzer Reichweite nicht eingerechnet – hätten 2962 großkalibrige Nuklearwaffen abgeworfen werden können. Als «high priority – Task 1 targets», unbedingt und sofort auszulöschende Ziele in der Sowjetunion, hatte das «Strategic Air Command» unter General Thomas Power 220 Städte, Militär- und Industrieanlagen sowie Verkehrsknotenpunkte festgelegt.

Zur gleichen Zeit wurde Florida in ei
n Heerlager verwandelt. Der britische Konsul in Miami fühlte sich an Südengland im Juni 1944 und die letzten Tage vor der Landung in der Normandie erinnert; andere Beobachter sahen die Halbinsel unter der Last des militärischen Geräts alsbald im Meer versinken. Knapp 600 taktische Kampfbomber waren über die Flugfelder der Region verteilt worden, ausgestattet mit Treibstoff, Bomben und Bordmunition für tausende von Angriffen; 1190 hätten bereits am ersten Tag eines Krieges gegen Kuba geflogen werden sollen. Unter dem Kommando der Armee bereiteten sich acht Divisionen mit insgesamt 120.000 Mann und dem größten seit 1944 mobilisierten Kontingent an Fallschirmspringern auf eine amphibische Landung östlich von Havanna vor. Zum Vergleich: In der Normandie hatte man 150.000 Soldaten abgesetzt. Die Marine bot 180 Schiffe, darunter acht Flugzeugträger und 26 Zerstörer, in den Gewässern um Florida auf. Und so weiter und so fort in einer mit Superlativen überquellenden Statistik. Für die ersten zehn Kriegstage rechnete das Pentagon allein in den eigenen Reihen mit 19.000 Toten und Verwundeten.

Auf Kuba selbst erklärte Fidel Castro am späten Nachmittag des 22. Oktober den Ausnahmezustand. Wie viele reguläre Soldaten und auf die Schnelle bewaffnete Milizionäre aus Arbeitern, Bauern und Studenten man mobilisierte, ist umstritten. Manchmal ist von 350.000, mitunter auch von 420.000 die Rede – gemessen an einer Bevölkerung von sieben Millionen eine in jedem Fall enorme Quote. Die in drei Verteidigungszonen aufgeteilte Insel glich fortan einer zum Äußersten vorbereiteten Festung. «Ein Zurückweichen gab es für uns nicht», beschrieb Fidel Castro die Situation im Rückblick. «Um die Wahrheit zu sagen: Es kam uns überhaupt nicht in den Sinn, nachzugeben.» Der Diktator meinte tatsächlich, was er ei
ne gute Woche lang in der Zeitung Revolución zum Besten gab: dass seine Regierung notfalls an der Seite des Volkes «in größter Würde» den Heldentod sterben würde. Eingedenk dieser «suprema dignidad» gab Castro nicht nur den Befehl, amerikanische Tiefflugaufklärer unter Feuer zu nehmen. Am 27. Oktober, die Entwicklung schien auf allen Seiten außer Kontrolle zu geraten, forderte er Nikita Chruschtschow in einem gewundenen Brief auch zum nuklearen Erstschlag gegen die USA auf – für den Fall, dass die USA auf Kuba einmarschieren sollten und zur Rache für das gewaltsame Ende einer Revolution, die mittels der sowjetischen Waffen eigentlich hatte geschützt werden sollen.

Warum ausgerechnet Kuba? Wieso zu diesem Zeitpunkt? John F. Kennedy war sich mit seinen engsten Beratern einig, dass, drei Dutzend sowjetische Mittelstreckenraketen vor der eigenen Haustür am militärischen Kräfteverhältnis nicht das Mindeste änderten. Die USA verfügten auf absehbare Zeit über ein turmhoch überlegenes Arsenal an nuklearen Waffen, wären selbst nach einem sowjetischen Erstschlag noch in der Lage gewesen, den Angreifer samt seiner Verbündeten vollständig zu vernichten. In anderen Worten: Die nationale Sicherheit war nicht berührt, die Logik der beiderseitigen Abschreckung war und blieb in Kraft. In Kuba ging es einzig und allein um ein politisches Problem, um das Problem, dass die sowjetischen Raketen die politischen Gewichte der Macht zu verschieben drohten. Zumindest, so John F. Kennedy, hätte es den Anschein gehabt. «Und der Schein ist Teil der Realität.»

Dennoch bleibt die Frage, wovon diese Geschichte im Kern handelt. Seit 1947 lieferten sich Ost und West einen psychologischen Abnutzungskrieg um Prestige und Symbole ihrer Macht: 1948 in Berlin, 1950 bis 1953 in Korea, 1956 wegen Ungarn, Polen
und Suez, seit 1956 wiederholt in den Meerengen vor Taiwan und zwischen 1958 und 1961 erneut in Berlin. In allen Fällen hatte man es bei verbalen Drohkulissen belassen und sich mit ideologischen Redeschlachten zufriedengegeben, zu keinem Zeitpunkt machte der Eine gegen den Anderen mobil. In Kuba indes wurde der Einsatz erhöht – und zwar auf die provokanteste Art und Weise. 1962 schickte man keine Stellvertreter aufs Feld, wegen Kuba gingen beide Seiten direkt aufeinander los. Vor allem diese Besonderheit verlangt nach einer Erklärung.

Der Kalte Krieg musste erst zu Ende gehen, ehe einigermaßen befriedigende Antworten gegeben werden konnten. Gewiss lag bereits vor dem Zusammenbruch der UdSSR eine kaum noch zu überschauende Fülle an Literatur zur Kuba-Krise vor, nicht zuletzt angeregt durch Tonbandaufnahmen, auf denen die wichtigsten Sitzungen von John F. Kennedys Krisenstab dokumentiert sind. Die Entscheidung, überall im Weißen Haus Abhöranlagen zu installieren – im Kabinettssaal, im Oval Office sowie in einigen Privatgemächern – und die Bänder in der Präsidentenbibliothek aufzubewahren, war für Historiker einerseits ein Glücksfall; andererseits vergrößerte dieser Fund die Asymmetrie des Wissens. Während sich die Ereignisse in Washington beinahe minutiös rekonstruieren ließen, blieb das Geschehen in Moskau und Havanna allenfalls in Umrissen erkennbar. Quellen aus der Sowjetunion standen kaum, aus Kuba überhaupt nicht zur Verfügung. Folglich wurde die Geschichte der Kuba-Krise bis zum Ende der 1980er Jahre immer nur zu einem Drittel erzählt.

Seither hat sich die Situation grundlegend verbessert, in erster Linie, weil eine Gruppe amerikanischer Historiker die Umbrüche in der UdSSR und Osteuropa geschickt zu nutzen verstand. Allen voran Mitarbeitern der Harvard- und der Brown-University, des National Security Archive und
des...


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