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Gebrauchsanweisung für Norwegen

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Ein unvergesslicher Besuch im Land am Golfstrom, wo Bürgersteige beheizt sind, Politiker gern in Tracht erscheinen und es die höchste Lebensqualität der Welt gibt. Die Autorin erklärt, was ein norwegisches »vorspiel« ist, warum in Norwegen so viele K … weiterlesen
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Gebrauchsanweisung für Norwegen als eBook

Produktdetails

Titel: Gebrauchsanweisung für Norwegen
Autor/en: Ebba D. Drolshagen

EAN: 9783492958257
Format:  EPUB
Piper ebooks

27. September 2012 - epub eBook - 240 Seiten

Beschreibung

Ein unvergesslicher Besuch im Land am Golfstrom, wo Bürgersteige beheizt sind, Politiker gern in Tracht erscheinen und es die höchste Lebensqualität der Welt gibt. Die Autorin erklärt, was ein norwegisches »vorspiel« ist, warum in Norwegen so viele Krimis geschrieben werden, die Königsfamilie unentbehrlich ist und das Landeswappen kein Elch, sondern ein Löwe ziert. Sie nimmt uns mit nach Oslo im Süden und zu den Rentier-Samen im Norden, zum Baden ans Meer und zum Skilaufen in die Berge. Und berichtet, wie das Land nach den erschütternden Ereignissen auf Utøya mit seiner Haltung weltweit ein Exempel statuierte. Das grundsympathische Porträt eines Landes, das fast 2000 Kilometer lang ist und weniger Einwohner hat als Neu-Delhi.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Die lauschige Idylle im fernen Norwegen
Etwas zum Problem Humor
Erste Lernschritte
Die Tragödie
Norwegens Oppositionspartei
Der Stoff, aus dem die Tradition ist
Die magischen vierzig Prozent
Das Emirat am Golfstrom
Der Schatz in der Barentssee
LandMitMeer
Straßen wie in Dänemark
Fußbodenheizung für Autoreifen
1700 Kilometer Buckeleispiste
Lichtstreifen am Horizont
Die Erfinder der Reisekatalogpoesie
Der Nabel der Welt
Die Guten
Gemauschelt wird nicht
Lächeln und anpacken
Eine ganz normale Familie
Die Mär vom ewig betrunkenen Norweger
Verschleiertes Bauernmädchen und Hammelinkohl
Staatliche Kopfnüsse
Wer ist harry?
Norwegen im Norwegenfieber
Alles wie überall, nur besser
Ja, wir lieben Rot-Weiß-Blau
Die umstrittene Revolution
Die umstrittene Tradition
Rollende Gefriertruhen
Norwegens Wappentier
Mord und Skandale
Wie klingt ein Fjord?
Ein bisschen Kultur kann nicht schaden
Oslo ist nicht Paris
Ein Häuschen mit Garten
Vom Plumpsklo zum Whirlpool
Wie die Norweger das Skilaufen lernten
Ganz aufrichtiges Schweigen
Maritimer Wahnsinn
Adel im Land ohne Adlige
Der große Tränensack
Die Reichsstraße Nummer eins
Söhne und Töchter der Sonne
Noch ein Wort zu Nøørje
Was man im Winter wissen sollte
Dank

Portrait

Ebba D. Drolshagen, geboren in Büdingen, wuchs bis zu ihrem fünften Lebensjahr in Norwegen auf. Heute lebt sie als Journalistin, Autorin und Übersetzerin in Frankfurt am Main. Neben politischen Sachbüchern veröffentlichte sie bei Piper ihre erfolgreiche »Gebrauchsanweisung für Norwegen« und bei Malik ihre Sammlung skurriler Seeabenteuer »Immer noch kein Land in Sicht«. Außerdem erschienen bei Pendo »Elche unterm Weihnachtsbaum« und »Weihnachtsglanz im Winterwald«.

Leseprobe

Die lauschige Idylle im fernen Norwegen Wer nach Norwegen reist, will nichts weniger als action and nightlife. Der Urlauber sucht Ruhe, ein Eckchen heile Welt und vor allem unberührte Natur. Kaum einer kommt wegen der Küche, der Museen oder der Festivals, nur wenige kommen wegen der Norweger. Ich war zehn Tage in Norwegen wandern und habe die ganze Zeit keine Menschenseele getroffen ! schildert in aller Regel einen gelungenen Urlaub, während es schwer vorstellbar ist, dass der Satz Ich war zehn Tage in der Toskana wandern und habe keine Menschenseele getroffen! etwas anderes einleiten kann als die Beschreibung einer ziemlichen Enttäuschung. Das Ideal des unberührten, menschenleeren Freilichtmuseums geht so weit, dass das Eindringen echter Norweger, Einheimischer also, die weder Fremdenführer noch Hüttenvermieter sind, als unangenehm, ja bedrohlich empfunden wird. Sie führen sich auf, als gehöre ihnen das alles, und machen das wahre Norwegen kaputt, das man selbst in Erbpacht genommen hat. Im Reiseteil einer deutschen Kleinstadtzeitung kam ein zornbebender Journalist zu Wort, der Norwegen aus tiefstem und reinstem Herzen liebt und es nicht fassen kann, mit welcher Niedertracht sein Refugium von Leuten zerstört wird, die dort wirklich nichts verloren haben: Alles hatte den Charme von gestern, vorgestern, dem vorigen Jahrhundert. Eine Ansammlung von verwitterten Blockhütten, ein einziges Berggasthaus hat überlebt, wo drei Hotels aufgegeben haben: eine lauschige Idylle im fernen Norwegen, wo man nichts tun kann außer Skilanglauf, den aber ausgiebig. Skilangläufer gehen abends nicht auf die Walz, sie sind froh, früh im Bett zu sein, um am nächsten Morgen wieder fit in die Loipe zu gehen. Das war zwanzig Jahre so. Und es war gut so. Dieses Jahr aber hat die Zivilisation ausgeholt, das norwegische Idyll zu vereinnahmen: Ein neu gebautes Blockhäuschen am andern dokumentiert den Drang neureicher Norweger aus der Hauptstadt Oslo, ihren neuen Reichtum nicht allein mit ihrer ei
genen Ölbohrinsel in der Nordsee und ihrer riesigen Jacht im Hafen öffentlich zur Schau zu stellen. Sie wollen in ihrem Bekanntenkreis noch eins draufsetzen mit ihrem Ferienhäuschen dort im Gebirge, wo zwanzig Jahre die wenigen Ortsansässigen und ein paar Touristen unter sich waren ... So erfährt man als Tourist zum ersten Mal das Gefühl, das den einstigen Helden der Jugendzeit, James Fenimore Coopers unvergessenen Lederstrumpf, beseelt haben muss, als ihn im fernen Westen der USA die beginnende Zivilisation zu umzüngeln begann: Man sieht ihrem Vordringen fassungslos zu und versteht die Welt nicht mehr. Die Welt kann ich ihm nicht erklären. Aber ich erzähle gern etwas über ein Land, das eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft hat. Dieses Land ist weder idyllisch noch lauschig. Von Mitternachtssonne und ekstatischem Naturerleben wird ebenso wenig die Rede sein wie - beispielsweise - von dem Triumvirat Ibsen, Munch und Grieg, das bis heute die Fahne der norwegischen Kultur hochhalten muss, als habe es nach ihnen nichts Lohnendes mehr gegeben. Die Wahrheit, meinte Ingeborg Bachmann, sei dem Menschen zumutbar. Dem Norwegenreisenden auch. | Etwas zum Problem Humor Humor ist nicht das Erste, woran man bei Norwegern denkt, aber das ist ungerechtfertigt. Früher lachten sie über Schwedenwitze: Wie luchst man einem Schweden auf dem Flug nach London einen Fensterplatz ab? Man sagt ihm, dass nur die Gangplätze bis London gehen. Die Schweden revanchierten sich mit Norwegerwitzen wie der Lautsprecherdurchsage auf dem Stockholmer Flughafen Arlanda: Reisende nach Oslo, bitte stellen Sie Ihre Uhren um fünfzig Jahre zurück. Dergleichen kommt einem bekannt vor, diese Albernheiten kursierten in Deutschland über Ostfriesen und zuvor jahrzehntelang in den USA über polnische Einwanderer. In Norwegen werden Schwedenwitze nur noch von Schulkindern erzählt. Dieser oder jener Erwachsene mag darüber noch lächeln, ansonsten aber zeichnen die Norweger sich durch Ironie, Selbstironie
und feinen Humor aus. Nehmen Sie die norwegische Botschaft in Berlin. Sie verleiht alljährlich einen Goldenen Lachs an Menschen, die dazu beigetragen haben, Norwegen bekannt zu machen und Sympathien zu schaffen. Im Jahr 2002 war die Preisträgerin Sandra Maischberger, Anlass war ihr Fernsehinterview mit Kronprinz Haakon und seiner Frau Mette-Marit. Über dieses Interview wurde nicht nur in Deutschland und Norwegen, sondern in vielen Ländern ausgiebig berichtet, weil Mette-Marit während der Aufnahmen so heftig von der Sonne und einem fehlerhaften Scheinwerfer bestrahlt worden war, dass sie Gesichtsverbrennungen davontrug. Der damalige Botschafter betonte, selbstverständlich erhalte Maischberger den Preis nicht für diese Leistung. Aber das Missgeschick habe nichtsdestotrotz große Medienaufmerksamkeit bekommen und so für Norwegen geworben. Die Zeitungsberichte darüber entsprächen einem Wert von mehreren Millionen Kronen, eine PR-Arbeit, die der Botschaft angesichts ihres notorisch klammen Werbeetats sehr gelegen gekommen sei. Die Regierung in Oslo war konsterniert, die Herrschaften im Schloss ebenso. Ehrlich gesagt: die ganz besonders. Man war not amused. Dabei war bei der Preisverleihung ein besonders schönes und passendes Lied gespielt worden, das obendrein von der norwegischen Stargruppe a-ha stammte: The sun always shines on TV. Aber auch das konnte es nicht rausreißen. Gerüchten zufolge wurde der Botschafter nicht nur aus Berlin abgezogen, sondern sogar gedrängt, den diplomatischen Dienst zu verlassen. Beides wurde von offiziellen Stellen entschieden dementiert. Mir fällt gerade zweierlei auf: Zum einen ist das vielleicht doch kein so gutes Beispiel für den Humor der Norweger. Und wenn ich so weitermache, bekomme ich den Preis nie. | Erste Lernschritte Der Osloer Flughafen Gardermoen ist sehr schön. Er ist aus einheimischen Materialien wie Granit, Schiefer und Holz erbaut - Materialien also, die man eher in Einfamilienhäusern der gehobenen Preisklasse erwarten würde
. Die Konstruktion vermittelt ein Gefühl von Geräumigkeit, Leichtigkeit, rätselhafterweise aber auch von Verankerung. Man verbinde mit dem Bauwerk Ruhe, Klarheit, Übersichtlichkeit sowie eine besondere Lichtfülle, schreibt die norwegische Architekturhistorikerin Ingerid Helsing Almaas. Sie findet die Wortwahl bezeichnend. Sie beschreibt nicht nur die räumlichen Ideale der Gebäude, sie zeichnet auch ein Bild des idealisierten norwegischen Bürgers: gut organisiert, offen, einfach, dabei voller Vertrauen in die Authentizität lokaler Erfahrungen, vom nördlichen Licht erhellt, von Holz und Stein gestärkt. Mit seiner geschwungenen Laminatholzdecke begrüßt das Terminalgebäude die Welt wie ein betuchter und großzügiger Gastgeber - wohlmeinend, elegant, nach der letzten Mode gekleidet, das Beste, was das kleine Land zu bieten hat. Die Zeiten, als ein schwedischer SAS-Präsident Oslos Flugplatz - den Gardermoen-Vorgänger Fornebu - als Cafeteria mit Landebahn verspotten konnte, sind lange vorbei. Vom nördlichen Licht erhellt. Und zwar vom ersten Moment an, denn man verlässt das Flugzeug durch einen Glastunnel und findet sich nicht in einem neonbeleuchteten, ortlosen Airport-Land wieder, sondern an einem Ort, der noch nicht Oslo ist, aber bereits dessen Licht und Wetter hat. Wer aufmerksam ist, kann ab jetzt, also vom ersten Moment an, einiges über Norwegen lernen: 1. Der Weg zum Koffer führt fast bis zum Gepäckband an einer Glaswand entlang, auf einem Steg, hoch über den Abflug-Gates und den dort wartenden Abreisenden. Auf der einen Seite sieht man sie, auf der anderen Seite geht der Blick auf einen Wald jenseits des Rollfelds, der während der Bauarbeiten mit großem Aufwand bewahrt wurde. Während man so vor sich hingeht, kann man über das Reisen, über Ankommen und Abfahren nachdenken und die Aussicht genießen. Glücklich ist, wer sein Handgepäck nicht tragen muss, denn in der Zeit, die man zum Ausgang unterwegs ist, absolviert man in anderen europäischen Ländern einen Sonntagssp
aziergang. Wir lernen: In Norwegen wandert man in der Höhe, denkt nach und guckt auf Natur. Natürlich gibt es ein paar Meter Rollband. Die dienen aber nur dem Nachweis, dass man dergleichen in Norwegen kennt. Man ist nicht rückständig. Man läuft einfach gern. 2. In der Ankunftshalle kommt man an mehreren Kiosken vorbei. Hier könnte man lernen, dass Norwegen sehr viele Tageszeitungen hat. Das aber geht unter, weil man nur die Zeitungen mit extrem überschaubaren Titelseiten sieht, deren Schrift und Bild etwa dreimal so groß sind wie bei der deutschen Bildzeitung. Auf die erste Seite passen kaum mehr als eine Vier-Wort-Überschrift und ein großes Foto. So entsteht der (falsche) Eindruck: Hier leben extrem kurzsichtige Menschen. 3. Spätestens wenn man für die zwanzigminütige Zugfahrt in die Stadt die geforderten 170 Kronen (22 Euro) bezahlt hat, fällt einem wieder ein, dass Oslo eine der teuersten Städte der Welt ist. Ab sofort sollte man jedes Umrechnen in eine vertrautere Währung unterlassen. Das macht schlechte Laune und ändert nichts. 4. Zwanzig Minuten vor Oslo fährt der Zug an Feldern und Bauernhöfen vorbei. Zehn Minuten vor Oslo immer noch. Von Industriegebieten oder Suburbia keine Spur. Man fragt sich, ob die norwegische Hauptstadt sehr klein ist oder vielleicht ganz woanders liegt. Die Wahrheit ist: Die Ackerflächen, Weiden und Pferdekoppeln, die man vor dem Fenster sieht, sind Oslo. Dann taucht der Zug in einen Tunnel. Kein besonderer Tunnel, eben lang genug, um anzudeuten, dass sich die Norweger auf Tunnelbau verstehen. Der dezente Hinweis lautet: Wir haben sehr viele Tunnels. Wer eine Tunnelphobie hat, hat jetzt noch Zeit zum Umkehren. 5. Man geht, man sitzt, man schaut sich um. Irgendwann wird einem bewusst, dass viele junge Norwegerinnen tatsächlich sehr blond und sehr schön sind. Die jungen Männer sind auch blond und schön - aber die Frauen fallen eben mehr auf. Wie überall. | Die Tragödie Oslo, im Juni 2011. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenb
erg, der Schriftsteller Jo Nesbø sowie ein weiterer Freund radeln durch die Stadt. Ihnen folgen, ebenfalls auf Rädern, zwei Leibwächter. Das Grüppchen hält an einer roten Ampel, neben ihnen wartet außerdem ein Auto auf grünes Licht. Durch das offene Fenster ruft dessen Fahrer dem Ministerpräsidenten zu: Jens! Hier ist ein kleiner Junge, der es cool fände, dir mal Guten Tag zu sagen! Stoltenberg lächelt, schüttelt dem kleinen Jungen auf dem Rücksitz die Hand und sagt: Guten Tag, ich heiße Jens. Jo Nesbø hat diese kleine Begebenheit in der New York Times erzählt: Der Ministerpräsident trägt einen Fahrradhelm, der Junge einen Sicherheitsgurt; sie haben an einer roten Ampel angehalten. Die Leibwächter stehen dahinter, in diskretem Abstand. Lächelnd. Ein Bild von Sicherheit und gegenseitigem Vertrauen. Ein Bild der normalen, idyllischen Gesellschaft, die wir alle für selbstverständlich hielten. Wie sollte da etwas schiefgehen? Wir trugen Fahrradhelme und Sicherheitsgurte, wir beachteten die Verkehrsregeln. Wenig später ging wirklich etwas furchtbar schief. Am 22. Juli 2011, um 15 Uhr 25, explodierte vor dem Bürogebäude des Ministerpräsidenten eine Autobombe. Teile des Regierungsgeländes in der Osloer Innenstadt wurden verwüstet, acht Menschen starben. Auf die Täter und deren Motive gab es keinerlei Hinweise. Wenig später sprach Ministerpräsident Stoltenberg im Fernsehen von dem größten Verbrechen, das Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg getroffen habe. Man wisse nicht, wer dafür verantwortlich sei, es sei aber in einer solchen Stunde wichtig, für das einzustehen, woran wir glauben. Sie werden uns nicht zerstören. Wenn es darauf ankommt, wird die norwegische Demokratie stärker. Auch Oslos Bürgermeister Fabian Stang blieb ruhig: Wir werden das schaffen, wir werden zusammenhalten. Wir dürfen nicht destruktiv sein, wir dürfen nicht zulassen, dass die Angst gewinnt. In die ersten chaotischen Berichte platzte die Nachricht, dass es im Sommerlager der Sozialdemokratischen Jugen
d auf der Insel Utøya eine Schießerei gegeben habe. Man sprach von fünf, möglicherweise sogar zehn Toten. Tatsächlich waren zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Menschen geradezu hingerichtet worden, zahllose waren verletzt. Als die ersten Polizisten auf die Insel kamen, war seit dem ersten Hilferuf mehr als eine Stunde vergangen. Der Täter ließ sich bereitwillig festnehmen. Er bekannte sich sofort zu den Morden und dem Bombenanschlag, er habe alles jahrelang vorbereitet. Die Taten, sagte er, seien grausam, aber notwendig gewesen. Er habe sie auf sich nehmen müssen, um Norwegen vor Kulturmarxismus und Islamisierung zu bewahren. Regierungschef Jens Stoltenberg beharrte weiter darauf, dass man auf diese ungeheure Tragödie mit mehr Demokratie und mehr Freiheit reagieren müsse. Und erwies sich als großer Staatsmann, indem er zunächst ostentativ nichts tat - jedenfalls nichts, was auch nur im Entferntesten als politische Tat zu werten gewesen wäre. In den Tagen nach den Anschlägen war er quasi rund um die Uhr im Fernsehen präsent. Was er ( sichtbar ) tat, war vor allem das: Er umarmte die Überlebenden der Anschläge und die Angehörigen der Ermordeten, weinte mit ihnen, sprach mit ihnen. Er fand für alle die richtigen Worte, und er mahnte immer wieder: Halten wir inne, nehmen wir uns Zeit, zu trauern. Seine Reaktion war das Gegenteil von dem, was spätestens seit dem 11. September 2001 die Regel ist: Führungskraft demonstrieren und etwas tun. Vor allem das: Etwas tun. Es war eine Sensation, die weltweit Aufsehen erregte und verwirrte: In einer der größten Krisen seines Landes nahm ein Regierungschef sich das Recht, innezuhalten. Nichts zu tun. Zum Nichtstun aufzufordern. Eine weitere Sensation war, dass 96 Prozent der Norweger das nicht als Führungsschwäche interpretierten, sondern als eine besonnene Art der Krisenbewältigung, die sie befürworteten. Sie wussten, dass Stoltenberg Betroffenheit und Trauer nicht vorspiegelte. Er hatte Mitarbeiter verloren, und er kannte die Familien
einiger ermordeter Kinder und Jugendlicher. Auch die Königsfamilie war unmittelbar betroffen, denn unter den Toten war ein Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit. Alle Parteien schlossen sich dem Kurs an, die Geschehnisse (nicht sofort) in Politik umzumünzen. Die Botschaft lautete: Wir stehen zusammen, die Trauer eint uns. Dieses Nicht-Handeln spiegelte die Sprachlosigkeit und Lähmung der ganzen Nation, es beruhigte die Norweger und bestätigte sie in ihrem tiefen Vertrauen in ihren Staat: Wenn wir ihn wirklich brauchen, ist er für uns da. Wir werden von Menschen regiert, die gar nicht so anders sind als wir. Sie sahen ihren König mit hochrotem Kopf weinen und fühlten sich getröstet, denn alle weinten, trauerten, waren vor Entsetzen gelähmt. Wörter wie Rache, Vergeltung und Hass fielen anfangs selten, und wenn, dann in unerwarteten Zusammenhängen: Unsere Jugendlichen sind nicht dafür gestorben, dass wir mehr hassen, sagte der Leiter der Sozialdemokratischen Jugend, der viele Freunde verloren hatte. Nur einige Insassen des Gefängnisses, in das der Täter gebracht wurde, äußerten eine explizite Drohung: Sollte man ihn in die Hände bekommen, wisse man, was man mit ihm anfangen werde. Drei andere Wörter - der Name des Mörders - fielen fast nur in den Medien. Wörter wie Teufel, Monster oder Killer-Bestie blieben ausländischen Medien vorbehalten, sie tauchten auch in Äußerungen rechtsradikaler Gesinnungsgenossen außerhalb von Norwegen auf. Sie waren bemüht, sich schnell und radikal von einem zu distanzieren, der sie mit sich zu reißen drohte. Die Norweger hingegen weigerten sich lange, seinen Namen auszusprechen, und boykottierten Zeitungen, die sein Bild auf der Titelseite hatten. Es war die intuitive Reaktion darauf, einem nach Medienaufmerksamkeit gierenden Mann zu verweigern, wonach er sich am meisten sehnte, und auch dem entgegenzusteuern, was bei Grausamkeiten dieser Art immer geschieht: Während der Name des Täters in die Geschichte eingeht, bleiben seine Opfer n
ur als eine Zahl in Erinnerung. Siv Jensen, Parteichefin der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (Frp), beteuerte sofort, es belaste sie unerträglich, dass dieser Mann einmal Mitglied ihrer Partei gewesen sei. Dann beging sie die große Dummheit, ihre Partei als unschuldiges Opfer der Morde zu bezeichnen. Der Empörungssturm über die Instinktlosigkeit, sich in eine Reihe mit den Opfern eines Rechtsradikalen zu stellen, zwang sie zu umgehenden und umfänglichen Entschuldigungen. Geholfen hat es wenig, in den Monaten nach den Anschlägen halbierte sich ihre Wählerschaft. Demonstrativ besuchten der Kronprinz, der Außenminister, Oslos Bürgermeister und der Bischof von Oslo eine große Osloer Moschee, der Außenminister zitierte Tröstendes aus dem Koran, der Bischof sagte, das norwegische Volk sei eine vielfältige Gemeinschaft in Trauer. Könighaus, Regierung und Geistliche führten praktisch vor, worauf es ankommt: Wir lassen uns nicht aufhetzen und nicht spalten. Rückblickend kann man vielleicht sagen, dass sie in diesen Tagen anfingen, sich um die Lösung eines weitreichenden und schwierigen gesellschaftlichen Problems zu bemühen, das der Schriftsteller Karl Ove Knausgård später so beschrieb: Man kann Hass nicht verbieten. Man kann nur dafür sorgen, dass der Abstand zwischen denen, die hassen, und der Gesellschaft, die sie hassen, nicht gefährlich groß wird. Drei Tage nach den Anschlägen fanden im ganzen Land Gedenkfeiern statt. Es wurde nicht geschrien, es wurden keine aufpeitschenden Reden gehalten. Es herrschte Stille, alle hatten Rosen dabei. Seit 1945 waren nicht mehr so viele Menschen gleichzeitig auf der Straße gewesen, 200 000 sollen es allein in Oslo gewesen sein, in einem entlegenen Weiler an der Westküste waren es acht. Als Stoltenberg seine Rede vor den 200 000 Osloern (und der Nation ) mit den Worten schloss Unsere Mütter und Väter haben gesagt: ?Nie mehr 9. April!? Wir sagen: ?Nie mehr 22. Juli!?, verstand ihn jedes Kind. Kein Ereignis in der norwegischen Ges
chichte hat die Nation so tief und so dauerhaft traumatisiert wie der deutsche Überfall vom 9. April 1940. Was er sagte, war also: Damals standen wir gegen den übermächtigen Feind zusammen, wir sind gestärkt aus den Zeiten des Leids hervorgegangen. So wird es auch diesmal sein. Wir haben eine Zukunft. Implizit an die Besatzungszeit erinnerte auch das (sehr bekannte ) Lied An die Jugend, das der Schriftsteller Nordahl Grieg 1936 gegen den Faschismus verfasst hatte. Es wurde binnen Stunden zur nationalen Hymne. Die zentrale Strophe stellt die Frage, womit man den Feind bekämpfen könne. Stoltenbergs Antwort lautete: Engagiert euch. Setzt euch ein. Werdet Mitglied in Organisationen. Beteiligt euch an Debatten. Geht wählen. Und das taten sie. Alle Parteien erlebten einen Zustrom neuer Mitglieder, vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Eine Überlebende von Utøya sagte, sie werde politisch weiterkämpfen, auch für ihre vielen toten Freunde. Und sie werde beim Prozess vor den Mörder treten. Ich werde ihm in die Augen sehen und sagen: ?Du wolltest uns zerstören, aber du hast uns stärker gemacht. Du hast verloren.? Einerseits haben die Anschläge das Land verändert. Politiker haben mehr Personenschutz, öffentliche Gebäude sind stärker gesichert, viele Bürger finden die neuen Regelungen zum Schutz ihrer Politiker nicht umfassend genug. Die Polizei muss vermutlich grundlegend reformiert werden, vieles weist darauf hin, dass sich die Einsatzkräfte am 22. Juli gravierende Versäumnisse und Pannen haben zuschulden kommen lassen. Die Stadt Oslo ist für immer gezeichnet, das Regierungsviertel für den Autoverkehr gesperrt. Was mit den beschädigten Regierungsgebäuden geschehen soll, ist ungewiss. Das Gebot absoluter Meinungsfreiheit, das jedem zugesteht, sich völlig unzensiert zu äußern, steht auf dem Prüfstand. Vor allem aber rangen und ringen Justiz und Bevölkerung um den richtigen Umgang mit einem, dessen Taten und dessen Kaltblütigkeit unbegreiflich bleiben. An seinem Vor
satz gibt es keine Zweifel, vielen Norwegern ist allein der Gedanke, dass er, wie psychiatrische Gutachter meinen, schuldunfähig sein soll, unerträglich. Er hat 77 Menschen ermordet, zudem hat er Hunderten von Überlebenden schwere körperliche und seelische Schäden zugefügt. Zahllose Menschen müssen damit weiterleben, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da ist. Andererseits zeigen Umfragen, dass die Norweger sich nicht bedroht fühlen und nicht ängstlicher geworden sind. Selbst führende Politiker und die Königsfamilie mischen sich weiterhin (fast) ungeschützt unter das Volk. Die Norweger honorieren, wie ruhig, würdig und umsichtig die Regierenden und ihr König sie durch die ersten Tage und Wochen der Krise führten. Man kann es positiv oder negativ sehen, dass die Gesellschaft im Wesentlichen gleich geblieben ist, sicher ist: Man kämpft darum, eine offene Gesellschaft und ein offenes Land zu bleiben. Der Täter soll nicht den Sieg davontragen, die Sicherheit und das gegenseitige Vertrauen, von denen Jo Nesbø sprach, zerstört zu haben. Niemand könne die Anschläge vom 22. Juli ungeschehen machen, sagte Kronprinz Haakon im Juli 2011, aber wir können wählen, was sie mit uns machen. | Norwegens Oppositionspartei Jahrzehntelang hatte Norwegen die mit Abstand erfolgreichste und stabilste rechtspopulistische Partei Europas. Es ist die gerade erwähnte Fremskrittspartiet (Frp), Die Fortschrittspartei. Sie gehört zu den unerquicklichen Aspekten des heutigen Norwegen, weswegen ich sie jetzt abhandle, dann habe ich es hinter mir. Die Frp wurde 1973 als Anders Langes Partei für die deutliche Reduzierung von Steuern, Abgaben und staatlichen Eingriffen gegründet. Seither wuchs sie stetig und lag bei Umfragen konstant zwischen zwanzig und dreißig Prozent. Sie war im Auf und Ab der Wählerbefragungen immer wieder einmal Norwegens größte Partei. Sobald ein moslemisches Thema Schlagzeilen machte, Themen wie der Karikaturenstreit, die Kopftücher moslimischer Schülerinnen oder eine Gewalttat
, die von einem moslemischen Einwanderer begangen wurde, konnte die Zahl auf 35 Prozent steigen. Konkret bedeutet das, dass nur 65 Prozent der fünf Millionen Norweger für rechtspopulistische Parolen völlig unempfänglich sind. Daraus muss man wohl den Schluss ziehen, dass es in Norwegen kaum offene, aber ziemlich viele undercover-Nationalisten gibt. Wie alle Politiker populistischer Parteien behaupten auch die der Frp, das Sprachrohr des Volkes zu sein. Sie legen sich auf keine politische Seite fest und passen ihre Forderungen der jeweils herrschenden Stimmung an. Man könnte auch sagen: Politisches Rückgrat ist ihnen wesensfremd. Folglich kann der durchschnittliche Frp-Wähler über das Programm seiner Partei selten mehr sagen als: Das mit den Ausländern und dem Ölgeld geht nicht so weiter. Denn das wirklich große Thema, noch größer als der Fremdenhass, sind die Ölmilliarden, zu denen der Frp und ihren Wählern immer nur eines einfällt: Das Ölgeld gehört der Bevölkerung, nicht den Politikern. Wir wollen das Geld. Jetzt. Sofort. Für uns. Wir wollen mehr Geld für Krankenhäuser (dem muss man zustimmen, denn vieles am norwegischen Gesundheitssystem ist nicht mies oder krank, sondern todkrank) und Rentner (da staunt man als Deutscher, ist doch die Kaufkraft der Rentner in den letzten zehn Jahren um sage und schreibe vierzig Prozent gestiegen). Wir wollen eine höhere Mindestrente, bessere Straßen, billigeres Benzin (es kostet ein Euro neunzig pro Liter, dabei sitzt man doch buchstäblich an der Quelle), billigere Flugreisen, einen Computer für jeden Schüler. Kurz gesagt, finden die Politiker (und Wähler) der Fortschrittspartei an ihrem Land nur eines nicht schlecht: seine finanzielle Situation. Und was wollen die Frp-Poliker mit dem Ölgeld machen? Nahezu alle Wirtschaftsexperten befürworten Norwegens restriktive Finanzpolitik. Gäbe man die Ölmilliarden im eigenen Land aus, wären Inflation und Preissteigerungen die zwingende Folge. Aber es gibt ja andere schöne Orte auf der Wel
t. Ein Abgeordneter der Frp brachte sich mit dem Vorschlag ins Gespräch, jedem Norweger eine Kreditkarte mit einem Guthaben von 18 000 Kronen (2400 Euro) zur Verfügung zu stellen, das nur im Ausland ausgegeben werden darf, beispielsweise für - wie er explizit sagte - Shopping, Sangria und Spanferkel. Und der ehemalige Parteivorsitzende Carl I. Hagen wäre nicht Europas erfolgreichster Rechtspopulist geworden, wenn nicht auch er ein Gespür für die tiefsten Sehnsüchte und Ängste der Menschen hätte. Er forderte, der norwegische Staat solle für seine Rentner Pflegeheime in Mittelmeerländern bauen. Er hat noch mehr einfache Lösungen für komplexe Probleme parat: Ende August 2011 schlug er vor, spanische Gastarbeiter ins Land zu holen. In Spanien betrage die Arbeitslosigkeit immerhin zwanzig Prozent, hier könne man die Männer gut gebrauchen, damit sie einen Tunnel unter dem Oslofjord bauen. Sie könnten in Zwölfstunden-Schichten für spanische Löhne arbeiten und in Baracken wohnen. Nach ein paar Wochen müsse man sie allerdings wieder nach Hause schicken und neue holen, sonst würden sie mit ihren Löhnen womöglich die Inflation anheizen. Da die Frp grundsätzlich für Ausgeben plädiert, müssen die Parteien des bürgerlichen und linken Spektrums erklären, warum sie dagegen sind. Darin sind sie sich ziemlich einig, da alle mehr oder weniger sozialdemokratisch sind. Deshalb war die Fortschrittspartei lange Zeit nicht nur die größte, sondern auch die einzige Oppositionspartei. Sie ist lediglich innerhalb dieses norwegischen Spektrums rechtspopulistisch und keineswegs so radikal wie beispielsweise die Le-Pen-Rechten in Frankreich. Die Frp-Politiker gelten seit jeher nur als spezielle Spezies Demokraten, durchaus als Schmuddelkinder. Sie sind nicht geächtet, aber die meisten anderen Politiker halten betont Distanz zu ihnen.

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