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Der Junge, der Träume schenkte

Roman. Originaltitel: La Gang dei Sogni. 1. Aufl. 2011.
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New York, 1909

Aus einem transatlantischen Frachter steigt eine junge Frau mit ihrem Sohn Natale. Sie kommen aus dem tiefsten Süden Italiens - mit dem Traum von einem besseren Leben in Amerika. Doch in der von Armut, Elend und Kriminalität gezeichne … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Der Junge, der Träume schenkte
Autor/en: Luca Di Fulvio

EAN: 9783838717593
Format:  EPUB
Roman.
Originaltitel: La Gang dei Sogni.
1. Aufl. 2011.
Übersetzt von Petra Knoch, Luca Di Fulvio
Lübbe

22. Dezember 2011 - epub eBook - 784 Seiten

Beschreibung

New York, 1909

Aus einem transatlantischen Frachter steigt eine junge Frau mit ihrem Sohn Natale. Sie kommen aus dem tiefsten Süden Italiens - mit dem Traum von einem besseren Leben in Amerika. Doch in der von Armut, Elend und Kriminalität gezeichneten Lower East Side gelten die gnadenlosen Gesetze der Gangs. Nur wer über ausreichend Robustheit und Durchsetzungskraft verfügt, kann sich hier behaupten. So wie der junge Natale, dem überdies ein besonderes Charisma zu eigen ist, mit dem er die Menschen zu verzaubern vermag ...

Portrait

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Sein vielseitiges Talent ermöglicht es ihm, mit derselben Leichtigkeit sowohl packende Thriller für Erwachsene als auch fröhliche Geschichten für Kinder zu schreiben (letztere veröffentlicht er unter Psyeudonym). Einer seiner vorherigen Thriller, "L'Impagliatore", wurde unter dem Titel "Occhi di cristallo" für das italienische Kino verfilmt. Bevor Di Fulvio zum Schreiben kam, hat er in Rom Dramaturgie studiert, und sein Lehrmeister war kein Geringerer als Andrea Camilleri.

Leseprobe

5


Manhattan, 1922

Der Erste, den er fragte, war Santo Filesi, ein pickliger, spindeldürrer Junge mit schwarzem Kraushaar, der im selben Haus wohnte und den er grüßte, wenn sie sich begegneten. Mehr verband sie aber auch nicht. Santo war genauso alt wie Christmas, und im Viertel hieß es, er gehe zur Schule. Sein Vater arbeitete als Ladearbeiter im Hafen und war klein und untersetzt, und der tägliche Umgang mit den schweren Lasten hatte ihm irreparabel krumme Beine eingebracht. Man erzählte sich – denn im Viertel wurde viel und gern erzählt –, er sei fähig, zwei Zentner mit nur einer Hand zu heben. Und obwohl er ein rechtschaffener, gutmütiger Mann war, der selbst dann nicht zu Gewalt neigte, wenn er zu viel getrunken hatte, wurde er allgemein geachtet; niemand forderte ihn heraus. Bei einem, der fähig war, zwei Zentner mit nur einer Hand zu heben, konnte man schließlich nie wissen. Santos Mutter hingegen war spindeldürr wie ihr Sohn. Mit ihrem länglichen Gesicht und den langen Schneidezähnen erinnerte sie an einen Esel. Sie hatte eine gelbliche Haut und schmale, knorrige Hände, die sie flink bewegte, allzeit bereit, ihrem Sohn eine Ohrfeige zu verpassen. So kam es, dass Santo bei jeder Geste seiner Mutter instinktiv sein Gesicht schützte. Signora Filesi arbeitete als Putzfrau in der Schule, die Santo den Gerüchten nach besuchte.

»Stimmt es, dass deine Mutter dir eine Creme gegen die Pickel zusammenmischt?«, wollte Christmas von Santo wissen, als er ihn an dem Morgen, nachdem der Metzger ihn zu Lilliputs Schutz engagiert hatte, auf der Straße traf.

Santo zog den Kopf ein, errötete und versuchte unbeirrt weiterzugehen.

Christmas lief ihm nach. »Hey, bist du etwa beleidigt? Ich will dich nicht aufziehen, ich schwör’s.«

Santo blieb stehen.

»Wills
t du Mitglied in meiner Gang werden?«, fragte Christmas.

»Was für eine Gang?«, hakte Santo vorsichtig nach.

»Die Diamond Dogs.«

»Nie gehört.«

»Kennst du dich denn mit Gangs aus?«

»Nein ...«

»Na, dann heißt das ja wohl gar nichts, dass du noch nie von uns gehört hast«, erwiderte Christmas.

Erneut wurde Santo rot und blickte zu Boden. »Wer seid ihr denn?«, fragte er schüchtern.

»Es ist besser für dich, wenn du das nicht weißt«, gab Christmas zurück und ließ dabei seinen Blick betont wachsam umherschweifen.

»Wieso das?«

Christmas trat auf ihn zu, nahm ihn am Arm und zog ihn in eine Seitengasse, in der überall Müll herumlag. Kurz kehrte er dann noch einmal zur Orchard Street zurück, wie um sicherzugehen, dass ihnen niemand folgte, ging danach wieder zu Santo und sagte hastig und leise: »Weil du dann nicht zwitschern kannst, wenn sie dich ausquetschen.«

»Wer sollte mich denn ausquetschen?«

»Oh Mann, du bist echt ein Grünschnabel!«, fuhr Christmas auf. »Du weißt ja gar nichts! In was für einer Welt lebst du eigentlich? Sag mal, stimmt es, dass du zur Schule gehst?«

»Na ja, mehr oder weniger ...«

Noch einmal ging Christmas zur Orchard Street und sah sich verstohlen um, bevor er – mit Sorgenfalten im Gesicht – einen Satz zurück machte, Santo tiefer in die Gasse hineindrängte und ihn zwang, sich hinter einen Müllhaufen zu ducken. Er bedeutete ihm, still zu sein. Nachdem irgendein harmlos aussehender Mann vorbeigegangen war, atmete er erleichtert auf. »Scheiße ... hast du den gesehen?«

»Wen?«

»Hör zu, tu mir einen Gefallen. Sieh mal nach, ob der sich
immer noch da rumdrückt.«

»Wer denn??«

»Der Kerl, hast du ihn gesehen?« Christmas packte Santo beim Kragen.

»Ja ... ich glaube, ja ...«, stammelte der Junge.

»Ich glaube, ich glaube ... Und du willst einer von den Diamond Dogs sein? Vielleicht hab ich dich falsch eingeschätzt, aber ...«

»Aber?«

»Du kamst mir pfiffig vor. Hör zu, tu mir den einen Gefallen, und danach sagen wir Auf Wiedersehen und vergessen das Ganze. Sieh mal nach, ob der Kerl noch da rumsteht oder ob die Luft rein ist.«

»Ich?«

»Klar, Mann, wer denn sonst? Dich kennt er nicht. Na los, du Feigling, beweg dich!«

Mit zögerlichen Schritten verließ Santo sein stinkendes Versteck und näherte sich der Orchard Street. Dort sah er sich unbeholfen nach dem harmlosen Mann um, den er nun für einen gefährlichen Verbrecher hielt. Als der Junge wieder zurückkam, stellte Christmas fest, dass seine Schritte sicherer geworden waren. Santo hakte einen Finger in seinen Gürtel und verkündete: »Die Luft ist rein.«

»Gut gemacht«, lobte Christmas ihn und stand auf.

Santo grinste stolz.

Christmas klopfte ihm auf die Schulter. »Komm mit, ich geb dir ein Eiscreme-Soda aus, und danach trennen sich unsere Wege.«

»Ein Eiscreme-Soda?«, fragte Santo und rollte die Augen.

»Ja, was ist denn?«

»Das kostet ... das kostet fünf Cent ...«

Lachend zuckte Christmas die Schultern. »Geld. Ist doch nur Geld. Reicht doch, wenn man’s hat, oder?«

Santo sah so aus, als traute er seinen Ohren kaum.

Als sie den heruntergekommenen kleinen Laden in der Cherry Street betraten, hielt Christmas krampfhaft seine Halbdollarmünze in der Hand. »Hör zu«, sagte er zu
Santo und setzte sich auf einen Hocker, »ich hab heute schon zwei davon gehabt und spür’s im Magen, ein drittes will ich nicht mehr. Lass uns dein Soda teilen, du bist sowieso nicht daran gewöhnt, und ein ganzes bekommt dir womöglich nicht. Mit dem Zeug muss man aufpassen.« Daraufhin bestellte er bei Erdbeere – der seinen Spitznamen dem großen, glänzenden Feuermal verdankte, das sein halbes Gesicht überzog – einen Becher mit zwei Strohhalmen und ließ schweren Herzens die einzige Münze, die er in der Tasche hatte, klimpernd auf den Tresen fallen.

Eine Weile sagte keiner der beiden Jungen etwas. Jeder nuckelte an seinem Strohhalm und versuchte, ein wenig mehr aufzusaugen als die Hälfte, die ihm zustand.

»Was bedeutet eigentlich, du gehst mehr oder weniger zur Schule?«, fragte Christmas schließlich und schleckte mit dem Finger die Reste aus dem Becher.

»Dass eine Lehrerin mir nachmittags ein bisschen Grammatik und Geschichte beibringt, weil meine Mutter da putzt. Also, richtig angemeldet bin ich in der Schule nicht, verstehst du?«, erklärte Santo abwehrend. »Im Gegenteil, ich pfeif auf die Schule«, fügte er in abfälligem Ton wie ein Möchtegernganove hinzu.

»Du bist ein Idiot, Santo. Was zum Teufel willst du denn mit deinem Leben anfangen? Du bist nicht wie dein Vater, du wirst nie zwei Zentner mit einer Hand heben können. Wenn du was lernst, kann dir das nützen«, sagte Christmas, ohne auch nur einen Moment zu überlegen. »Ich beneide dich.«

»Wirklich?«, fragte Santo strahlend.

»Ach was, das sagt man doch nur so. Pluster dich nicht so auf, Grünschnabel, du siehst ja aus wie ein Truthahn«, korrigierte Christmas sich sofort.

»Ach so ... dachte ich’s mir doch«, murmelte Santo, den Blick auf den leeren Be
cher gerichtet. »Du hast alles.«

»Na ja, ich kann nicht klagen.«

Schweigend schaute Santo zu Boden. Eine drängende Frage beschäftigte ihn. »Also ... kann ich einer von den Diamond Dogs sein?«, erkundigte er sich schließlich.

Christmas hielt ihm den Mund zu und warf einen Blick hinüber zu Erdbeere, der dösend in der Ecke saß. »Bist du bescheuert? Was, wenn er dich hört?«

Wieder lief Santo rot an.

»Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann«, sagte Christmas leise und sah Santo eindringlich an. »Lass mich darüber nachdenken. Mit so etwas spaßt man nicht.« Christmas konnte die bittere Enttäuschung in Santos Augen erkennen. Innerlich grinste er. »In Ordnung, ich gebe dir eine Chance. Aber du bist in der Probezeit, damit das klar ist.«

Jauchzend wie ein Kind fiel Santo ihm überschwänglich um den Hals.

Christmas entwand sich seiner Umarmung. »Hey, so einen Weiberkram gibt es bei uns Diamond Dogs nicht.«

»Ja, ja, entschuldige, es ist nur, weil ... weil ...«, stammelte Santo aufgeregt.

»Okay, okay, lass gut sein. Kommen wir zum Geschäft«, sagte Christmas mit noch gedämpfterer Stimme und beugte sich nach einem erneuten Blick zu Erdbeere nah zum einzigen Mitglied seiner Gang hinüber. »Stimmt es, dass deine Mutter dir eine Creme gegen die Pickel anrührt?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Regel Nummer eins: Die Fragen stelle ich. Wenn du’s nicht gleich kapierst, kapierst du’s später. Und wenn du’s auch später nicht kapierst, denk daran, es gibt immer einen Grund, ist das klar?«

»Okay ... ja.«

»Ja, was? Rührt deine Mutter dir eine Salbe an?«

Santo nickte.

»Und denkst du,
sie hilft?«

Wieder nickte Santo.

»Sieht aber nicht so aus, entschuldige, wenn ich dir das sage«, bemerkte Christmas.

»Doch, sie hilft. Sonst hätte ich noch viel mehr Pickel.«

Christmas rieb sich die Hände. »Okay, ich glaube dir. Aber jetzt sag mir: Denkst du, sie würde auch gegen Räude helfen?«

»Keine Ahnung ... wieso Räude?«, fragte Santo verblüfft.

Christmas beugte sich noch näher zu ihm hinüber. »Es geht um einen, den wir beschützen. Er zahlt gut. Aber sein Hund hat die Räude, und wenn du und ich es schaffen, ihn zu heilen, rückt der Typ bestimmt noch mehr Geld raus.« Mit dem Fingernagel klopfte er gegen den Becher, was ein leises Klirren erzeugte.

»Sie könnte helfen«, meinte Santo.

»Einverstanden«, sagte Christmas und stand auf. »Wenn du einer von den Diamond Dogs sein willst, musst du dir das erst verdienen. Besorg mir ganz viel von der Salbe deiner Mutter. Wenn sie hilft, gehörst du zu uns...


Pressestimmen

»Ein Buch wie eine Reise, von der man sich wünscht, sie möge niemals enden.«
La Repubblica

»Ein pralles Feuilleton der New Yorker 20er Jahre, das Bilder aus Sergio Leones Film Es war einmal in Amerika auferstehen lässt.«
L'Unità

Technik

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Bewertungen unserer Kunden
Der Junge, der Träume schenkte (eBook)
von Gisela B. - 19.02.2013
Dieses Buch berührt Herz und Seele ! Als Natale 1909 mit seiner Mutter aus dem Süden Italiens nach New York zieht, erhoffen sie sich ein besseres Leben. Doch in der Lower East Side herrschen Armut, Elend und Kriminalität. Und die Gesetze der Gangs, gegen die sich nur behaupten kann, wer über Robustheit und Durchsetzungsvermögen verfügt. Oder eine besondere Gabe hat. Wie Natale...
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