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Drei Briefe aus den Anden

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Sechs Freunde brechen 1971 zu einer Kletterexpedition in die Anden auf. Ihr Abenteuer führt sie von Cusco nach Urubamba, weiter nach Puno und Juli zum Titicacasee, wieder hinunter nach Arequipa und zurück nach Lima.
Die Reisegruppe besteht aus dem Dic … weiterlesen
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Drei Briefe aus den Anden als eBook

Produktdetails

Titel: Drei Briefe aus den Anden
Autor/en: Patrick Leigh Fermor

EAN: 9783908778486
Format:  EPUB
Übersetzt von Manfred Allié
Dörlemann eBook

23. Juli 2014 - epub eBook - 160 Seiten

Beschreibung

Sechs Freunde brechen 1971 zu einer Kletterexpedition in die Anden auf. Ihr Abenteuer führt sie von Cusco nach Urubamba, weiter nach Puno und Juli zum Titicacasee, wieder hinunter nach Arequipa und zurück nach Lima.
Die Reisegruppe besteht aus dem Dichter Robin Fedden und seiner Frau, einem Juwelier aus der Schweiz, einem Anthropologen aus der Provence und einem Gutsherr aus Nottinghamshire. Die beiden blutigen Anfänger im Klettern sind ein naturliebender britischer Herzog und der Briefeschreiber.

Portrait

PATRICK LEIGH FERMOR wurde 1932 der Schule in Canterbury verwiesen, weil er sich »in ein Mädchen beim Gemüsehändler verguckte«. Während der Aufnahmeprüfung in die Armee hatte er die fabelhafte Idee, nach Konstantinopel zu wandern...
Drei Jahre lang organisierte er als britischer Agent auf Kreta den Widerstand, konnte 1944 den deutschen General Kreipe gefangen nehmen und wurde ein Held. (Verfilmt wurde diese Begebenheit aus Fermors Leben mit Dirk Bogarde in der Hauptrolle. Titel des Spielfilms: »Ill Met by Moonlight«.) Fermor reiste in die Karibik, wo der Reisebericht »The Traveller's Tree« und »Die Violinen von Saint-Jacques«, sein einziger Roman, entstanden. Patrick Leigh Fermor zählt zu den bedeutendsten englischsprachigen Reiseschriftstellern. Er lebt in Griechenland.

MANFRED ALLIÉ, geboren 1955 in Marburg, übersetzt seit 20 Jahren Literatur, u.a. Edith Wharton, Scott Bradfield, Ralph Ellison, Richard Powers, Yann Martel, Michael Innes und Patrick Leigh Fermor, den er »kongenial übersetzt« hat (Hardy Ruoss, Literaturclub). Für seine Übersetzung von Patrick Leigh Fermors »Die Zeit der Gaben« erhielt er 2006 den Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis.

Leseprobe

Cuzco, 3. August 1971

Endlich war der Morgen des Aufbruchs in Little Venice1 gekommen, doch von dem bestellten Wagen keine Spur. Immer wieder wählten wir die Nummern der Taxifirmen, alle waren besetzt, in meiner Verzweiflung schleppte ich schon mein Gepäck an den Bordstein, und Patrick Kinross2 stellte sich in seinem Morgenrock aus persischer Seide mitten auf die Warwick Avenue und winkte gebieterisch. Das machte Eindruck. Sofort hielt ein Taxi.

Ich hätte mir gar keine Sorgen machen müssen, denn es langte im selben Moment am Victoria Air Terminal an wie dasjenige von Andrew3, und wir waren die ersten. Er trug einen himbeerroten Pullover und weißen Sonnenhut, und beide hatten wir schon unsere klobigen Bergschuhe an und Eispickel wie Tomahawks in der Hand. Wir waren die beiden Anfänger, die schwachen Glieder in der Kette, und sehr darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen.

Die anderen trafen ein wenig später ein: Robin und Renée,4 dann André Choremi. Ein Vetter all der vielen Choremis in Griechenland und Ägypten, aber ich glaube, schon seit Delacroix’ Massaker von Chios sind sie Franzosen. Er ist Jurist und Soziologe, lebt in der Provence und spricht perfekt Englisch. Wir hatten uns schon vor Ewigkeiten bei Julian Pitt-Rivers kennengelernt. Dann erschien Carl Natar; er ist Schweizer und spricht genauso perfekt Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch wie seine – märchenhaft rare – Muttersprache Rätoromanisch und kommt aus demselben Tal im Engadin wie Giacometti. Er ist ein großer Bergsteiger, ehemaliger Skiweltmeister, glaube ich; und dreißig Jahre lang war er Direktor der Londoner Filiale von Cartier. Und er hat einen eineiigen Zwillingsbruder. Der siebte in unserer Reisegesellschaft ist Myles Hildyard, ein Gutsherr aus Nottinghamshire. Er fährt nur
mit bis nach Lima und bleibt dann bei seinem Bruder, dem Botschafter in Chile. Ein alter Bergfuchs, und es ist ein Jammer, daß er nicht mit uns in die Anden kommt. Prachtburschen allesamt. Unser Gepäck – Rucksäcke, Taschen mit Ausrüstung, Zelte und anderes Bergsteigergerät – türmte sich zu einer riesigen Pyramide in der Abflughalle.

Das Charterflugzeug war voll mit weiteren Mitgliedern der Anden-Gesellschaft, alle unterwegs zu südamerikanischen Gipfeln und bis zur Nasenspitze in Gepäck versunken; außerdem war eine kleine Gruppe Wissenschaftler mit dem Ziel Galapagos-Inseln dabei. Ich saß zwischen Renée und Myles, und wir plauderten und lasen und dösten und aßen – Mahlzeiten, Snacks, Kaffee, Drinks und Sandwiches kamen nonstop –, und mittlerweile zog unter uns das West Country dahin und dann der Atlantik. Myles hat bei der Schlacht um Kreta in einem Freiwilligenregiment gedient. Ich ließ mir erzählen, wie er in Gefangenschaft geriet und mit einheimischer Hilfe fliehen konnte, und mit einem kleinen Boot kam er schließlich nach Kleinasien und von da zurück zu seiner Einheit. Gegen Mittag – wir schienen kaum abgeflogen – landeten wir auf Bermuda und tranken einen Planter’s Punch an der Flughafenbar; dann ging es weiter nach Antigua – Land des Traveller’s Tree.5 Im Norden konnte man gerade noch St. Kitts und die Inseln über dem Winde erkennen, im Süden die Umrisse von Guadeloupe und Dominica. Ein Motor war ausgefallen, und so saßen wir sechs Stunden lang fest, bis schließlich nach einem Dutzend von falschen Alarmen und Ein- und Ausstiegen eine Ersatzmaschine aus Trinidad kam. Nach Londoner Zeit war es inzwischen tiefe Nacht, aber hier erst früher Abend.

Als wir zur letzten Etappe nach Lima aufbrachen, war es dunkel geworden, und so
sah ich nichts von den Inseln unter dem Winde, nichts vom Regenwald des Amazonas und von den Anden. Wir flogen mit der Nacht, und als wir schließlich in Lima die Gangway hinunterstolperten, waren wir fast vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Paß- und Devisenkontrolle zogen sich lange hin. Die verschlafenen Beamten, Halbindios mit ausdruckslosen Gesichtern, waren alles andere als flott; unsere Pässe schienen ihnen ein Rätsel, der von Andrew geradezu suspekt. Eine halbe Stunde nach uns kam auch er durch die Schranke, »Es gibt Länder«, stöhnte er, »da hat man es leichter, wenn man ein Herzog ist. Peru ist keines davon.« Unsere Ausrüstung, als sie schließlich versammelt, gezählt, noch einmal gezählt und von vier ächzenden Peonen nach draußen befördert worden war, brauchte ein ganzes Taxi für sich. Wir folgten ihm in einem zweiten, hinaus in das dunkle, feuchte Lima, taumelten wir sieben Gespenster zu unseren Zimmern im Hotel Alcazar und schliefen auf der Stelle ein.

Es gab nur Doppelzimmer, und Andrew und ich teilten uns eines. Er ist weit ordentlicher als ich und ich nehme mir vor, mich zu bessern.

Ich kann nur staunen über Robins gleichmütige Art. Er läßt sich bei dieser ganzen Unternehmung durch nichts aus der Ruhe bringen – kein einziges Anzeichen von Aufregung, Ungeduld oder Anspannung. Die Parole heißt Erholung, und alles sprüht vor Witz und Charme.

Wir erwachten unter Scheppern von Märschen und Militärkapellen. Aus unzähligen Lautsprechern drangen ununterbrochen Ansprachen zum peruanischen Nationalfeiertag. (Eine Militärregierung ist am Ruder, linksgerichtet, aber der äußere Eindruck ist nicht anders als bei anderen Militärregimes.)

Wir sind mitten im südamerikanischen Winter gekommen, und es nieselt leicht. Bis auf etwa sechzig Tage im Jahr ist das We
tter in Lima trübe, der Himmel bedeckt von Wolken, Nebel, Gischt, die der Humboldtstrom unablässig landeinwärts treibt. Die Stadt ist ein einziges Chaos, doch hie und da findet man zwischen den Hochhäusern noch hölzerne miradores und rejas und die Zuckerstangensäulen der Jesuiten und Heilige der Gegenreformation. Kreuzgänge, Kirchen, Kuppeln und Türme werden von den Neubauten verschluckt, aber sie zeigen noch, was für eine schöne Stadt es einmal gewesen sein muß. Zum Mittagessen waren wir in ein prächtiges Haus aus der spanischen Kolonialzeit eingeladen, bei Sr. und Sra. Porros, die wohlhabend, anglophil und lieb sind; dann trotteten wir durch die Gärten von Mr. Tweedie, einem großen Botaniker und Gärtner, der unzählige seltene Pflanzen aus aller Welt hier versammelt hat und in einem Haus voll mit Büchern und Bildern lebt. Wir waren immer noch benommen von der Nacht, und die meisten ließen das Abendessen ausfallen, alle außer Myles, André und mir. Abenteuerlich irrten wir durch das Gassengewirr auf der Suche nach einem Fischrestaurant namens El Pescador, wo wir Garnelen und loup de mer aßen; gleich nebenan lag ein gespenstisches und verlockendes spätviktorianisch-gotisches Schloß namens Castello Rospigliosi.

Wir standen um halb sechs morgens auf, fuhren zum Flughafen und kletterten in die kleine Maschine einer peruanischen Gesellschaft mit dem ominösen Namen Fawcett Line. Sie trug uns hinauf in den Nebel und an die Pazifikküste, eine lange Reihe steiler brauner Klippen hoch über den grauen Wellen. Wir tauchten in weiße Wolken ein, doch als die Maschine sich landeinwärts wandte und hinaufstieg in die Sonne, waren wir in einer anderen Welt. Die Ausläufer der Anden schwammen unter uns wie Inseln in einem Ozean aus Wolken. Bald verbanden sich die Berge zu einem maulwur
fsgrauen Massiv, und Flüsse aus Wolkensträngen durchzogen die Schluchten und hingen über den Abhängen wie gefrorene Wasserfälle. Dörfer und Felder und Weiden blieben hinter uns zurück. Menschenleere Hochebenen, auf denen Bergseen glitzerten, stiegen an zu schneeüberpuderten Kegelbergen, und bald türmte sich der Schnee an sämtlichen Südflanken (der Norden liegt hier im Süden, der Kompaß steht auf dem Kopf). Über der nächsten Wolkenschicht erhob sich eine Sierra aus Gipfeln und Tafelbergen, aus mächtigen Kaminen und Schluchten, in denen die Wolken schwebten wie Tennisbälle auf einer Schnur. In der Ferne ragte eine noch höhere Bergkette auf, und ein paarmal schimmerte jenes Wolkenmeer durch, das die westlichen Bergränder des Amazonasbeckens bedeckt. Irgendwann müssen wir eine Wasserscheide passiert haben, denn all die Bergbäche, die wir am Grund der tiefen Täler funkeln sahen, zeigten nun in eine andere Richtung. Eine Kette von Gletschern glitzerte, wand und bog sich zwischen kahlen Gipfeln, zu steil als daß der Schnee sich dort halten konnte, und fernen Kordilleren, die dunkel im blauen Dunst schwebten. Dann schraubte sich die Maschine wieder tiefer. Ein paar safrangelbe Felder tauchten auf und, als wir uns dem Boden näherten, Streifen von Ackerland, grobe Mauern, Gräben, Gehöfte, Kühe, Pappeln und schließlich die Kuppeln und Kirchtürme von Cuzco. Wir landeten auf einem kleinen Flugfeld, und überall waren Ketschua-Indianer.

Wir leiden alle unter Atemnot, Kopfschmerz quält uns, die Knie sind weich. Binnen einer einzigen Stunde sind wir von Meereshöhe auf 11000 Fuß angelangt. Diese Höhenkrankheit ist die Rache der Sonnenkinder an den Glaubensbrüdern der Konquistadoren. Wir schleppen uns durch die Straßen, mit Sonnenbrillen und breitkrempigen Hüten. Das Licht ist gleißend
hell, die Schatten sind kühl, und bei Sonnenuntergang wird es eiskalt.

Das kleine Hotel Conquistador wird von einem dunkelhäutigen Mestizen betrieben, die Belegschaft besteht aus stämmigen, dunklen, lächelnden Ketschua-Indianern; die Fenster gehen auf den Markt, und die Marktlaute dringen zu uns herauf. Mitten über die Straße läuft eine Bahnlinie, und im Abendlicht schnauft und pufft ein Zug mit einer Dampflok vorbei wie in einem Wildwestfilm. Die Häuser in diesem Viertel sind niedrig und ärmlich, aus Lehm und Lehmziegeln gebaut, aber näher zum Stadtzentrum hin ragen spanische Bauten aus den megalithischen...


Technik

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