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Ein Sonntag auf dem Lande

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Monsieur Ladmiral, ein erfolgreicher, wenn auch konventioneller Maler, hat sich außerhalb von Paris niedergelassen, wo ihn - wie jeden Sonntag - der Sohn Gonzague mit seiner Familie besucht. Man isst, man spaziert, alles ist wie immer, bis Irène, die … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Ein Sonntag auf dem Lande
Autor/en: Pierre Bost

EAN: 9783908778271
Format:  EPUB
Übersetzt von Rainer Moritz
Dörlemann eBook

18. Juni 2013 - epub eBook - 160 Seiten

Beschreibung

Monsieur Ladmiral, ein erfolgreicher, wenn auch konventioneller Maler, hat sich außerhalb von Paris niedergelassen, wo ihn - wie jeden Sonntag - der Sohn Gonzague mit seiner Familie besucht. Man isst, man spaziert, alles ist wie immer, bis Irène, die Tochter, auftaucht. Während Gonzague ein eher langweiliges bürgerliches Leben führt, geht Irène undurchschaubaren, doch umso lukrativeren Geschäften nach und lässt sich von niemand in die Karten ihres (Liebes-)Lebens blicken.

Der Familiensonntag wird in Pierre Bosts kleinem Roman zu einem Panorama der Gefühle, wie sie in Familien nicht nur kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter der Oberfläche brodeln. Rivalität unter Geschwistern, Eifersucht und die Angst vor dem Tod des Vaters treten zutage - nur die Mitglieder der Familie würden sich dies nie eingestehen.

Portrait

1901 in Lasalle geboren, wuchs in Le Havre auf und kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg nach Paris. Zwischen 1924 und 1945 veröffentlichte er mehr als ein Dutzend Romane, Erzählbände und Essays. Er gehörte zu den bedeutendsten Literaten und Journalisten der Zwischenkriegszeit. Zu seinen wichtigsten Werken gehören Faillite (1928), Le scandale (1931), Porte-Malheur (1932) und Monsieur Ladmiral va bientôt mourir. Mit diesem kleinen Roman verabschiedete er sich 1945 aus der Literatur, um fortan als Drehbuchschreiber zu arbeiten. Pierre Bost starb 1975 in Paris. 1984 wurde Monsieur Ladmiral va bientôt mourir von Bertrand Tavernier unter dem Titel Ein Sonntag auf dem Lande verfilmt. Das Werk wurde bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet.

Leseprobe

    

Wenn Monsieur Ladmiral über das Älterwerden klagte, sah er seinem Gesprächspartner mitten ins Gesicht und schlug einen provozierenden Ton an, der nach Widerspruch zu verlangen schien. Wer ihn schlecht kannte, täuschte sich leicht und antwortete, wie man es zu tun pflegt, höflich, dass sich Monsieur Ladmiral etwas einrede, er immer noch putzmunter sei und alle anderen überleben werde. Darüber ärgerte sich Monsieur Ladmiral jeweils und führte Beweise ins Feld: Er könne nicht mehr bei künstlichem Licht arbeiten, stehe in der Nacht bis zu vier Mal auf, leide unter Kreuzschmerzen, nachdem er Holz gesägt habe, und zu guter Letzt sei er über siebzig Jahre alt. Dieses Argument diente dazu, den größten Optimisten den Mund zu stopfen, und das umso mehr, da Monsieur Ladmiral nicht nur über siebzig war, sondern schlicht ganze sechsundsiebzig Jahre auf dem Buckel hatte. Folglich war es besser, keine Anstalten zu unternehmen, ihm zu widersprechen, wenn er sich übers Älterwerden beklagte. Und überhaupt: warum sollte man ihm seine letzten Vergnügen nicht gönnen? Es ärgerte ihn, älter zu werden, aber es tröstete ihn ein wenig, darüber zu klagen. Tatsächlich alterte Monsieur Ladmiral stark und das immer schneller. Das Alter ist ein sanfter Abhang, aber selbst am Ende eines sehr sanften Abhangs nehmen die Steine schließlich rasch Fahrt auf.

Natürlich musste man sich davor hüten, Monsieur Ladmiral zu sehr beizupflichten. Er behielt sich vor, von seinem Älterwerden zu sprechen, und unternahm in Wirklichkeit große, wenn auch vergebliche Anstrengungen, diese unerfreuliche Tatsache zu verbergen – unerfreulich vor allem für ihn –, die er letztlich doch kaum verbarg, außer vor sich selbst. Und zum Preis von was für Lügen! Als Monsieur Ladmir
al zehn Jahre zuvor Paris verlassen hatte, um nach Saint-Ange-des-Bois zu ziehen, hatte er, um mit dem Haus zu prahlen, das er gekauft hatte, alle wissen lassen, dass es acht Minuten vom Bahnhof entfernt liege. Damals stimmte das fast. Später lag das Haus, je älter Monsieur Ladmiral wurde, zehn Minuten vom Bahnhof entfernt, dann eine gute Viertelstunde. Monsieur Ladmiral hatte dieses Phänomen sehr langsam begriffen und es nie zu erklären gewusst, richtiger gesagt, hatte er es nie zugegeben. Es war eine ausgemachte Sache, dass er immer noch acht Minuten vom Bahnhof entfernt wohnte, was nicht dazu angetan war, sein Leben zu vereinfachen: Man musste Spielchen mit den Wanduhren machen, bei den Zeitplänen falsche Berechnungen einbauen und behaupten, dass die Bahnhofsuhr vorgehe oder dass der Fahrplan heimlich geändert worden sei. Zu der Zeit, als Monsieur Ladmiral noch nach Paris fuhr, hatte er sogar heldenhaft Züge verpasst, damit niemand sagen konnte, er wohne mehr als acht Minuten vom Bahnhof entfernt.

»Ich gebe gern zu«, sagte er an solchen Tagen der Aufrichtigkeit, »dass ich ein wenig langsamer als früher gehe, aber man wird mir nie weismachen, dass dieser Weg in weniger als zehn Jahren (es handelte sich um etwas mehr als zehn Jahre) um zehn Minuten länger geworden ist.«

Monsieur Ladmiral lebte mit Mercédès, einer Bediensteten, zusammen, die mit äußerster Höflichkeit und untrüglicher Sicherheit immer mit den unangenehmsten Worten antwortete.

»Monsieur irrt sich«, sagte sie, »wenn er sich nicht bewusst macht, dass sich Monsieur inzwischen wie eine Schnecke fortbewegt. Aber wenn es Monsieur genehm ist, liegt es nicht an mir, dafür Gründe zu suchen. Meine Mutter ist ganz wie Monsieur; alte Leute sind oft so.«

Monsieur Ladmiral nahm diese Art respektvoller Unverschämtheit mit sehr großer Gelassen
heit hin. Seit langem hatte er begriffen, dass Mercédès ihm in seiner Einsamkeit unentbehrlich war und dass man sie nicht verärgern durfte, denn sie war strohdumm und eine Giftkröte obendrein. Beim ersten heftigeren Vorfall, sagte er sich, wäre sie auf und davon und schlüge die Türen hinter sich zu. Was eine reine Lüge war, und Monsieur Ladmiral wusste das sehr wohl. Mercédès dachte nicht daran, eine so gute Stellung aufzugeben, und sie liebte ihren alten Herrn. Aber dieser pflegte mit Sorgfalt die irrige Furcht, verlassen zu werden, eine letzte Erinnerung, die ihm vielleicht vom normalen Umgang mit Frauen geblieben war.

Mercédès hütete sich wie alle Frauen davor, die Situation auszunutzen; sie bediente sich ihrer, und das reichte.

Als die Diskussion über den Bahnhof und die acht Minuten wieder auflebte, fügte Mercédès hinzu: »Solange sich Monsieur nicht wie ein Krebs im Rückwärtsgang bewegt, hat Monsieur immer eine Chance, den Zug zu erreichen.«

»Zunächst einmal«, grummelte Monsieur Ladmiral, »bewegen sich Krebse nicht rückwärts.«

»Das mag stimmen«, antwortete Mercédès. »Monsieur kennt sich da besser aus als ich, aber Monsieur hat mich sehr gut verstanden.«

Monsieur Ladmiral regte sich darüber auf, so schnell einen Streit zu beenden, der so gut begonnen hatte. Aber mit Mercédès lief das immer so. Kaum hatten ein oder zwei Entgegnungen die Debatte in Gang gebracht, verlief sie im Sande. Oder aber Monsieur Ladmiral zügelte sich und verzichtete darauf weiterzumachen, weil es unter seiner Würde lag, sich mit seinem Dienstpersonal einzulassen. Oder aber – und das passierte häufiger – Mercédès machte kurzen Prozess mit einer dieser Repliken, die dem Streit den Wind aus de
n Segeln nehmen. Monsieur Ladmiral war von seiner Frau her an eine sehr gebildete und genaue Debattierkunst gewöhnt: minuziös, erschöpfend, ja beinahe luxuriös in ihrem Aufwand an Nachforschungen und Ausschmückungen. Eine etwas altmodische Streitkultur vielleicht, aber reich und gepflegt, und sie besaß Stil. Keines seiner Kinder hatte von dieser mütterlichen Gabe etwas abbekommen, und Monsieur Ladmiral hatte sich, als er Witwer geworden war, sehr allein gefühlt. Auch Mercédès war ihm nicht ebenbürtig, und in Anbetracht dieses unzulänglichen Gegenübers fühlte sich Monsieur Ladmiral als Verlierer, selbst wenn er siegreich war. Wenn Mercédès einen Schlussstrich unter eine schön lebhafte Debatte setzte, fühlte er sich unwohl, nervös und gereizt, die Kehle verstopft mit Argumenten, Klagen, bloßen Worten, die sich bedrängten, anrempelten, die es nicht schafften, weder nach oben zu gelangen noch in der Versenkung zu verschwinden – wie eine Menschenmenge, die stehen bleibt –, und die ihm die Luft nahmen.

»Ich erinnere Monsieur daran, dass Monsieur und Madame Edouard um zehn Uhr fünfzig ankommen«, sagte Mercédès an diesem Morgen. Es war Sonntag.

»Na und, was soll das heißen?«, sagte Monsieur Ladmiral. »Ich werde um zwanzig vor losgehen«, schloss er in einem schrofferen Tonfall. »Und ich füge hinzu, dass Monsieur Edouard Gonzague heißt, was schon mehr hermacht.«

Monsieur Ladmirals Sohn hieß tatsächlich Gonzague. Aber als er heiratete, hatte seine Frau Angst vor diesem Vornamen und wählte seinen zweiten – Edouard – aus, der bestärkend auf sie wirkte. Monsieur Ladmiral hatte diese zweite Taufe nie akzeptiert.

»Gonzague oder nicht«, sagte Mercédès, »diese Leute
kommen um zehn Uhr fünfzig an.« Und sie fügte hinzu: »Dass Monsieur sich nicht stören lässt!«

Die Szene spielte sich in der Küche ab. Monsieur Ladmiral, der gerade aufgestanden war, trug einen Schlafanzug mit breiten grünen Streifen. Die Hosenbeine waren über dem Knie wie ein Turban zusammengerollt und enthüllten zwei magere Beine. Die nackten Füße steckten in großen Halbschuhen, die nicht zugeschnürt waren. Monsieur Ladmiral, einen Fuß auf einem Hocker, brachte seine Schuhe auf Hochglanz, als Mercédès ihn bat, sich ja nicht stören zu lassen, und den Hocker zu sich heranzog. Er musste sich, ohne seine Bürste loszulassen, in Sicherheit bringen, indem er quer durch die Küche humpelte, um ein wenig weiter entfernt seinen Fuß auf den Rand des Spülbeckens zu stellen. Alsbald hatte Mercédès am Spülbecken zu tun und kam näher.

»Dass Monsieur sich nur nicht stören lässt«, setzte sie wieder an und nahm erneut ihre Jagd auf Monsieur Ladmiral auf. Scheinbar planlos durchquerte sie das Zimmer von hier nach dort. In Wirklichkeit war ihr Weg derart ausgeklügelt, dass er von einer Sekunde auf die andere genau an die Stelle führte, wo der immer noch hinkende Monsieur Ladmiral gerade aufgetaucht war und vornübergebeugt seinen Schuh polierte.

Mercédès, die nicht aufhörte, ihrem Herrn nachzustellen, warf ihn schließlich aus der Küche. Es handelte sich um eine große, sehr saubere und gut ausgestattete Landhausküche, in der sich Mercédès, wie es sich gehört, lieber allein aufhielt. Monsieur Ladmiral kehrte in sein Badezimmer zurück, wie er, nicht ganz ohne Grund, einen gekachelten und auslackierten Raum nannte, der mit einer Wanne und einem Badeofen geschmückt war. Doch Monsieur Ladmiral badete nie; er hatte sein
e Kindheit, seine Jugend und seine reiferen Jahre in einer Zeit und in Häusern verbracht, wo man Bäder für einen Luxus gehalten hatte, und er konnte feststellen, dass ihn das nicht daran gehindert hatte, ein beachtliches Alter zu erreichen, ohne sich schlechter und vor allem schmutziger als andere zu fühlen. Er verzichtete auf Wannenbäder, so selbstverständlich, wie er seit Jahr und Tag einen Bart trug.

Als Monsieur Ladmiral von der Küche, aus der ihn Mercédès vertrieben hatte, wieder nach oben gegangen war, begann er damit, seine Schuhe auszuziehen. Um sie einzuwachsen, zog er sie jeden Morgen über die nackten Füße. Danach streifte er sie wieder ab und steckte sie auf Schuhspanner, während er seine Morgentoilette machte. Seine Kinder machten sich über diese Macke lustig, aber er hatte leichtes Spiel, wenn er ihnen antwortete, dass jeder seine Macken habe, es ziemlich spät sei, das zu...


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