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Die Zumutung

Roman. 3. Auflage.
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Mariannes Körper arbeitet der Vergänglichkeit schneller entgegen, bestimmter als üblich, die Lebenszeit ist radikaler, vorhersehbarer begrenzt. Dennoch und eben deshalb hat sie Liebschaften, geht auf Feste, lernt Beppe kennen, der hartnäckig und unbe … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die Zumutung
Autor/en: Sabine Gruber

EAN: 9783406657153
Format:  EPUB
Roman.
3. Auflage.
Beck C. H.

17. Juli 2013 - epub eBook - 224 Seiten

Beschreibung

Mariannes Körper arbeitet der Vergänglichkeit schneller entgegen, bestimmter als üblich, die Lebenszeit ist radikaler, vorhersehbarer begrenzt. Dennoch und eben deshalb hat sie Liebschaften, geht auf Feste, lernt Beppe kennen, der hartnäckig und unbeholfen um sie wirbt und ihre Liebe gewinnt, weil er so gut zuhört, er, der Übergewichtige, der ihren fremdgewordenen Körper besser kennt als der ferne Freund und eigentliche Gefährte Mariannes, Paul in Rom. Doch alle können nur zusehen, wie folgerichtig Gefühle, Gedanken und schließlich die Existenz zur Disposition stehen. Mariannes Körper stört jede Nähe, jede Lust, jeden Frieden, «es ist, als verlangte mein Körper Antworten, ohne vorher Fragen zu stellen».
Die Zumutung, Sabine Grubers zweiter Roman, verweist auf ein Ensemble von Antworten, die das Universum einer existentiellen Bedrohung ausmachen, in welchem sich die großen und kleinen Dinge neu formieren.
Ein schönes, poetisches und auch humorvolles Buch über die tiefe, gebrochene Liebe zum Leben.

Portrait

Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. 1988-1992 Universitätslektorin in Venedig. Sabine Gruber lebt in Wien. Sie erhielt u.a. den Förderungspreis der Stadt Wien, das Solitude-Stipendium, den Priessnitz-Preis und den Förderungspreis zum österreichischen Staatspreis sowie das Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg.
Neben Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken veröffentlichte sie den Roman «Aushäusige» (1996), zuletzt den Lyrikband «Fang oder Schweigen» (2002).

Leseprobe

II


Am Morgen rief mich Holztaler an und fragte nach Leo. Was wußte ich von Leo; wir waren seit Jahren getrennt. Ich hörte Holztalers Atem am anderen Ende der Leitung, das abwartende Räuspern. Auf dem Platz war es laut, der Tag kam gerade in Gang, und das Licht fuhr mit voller Kraft in die Augen.

«Ist er noch mit Vera?»

Wenn Holztaler sich meldete, war mein Mund plötzlich leer. Die Sprache verflüchtigte sich. Ich kostete die Macht des Schweigens aus, genoß das Rauschen in der Leitung.

«Und? Keine Neuigkeiten?»

«Keine.»

Holztaler setzte sich gerne vor die Biographien anderer Leute und aß sich satt. Ich aber stellte ihm nur den leeren Teller hin und wartete, bis er das Telefon ins Ladegerät zurücksteckte, bis er sich ergab. Bereits mit sechsundzwanzig Jahren hatte er seine Autobiographie verfaßt, die Geschichte eines Chemikers, der sich aus den Wäldern seines Tales einen Weg in die Großstadt bahnte. Das Feuilleton liebte den Zupacker, den Kahlschläger, der es verstand, Schneisen in die immergrünen Provinzhänge zu sägen, der die Bewohner seines Geburtsortes mit seinen Worten besprühte, als wäre die Sprache ein Schädlingsbekämpfungsmittel.

«Er muß seine Freunde aussaugen», hatte Paul einmal gesagt, «weil sein Leben nichts hergibt. Ich kenne keinen langweiligeren Menschen als ihn.» Wir waren gerade von einer Lesung nach Hause gekommen, in der Holztaler sein zweites Buch präsentiert hatte, einen Roman über den Literaturbetrieb voller Ressentiments gegenüber seinen Kollegen. «Der schreckt ja nicht einmal davor zurück, uns Juden um unsere Geschichte zu beneiden», hatte mich Paul unterbrochen, als ich Holztalers erstes Buch verteidigte.

Mich kriegst du nicht, dachte ich, nachdem ich das Telefongespräch
mit Holztaler frühzeitig beendet hatte. Ich holte meine Tasche aus dem Arbeitszimmer und brachte sie in die Küche, um sie zu reinigen. Ich wollte den Tod loswerden, den Beppe in ihr herumgetragen hatte, schüttete den Inhalt auf den Tisch und desinfizierte mit einem antibakteriellen Badreiniger erst mein Portemonnaie und die Schlüssel, dann die Innenwände, an denen ein paar Härchen hafteten. Die aus der Silberdose herausgefallenen Tabletten warf ich weg, brach neue aus der Verpackung und spülte sie sogleich mit dem auf der Anrichte stehenden kalten Kaffee hinunter. Früher mußte es immer Wasser sein. Früher konnte man die Uhr nach den von mir genau eingehaltenen Einnahmezeiten richten. «Früher» war ein Wort, das mich verwirrte. Es gab nur das «Früher» meiner Großmutter und das «Früher» meiner Mutter; sie waren nachvollziehbare Gegenwörter für das «Später». Das eigene «Früher» war gespalten, so sehr, daß ihm mit dem Blick auf die vielen Medikamentenschachteln in der größten Lade meiner Kommode kein «Später» folgen mochte. Ein «Früher» ohne ein «Später» ist haltlos.

Gegen 10 Uhr klingelte es an der Wohnungstür. Ein Bote brachte Blumen, rote Rosen von Beppe: «Für Marianne. Mit Dank und Zuneigung.» Was Paul dazu sagen würde? Paul saß in Rom, in seiner Wohnung in der Via dei Marsi, und wußte nichts von meinem neuen Verehrer; die Rosen hätten ihn auch nicht beunruhigt, wenn er bei mir gewesen wäre. Er fühlte sich stets unwiderstehlich, war sich meiner auch noch nach Jahren gewiß. Manchmal hatte ich den Verdacht, daß er die Sicherheit, ich würde mich seiner Liebe niemals entziehen, aus meinen Schwächephasen bezog. «Wenn zwei leiden, bleiben sie einander.» An diesem
Leitsatz hielt er fest, fragte nicht wie die anderen auch: «Liebst Du mich?», sondern, seine Hand unter mein Kinn schiebend, ob ich ihn leiden könne. Er bestimmte mit seinen Fingern meine Kopfrichtung, drückte von unten nach oben, so daß es den Anschein hatte, ich würde zu ihm aufschauen. Es machte ihm zu schaffen, daß ich vier Zentimeter größer war als er, daß ich diesen Abstand, wenn ich Absätze trug, verdoppelte.

Auf dem Platz wurden die Glascontainer geleert. Ich schloß das Fenster, weil ich meine eigenen Gedanken nicht verstehen konnte. Zwischen dem Innen- und Außenfenster prallte eine Wespe gegen die Scheiben. Ich kürzte die Rosen und zwängte sie in die einzig verfügbare Vase. Erna hätte aufgeschrien: «Wie kannst du nur!» Ich verharrte mit der Nase über den Blüten und sog den Duft ein, als röchen sie nach Beppe. Beppe: Bernhard, Erich, Peter, Paul, Ernst. Auf der Rückseite des Kärtchens stand in bleigesetzten Buchstaben: Giuseppe Held. Dekorationsmaler.

Er hatte mich nach der Beseitigung von Riesingers Chihuahua ins nächstbeste Gasthaus eingeladen. Wir tranken einen Blauen Zweigelt. Er schmeckte, als wäre er mit Zitrone serviert worden; nach jedem Schluck steckte ich mir ein zerrupftes Stück Brot in den Mund.

«Sind Sie nervös?»

Beppe begann, sich mit mir zu beschäftigen; es war keine höfliche Nachfrage, die ein Gespräch in Gang bringen sollte, es war Neugierde. Am Nebentisch saß ein dickes Ehepaar mit seinem Sohn, dessen Brüste größer waren als meine.

«Ich habe mich hierhergesetzt», sagte Beppe, «damit ich eine gute Figur mache.» Er reckte die Brust und sog die Wangen nach innen.

Wir saßen in einem Hinterhof, der nicht größer war als zwei zusammengelegte Wohnzimmer. Der Boden war mi
t Schotter bestreut, auf dem ständig die Schritte der Kellnerin zu hören waren. Wenn sich jemand hinsetzte, den Stuhl verrückte und dabei den Schotter verschob, wurde er von der Kellnerin wieder geglättet. Beim Aufnehmen der Bestellung setzte sie ihre Gesundheitssandalen als Rechen ein; dort, wo der Schatten gleichmäßig lag, waren die Gäste schon versorgt.

Ich betrachtete ihre nackten Zehen, wenn sie am Nebentisch stand oder an uns vorbeiging. Hammerzehen, dachte ich, mit einer deutlich fixierten Beugung im Endgelenk. Die Nägel waren ungepflegt, nicht geschnitten, mit Schmutzresten unter den großen Zehen. Beppes Füße steckten in geschlossenen Sandalen; er trug keine Socken. Ich suchte seine Hände, die unruhig über seine Oberschenkel, den Nacken, die Haare strichen.

«Was denken Sie», fragte ich und schaute auf die für einen Maler ungewöhnlich sauberen gefeilten Fingernägel.

«An Ihre Abwesenheit.»

Ich schwieg, als er mir seinen ersten Eindruck über meine Person schilderte, diese haftengebliebenen Bilder, die er vom Fest und der Straße in den Gastgarten mitgenommen hatte: «Eine Frau saß auf einem Stuhl und blickte in die Linde.» Das Wort «gelangweilt» verwendete er nicht. «Was haben Sie in der Linde gesehen?»

«Ich bin müde», antwortete ich.

«Hier. Ich habe in Riesingers Garten einen Vierklee gefunden.» Er holte ein verwelktes Pflänzchen aus der Hosentasche und legte es in meine Hand. Großvater hatte hinter seinem Haus den gleichen Weißklee gepflanzt, weil der gegen Tritte nahezu unempfindlich ist und den ganzen Sommer über blüht.

«Was wünschen Sie sich?» Bei Paul hätte ich nach einem ausgefallenen Satz gesucht, nach einer besonderen Antwort, um das Interesse zu wecken; bei Beppe schien m
ir dieser Umweg nicht nötig.

«Gesundheit», sagte ich leise und schämte mich. Noch in derselben Nacht begann ich zu erzählen:

Es hat begonnen ohne Anfang, mitten im Leben. Dafür gibt es kein Wort, Zustände vielleicht, die jeder kennt. Zustände, die man nicht erträgt, oder Müdigkeiten, die man für etwas anderes hält, als sie sind.

Als Kind wollte ich trotz Erschöpfung nicht ins Bett, aus Angst, ich könnte etwas versäumen, Erwachsenengespräche, die ich nicht verstand, von denen ich aber glaubte, sie seien etwas Besonderes, weil ich sie nicht oder nur teilweise zu entschlüsseln wußte. Kannte ich die Person zu einem Namen, den ich fallen hörte, hielt mich die Neugierde wach. Kannte ich sie nicht, wollte ich wissen, wer diese Person war, an die ich mich nicht erinnern konnte, blieb wieder wach, wärmte mal die eine, mal die andere Sohle auf dem jeweils anderen Fuß. Ich stand, bis ich vor Müdigkeit ausrutschte und gegen die Glastür prallte oder aus Aufregung über das Gehörte laut hustete, anstatt das Kratzen im Hals zu unterdrücken. «Jetzt gehst du aber.»

Und ich ging. Ich ging immer mit Widerrede. Fiel in Träume, aus denen mich Sätze zogen, Seilsätze aus der Tiefe.

Die Müdigkeit kann kommen und gehen, diese aber bleibt. Sie läßt sich in einem nieder. Man wird sie nicht los. Man bedient sie, aber sie läßt sich nicht zufriedenstellen.

Es hat begonnen wie eine Liebe, die niemals beginnt, weil sie schon da ist, keinen Namen hat, während sie ist. Sie ist überall: im Kopf als Vorstellung und Erinnerung oder als Entwurf, den andere für einen entworfen haben, den man sich gelegentlich selbst vorlegt und gutheißt, bis er verwirklicht scheint in der Person, die man zu lieben glaubt oder liebt. Besser ist es zu glauben, als wirklich zu l
ieben. Aus dem Glauben kann man sich davonstehlen wie die...


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