Bluffen

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Der Erza hler in Stefan Adrians erstem Roman "Bluffen" ist ein Experte für Abbrüche und Selbstsabotage: Vom Land in die Großstadt gezogen, seine Wurzeln hinter sich lassend, durchwandert er als Barmann, Anzeigenverka ufer, Crossmarketing-Manager, Bot … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Bluffen
Autor/en: Stefan Adrian

EAN: 9783944543178
Format:  EPUB ohne DRM
Ein Roman.
Mikrotext

29. September 2014 - epub eBook

Beschreibung

Der Erza hler in Stefan Adrians erstem Roman "Bluffen" ist ein Experte für Abbrüche und Selbstsabotage: Vom Land in die Großstadt gezogen, seine Wurzeln hinter sich lassend, durchwandert er als Barmann, Anzeigenverka ufer, Crossmarketing-Manager, Botenfahrer, Online-Journalist oder Blogger die Existenzmöglichkeiten der prekären Medienarbeiter zwischen Facebook und HartzIV. Er kündigt so oft wie er seine Freundinnen verlässt. Immer stärker verstrickt er sich in die Maskerade eines Doppellebens, plant schließlich eine Entführung, um seine Webseite bekannter zu machen ... Genaue, popmoderne Beobachtungen der Umgebung stehen neben hypermodernen Ich-Konzepten und der urbane, elegante Erzählstil der vorherigen Jahrhundertwende scheint auf.

Ein umfassender Lagebericht aus einer europäischen Großstadt: vom Platzen der Dotcomblase über Nine Eleven bis zur Gentrifizierung. Nicht zuletzt ein Roman über das Berlin der Nullerjahre.

Stefan Adrian wurde 1975 im Burgenland geboren, einen Steinwurf entfernt vom tiefst gemessenen Punkt Österreichs. Schon daraus zeigte sich, wohin der Weg nur führen konnte: nach oben. Nach dem Abitur folgte der Umzug nach Wien, 2002 ein weiterer nach Berlin. Nach abgebrochenem Studium Tätigkeiten u.a. als Gelegenheitsjobber, McDonald's-Küchenkraft, Journalist, Barkeeper, Chefredakteur oder als Ghostwriter (Tim Raue: "Ich weiß, was Hunger ist", Piper, 2011). 2014 veröffentlichte er bei mikrotext "Der Gin des Lebens. Drinklyrik".

Portrait

Stefan Adrian wurde 1975 in Österreich geboren, unweit der ungarischen Grenze und weit entfernt vom nächsten Berg oder dem nächsten Alpental, jedoch sehr nahe an den Weingärten der pannonischen Tiefebene. Erste Erfahrungen mit Alkohol machte er dementsprechend bereits in jungen Jahren mit süßen Beerenauslesen, weniger süßer Wein wurde mit Limonade gestreckt. Seit diesen Tagen hat sich in der Auswahl, vor allem aber in der Kombination der Spirituosen einiges zum Besseren gewendet. Stefan ...

Leseprobe

3


Es gab eine entscheidende Sache, die mich dazu gebracht hatte, die Entführung wirklich anzugehen: Ich hatte in meinem Leben immer das Gefühl, oder vielmehr diese fürchterliche Ahnung, dass ich die Sachen nur gekratzt hatte. Ich lebte in der ständigen Befürchtung, dass alles, was ich in meinem Leben gemacht hatte, mir nie so nahe gegangen war, wie ich es gerne gehabt hätte die Euphorie, der Schmerz, die Freuden, die Depressionen; ich hatte immer das Gefühl, als wären sie nicht das, was sie hätten sein müssen, als hätten sie immer stärker sein können. Auch diese Tage in San Pedro waren in dieser Hinsicht keine Ausnahme gewesen. Und mir war klar geworden, was die Ursache dessen war: Meine Gefühle waren eine Imitation, oder vielmehr eine Karikatur, und der Grund dafür wiederum war, dass alles, was ich in meinem Leben gemacht hatte, sich stets angefühlt hatte, als würde ich es imitieren. Ich war die Karikatur eines DJ gewesen, später die Karikatur eines Anzeigenverkäufers, noch später die Karikatur eines Streetartists oder eines Culture Jammers; ja am Ende selbst die Karikatur eines Botenfahrers.

Aber die Entführung und die Ziele, die wir damit verfolgten, waren keine Karikatur. All das war originär und es war meines. Ich war in meinem Leben auch oft einen Schritt zu spät dran gewesen, obwohl ich angenommen hatte, zu den ersten zu gehören. Aber mit diesem Scoop sollte mir das nicht passieren. Er war meine Idee, er war meine Antwort auf diese marode Welt, und ich war bereit, meinen Preis zu zahlen.

Schlimmer als diese Tage des Wartens auf die Videos konnte sich auch ein Gefängnis nicht anfühlen. Ich schlief nicht, mein Puls hatte sich nicht mehr beruhigt, seit Rene und ich uns die Mützen übergezogen hatten und aus dem Bus gestiegen waren. Die abstrakte Bedrohung einer Verhaftung drohte, mir den Verstand zu rauben. Ich grübelte ständig, ob wir etwas übersehen hatten; beispielsweise meine Festnahme, als ich nach einem Adb
usting-Aktion für einige Stunden auf einem Polizeiposten gesessen hatte. Man hatte meine Daten aufgenommen und mein Gesicht ins System gespeist, und der öffentliche Raum war voll von Kameras. Vielleicht konnte auch jemand die Spur des Tasers im Internet zurück verfolgen, den ich damals im Treptower Park an mir versucht hatte; man musste auch Unwägbarkeiten einkalkulieren, wie jene, dass Renes Vater nach Jahren wieder die Lust überkam, seine alte Hütte in Mecklenburg aufzusuchen. Und natürlich war Rene selbst ein Risiko da draußen, aber ein geringeres, als er hier wäre. Er würde sich hier in der Stadt in den Wahnsinn trinken und dem Druck nicht standhalten. Aber da draußen konnte es dank Liz funktioneren. Renes Unfähigkeit, alleine sein zu können, hatte sich über die Jahre nicht gebessert, aber Liz war ein Felsen, und was auch immer die beiden in der Hütte tun mussten, um bei Verstand zu bleiben, war mir gleichgültig, solange nur die Videos gedreht wurden.

Morgen sollten der erste USB-Stick bei mir eintreffen. Fünfzehn Jahre, nachdem ich in die Stadt gekommen war ein Moment, an den ich mich noch gut erinnerte, denn wie die meisten Menschen mit einem Hang zum Melancholischen oder vielmehr Melodramatischen, behielt ich mir Momente, aber kaum Zahlen und Fakten. Ich erinnerte mich, dass ich am Morgen der Entführung nach dem Aufwachen einer Fliege zusah, die über meinen linken Unterarm krabbelte. Ich erinnerte mich an das Gefühl der Euphorie, mit dem ich Berlin erreichte, aber ich erinnerte mich nicht an das Datum, obwohl es eines sein müsste, das ich mir hätte merken sollen, da es eine einschneidende Markierung in meinem Leben darstellte.

Es war irgendwann im April 2002, es war ein milder Frühlingsabend. Die Dämmerung hatte eingesetzt, als ich die Stadtgrenze erreichte und auf den Autobahntafeln zum ersten Mal das Wort Zentrum zu lesen war, was eine besondere Wirkung auf mich hatte, denn Zentrum, das klang gut, das klang verheißungsvoll, das zog mich an. De
r Horizont war ein breites Orange, das auf dem vergehenden Tag lag wie eine glühende Decke, als ich von Süden die A9 aus Leipzig hochkam und nach der Abfahrt meinen Bus auf den Großen Stern und die hohe Säule des Friedensengels zusteuerte. Die Silhouette der Statue zeichnete sich dunkel im Gegenlicht der Sonne ab, als hätte die Figur das Gold ihrer Flügel gegen ein tiefes Schwarz eingetauscht, was dem Anblick etwas Entrücktes gab, als würde ich in das Cover eines Rammstein-Albums gezogen.

Ich erinnerte mich in diesem Augenblick an meinen einzigen Besuch an diesem Ort, als wir zu einer der ersten Love Parades gefahren waren. Wir waren damals nicht so weit vorgedrungen, da Benz sein Ecstasy mit Schmerztabletten gemischt hatte, die er seinem Vater gestohlen hatte, so dass er anfing, unkontrollierbar auf- und abzuspringen. Er hatte sinnloses Zeug von sich gegeben, was uns zuerst nicht ungewöhnlich erschienen war, da alberne Selbstdarstellung seine Art war, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber irgendwann hatten wir verstanden, dass sein skurriles Verhalten selbst für den Zustand, in dem er sich befand, bedenklich war. Wir hatten ihn aus dem Trubel der Masse geführt und am Rande im Schatten der Bäume solange Wasser trinken lassen, bis er sich gefangen hatte. Wenn man seine spätere Geschichte verfolgte, war es jedoch fraglich, ob es je wirklich dazu gekommen war.

Meine Erinnerungen an diesen Tag waren verblasst und bestanden hauptsächlich aus Warteschlangen vor schäbigen Häuserfassaden wie dem Tresor in der Leipziger Straße, völlig überrascht, dass es diese Form von Baufälligkeit mitten in Deutschland geben konnte. Die abendliche Ruhe aber stand der Siegessäule sichtlich besser, und ich sollte diesen Ort nur noch einmal so eingehend betrachten wie in jenem Moment, als ich darauf zufuhr, und zwar während der Rede von Barack Obama im Sommer 2008, als mich die Stadt, die sich hinter dieser Statue ausbreitete, längst mit Haut und Haaren gefressen hatte. Ich wü
rde nicht so weit gehen und behaupten, dass man sein Leben falsch gelebt hatte, wenn man es nicht in Berlin probiert hatte, ich würde aber auch nicht dagegen wetten, dass ich nach drei oder vier Old Fashioned das Gegenteil unterschreiben würde, und zwar mit Blut.

Wie jede ereignisreiche und spezielle Liaison basierte auch diese nicht auf Harmonie. Diese Stadt war wie eine Sirene, die einem die Zeit als Ewigkeit verkaufte, während sie Fallgruben aushob. Sie bot eine geistige Heimat in einem speziellen Lebensgefühl für verschiedenste Gesinnungen und produzierte eine Unmenge an Parallelwelten, und man durfte nicht den Fehler machen, ihren wahren Kern entdecken zu wollen. Ich hatte diesen Fehler gemacht, und wahrscheinlich waren die Dinge deswegen gekommen, wie sie gekommen waren. In Wahrheit wendete sich diese Stadt am Ende ab wie eine Prostituierte von der Hochnäsigkeit ihrer Freier. Sie enttarnte ihre Selbstherrlichkeit und ließ sie ins Leere laufen, denn sie mochte nicht geliebt oder verstanden werden. Deswegen konnte eine Liebeserklärung an diese Stadt nur eine Abrechnung sein. Erst dann war sie zufrieden.

Ich wollte damals ins Zentrum, ja, aber der wahre Grund für meinen Umzug aber war einssiebzig groß, hatte gespenstisch grüne Augen, stammte aus dem ehemaligen Osten der Stadt und hieß Marlen. Ich hatte sie kennengelernt, als sie an der Angewandten in Wien Grafik studiert und bereits mit dem Gedanken gespielt hatte, zurück nach Berlin zu gehen, woher sie ein Jahr zuvor gekommen war. Sie bildete zu jener Zeit die erste Welle junger, deutscher Immigranten in Wien, die bald die zweitstärkste Ausländergruppierung der Stadt werden sollte, eine Entwicklung, mit der der Wiener überfordert war. Er war es nicht gewohnt, dass Dienstleistungen zunehmend von Menschen mit jenem Dialekt getätigt wurde, der für ihn immer nach Befehlston klang. Jetzt aber stand dieser Dialekt auf einer Stufe mit denen von Gastarbeitern aus dem ehemaligen Ostblock, und das irritierte
ihn.

Wien war im Grunde auch keine Hauptstadt, sondern eine Insel, der ein paar Bergketten zugesprochen worden waren, deren Ureinwohner sie nicht interessierten. Deutsche mochte die Sprache dieser Insel sprechen, aber sie verstanden sie nicht unbedingt. Sie waren zu ernsthaft oder zu laut, und sie schienen nie das Gefühl zu haben, man könnte zuviel sprechen. Wie Beduinen das Gefühl für Schnee fehlen mochte, fehlte ihnen das Gespür für gebotene Stille und bedeutungsvolles Schweigen. Vor allem aber machten sie den Fehler zu denken, dass der Inhalt des Gesagten deckungsgleich sein musste mit seiner Aussage, und so landeten sie häufig in einer Diskussion, oft in einer politischen, und verstanden nicht, dass sie damit in Wien nicht weit kamen, einer Stadt, in der die eine Hälfte der Einwohner die spielerische Andeutung liebte und den analytischen Fakt langweilig fand, während die andere Hälfe Analysen und Diskussionen aus Feigheit mied, noch dazu, wenn sie in geschliffenen Wortkonstellationen daherkamen und auf die Mischformen des Hochdeutschen prallten, die aus den österreichischen Provinzen in die Stadt getragen wurden und die den Eindruck vermittelten, als würde die Person ihre volle Konzentration nicht in den Inhalt der Sätze stecken, sondern in die Anstrengung, die Wörter richtig auszusprechen.

Marlen war in dieser Hinsicht jedoch eine Ausnahme, sie hatte eine weiche Stimme, sie sprach leise und besonnen, ihre Sätze glitten schwerelos dahin wie ein Luftkissenboot auf einem flachen Wasser, und manchmal spitzte sie die Lippen am Ende eines Satzes. Aber sie fühlte sich von dem alten Flair der Stadt abgestoßen, er lulle sie ein, wie sie sagte, die vielen Museen, die Fiakerkutschen am Ring, sie sagte, sie fühle sich ständig, als wäre sie auf Urlaub...


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