Der einzige Mann auf dem Kontinent

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Das Leben eines Mannes im globalisierten Nirgendwo


Umgeben von globalen Wirtschaftskatastrophen macht sich ein Mann daran, sein Lebensidyll zu verteidigen, auch wenn er schon längst zugeben müsste, dass die Firma, für die er arbeitet, zusammengebroc … weiterlesen
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Der einzige Mann auf dem Kontinent als eBook

Produktdetails

Titel: Der einzige Mann auf dem Kontinent
Autor/en: Terézia Mora

EAN: 9783641037154
Format:  EPUB
Random House ebook

20. November 2009 - epub eBook - 384 Seiten

Beschreibung

Das Leben eines Mannes im globalisierten Nirgendwo


Umgeben von globalen Wirtschaftskatastrophen macht sich ein Mann daran, sein Lebensidyll zu verteidigen, auch wenn er schon längst zugeben müsste, dass die Firma, für die er arbeitet, zusammengebrochen ist und seine Ehe vor dem Aus steht ...


"Der einzige Mann auf dem Kontinent" erzählt eine Woche im Leben von Darius Kopp. Er ist Anfang vierzig, verheiratet und einziger Vertreter einer US-amerikanischen Firma für drahtlose Netzwerke.


Darius sieht sich als Gewinner der neuen Zeit. Er stammt aus der DDR, war als Informatiker nach deren Zusammenbruch ein gefragter Mann und legt Wert darauf, ein zufriedener Mensch zu sein. In letzter Zeit laufen die Geschäfte allerdings mehr schlecht als recht. Eines Tages lässt ein säumiger Kunde eine Pappschachtel mit Geld in seinem Büro liegen. In der Folge versucht Darius Kopp vergeblich, einen seiner Chefs in London oder Los Angeles zu erreichen, um zu beraten, was mit dem Geld geschehen soll. Fast scheint es, als gebe es die Firma überhaupt nicht mehr.


Darius Kopp leidet zunehmend unter dem Verlust seiner Sicherheiten, doch er kann dies weder sich gegenüber zugeben, noch will er Flora, seine hypersensible Frau, damit belasten. Denn Flora findet sich in ihrem Leben nur schwer zurecht. Nicht nur in seinem Beruf, muss Darius schließlich erkennen, kämpft er um das nackte Überleben, auch seine Ehe, die Liebe seines Lebens, droht vor dem Aus zu stehen.


Nach "Alle Tage" hat Terézia Mora erneut einen hochaktuellen und überaus wachen und sensiblen Roman eines Mannes geschrieben, der glaubt, in der besten aller Welten zu leben, auch wenn sein Leben genauso wie die Welt um ihn herum längst in Stücke zerbricht. Krisen von noch so globaler und intim-verworrener Natur sollen ihm nichts anhaben können. In der umspannenden vernetzten Welt mag zerbrechen, was will, sein Lebensidyll nicht.


Das neue Buch der Autorin des preisgekrönten Romans "Alle Tage".

Portrait

Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn, geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Für ihren Roman "Das Ungeheuer" erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis. Ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband "Seltsame Materie", wurde mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk wurde ihr 2018 der Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Terézia Mora zählt außerdem zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Ungarischen.

Leseprobe

Sie beugte sich über ihn, ihre Brüste schwangen nach vorn,
ein Duft stieg ihren Bauch entlang hoch, er hob den Kopf ein wenig, um ihren Nabel zu sehen: eine kleine Muschel, mit einer oberen Krempe; er freute sich über den Anblick, doch dieser war nur die erste Etappe, was ihn wirklich interessierte, war die Fortsetzung: der mit einer kleinen Stufe ansteigende Unterbauch, die schokobraunen Schamhaare und, je nach deren aktueller Dichtigkeit, eventuell sogar die Schamlippen - doch ausgerechnet hier geriet etwas durcheinander, ein Arm schob sich ins Bild, was macht sie da, streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht?, unter dem Ellbogen blitzte eine Gruppe Stockrosen auf, dazwischen stach die Sonne herein - Nein!, sagte er. - Oh, sagte sie, du schläfst noch. - Ja, sagte er im Schlaf.

An einem Freitag, dem 5. September, kurz nach 8 Uhr am Morgen, erschien ein Mann, nicht groß, schlank, gebräunt, wohl gekämmt, am Etagenempfang im ersten Stock eines Büro -hauses und fragte nach Darius Kopp von der Firma Fidelis. Die Dame am Empfang gab die Information, der Herr sei zu dieser frühen Stunde noch nicht im Hause. Der elegante Mann sagte, er habe es eilig. Die Empfangsdame, ihr Name ist Frau Bach, sah, dass ihm Schweiß auf der Stirn stand, ein Tropfen machte sich auf den Weg zur Schläfe, ein anderer zur Nase.
Frau Bach fand den Mann, so wie er vor ihr stand, sehr attraktiv. Er fragte, ob er ein Paket dalassen könne. Frau Bach wurde vorsichtig. Sie wissen, die Zeiten sind gefährlich, keine unbeobachteten Gepäckstücke, in so einem großen Bürohaus einfach ein Paket anzunehmen - Ein Gerätekarton, Inhalt laut Aufschrift und Bild ein WaveLAN24-Access-Point, aber die Verpackung war geöffnet worden, das sah man -, dass Sie mir Ihre Visitenkarte dalassen, würde mir im Fall der Fälle nicht viel helfen. (Sie heißen Sascha, auch das gefällt mir an Ihnen. Gleichzeitig erscheinen Sie mir aber auch zwielichtig. Darf ich vielleicht sehen, was drin ist? Nein, das darf
ich nicht.)
Sie hätte ruhig fragen können. Der gut aussehende Mann hätte ihr bereitwillig das Paket über den Tresen geschoben und gesagt: Geld. Frau Bach hätte es für einen Scherz gehalten oder für etwas Übertragenes, sie hätte gelächelt, hätte den Karton genommen, ihn geschüttelt. Es hätte geraschelt. Papiergeld, hätte der eilige Mann gesagt und auf die Uhr geschaut.

Er schreckte hoch - Ich schlafe nicht! Ich schlafe nicht - schlief wieder ein und erwachte ein zweites Mal. Er lag in seinem Bett, in seinem Schlafzimmer. Ein Doppelbett, ein Schrank, eine Kommode, ein Frisiertisch, ein Herrendiener, ein Wäschekorb. Keine Stockrosen. Die zwei großen Helligkeiten dort sind die Fenster. Sie waren angekippt, die Tür stand offen, es zog ein wenig, unten auf der Straße rauschte der Verkehr. Mehr als um 7, weniger als um 9. - Also ist es um 8? Wo ist mein Handy, wo ist meine Uhr? Ist Flora noch da? - Aber die Sonne, als stünde sie schon höher. Es wird wieder heiß werden. Ein einfliegendes Flugzeug zog über das Haus hinweg und war, solange es dauerte, lauter als alles andere. (Ja, die Wohnung ist in der Einflugschneise, aber ansonsten ist sie sehr schön: Maisonette, 4 Zimmer, 2 Bäder, eine Terrasse zum Park.)
Als das Flugzeug vorbei war: Flora? Keine Antwort.
Er seufzte und rollte sich aus dem Bett. Er ist ein korpulenter Mann, 106 Kilo bei 178 cm Körpergröße, zum Glück ist das meiste davon Knochen, der Rest konzentriert sich in der kompakten Halbkugel eines Bauches, fest und glatt wie der Bauch einer Schwangeren, und darüber, leider, einpaar Männertitten, aber sie sagt, sie liebt mich, wie ich bin, und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu glauben.
Bestimmt ist sie schon auf der Terrasse.
Die Schwingungen der Innentreppe unter seinen nackten Sohlen.
Sie saß in einem Liegestuhl auf der Terrasse, aber, Enttäuschung, sie war nicht nackt. Sie hatte etwas Weißes mit Trägern an (Mein Nachthemd, Schatz), sie las.
Morgen.
Morgen.
>Bist du schon lange auf? Eine Stunde. Was liest du da? Die Wand.
Was?
Das ist der Titel: Die Wand.
Gut? Ja.
Besser als Morgensex?
(In der Tat, aber ...) Sie lächelte, klappte das Buch zu, löste im Aufstehen ihr Haar, zog sich das Hemdchen über den Kopf, ihr Körper ist braun und schlank, ihr Busch hat die Form einer Dattelpalme.
Aber nur kurz, ich muss in einer halben Stunde los.
Zum Abschied küsste sie ihn noch einmal auf die Stirn. Vorher wischte sie mit dem Handballen den Schweiß ab. Wir treffen uns um vier. Vergiss es nicht.

Er blieb noch ein Weilchen liegen, vielleicht schlief er auch wieder ein. Ja, er schlief ein, aber nur für wenige Minuten, erwachte ein drittes Mal, ging ins Bad, sah in den Spiegel. Der rundwangige, stupsnäsige blonde Junge Anfang vierzig dort, das bin ich. Das Haar wird schon schütter und ist grad wieder etwas zu lang, steht in alle Richtungen davon (eine Glorie), aber das sieht man kaum, denn erstens ist der Spiegel klein und zweitens bilden seine großen, lächelnden (die Krähenfüße, schon in jungen Jahren!) blauen Augen ein Zentrum, das dem Rest: Doppelkinn, Stoppeln, erste graue Haare in den Koteletten, jede Aufmerksamkeit entzieht. Am Rande hält er einen Inhalator zwischen den Lippen: atmet ein, hält die Luft an.

Darius Kopp war ein kränkliches Kind, Asthma bronchiale von Geburt an, es gab Zeiten, besonders zu Anfang, da sah es Nacht für Nacht so aus, als würde er ersticken, bevor der Morgen anbrach. Ist es ein Wunder, dass seine Mutter noch Angst um ihn hatte, als er schon auf die 30 zuging? Dabei war er zu diesem Zeitpunkt schon seit einer Weile aus dem Gröbsten heraus. Der Fall der Berliner Mauer lag 6 Jahre zurück und Kopp für seinen Teil war darüber hinweg. Genauer gesagt, war nie etwas anderes in mir als frohe Erwartung und lebendige Hoffnung, wie denn auch nicht, wenn man das persönliche und historische Glück hat, 24 zu sein, mit einem taufrischen Informatikdiplom in der
Tasche, und gesegnet mit einer optimistischen Natur?

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