Sommergrollen

Ein Taunus-Krimi.
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Sommerhitze senkt sich über das Sulzbacher Kirchenland. Die Neuvergabe der begehrten Pachtverträge steht an. Pfarrer Henry, im Strudel der Interessen seines streitbaren Kirchenvorstands, einer realitätsfernen Kirchenverwaltung sowie seiner chaotische … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Sommergrollen
Autor/en: Helen Endemann

EAN: 9783940908315
Format:  EPUB
Ein Taunus-Krimi.
Röschen Verlag

31. Oktober 2014 - epub eBook - 256 Seiten

Beschreibung

Sommerhitze senkt sich über das Sulzbacher Kirchenland. Die Neuvergabe der begehrten Pachtverträge steht an. Pfarrer Henry, im Strudel der Interessen seines streitbaren Kirchenvorstands, einer realitätsfernen Kirchenverwaltung sowie seiner chaotischen Familie, würde mit ortspolitischen Ränkespielen am liebsten nichts zu tun haben. Doch der Tod des Dorfmagnaten Heinrich Dornbusch lässt die dörfliche Ordnung aus den Fugen geraten. Sein Sohn Christian kehrt aus den USA zurück nach Sulzbach, wo er auf dem väterlichen Acker eine Mega-Disko bauen will. Als er in einer Gewitternacht tödlich verunglückt, glaubt Ortspolizist Kramer keinen Augenblick an einen Unfall.

Portrait

Dr. Helen Endemann wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist Rechtsanwältin, Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie im Taunus.

Leseprobe

Erstes Kapitel


Wenn ich den Fuß aus deinem Haus setze, fällt die Sehnsucht über mich wie ein Mantel. Er hüllt mich ein und begleitet mich auf Schritt und Tritt. Er schmiegt sich an meine Haut, wenn ich gehe, wenn ich stehe, wenn ich sitze. Wenn ich mich abends ausziehe und schlafen lege, spüre ich noch seinen kühlen Stoff auf meiner Haut. Wenn ich morgens aufstehe, ist er schon um mich. Geduldig schaut er meinem Tagwerk zu, hört er mit, wenn ich Belanglosigkeiten austausche, mit belanglosen Menschen. Nichts dringt durch diesen Mantel in mein Inneres. Ich bewege mich inmitten von Menschen und bin doch ganz allein und denke nur an dich. Nur, wenn ich mit dir sein kann, fällt der Mantel von mir ab. Du kannst mich sehen, wie ich bin. Vor dir bin ich nackt. Du siehst mir bis ins Herz, viel weiter und tiefer, als ich selbst mich sehen kann. Und ich bin voller Scham, und doch kann ich nur in deiner Nähe ganz und gar ich sein, kann ich nur in deiner Nähe sein. Kann sonst nicht sein.

Auf einer Skala von eins bis zehn gab Henry dieser Beerdigung eine Drei. Er sah sich im barocken Schiff seiner Kirche um. Alle Bänke waren besetzt. Durch hohe Fenster schien die Sonne. Staubkörnchen tanzten in der Luft, vibrierten in den letzten Klängen der Orgel, die sich unter das Rascheln, Raunen und Flüstern in den Kirchenbänken mischten und verstummten. Eine Zehn bekamen die Kinder.

Henry stand auf und trat ans Rednerpult.

Neun bis sieben waren für junge Eltern, die kleine Kinder hinterließen, die dann blass und fassungslos vor Henry in der Bank saßen oder bei einem Babysitter zu Hause, damit ihnen der Horror erspart bliebe, den Sarg mit der Mutter oder dem Vater in der Erde verschwinden zu sehen.

Henry warf einen Blick auf seine Zettel, vergewisserte sich, dass sie alle da und in der richtigen Reihenfolge waren. Dann sah er auf und in die erwart
ungsvollen Gesichter der Trauergemeinde.

Sie leuchteten wie helle Flecken in einem Meer von schwarzen Anzügen, Blusen, Kostümen. Die volle Kirche stand im Widerspruch zur Zahl der Angehörigen, die der Verstorbene hinterließ: eine Schwester von 83 Jahren und einen erwachsenen Sohn, der abwesend war. Die Schwester, Bärbel Knapp, saß mit einem verkrumpelten Taschentuch in der Hand in der ersten Reihe, umringt von der Friedhofs-Gang. Zur Friedhofs-Gang gehörten außer Bärbel Knapp noch Lia Rinser, Gertrud Panke, Hans Schlesinger und Alfred Schröck, zusammen über vierhundert Jahre alt. Die fünf sah man täglich auf dem Friedhof zusammensitzen. Alle hatten Gräber, die sie besuchten und pflegten. Hinterher schwätzten sie miteinander. Sie waren außerdem treue Besucher von Henrys Beerdigungen. Heute freilich hätte sowieso keiner von ihnen es sich nehmen lassen, Bärbel dabei beizustehen, wie sie als einzige Hinterbliebene ihrem Bruder Heinrich das letzte Geleit gab. Die Gemeinde wurde still.

Von sechs abwärts war die Einteilung nicht mehr so einfach. Egal wie alt der Verstorbene war, die Menschen, die ihn liebten, waren immer traurig. Und wenn nicht, dann war das traurig. Wir haben uns heute versammelt, um von Heinrich Wolfgang Dornbusch Abschied zu nehmen, der am vergangenen Dienstag im Alter von 76 Jahren gestorben ist, begann Henry seine Ansprache. Heinrich Dornbusch war bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr Kirchenvorsteher in der evangelischen Kirchengemeinde in Sulzbach gewesen.

Er hatte dem Kreisbauernverband angehört und der Sulzbacher Gemeindevertretung.

Dornbuschs Engagement im Ort erklärte, warum die Trauerfeier so gut besucht war. Dornbusch war lange einer gewesen, an dem man in Sulzbach nicht vorbeikam. Er hatte kompromisslos seine Ansichten vertreten, häufig polarisiert, sich Freunde und Gegner gemacht; und Freunde wie Gegner waren heute gekommen.

Alle wollten den Ab
schied des alten Dornbuschs aus dieser Welt miterleben. Ein Abschied, der manchen wie ein Abschied von einer ganzen Epoche schien. Von einer Zeit, in der man sich engagierte, in der Politik, im Verein. Einer Zeit, in der im Ort jeder jeden kannte. Es war ein Abschied, der auch Dornbuschs Gegner nicht kaltließ. Nicht dass Henry auf Feindschaften oder alte Streitigkeiten einging. Er bewegte sich, um Neutralität bedacht, in den Grenzen der allgemein bekannten Fakten. Über Persönliches sprach er nur knapp. Dass der Verstorbene zwei Ehefrauen und dann auch noch die eigene Tochter hatte zu Grabe tragen müssen.

Wovon Henry nicht sprach was auch keinen etwas anging, gleichwohl jeder alteingesessene Sulzbacher wusste war die Tatsache, dass der alte Dornbusch ein, gelinde gesagt, schwieriges Verhältnis zu seinen Kindern gehabt hatte. Die Tochter war gestorben, ohne dass es zu einer Versöhnung zwischen ihr und dem Vater gekommen war. Dass der Sohn nicht einmal zur Trauerfeier erschien, diente vielen als weiterer Beweis für den tiefen Bruch, der durch die Beziehung des Vaters zu seinen Kindern gegangen war. Aber solche Dinge gehörten nicht in eine Beerdigungsansprache.

Dabei waren es doch diese Dinge, die am Ende wichtig waren, dachte Henry plötzlich, nicht der Vereinsvorsitz hier und der Ehrentitel dort. Ging es nicht darum, das Leben des Verstorbenen mit Gottes Augen zu betrachten?

Henry wurde sich eines Raunens aus der Trauergemeinde bewusst. Er hatte wohl aufgehört zu sprechen. Verflixt, wann hatte er denn aufgehört? Er sah auf seine Zettel. Unmöglich zu sagen, wann und wo in seiner Ansprache er abgetaucht war. Immerhin war er schon beim letzten Blatt gewesen. Henry schwitzte unter seinem Talar. Unglaublich, wie stickig diese Kirche im Sommer werden konnte.

Wie hatte er sich so aus dem Konzept bringen lassen? Und das von einer Beerdigung, die auf der Henryschen Härtegrad-Skala eine läppische Dre
i erreichte? Ein Mensch, der nach einem langen, erfüllten Leben starb. Die Angehörige traurig, aber nicht verzweifelt. Henry riss sich von den Blättern los und sah in die Gesichterflecken.

Was mussten sie von ihm halten? Erst stolperte er auf dem Dornbuschschen Lebensweg entlang wie in einem Irrgarten, handelte die offiziellen Wegmarken ab, die man ihm erzählt hatte und die alle Anwesenden besser kannten als er. Nun hatte er den Faden ganz verloren. Bestenfalls hatten sie Mitleid mit ihm, schlimmstenfalls hielten sie ihn für einen Volltrottel. Ein Volltrottel, der seine Sterbefälle auf einer Skala von eins bis zehn sortierte. Gut, dass das wenigstens keiner wusste.

Henry beschloss, dass er alles gesagt hatte, was zu sagen war. Besser, die Rede hier zu beenden, als sich zu wiederholen oder etwas völlig Zusammenhangloses von sich zu geben.

Den letzten Dingen können Worte oft nicht mehr gerecht werden. So wollen wir das Leben und das Sterben von Heinrich Wolfgang Dornbusch unserem Herrn Jesus Christus anbefehlen und um seinen Segen bitten, schloss Henry seine Ansprache zum Erstaunen der Gemeinde.

Na, was wird jetzt aus dem Heinrich seinen Äckern?, sprach Egon Reichenbach aus, was alle dachten. Die Trauerfeier war überstanden. Im Alten Schulhaus, der Gaststätte auf dem Kirchplatz, schwitzten die Kuchenstücke mit den Gästen um die Wette. Wespen umschwirrten Kuchenstücke und Gäste. Junge Mädchen schleppten immer wieder schwere Thermoskannen mit dampfend heißem Kaffee an die Tische. Es war Juni und schon hochsommerlich warm. Am Stammtisch hatten sich die Sulzbacher Bauern zusammengefunden.

Weiß der Kuckuck, was da jetzt draus wird, sagte Holger Fitz, von den Alteingesessenen der Tann-Fitz genannt. Er betrieb seit Jahrzehnten eine Baumschule für Fichten und Tannen, die halb Sulzbach alljährlich mit Weihnachtsbäumen versorgte.

Der Junior ist anscheints noch
am Leben, sagte Bolt, der obwohl schon seit über fünfzig Jahren Landwirt in Sulzbach ein Außenseiter in der Runde war, der Pfarrer hat nur von der Tochter gesprochen, die tot ist.

Darauf sagte niemand etwas. Die anderen Bauern schienen fast ein bisschen von Bolt wegzurücken. Das hatte man hier nicht gern, wenn die Zugezogenen sich in Dorfinterna einmischten, gar schmutzige Wäsche der Alteingesessenen in der Öffentlichkeit waschen wollten.

Dornbusch hatte in Sulzbach zuletzt zwei Äcker besessen, die er aber schon seit Jahren nicht mehr selbst bewirtschaftete. Die Äcker waren verpachtet. Dann war da noch ein großes Grundstück inmitten des Flickenteppichs, der den Sulzbacher Außenbezirk bildete. Auf dem Grundstück befand sich ein altes Lagerhaus, in dem Dornbusch früher seine landwirtschaftlichen Geräte und seine nicht unbeträchtlichen Ernteerzeugnisse zwischengelagert hatte. Nachdem Dornbusch aber einen Acker nach dem anderen als Bauland verkauft und den eigenen Betrieb schließlich eingestellt hatte, war die Halle nicht mehr genutzt worden und verfiel.

Landwirtschaft wird der Junior mit den Grundstücken jedenfalls nicht betreiben, meldete sich schließlich Anton Kirchner zu Wort, so viel ist schon mal sicher. Die anderen nickten zustimmend. Der Dornbusch-Junior...


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