
In den zwanzig Jahren nach seinem Highschool-Abschluss hatte Hu Anyan neunzehn verschiedene Jobs. Er arbeitete unter anderem als Verkäufer im 24h-Markt, als Fahrradmechaniker, Pakete-Kurier, Sicherheitsmann, im Logistikzentrum, der Tankstelle, der Kantinenküche. Er zog von einer chinesischen Großstadt zur nächsten, jedes Mal weiter, wenn die Arbeit unerträglich und der Boss zu bossy wurde, und richtete sich wieder in einem winzigen Zimmer ein, mit nicht mehr als seinen zerlesenen Ausgaben von Tschechow und Carver.
Von der Psychologie der Hackordnung in einer gigantischen Sortierhalle für Pakete über die kafkaeske Bürokratie der Personalabteilungen bis hin zur idealen Gestaltung einer Lieferroute - mit aufrichtiger Neugier und trockenem Humor erzählt Hu Anyan unerhörte Geschichten der Menschlichkeit vor dem Hintergrund größter Schinderei.
Ich fahr Pakete aus in Peking ist ein intimer Bericht über ein Leben als Niedriglohnarbeiter in den anonymen Megastädten des heutigen China. Und gibt zum ersten Mal den Blick frei auf die Massen, die von den gesellschaftlichen Realitäten, von der Art des Wirtschaftens, von der Staatsgewalt, an den Rand, in die Armut, ins Vergessen gedrängt werden.
Besprechung vom 11.03.2026
Selbst Trinken ist ein Minusgeschäft
Die Schattenseiten des schnellen Wachstums: Hu Anyan schildert nüchtern die Monotonie seines Arbeitslebens in der chinesischen Gig-Ökonomie.
Hu Anyan ist der nicht Erste, der über Umwege Schriftsteller wurde. Umso bemerkenswerter ist in seinem Fall aber, welchen Umweg er nahm: ein Gig-Arbeiter, der nach zwanzig Jahren des Schuftens über Nacht zum Bestsellerautor aufgestiegen ist. Der scheinbar plötzliche Erfolg ist jedoch das Nebenprodukt eines Langzeitprojekts: Bereits 2009 begann Anyan, seine Niedriglohnarbeit online zu dokumentieren; elf Jahre später ging ein Blogbeitrag über seinen Alltag als Lieferkurier in der Covid-Pandemie viral. Sein 2023 in China erschienenes Buch "Ich fahr Pakete aus in Peking" - jetzt von Monika Li für Suhrkamp ins Deutsche übersetzt - bietet die zusammenhängende Chronik der Erfahrungen eines ungelernten Arbeiters im chinesischen Großstadtgewusel.
Warum ausgerechnet die chinesische Erzählung der Gig-Arbeit international reüssieren sollte, ist nicht leicht zu beantworten. Das triste Dasein des scheinselbständigen Prekariats der Dienstleistungsgesellschaft ließe sich ebenso gut in Südkorea nachverfolgen. In Europa wiederum wäre die Geschichte von migrantischen Arbeitern zu erzählen, die all das übernehmen, wofür sich die - oft migrationsskeptische - Mehrheitsgesellschaft zu fein ist. So ist es aus literarischer Sicht fast ein Vorteil, dass der chinesische Staat auf Einwanderung weitgehend verzichtet und sich die Kehrseite seiner Wachstumserfolge nicht an die ethnische Peripherie auslagern lässt - wo diese von der heimischen Bevölkerung gekonnt ignoriert werden kann.
In China, wo mittlerweile 200 Millionen Gig-Arbeiter als moderne Tagelöhner von Stadt zu Stadt ziehen, adressiert Anyans Schilderung kein Randphänomen, sondern den Alltag der Gesellschaft. In einer bedrückenden Klarheit wird dabei deutlich, wie sehr sich die Zeitlichkeit der chinesischen Dienstleistungsgesellschaft von der vermeintlichen Normalität des europäischen Wohlfahrtsstaates unterscheidet: Seine Aufzeichnungen zeigen eine Odyssee ständiger Jobwechsel (18 an der Zahl in zwanzig Jahren), vieler Umzüge und den Mangel jeder Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg. Dass seine Erzählung nicht strikt chronologisch verläuft, sondern wild von Job zu Job springt, reflektiert auch in der Form, wie arbiträr das Ganze ist, welch abgestumpftes Verhältnis der Autor zum Arbeiten pflegt.
Weil unter der Bedingung beständigen Konkurrenzdrucks die Zukunft nicht planbar ist, verändert sich auch die zeitliche Struktur des einzelnen Tages. Lange Arbeitszeiten und kurze Pausen sind die Regel; insbesondere der Lieferkurierdienst offenbart die damit einhergehende Verabsolutierung der "Zeit ist Geld"-Logik. Wenn Anyan pro Paket zwei Yuan (24 Cent) verdient, lässt sich bei einer Arbeitszeit von elf Stunden sein Wunschgehalt nur realisieren, wenn er jede Stunde fünfzehn Pakete ausliefert. Wenn man demnach pro Minute 0,5 Yuan verdient, kostet der Gang zur Toilette zwei und das Mittagessen zehn Yuan. Will man sein Wunschgehalt erreichen, verzichtet man also besser auf das Mittagessen sowie auf das Trinken, um nicht aufs Klo gehen zu müssen. Was wie das kühle Kalkulieren eines klugen "homo oeconomicus" daherkommt, offenbart die Perversion einer "Gig-Economy", die den Körper zur rechnerischen Variable verkommen lässt.
Wenn sich das Zeitgefühl krümmt, man weder seine Zukunft planen kann noch Zeit dafür hätte, verändert sich auch die Empfindung des Raumes. Wer ständig umzieht, hat wenige Sachen, und wer viel arbeitet, braucht keine große Wohnung. Obwohl Anyan Arbeit als reines Mittel zum Zweck betrachtet, zeigt sein Buch, wie das Mittel der Arbeit unweigerlich zum Lebensmittelpunkt wird, nach dem sich der eigene Körper zu richten hat. Es ist kein Widerspruch, dass er, mangels eigener Küche und fehlender Energie, regelmäßig selbst auf Fast Food zurückgreift. Auch das kleine Rädchen kann sich am Ende des Tages nicht der Gewinnmaximierungsmaschinerie entziehen.
Die diagnostische Nüchternheit, mit der die Realität des chinesischen Prekariats protokolliert wird, stürzt den Leser in die gleiche Langeweile wie die des Arbeiters. So schnell wie Anyan seine Jobs verliert, so schnell kommt bei einem neuen Job und beim Leser die bekannte Monotonie zurück. Ausführlich wird der immer gleiche Alltag als Paketbote dokumentiert, bei dem höchstens ein besonders dreister Vorgesetzter für etwas Variation sorgt.
Anyan gelingt als Beobachter erster Ordnung eben genau das: die traurige Realität der Gig-Arbeit nüchtern auf den Punkt zu bringen. Als Beobachtung zweiter Ordnung wiederum legt es einen blinden Fleck der westlichen Chinarezeption offen. Gerade von linker Seite mehren sich die Stimmen, die China zum Vorbild einer erfolgreichen Industriepolitik stilisieren. Doch die prekäre Innenseite jenes Erfolges wird dabei meist ausgeblendet.
Der Arbeiter als revolutionäres Subjekt existiert für die chinesischen Kommunisten offenbar nur noch, um als freie Verfügungsmasse die globalen Märkte zu bezwingen. In gewisser Weise ist das Buch also das Gegenstück zu Stephen S. Grants "Mailman", den voriges Jahr erschienenen Memoiren eines amerikanischen Postboten in der industriell verarmten Appalachen-Region. Zwischen chinesischer Industrialisierung und westlicher Deindustrialisierung bleiben die Erfahrungen von Gig-Arbeitern erstaunlich gleich. Egal ob im chinesischen oder amerikanischen Jahrhundert, irgendjemand muss die Pakete schließlich austragen. NIKOLAI OTT
Hu Anyan: "Ich fahr Pakete aus in Peking".
Aus dem Chinesischen von Monika Li. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 295 S., geb.
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