Trümmergöre

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Jula ist ein kleines Mädchen in der Hamburger Nachkriegszeit. Für sie sind Trümmer und halbe Häuser normal. Sie spielt "Der Russe kommt", "Wir bauen ein KZ" oder "Opa hat sein Bein verloren". Am liebsten ist sie auf dem Platz, wo ihr Onkel Gebrauchtw … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Trümmergöre
Autor/en: Monika Held

EAN: 9783838758343
Format:  EPUB
Empfohlen von 16 bis 99 Jahren.
Lübbe

15. August 2014 - epub eBook - 240 Seiten

Beschreibung

Jula ist ein kleines Mädchen in der Hamburger Nachkriegszeit. Für sie sind Trümmer und halbe Häuser normal. Sie spielt "Der Russe kommt", "Wir bauen ein KZ" oder "Opa hat sein Bein verloren". Am liebsten ist sie auf dem Platz, wo ihr Onkel Gebrauchtwagen verkauft, ihre Schularbeiten macht sie in der Kneipe auf der Reeperbahn.

Als sie zwölf wird, holt sie ihr Vater - der im diplomatischen Dienst und deshalb abwesend war -, um aus der "versauten Göre" eine höhere Tochter zu machen. Und Jula beginnt ein perfektes Doppelleben zwischen Alstervilla und Ganovenkiez.

Leseprobe

Am Morgen hatte es angefangen zu schneien und mittags, als er sagte, jetzt müssten die Koffer gepackt werden, stand ein großer Schneemann auf der anderen Seite der Straße. Seine Augen waren blasse Rosenkohlknospen, die Nase eine Mohrrübe, der Mund ein Brikett. Ich hatte zum Geburtstag einen Schlitten bekommen und mein Vater, der das Geschenk in einem braunen Sack unter dem Bett versteckt hatte, sagte zum dritten Mal an diesem Tag: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Als wir am späten Nachmittag aufbrachen, waren die Schneeflocken doppelt so dick wie am Morgen. Die Stadt war still, ich sah keine Autos und keine Menschen, nur mattes Licht hinter den Fensterscheiben. Ich wurde von einem Hut und einem langen Mantel durch die Straßen gezogen, einem grauen Schatten, der durch eine Kordel mit mir verbunden war. Zwischen uns das Muster seiner Sohlen – fünf Wellen und ein Kreis. Der Schlitten folgte ihm wie ein Hund seinem Herrn. Wenn ich mich umdrehte, sah ich die Fußabdrücke zwischen den Spuren der Kufen. Sie liefen hinter uns her, sie wollten uns nicht verlieren.

Unsere Spur verband zwei Stadtteile miteinander, aber in Wahrheit zwei Leben. Eines, das ich kannte, und eines, von dem ich nichts ahnte. Ich saß auf dem Schlitten, eingeklemmt zwischen zwei Koffern, auf denen mein Name stand: Jula. Ich sehe den Abdruck, den wir hinterließen, so deutlich, als wäre er unser Familienwappen. In der Schule habe ich dieses Muster gezeichnet, ich habe es in Pullover gestrickt, in Topflappen gehäkelt und in Servietten gestickt. Fünf Wellen und ein Kreis zwischen den Kufen des Schlittens. Als der Mathematiklehrer behauptete, dass sich zwei Geraden in der Unendlichkeit treffen, habe ich gesagt: Das ist gelogen. Die treffen sich nie.

Mein Vater hatte mich in die braune Wolldecke gewickelt, die er aus dem Sanatorium mitgenommen hatte. Er gab mir Ha
ndschuhe, die mir zu groß waren. Er sagte: Zieh sie an, sie haben Carla gehört. Auf dem Kopf trug ich eine Kappe aus Fell, die zu groß war, auch die hatte meiner Mutter gehört. Ich legte den Kopf in den Nacken, sperrte den Mund auf und zählte die Schneeflocken, die auf der Zunge landeten. Hundert, rief ich, und wie weiter? Der Hut drehte sich um. Fang bei eins an. Wenn es wieder hundert sind, hast du zweihundert Flocken geschluckt.

Wie viele noch, bis wir da sind?

Dreihundertfünfzig.

Er klopfte sich den Schnee vom Hut, stampfte den Schnee von den Schuhen und zog mich weiter hinter sich her.

Großmutter wohnte in Eilbek, die Wohnung, aus der wir kamen, lag in Uhlenhorst, in der Nähe der Alster. Hätte ich die Schneeflocken auf der Zunge von Anfang an gezählt, wüsste ich, wie lang der Weg vom alten zum neuen Zuhause war.

Zweihundert, rief ich. Wann sind wir da?

Noch einmal hundert und dann fünfzig.

An den Abschied habe ich nur wenige Erinnerungen, er muss schnell gewesen sein. Mein Vater wollte den Mantel nicht ausziehen, behielt den Hut auf dem Kopf, lehnte Suppe und Kaffee ab, wollte auch keinen Bratapfel aus dem Kachelofen. Willst du deinen Bruder nicht begrüßen, fragte die Großmutter. Er beugte sich zu mir herunter und sagte: Du bist jetzt vier und sehr vernünftig. Er zog an meinen Zöpfen und drückte mir einen Abschiedskuss auf den Mittelscheitel, an dessen Wärme ich mich erinnerte, solange ich Sehnsucht nach ihm hatte. Der Kuss saß lebendig auf meinem Kopf wie eine kleine, warme Maus. Ich konnte sie berühren und streicheln. Sie ging beim Waschen nicht verloren und ließ sich nicht auskämmen. Sie hatte braune Augen und ein weiches Fell.

Großmutter hob mich auf die Fensterbank. Wir sahen ihm nach. Ein langer Mantel und ein Hut. Eine große Fledermaus ohne Schlitten. Zwei Mal sagte G
roßmutter streng: Dreh dich um, Rudolf! Tu es für das Kind! Ich flüsterte: Dreh dich um, Vati, du hast mich hier vergessen, bitte dreh dich um. Ich winkte wild mit beiden Händen, das müsste er, dachte ich, im Rücken spüren. Ich schlug die Fäuste gegen die Scheibe. Er verschwand im Schnee, er löste sich vor unseren Augen einfach auf. Ich aß an diesem Abend keine Suppe, den Bratapfel ließ ich auf dem Teller stehen. Er roch süß. Ich sah, wie der Zucker auf der roten Schale schmolz und auf den Teller tropfte. Probier ein Stückchen, sagte Großmutter und schob mir eine lauwarme, klebrige Masse in den Mund, die traurig schmeckte und nach Verrat. Ich lief ins Bad, spuckte den süßen Brei in die Kloschüssel und aß nie wieder einen Bratapfel. Schon das Wort dreht mir den Magen um.

Ich durfte in dem leeren Bett neben der Großmutter schlafen. Ich starrte in das dunkle Zimmer und faltete die Hände. Lieber Gott, sag ihm, dass er umkehren muss. Wenn er schläft, weck ihn auf. Ich habe noch Schleifen in den Zöpfen und niemand hat mir die Haare gebürstet.

Großmutter schnarchte. Ich kroch unter die Decke und weinte so leise wie ich konnte. Auch in der nächsten Nacht und in der übernächsten. Ich war vier Jahre alt, sehr vernünftig und wusste, wie man bis dreihundertfünfzig zählt. Gut, dass ich die Zukunft nicht sehen konnte. Ich hätte vor Angst geschrien, wenn ich gewusst hätte, dass nur dreihundertfünfzig auf der Zunge geschmolzene Schneeflocken und eine Schlittenfahrt in ein neues Zuhause nicht nur mein Leben, sondern das Leben vieler Menschen verändern würde. Damals hatte sich noch kein Schutzengel an meine Seite gestellt, der mir hätte sagen können: Keine Angst.

Die Lebenszeichen meines Vaters bestanden aus bunten Postkarten und Briefen mit Geld. Wir hatten einen Glo
bus, in dem man Licht machen konnte, und später kamen vier dicke Bücher dazu, die Brockhaus hießen. So lernten wir die Welt kennen. Die Mongolei und die Türkei, Indien, Afrika, Afghanistan. Dein Vater arbeitet beim Auswärtigen Amt, sagte Großmutter und wollte sagen, dass es seine Aufgabe war, immer sehr weit weg zu sein.

In der Wohnung war ich wie ein Zwerg im Schloss. Man hätte vier von meiner Größe aufeinanderstellen müssen, um die Zimmerdecken zu erreichen. Von der Diele gingen zwei verwinkelte Korridore ab. Schmale Schläuche. Einer führte in die Dienstbotenkammer, die, als ich beim Zählen der verheulten Nächte, die ich neben Großmutter schlief, bei elf angekommen war, mein Kinderzimmer wurde. Der andere Schlauch endete in der Küche. Dort stand ein alter Herd, an den Wänden hingen schwere, schwarze Pfannen, in denen Großmutter die Heringe briet, um sie dann in einem Topf mit Essig und Zwiebeln, Salz, Pfefferkörnern und Rosinen zu versenken. Im Wohnzimmer stand ein grüner Kachelofen, der bis zur Decke reichte, mit einem Fach, in dem Reis und Kartoffeln warm gehalten werden konnten und im Winter meine Füße. Großmutters Schlafzimmer hatte Fenster zur Straße, weil sie hören wollte, ob nachts nur Autos oder schon wieder Panzer am Haus vorbeifuhren. An zwei Türen ging sie nie anders als sehr schnell vorbei.

In den ersten Tagen verirrte ich mich ständig. Ich suchte die Dienstbotenkammer und stand im Schlafzimmer. Vor dem Weg in die Küche fürchtete ich mich, weil es im Flur immer dunkel war. Wozu Licht, sagte Großmutter, ich breite die Arme aus, spüre zwei Wände und am Ende ist die Küche. Sie bedachte nicht, dass meine Arme so lang noch nicht waren. Ich wollte mich am Kachelofen im Wohnzimmer wärmen und rüttelte an einer der beiden Türen, die zu Zimmern führten, die
sie mir nicht gezeigt hatte. Sie waren verschlossen.

Wer ist da, rief eine Stimme, die nicht unfreundlich klang.

Ich.

Wer ist ich, fragte die Stimme. Ich rief: Na, ich bin das doch, Jula.

Wer ist Jula?

Ich suchte die Großmutter. Sie stand in der Bügelkammer und besprengte die Wäsche mit Lavendelwasser.

Oma, wer ist Jula?

Du.

Die Antwort verwirrte mich. Wie sollte ich dem Mann hinter der Tür sagen, dass ich du bin. Ich lief zurück.

Ich bin du.

Na, so was, sagte die Stimme. Ich lief zurück. Er hat ›na, so was‹ gesagt.

Typisch, sagte Großmutter, viele Worte sind noch nie aus ihm herausgekommen.

Was soll ich sagen, damit er die Tür aufmacht?

Er macht sie nicht auf. Niemals.

Vielleicht doch.

Sag ihm, du seiest die Nichte, die Tochter seines Bruders.

Ich lief zurück, klopfte und rief: Ich bin die Nichte der Tochter seines Bruders.

Ich hörte Schritte, die sich der Tür näherten und lief zurück in die Küche. Großmutter, wer ist der Mann?

Mein Sohn.

Dein Sohn ist Vati.

Ich habe zwei Söhne, mein Kind. Er ist der Bruder deines Vaters.

Wie heißt der Mann?

Hans.

Ich lief zurück, rüttelte noch einmal an einer der verschlossenen Türen und rief durch das Schlüsselloch: Ich bin die Nichte seines Vaters.

Da hörte ich zum ersten Mal dieses Lachen. Es war tief und laut und schien gar nicht mehr aufzuhören. Es gab viele Anlässe, es ausbrechen zu lassen. Manchmal genügte ein Wort. Oder ein Satz, den er anders verstand, als er gemeint war. Unheimlich klang das Lachen, wenn es scheinbar ohne Grund aus ihm herausplatzte. Ich hätte Onkel Hans in jedem Kinosaal gefunden, auf jeder Versammlung. Sogar im Park hinter der hohen Mauer, hinter der er gesund werden sollte, gab es Anläs
se für ihn, lange und laut zu lachen.

Ich lief zur Großmutter: Hans lacht.

Ungeduldig sagte sie: Du bleibst jetzt hier, wir falten Wäsche. Da hörte ich, wie sich leise ein Schlüssel im Schloss bewegte. Großmutter griff nach meiner Hand. Ich riss mich los und rannte auf den Mann zu, der im Türrahmen stand und mir entgegensah.

Er war kräftig, viel kleiner als mein Vater. Ich brauchte lange, um zu verstehen, warum es so aussah, als stünden seine Augen verloren im Gesicht. Es waren große, hellbraune Kugeln, denen das Dach fehlte. Onkel Hans hatte hauchfeine Augenbrauen,...


Pressestimmen

Der Autorin ist ein packendes Buch gelungen mit sympathischen Protagonisten, lebendigen, realistischen Schilderungen, vielen Zwischentönen, Beobachtungen und humorvollen Aussagen, gefühlvoll und warmherzig erzählt. Ein Buch für eine Filmvorlage!" Sempacher Woche

"Es ist egal, über was oder wen sie schreibt, ich kenne wenige Autoren, die so ein Gefühl für ihre Figuren entwickeln und so schöne Sätze schreiben." Petra Hartlieb, Hartliebs Bücher

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