Teufelsbrück

Roman. Ausgezeichnet mit dem Johann-Jakob-von-Grimmelshausen-Preis 2003.
Taschenbuch
"Ein großer poetischer Roman über die Elbe, die Liebe und die Romantik in unromantischer Zeit." Reinhard Baumgart in der 'Zeit'
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Produktdetails

Titel: Teufelsbrück
Autor/en: Brigitte Kronauer

ISBN: 3423130377
EAN: 9783423130370
Roman. Ausgezeichnet mit dem Johann-Jakob-von-Grimmelshausen-Preis 2003.
dtv Verlagsgesellschaft

1. Januar 2003 - kartoniert - 528 Seiten

Beschreibung

Romantik in einer unromantischen Zeit
"Eine wunderbare, phantastische Liebesgeschichte ... absolut gelungen." (Iris Radisch im Literarischen Quartett)

Es beginnt mit einem Sturz: Am EEZ in Hamburg abends um 6 Uhr stößt Maria Fraulob, die früh verwitwete Ich-Erzählerin und Herstellerin von Schmuck, versehentlich mit einem Paar zusammen und fällt - der Mann im dunkelgestreiften Anzug ist ihr beim Aufstehen behilflich. Er und seine Begleiterin leben, wie sich bald herausstellt, in einer etwas verkommenen ländlichen Villa im Alten Land jenseits der Elbe, und die Frau lädt Maria zu sich ein. Zu besichtigen sind dort eine einzigartige Schuhsammlung und tropisch bepflanzte Vogelvolieren. Doch Maria zieht noch etwas anderes dort hin, hat sie sich doch Hals über Kopf in diesen charmanten Mann verliebt ...

Portrait

Brigitte Kronauer wurde am 29. Dezember 1940 in Essen geboren. Sie studierte Germanistik und Pädagogik und war bis 1971 als Lehrerin tätig. Bereits ihr erster Roman, >Frau Mühlenbeck im Gehäus<, der 1980 erschien, erregte große Aufmerksamkeit. Seither hat sie mehrere Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Ihr schriftstellerisches Werk wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin, dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet. 2005 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen, 2011 erhielt sie den Jean-Paul-Preis, 2017 den Thomas-Mann-Preis. Brigitte Kronauer ist am 22. Juli 2019 in Hamburg gestorben.

Pressestimmen

»Ein Märchen, ein Krimi, eine Phänomenologie des Eros, eine Legende mit Heiligen und mit Teufeln ...«
Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 09.12.2003

Das Echo macht einen Umweg

Vielleicht ist sie entzückt, vielleicht ist sie bedrückt, vielleicht auch ein bißchen verrückt. Wovon erzählt die Ich-Erzählerin in Brigitte Kronauers Roman "Teufelsbrück"? Von ihrer Verwandlung in einen Vogel. Wo gibt es denn sowas? In der Literatur. Der im Jahr 2000 veröffentlichte Roman ist Literatur über Literatur; für seine Verfasserin gilt immer noch, was sie 1974 über sich geschrieben hat: "Ich stelle mit literarischen Mitteln die Wirkung der Literatur auf das Leben dar." Bettina Clausen zitierte die frühe Selbstauskunft auf einer Marbacher Tagung der Reihe "Das literarische Portrait". Im Begriff des Porträts liegt die Abstraktion von der Zeit. Der Porträtmaler verfährt nicht erzählerisch. Tatsächlich gelang es in Marbach, die Methode der Schriftstellerin in elementare Kunstgriffe auseinanderzulegen, die dem gesamten Werk das Charakteristische geben.

Auf der ersten Seite von "Teufelsbrück" berichtet die Ich-Erzählerin, daß ihr im Einkaufszentrum ein Lied durch den Kopf ging, das Lied der Jorinde, die sich im Grimmschen Märchen in eine Nachtigall verwandelt. Der Nachhall ist fast alles, was sie an Vorgeschichte über den Zusammenstoß mit Leo, dem Mann der Erzzauberin Zara, mitteilt, aus dem die gesamte Romanhandlung hervorgeht. Unter dem Eindruck des Schmerzes des unwillkürlichen Übereinanderherfallens hörte sie die letzten Worte des Liedes, als kämen sie nicht mehr aus dem Kopf, sondern aus der Welt, "wie von fern": "Zuküth, ziküth, ziküth." Das Leben vollendet, was die Literatur begonnen hat. Ist diese Übertragung nicht Einbildung? Glaubt man, ein Vögelein habe sich im poetischen Moment ins prosaische Einkaufszentrum verirrt? Die Imitation des Grimmschen Liedes, das seinerseits dem Volksleben abgelauscht sein möchte, ist damit aber noch nicht beendet. Sie pflanzt sich in lautmalerischer Weise fort, mit dem Mittel des - unreinen, insofern lebensechten - Reims. Es erklingt ein Echo von "ziküth, ziküth". Oder doch nicht? Das Echo hört man erst hinterher. Das verhält sich hier zwar für den Leser so, der alles Erzählte nur im Modus des Nacheinander zur Kenntnis nehmen kann, wird aber, was die Situation, von der erzählt wird, betrifft, ausdrücklich für ungewiß erklärt. ",Wie blöd, wie blöd', wurde gleichzeitig oder in Wirklichkeit ganz in meiner Nähe geflüstert."

Ein Mann und eine Frau stoßen zusammen. Die Frau hört Vögel zwitschern, und die Begleiterin des Mannes beklagt mit unterdrückter Stimme das Peinliche der Situation. Warum soll sich das nicht gleichzeitig und in Wirklichkeit ereignen? Nimmt man die Erzählerin beim Wort, dann steht man vor einer erkenntnistheoretischen Alternative, der Entscheidung zwischen zwei Ordnungen der Ereignisse. In der Ordnung der Gleichzeitigkeit gäbe es nichts Wirkliches, nur das, was das Ich selbst in die Welt setzt. Die Wirklichkeit wäre dagegen mit dem Nacheinander zu identifizieren, das Leben mit der Literatur; alles Erzählen wäre insoweit realistisch. Gleichzeitig oder wirklich? Man liest weiter, ohne - wie blöd, wie blöd - die Entscheidung zu kennen. Die Autorin gab zu dieser Stelle die Erläuterung, daß sie nie konventionell beginne. Sie wolle den Leser brüskieren, ihn waffenlos in das Universum der Erzählung hineinziehen.

Daß der Autor, sofern lebend, anwesend ist und sein Porträt im Werden kommentieren kann, macht die eine Besonderheit der Tagungsreihe aus, die von der Stuttgarter "Akademie für gesprochenes Wort" getragen wird, einer Schule für Rundfunksprecher. Die andere Besonderheit ist, daß die zu interpretierenden Texte von Studenten der Akademie kunstgerecht zum Vortrag gebracht werden. Die konstruktivistische Ästhetik Brigitte Kronauers bürgte dafür, daß die Autorin als Auslegerin nicht falsch besetzt war. Niemand soll sprachlos vor diesem Werk stehen, auch seine Schöpferin nicht: "Es handelt sich bei meinen Romanen eben durchaus um Denkgebäude." Insofern "Teufelsbrück" von der Ich-Erzählerin einer Zuhörerin erzählt wird, in der sie am Ende Zara erkennt, scheint der stimmenreiche Roman nach dem mündlichen Vortrag zu verlangen. In Marbach bewährte sich das Verfahren, indem es zur Einsicht in seine Unangemessenheit führte. Die Interpreten neigten am Ende dazu, sich gegen die Wirklichkeit der Zuhörerin zu entscheiden, die eingebildete Zara als das gleichzeitig-unwirkliche Gegenüber der Erzählerin zu deuten, als ihr Spiegelbild. Brigitte Kronauers Bücher sind klassisch darin, daß sie wollen, daß etwas zu ihnen gesagt wird. Die Ursituation aber, deren Echo sie sind, ist der Solipsismus.

PATRICK BAHNERS

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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