Der Anfang des Wissens als Taschenbuch
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Der Anfang des Wissens

'Reclam Universal-Bibliothek'.
Taschenbuch
Während in dem Band "Der Anfang der Philosophie" (UB 9495) vor allem ontologische und erkenntnistheoretische Probleme im frühgriechischen Denken diskutiert werden, behandelt Gadamer in "Der Anfang des Wissens" die naturphilosophischen Grundlagen, ins … weiterlesen
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Der Anfang des Wissens als Taschenbuch

Produktdetails

Titel: Der Anfang des Wissens
Autor/en: Hans-Georg Gadamer

ISBN: 3150097568
EAN: 9783150097564
'Reclam Universal-Bibliothek'.
Reclam Philipp Jun.

1. Februar 1999 - kartoniert - 184 Seiten

Beschreibung

Während in dem Band "Der Anfang der Philosophie" (UB 9495) vor allem ontologische und erkenntnistheoretische Probleme im frühgriechischen Denken diskutiert werden, behandelt Gadamer in "Der Anfang des Wissens" die naturphilosophischen Grundlagen, insbesondere aber das Werk des Heraklit. Auch in diesen Erörterungen erweisen sich die Vorzüge der hermeneutischen Methode des Autors, der hier den Vorläufern der modernen Wissenschaft auf der Spur ist.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 23.03.1999

Die Nacht der Überraschungen naht
Gadamers Wacht am Wasserstandsmelder / Von Gustav Falke

Sagen Sie, Herr Kollege", so lautet eine berühmte Gadameranekdote, "wie war doch gleich das Thema des Vortrags, den ich jetzt halten soll?" Gadamer kann zu allem etwas sagen. Wobei denn freilich die Rede öfter einem Fluß gleicht, wo man mehrfach in dasselbe Wasser steigen könnte. Daß die moderne Weltbemächtigung das griechische Verständnis der Physis als Von-sich-aus-Dasein in der Ordnung des Ganzen verstelle und der moderne, cartesianische Primat des Selbstbewußtseins den griechischen Logos als Einsicht und Einsichtigkeit dieses Ganzen, möchte man vielleicht überhaupt nicht mehr lesen, gewiß aber nicht gleich mehrmals und ohne nähere Begründung in einer schmalen Aufsatzsammlung.

Deutlich abgründiger ist eine andere Anekdote: "Aber Herr Kollege, wir wollen hier doch keine Philologie betreiben." Bei Gadamer geht es, wie bei Heidegger, oft um die Auslegung einzelner griechischer Worte. Das hat die perspektivische Täuschung erweckt, Philologie und Hermeneutik gehörten in der Philosophie eng zusammen. Philologen, Hermeneutiker, Philosophiehistoriker, das sind die, deren Sicht auf die sachlichen Probleme der Gegenwart durch ein allzu langes Gebeugtsein über stockfleckige Schriften getrübt ist. In Wahrheit dürfte der Triumph der Gadamerschen Hermeneutik die Ausbildung einer selbstbewußten Philologie und einer eigenständigen Philosophiegeschichtsschreibung behindert haben. Es stimmt nicht, was die Diagnostiker der hermeneutischen Krankheit dem öffentlichen Bewußtsein untergeschoben haben: Man kann heute in Deutschland als Philosoph mit einer philologischen oder historischen Arbeit keine Karriere machen. Wer sich an eine Edition oder die Erschließung eines Nachlasses begibt, wird von seinen Gutachtern öffentlich mit Lob überhäuft und hinter der Hand zum flachen Kopf erklärt.

Die Hermeneutik heideggersch-gadamerschen Herkommens hat aus ihrer Verachtung des historisch-philologischen Wissens nie ein Hehl gemacht. Auch im "Anfang des Wissens" erstaunt die Nonchalance des Umgangs mit dem Materialen. Das Bändchen enthält erläuternde Aufsätze um "Heraklit-Studien" und tritt damit in eine widerstrebende Spannung zu dem vor zwei Jahren erschienenen "Anfang der Philosophie", die wesentlich Parmenides-Studien enthielt - je kommt dann die platonische Fortführung und die aristotelische Mißdeutung des vorsokratischen Anfangs. Kann man bei Heraklit einfach Elpis als notwendig christlich gefärbte Hoffnung lesen? Kann man so selbstverständlich sagen, daß es bei Heraklit nicht um Kosmologien, sondern um das Menschlich-Politische gehe, obwohl er doch kosmologische Themen weiterführt und seine Verachtung für das Menschliche wie das Politische gut dokumentiert ist? Kann man pauschal die Philologie bezichtigen, einen moralistischen stoischen Kommentar beiseite geschoben zu haben, der dieses Politische als Heraklits Thema angibt? Und kann man es geradeheraus erstaunlich finden, daß Charles Kahn, doch eine Autorität und an anderen Stellen immerhin "auf dem rechten Wege", es für möglich hält, dem Bericht des Aristoteles zu trauen - wenn dieser meint, bei Anaximander werde die Erde durch die Gleichförmigkeit ihrer Teile in einer Zentralstellung gehalten? Das gelte nur für eine Kugel, während Anaximander die Erde bekanntlich für eine Säule hält. Aber steht nicht die Säule genau in der Mitte zwischen Scheibe und Kugel?

Nein, trotz einer Verbeugung vor dem "tiefen Blick des Seelenkenners Heraklit" interessiert sich Gadamer so wenig für das, was Heraklit zu Menschlich-Politischem, wie für das, was er zu Kosmologischem gedacht hat. Erst recht interessiert er sich nicht dafür, wie sich diese Gedanken zu ihrem real- und geistesgeschichtlichen Umfeld verhalten. Es geht ihm um eine hegelianische Geschichtsphilosophie der Philosophiegeschichte oder, was am Ende dasselbe ist, um Seinsgeschichte.

Natürlich sagt er das Gegenteil. Zurücklassen müßten wir vorab die Interpretatio hegeliana, die Voraussetzung eines logisch verständlichen Zusammenhangs. Aber dann schreibt er, es gehe einzig darum, Heraklits neue Antwort auf die Erfahrung des Seins zu entdecken. Also nicht nach den vielen, nur historisch interessanten Meinungen, sondern nach dem Einen Gedanken, dem "dunklen Auftrag seines Denkens", wird gefragt. Die Gedanken der Vorsokratiker aber könnten wir nicht den Fragmenten, sondern nur Platon ablesen. Nicht die erhaltenen Textbruchstücke, sondern Platons Eine Antwort auf den Einen Gedanken der Vorsokratiker ermöglicht, diesen Einen Gedanken der Vorsokratiker zu rekonstruieren. Welch ein Vertrauen in die Figur der bestimmten Negation! Schade eigentlich, daß so viele Hegeltexte erhalten sind. All das kleinliche Philologengezänk, wie denn die Logik in Hegels Philosophiegeschichte aussieht, wäre vergessen, und klar leuchtete der eine Hegelsche Gedanke, daß das Wirkliche das Vernünftige ist, hervor, wäre statt dessen bloß Schopenhauers Antwort auf diesen ruchlosen Optimismus überliefert.

Davon abgesehen bleibt, daß Gadamer Heraklit aus der Perspektive eines aktuellen Interesses interpretiert. Heraklit habe das Jähe und Unvorhersehbare im Wechsel der Dinge in Bann gehalten, der Übergang etwa vom Wachen zum Schlafen, vom Leben zum Tod. Es sei die Unbegreiflichkeit des vermittlungslosen Übergangs, die ihm zu denken gebe. Allerdings erwecken Gadamers Formulierungen vom wunderbaren Rätsel des Rhythmus von Tag und Nacht und von der "Wahrheit von unergründlicher Tiefe" gelegentlich das Mißtrauen, es möge sich um eine leere Tiefe handeln.

Der plötzliche Übergang, der Gadamer interessiert, ist denn auch nur eine der vielen Arten der in sich gespannten Einheit, die Heraklit auflistet. Hermann Fraenkel hat alles auf eine andere Form gebracht, die Proportion: "Der weiseste Mensch wird, gegen Gott gehalten, wie ein Affe erscheinen." Da sieht die Sache auf einmal ganz nüchtern aus. Da fiele niemandem ein, eine Wahrheit von unergründlicher Tiefe zu erblicken, etwa im Weg der Walkerschraube, der, grad und krumm, ein und derselbe ist.

Das Mißtrauen gegen alle Wunder-des-Lebens-Rede stammt aus der Erfahrung, daß, wer so daherkommt, meist des Rätsels Lösung schon in der Tasche mit sich führt. Gadamers Vortrag ist von einem erstaunlichen, oft erst gar nicht auffallenden Pathos des Einanderverstehens angesichts existentieller Situationen. Die zugrunde liegende Denkerfahrung Heraklits sei die der essentiellen Unzuverlässigkeit alles dessen, was sich bald so und bald anders zeigt. Und siehe, da wird es auch schon hervorgeholt: "Nicht ein bestimmtes Sein liegt als das Unveränderliche hinter dem sich ändernden Anblick. Es ist das Geheimnis der Natur des Seins selber, das wahre Göttliche, was sich noch im jähen Wechsel von Tod und Leben manifestiert. Selbst der Tod ist wie ein plötzlicher Umschlag in der Erscheinung des Seins. Man muß die ganze Lehre auf diesen Punkt hin interpretieren." Und man muß schon einiges katholisches Vertrauen in das Überlieferungsgeschehen mitbringen, um ein Sich-Manifestieren des göttlichen Seins bei Heraklit zu finden.

"Wie immer bei hermeneutischen Problemen muß man den ersten wesentlichen Evidenzen folgen." Da ist etwas dran. Aber kennt nicht jeder die Erfahrung, daß wesentliche Evidenzen etwa des Typs "Sie liebt mich" der Überprüfung nicht standhalten? Auch die Ausflucht "Sie weiß es nur noch nicht" führt zu nichts, wenn die Evidenz der unbewußten Manifestation nicht irgendwann durch die Klarheit des Wortes eingelöst wird.

Eine Philologie oder Historie, die keine Interpretationen, Thesen, Evidenzen an ihren Gegenstand heranträgt, ist steril. Aber eine Hermeneutik, die am Ende doch die Versenkung in den Buchstaben der Schrift als geistlos verachtet, findet letztlich in ihrem Gegenstand immer nur sich selbst. Oder Heidegger. Denn Heraklit denke wie Heidegger die unauflösliche Einheit und Zweiheit von Entbergung und Verbergung, Helle und Dunkel, in die sich das menschliche Denken eingefügt findet. Dagegen muß der nüchterne Dritte leider sagen "Sie liebt dich nicht". Heraklit war weder Christ noch Neuplatoniker und erst recht kein Heideggerianer. Die Worte geben diese Interpretation nicht her. Feststellen läßt sich nur die Fülle der Beobachtungen von Phänomenen widerstrebenden Zusammenhalts. Oder um Heraklit, dem Dunklen, das letzte Wort zu geben: Auch der Gerstentrank zersetzt sich, wenn man ihn nicht umrührt.

Hans-Georg Gadamer: "Der Anfang des Wissens". Reclam Verlag, Stuttgart 1999. 181 S., br.

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