Lauf Jäger lauf! als Taschenbuch
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Lauf Jäger lauf!

'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
Taschenbuch
Ein Jäger wird gejagt - an Flucht ist nicht zu denken!
Lauf Jäger lauf - so schrecklich-schön wie das Kinderlied ist auch der Roman von Henning Ahrens. Oskar Zorrow, unterwegs im ICE, erblickt aus dem Zugfenster einen Fuchs. Einem plötzlichen Impuls f … weiterlesen
Taschenbuch

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Produktdetails

Titel: Lauf Jäger lauf!
Autor/en: Henning Ahrens

ISBN: 3596155444
EAN: 9783596155446
'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'.
FISCHER Taschenbuch

1. März 2002 - kartoniert - 256 Seiten

Beschreibung

Ein Jäger wird gejagt - an Flucht ist nicht zu denken!
Lauf Jäger lauf - so schrecklich-schön wie das Kinderlied ist auch der Roman von Henning Ahrens. Oskar Zorrow, unterwegs im ICE, erblickt aus dem Zugfenster einen Fuchs. Einem plötzlichen Impuls folgend, zieht er die Notbremse, um dem Tier hinterherzulaufen. Doch er wird selbst zum Gejagten und gerät in die Fänge einer Schar von Menschen, die sich die »Widergänger« nennen und auf einem Gutshof in der Nähe eines geheimnisumwitterten Nebellandes leben. An Flucht ist nicht zu denken, denn nur John Schmutz, der Kopf der Widergänger, vermag den Nebel, der alle Erinnerung auslöscht, zu durchqueren. Oskar Zorrow ist zum Ausharren gezwungen. Magie, Märchen, schauervolle Romantik? Henning Ahrens Roman besticht durch seine eigenwillige Sprache, seinen Reichtum an Bildern und durch seinen ernsthaften Witz. Ein literarisches Kammerspiel um Jäger und Gejagte, bei dem die wundersame Geschichte wie eine blankpolierte Kugel wirkt, die der Flinte des Autors entstammt.

Portrait

Henning Ahrens lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte die Lyrikbände >Stoppelbrand<, >Lieblied was kommt< und >Kein Schlaf in Sicht< sowie die Romane >Lauf Jäger lauf<, >Langsamer Walzer< und >Tiertage<. Für S. Fischer übersetzte er Romane von Richard Powers, Kevin Powers, Khaled Hosseini. Zuletzt erschien >Glantz und Gloria. Ein Trip<, 2015, der mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Leseprobe

Auf offener Strecke

Der Fuchs lief, während der ICE auf einen Gegenzug wartete, am Bahndamm entlang durchs Gras. Hastig presste Oskar Zorrow die Nase an die Scheibe, um das Tier genauer in Augenschein zu nehmen, da fuhr der Zug schon wieder an - wie vom Erdboden verschluckt war der Rotvoss. Ein von Kopfweiden und Erlen gesäumter Bach rauschte vorbei und schließlich das Flachland, vernebelt vom Atem, der das Glas beschlagen hatte.

Zorrow sprang auf und ging, der Mitreisenden nicht achtend, durchs Großraumabteil, um schließlich vor der ins Bistro führenden Verbindungsbrücke stehen zu bleiben. Nach Zigaretten stank es, und Zorrow, der den Qualm beiseite wedelte, warf einen Blick auf den Monitor neben der Tür - mit einhundertfünfundneunzig Stundenkilometern entfernte sich der ICE von jener Stelle, wo der Fuchs durchs Gras geschnürt war.

Auf den Hacken machte Zorrow kehrt und ging vorbei an Toilette und Telefonzelle und dem Abteil des Zugpersonals.

Reckte sich nach der Notbremse.

Luft schrillte, dann ein Ruck. Der Fußboden bockte, und als Zorrow vom Kopf auf die Füße zu kommen versuchte, sah er von unten den Zugführer, dessen rechte Schläfe gegen eine von Bremswucht mitgerissene Türkante knallte. Kreischender Rauch im Bistro und die Schreie zerscherbender Becher und Gläser weinten und Kinder klirrten und aus Lautsprechern - ... bitte Zugführer ... bitte ... bitte ... - stob eine Stimme. Auf allen vieren kroch der benommene Zorrow zu auf jenen Kasten, dessen Scheibe einzuschlagen war, wollte man die Außentür öffnen, doch so heftig ruckelte der Zug, dass es dreier Schläge bedurfte, um den Schalter freizulegen. Am Ellenbogen ging das schwarze Jackett in Fetzen, und Oskar Zorrow schnitt sich die Haut auf.

Da stand der Zug.

Die Tür glitt auf.

Zorrow sprang eine Böschung hinunter, rannte, so schnell ihn seine zitternden Beine trugen, davon und blieb erst stehen, als ihm die Hitze einen Schlag auf die Brust
versetzte. Um Atem ringend, warf er einen Blick über die Schulter - leise summend stand der Zug da, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, und dunkel glänzten die Scheiben im Licht.

Oskar Zorrow nahm die Beine in die Hand und suchte Schutz in einem Weidendickicht.



Nur nicht murren, Kurt. Karl Bustermann, dessen bärtiges Gesicht vom Marsch gerötet war, gab seinem Kumpan einen Klaps auf den Rücken. So fröhlich wie der Morgenwind ist unser Herz bestellt! Schnupperte die Luft und warf einen Blick auf die Sonne, welche, auf halbem Weg zum Zenit, am Himmel hing.

Ohneland, den Kopf zwischen den Schultern und die Hände hinterm braun karierten Sakko verschränkt, starrte auf den Pfad, der im Wildwuchs der Wiese kaum noch zu erkennen war.

Weshalb kümmert sich John nicht selbst um den Kerl?

Er will in den Nebel.

Und uns bleibt die Drecksarbeit? Ohneland köpfte einen Kerbel mit der Handkante und wandte seinem Gefährten das hagere Gesicht zu. Ich halte das, offen gesprochen, für ungerecht.

Bustermann: Wir ziehen an einem Strang.

Ohneland, dem das rechte Auge abhanden gekommen war, kniff das linke missmutig zusammen.

Schweigend bahnten sich die beiden Männer einen Weg durchs hüfthohe Gras, stiegen über einen von Ackerwinde überwucherten Stacheldrahtzaun und traten auf eine Brache, deren verdorrtes und von Disteln, Melde und Kamille durchsetztes Kartoffelkraut an lange zurückliegende Zeiten der Bestellung erinnerte. Mit Kirrickl Kärräckl floh ein Rebhuhn samt Küken vor den Männern, um sich rasch im Kräuticht zu verlieren.

Ohneland zog die Luger aus der Sakkotasche und legte sie auf den Unterarm: Piffpaff!

Bustermann packte die Hand des Gefährten: O Jäger, lass die Büchse ruhn!



Sobald der Zug außer Sichtweite war, erhob sich Zorrow, klopfte Laub und Zweige vom Hemd und trat aus dem Dickicht. Man suchte ihn nicht - kurz nur hatte der blessierte Zugführ
er zur Tür hinausgeschaut, dann war der Zug wieder angefahren -, und er machte sich auf, den Fuchs zu suchen. Zog das Jackett aus, warf es über die Schulter und folgte den Schienen, die eine Landschaft durchpfeilten, welche so flach war, dass sein Blick, der nirgendwo Halt fand, immer wieder ausglitt - schilfige Gräben, gesäumt von Weiden und Erlen, dahinter grün flirrende Felder und Wiesen. Von Mensch und Behausung keine Spur.

Nach einer Weile blieb er stehen und wischte sich mit einem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. So schnell war der Zug gefahren, dass die Stelle, wo er den Rotrock gesehen hatte, Aberdutzende von Kilometern entfernt sein musste. Hilflos starrte er, bis es ihm vor den Augen flimmerte, längs der Schienen, welche sich in der Ferne verloren - Zange und Rucksack, Kleidung und Fotos, alles befand sich im Koffer, der Koffer im Zug, und der Zug war auf und davon.

Zorrow ließ sich ins Gras sacken. Nass waren seine Füße, und er zog die Sandalen und weißen Söckchen aus. Die schönen Augen eines Fuchses hatten ihn bezirzt - war er noch bei Trost? Rücklings fiel er ins Gras und blickte in den Himmel, dessen makelloses Blau nur da und dort von einem Wölkchen getrübt wurde. Griff nach seinem Jackett, um die Fahrkarte zu ertasten, welche in der Innentasche steckte - noch war sie da, und wenn er sich recht erinnerte, war es gestattet, die Fahrt zu unterbrechen und nach der Unterbrechung wieder fortzusetzen.

Er schloss die Augen, Fuchs oder nicht, hier konnte er nicht bleiben. Ein kurzes Päuschen, dann ginge er weiter.



Wieder hat die Wilde Jagd begonnen.

Karl Bustermann kniff die Augen zusammen - ungefähr in Schussweite verlief die Eisenbahntrasse, erkennbar an der Oberleitung, welche in der hitzigen Luft waberte.

Mit Donner und Blitz!

Es wird die Letzte sein.

Wir sind die Letzten.

Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: 'Dies Kind soll unverletzlich s
ein.

Sentimentalitäten. Ohneland trat in den Schatten einer Erle, welche dicht neben einem Wehr am Graben wuchs, und fuhr mit der Hand über sein ergrautes Blondhaar. Hat John die Stelle genau bezeichnet? Ruckartig hob er das Kinn und zurrte die Krawatte fest. Bustermann: Du kennst doch John. Er ergeht sich in Andeutungen.

Ohneland schnob verächtlich, pflückte eine Klette und balancierte sie auf dem Zeigefinger. Das ist Erk. Er lässt nicht locker.

Bustermann: Ein Vergleich von abgründiger Tiefe.

Ohneland warf die Klette fort und nickte grimmig vor sich hin.

Das Lachen wird uns bald vergehen.

Noch ist nicht aller Tage Abend.

Karl Bustermann holte den Tabaksbeutel aus der Joppentasche, lehnte sich ans Wehr und begann, eine Zigarette zu drehen. Als er den ersten Zug tat, seufzte er genüsslich und rückte die Brille zurecht. Ich wäre gern zum Mittagessen zurück. Vera hat Bratkartoffeln mit Sülze und Remouladensoße versprochen.

Ohneland: Die kalte Mamsell?

Bustermann: Du bist ungerecht, Kurt. Vera hat manchen Genuss zu bieten. Denk nur ...

Unvermittelt riss Ohneland den Kopf nach vorn und wies auf die Eisenbahntrasse. Wahrto!

Bustermann drückte die Zigarette auf dem Betonsockel des Wehrs aus und folgte, letzten Rauch ausblasend, dem Blick des Gefährten - eine Gestalt in weißem Hemd und schwarzer Hose hatte sich erhoben, sprang über einen Graben und entfernte sich von der Trasse.

Ist es der Gesuchte?

Wer sonst?

Dann los.

Gemeinsam traten die beiden Männer aus dem Schatten der Erle, und Ohneland zog die Luger hervor. Skeptisch beäugte Bustermann die Waffe und hakte einen Finger hinters Band seiner Fliege.

Wirst Du schießen?

Wie lautet Johns Bitte?

Wir sollen uns 'kümmern'.

Gebückt tauchten die Männer ein ins Gras einer Wiese, um dem Fremden, der das Ödland offensichtlich arglos durchstiefelte, den Weg abz
uschneiden.

Die Grillen geigten ihren Psalm.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 02.03.2002

Das ist Zorrows wilde, verwegene Jagd
Weichenstellung ins Nebelland: Henning Ahrens zieht in seinem famosen Erzähldebüt die Notbremse im Zug der Zeit

Man würde kaum vermuten, daß zwischen einer ICE-Toilette und einem Gegenwartsroman viele Gemeinsamkeiten bestehen. "Bitte verlassen Sie diesen Raum so, wie Sie ihn vorfinden möchten." - Oskar Zorrow, unterwegs im ICE zwischen Erldorp und Nillberg, um in der Großstadt ein neues Leben als Tierkadaverbeseitiger anzufangen, gerät in der kleinen Kabine über diesen rätselhaften Satz ins Grübeln und kommt zu dem idealistischen Schluß, daß dem Wortlaut der Aufforderung zufolge sich wie in einem Roman alle Dinge jenseits der Türschwelle seinen Wünschen fügen müßten. So wird im Romandebüt des 1964 geborenen Henning Ahrens noch das stille Örtchen zum Raum der Poesie.

Als Zorrow vor dem Zugfenster einen Fuchs vorbeihuschen sieht, zieht er die Notbremse, steigt aus dem Zug und stellt dem Tier nach. "Lauf Jäger lauf" setzt mit diesem Tagtraum ein, den jeder Zugreisende kennen dürfte. Der Halt auf offener Strecke wird zum Ausgangspunkt einer Erzählung, die fortan dem wilden, rasanten Zickzacklauf eines gejagten Tiers gleicht. Zorrow gerät erst in die Fänge und dann in den Bann der "Widergänger", einer rüden, etwas trottelhaften Bande, die mit vorsintflutlichen Schußwaffen herumfuchtelt, sich fast ausschließlich in Volkslied- und Märchenzitaten verständigt und auf dem verfallenen Gutshof Morrzow ohne elektrisches Licht, dafür aber mit Kaffeemaschine und Zigarettenautomat haust. Gelegentlich schießt ein Düsenjäger über die Einöde, doch ist Morrzow, wie der Reisende bald merken wird, ein Ort außerhalb der Zeit, im "Hinterland der Wirklichkeit", wie es Ahrens im kurzen Nachwort formuliert. Mit der geradlinigen Fortbewegung hat Zorrow auch das Realitätsprinzip hinter sich gelassen. Statt der Naturgesetze gelten nun alle Regeln der Kunst. Morrzow unmittelbar benachbart ist ein geheimnisvolles Nebelland, dessen Betreten zugleich künstlerische Inspiration und Gedächtnisverlust verheißt.

Zorrows drei Entführer, Kurt Ohneland, Karl Bustermann und Vera Ribbek, halten Zorrow zunächst für einen Schergen ihres Todfeindes Erk Brandstetter, vor dem sie aus Nillberg geflohen sind. Der Anführer der Bande, der Landschafts- und Porträtmaler John Schmutz, erkennt jedoch rasch die Harmlosigkeit des Tierfreundes und läßt ihn fortan in Damenkleidern für seine Werke Modell stehen. Überhaupt entpuppt sich die Gang bald eher als eine Künstlerboheme, eine Mischung aus Georgekreis, Hausbesetzerkommune und Literaturstipendiatenrunde, die sich unterhalten, als hätte die Berliner Russenmafia sich mit Grimms Märchen und des Knaben Wunderhorn auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet.

Gleich zu Beginn wird das mythische Grundmuster der Handlung genannt, die sagenhafte "Wilde Jagd", eine Horde Untoter, die durch die Wälder zieht und Fremde in ihr Gefolge zwingt. Wer hier jagt und wer gejagt wird, ist freilich nicht leicht zu entscheiden. Vorangetrieben wird der Roman durch den Konflikt zwischen den Widergängern und dem mit Wunderkräften und moderner Waffentechnik ausgestatteten Erk, der als apokalyptischer Showdown zwischen Tradition und Fortschritt inszeniert wird. Zugleich jedoch entspinnt sich zwischen den Figuren ein handfestes Beziehungsnetz aus Eifersucht und Rivalität, in deren Mittelpunkt die schöne Luise steht, eine Lulu und femme fatale, die, auf der Suche nach ihrem Exfreund Schmutz, ebenfalls per Zug "in die Pampa" reist und nicht mehr zurückfindet.

Im neunzehnten Jahrhundert galt die Eisenbahn den Technikkritikern als Inbegriff der zerstörerischen Züge der Moderne. Es ist nicht Ahrens' Absicht, die naturselige Zivilisationskritik der (Neo-)Romantiker zu reaktivieren. Das Programm der Widergänger - eine krude Mischung aus "Steppenwolf", New-Age-Philosophie und Sprachpflegertum -, das Zorrow in Form eines Manifests in die Hände gerät, ist selbst nur Zitat. Ahrens zwingt den Leser dazu, dunklen Echos und Déjà-vus nachzugehen. Ahnung und Gegenwart - alles in Morrzow macht einen vertrauten und doch nicht genau bestimmbaren Eindruck. Zwischen uns und der Überlieferung liegt die Nebelwelt, in der alle Erinnerung gelöscht ist.

Historisch wäre Morrzow irgendwo im Osten Deutschlands nach der Wende verankert - die Bewohner des Guts mußten einst vor den Russen fliehen. Der Zweite Weltkrieg ist der Graben, der die Gegenwart von der altdeutschen Fabel-, Sagen- und Mythenwelt trennt. Die Widergänger sind Kriegsveteranen, die nicht in der Gegenwart ankommen können; auch Erk hat eine dunkel bleibende Vorgeschichte aus Kriegszeiten. An einem Teich nahe des Guts lebt Hans von Lange, ein Alkoholiker und unerlöster Fischerkönig, der nur noch Erinnerungsfetzen stammelt: "Überlebender der Bismarck, was? Verbogenes Ruder, ewiger Kreislauf. Jetzt Fischer, wie?" Er rät Zorrow zur Flucht durch den Nebel.

Ahrens ist zuerst mit Gedichten hervorgetreten, in denen in ganz ähnlicher Weise wie im Roman Slang und auf den Grund des Bewußtseins abgesunkene Sprachreste aufeinanderprallen. Durchgängig streut Ahrens altertümliche Worte und Wendungen ein. Man schaut nicht um die Ecke, sondern "lugt", ein Fuchs, oder vielmehr ein "Rotvoß", "wischt vorbei" oder "schnürt" durchs Gras. Durch seine hochartifizielle Sprache wird der Text zu einer durchlässigen Membran für die Vergangenheit: "Echsenzungengleich beleckten Flämmchen die Scheite, und das Dunkel im Raum wurde immer tiefer, als stiege es auf aus den Ritzen im Parkett, welches offenbar noch aus jener Zeit stammte, als die Könige Querflöte gespielt hatten." Daß Ahrens eine Dissertation über John Cowper Powys geschrieben hat, erklärt manches. Dessen "A Glastonbury Romance", in der die jenseitige Artuswelt immer wieder in die prosaische Gegenwart hineinragt, stand hier Pate.

Es tauchen nun nicht nur Grimms Märchen, die nordische Mythologie oder Volkslieder auf, auch Paul Gerhart oder der "Räuber Hotzenplotz" gehören zu den Quellen dieses virtuos vernähten Flickenteppichs. "Eintritt streng verboten!", "Eintritt strengstens verboten!", "Eintritt allerstrengstens verboten!" - die Warnschilder im Keller des bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmann finden sich auch im labyrinthischen Weinkeller des Schlosses, in dem Erk heimlich ein ganzes Heer von Engeln auf die letzte Schlacht vorbereitet. Man mag einwenden, das alles sei doch nur ein literarisches Bildungsquiz, ein "Erkennen Sie die Parodie" für die letzten noch gebildeten Stände. Verbraucht sich der Reiz des Verfahrens nicht ebenso schnell wie die Munition der ballernden Jägerschar gegen die gewaltige Übermacht der Kellergeister? Eben nicht, denn Ahrens bietet kein beliebiges Zitatenspiel, sondern verfolgt das ernstgemeinte Anliegen, literarische Konventionen zwischen Gangsterfilm und Gothic Novel zur Aufdeckung eines grassierenden Verlusts von Sprachbewußtsein und kultureller Tiefendimension einzusetzen - ein Weg, den Christoph Ransmayr oder Georg Klein schon vorangegangen sind.

Daß die Widergänger am Ende auf verlorenem Posten kämpfen, ist kein Zeichen von Resignation, denn auch Erk, der personifizierte "Zeitgeist", unterliegt im effektvoll orchestrierten Finale, das jeden Action-Thriller in den Schatten stellt: Fette Beute macht ein Dritter. Als Zorrow dann auf einer alten Draisine Richtung Nillberg aufbricht, bemerkt er den heranrasenden ICE nicht. "Jeder hat in seinem Gleise etwas, das ihm Kummer macht", wird einmal das "Beresinalied" zitiert. Ein jeder Leser hält die rettende Notbremse in der Hand.

Henning Ahrens: "Lauf Jäger lauf". Roman. Collection S. Fischer, Frankfurt am Main 2002. 256 S., br., 12,- <Euro>.

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