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Die blaue Galeere

Roman. 'btb'.
Taschenbuch
Im Genua der Renaissance: eine Geschichte von Liebe und von der Liebe zur Kunst.

Der von der Inquisition verfolgte flämische Maler Jan Massys findet 1550 Zuflucht in der Hafenstadt Genua. Er, der Frau und Kinder in Antwerpen zurücklassen musste, schei … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die blaue Galeere
Autor/en: Henning Boetius

ISBN: 3442734886
EAN: 9783442734887
Roman.
'btb'.
btb Taschenbuch

6. Juni 2006 - kartoniert - 413 Seiten

Beschreibung

Im Genua der Renaissance: eine Geschichte von Liebe und von der Liebe zur Kunst.

Der von der Inquisition verfolgte flämische Maler Jan Massys findet 1550 Zuflucht in der Hafenstadt Genua. Er, der Frau und Kinder in Antwerpen zurücklassen musste, scheint alles verloren zu haben - da erhält er völlig überraschend den Auftrag, das Porträt des mächtigsten Mannes der Stadt zu malen. Massys ahnt nicht, dass der Auftrag sein Leben für immer verändern wird ...



Portrait

Henning Boëtius, geboren 1939, wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn. Boëtius ist Verfasser eines vielschichtigen Werkes, das Romane, Essays, Lyrik und Sachbücher umfasst. Sein Roman "Phönix aus Asche" wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen niederländischen Kommissar Piet Hieronymus.

Leseprobe

1
Er wusste genau, wie das Meer aussah, obwohl er tief verborgen in einer dunklen Mauernische stand, regungslos, ein steinerner Schatten im Schatten der Steine, von keinem Passanten bemerkt, nur von einer kleinen, räudigen Katze, die seine Stiefelspitze leckte. Wind war aufgekommen, auch wenn man hier in den Gassen nichts von ihm spürte. Doch er fühlte ihn mit dem ganzen Körper, ein unsichtbares Tuch, das ein ungeduldiger Gott mit großer Gewalt über die Dächer der Superba zerrte, dieser Stadt, die einen gefangen nahm mit der düsteren Schönheit ihrer allzu engen Gassen. Ein kurzer Gedanke durchfuhr ihn an die Zeit, die hinter ihm lag, und das reichte, um die Haltung des Mannes zu verändern. Er straffte sich, ballte unwillkürlich die Faust unter dem Mantel. Dann bückte er sich nach der Katze, packte sie und steckte sie in seine Manteltasche.
Er schloss die Augen, um den Hafen hinter diesen Mauern um so deutlicher zu sehen. Das Wasser in seinem Becken zuckte und kräuselte sich in der Seebrise, und die kleinen Wellenkronen darauf glänzten perlmuttfarben wie Schuppen eines frisch gefangenen Fisches. Jetzt roch er auch das Meer. Der Geruch des Wassers war stärker als der des Kots der Menschen und Tiere um ihn herum, als die Essensdünste, die aus den Fensterhöhlen über ihm drangen.
Noch etwas anderes nahm er nun deutlicher wahr: ein fernes Rauschen hinter den Häusern. Das war das eigentliche Meer, nicht jener armselige Teil von ihm, der im Hafenbecken gefangen lag. Jenes Meer war wild. Er wusste, es litt die Schiffe auf seinem Rücken nicht immer, sondern verschlang sie zuweilen, um sie in einem Magen voller grüner, bitterer Galle zu verdauen. Und es hatte einen breiten Rücken. Im Süden lag Afrika mit seinen unergründlichen Geheimnissen, im Osten das Land der Muselmane, das voller Rätsel war, und Griechenland mit seiner untergegangenen Kultur, im Norden Italien und Frankreich und im Westen Spanien, drei gewaltige und dennoch bröckelnde Quader im Bollwerk gegen d
as Andrängen der Horden unter dem Zeichen des Halbmondes. Nur einen winzigen Ausgang gab es zwischen Ceuta und Gibraltar, den mächtigen Säulen des Herkules. Das Meer war häufig wütend dort, so hieß es, als wollte es hinaus zum großen Außenmeer, dieser endlosen, grauen Salzwüste am Ende der Welt. Auch er wollte am liebsten dort hinaus, weg von diesem Land mit seinen leichtfertigen Bewohnern. Darum hatte er alles heimlich beobachtet, was an den Kaimauern geschah, und er hatte dabei seine langen Haare unter einer Kopfbedeckung verborgen, um nicht erkannt zu werden. Doch wer sollte ihn überhaupt erkennen können? Niemand rechnete mit ihm in dieser Stadt.
Er war aus dem letzten Ort fortgegangen, heimlich und schnell. Ein Pesttoter in einer Grube aus ungelöschtem Kalk konnte nicht schneller verschwinden, aufgefressen von der blasigen Hitze der weißen Erde. Und er war bereit, alles zu riskieren, nur um endlich diesem Wanderleben zu entkommen, das ihn seit Jahren mit seiner Ruhelosigkeit quälte. Jetzt hörte er das dünne Geläut einer Kirchenglocke, die die Gläubigen zur Nachtmette rief. Er griff in seine Hosentasche, holte einen eiförmigen Gegenstand hervor und klappte ihn auf. Die Zeiger standen auf Elf. Das Wunderwerk funktionierte also immer noch einwandfrei. Wie ein kleiner Käfig für den Vogel Zeit kam es ihm vor. Er hütete die Reiseuhr mit besonderer Sorgfalt, seit er sie in Nürnberg als Bezahlung für ein Gemälde erhalten hatte.
Wenig später stieg er vorsichtig ein paar glitschige Stufen die Molenmauer hinab zu einem kleinen Podest, das nur eine Handbreit übers Wasser ragte und von wo aus niedrige Boote beladen werden konnten. Er griff in seine Manteltasche, holte die Katze heraus und setzte sie neben sich. Die Augen des Tieres leuchteten im Mondlicht wie Chrysolith. Beide starrten sie in das dunkle, übelriechende Wasser, auf dem Blasen trieben. Sterne spiegelten sich darin, in kleinen Kreisen tanzend. Über der Reling eines Schiffes, das in der Nähe an der Mole v
ertäut war, sah er gegen den schwach leuchtenden Westhimmel die Silhouetten der Wächter. Er hörte ihre Stimmen, ihr Gelächter. Sie waren betrunken und immer noch dabei, weiter zu trinken. Das Wasser vor ihm war schwarz wie Pech, und eine Weile meinte er, einen Blick in Dantes Hölle zu werfen. Denn in all der Finsternis trieben seltsam schimmernde Geisterwesen vorbei, die ihn anzublicken schienen aus trüben, geschwollenen Augen.
Er musste lächeln. Niemand ahnte etwas von seinen verrückten Visionen. Nein, er war kein Maler wie alle anderen. Dafür nahm er einfach zu viel wahr, selbst hier in dieser wässrigen Finsternis vor ihm. Er war ein mittelmäßiger Künstler, und das lag daran, dass er die Dinge zu deutlich sah. Ein guter Maler musste über eine gewisse Blindheit verfügen, musste fähig sein, all das zu übersehen, was die Eindringlichkeit seines Werkes zu stören vermochte.
Er setzte sich und lehnte sich gegen die feuchte Mauer. Wie lange er so verharrt hatte, wusste er nicht. Nur dass sich die Katze an ihn schmiegte, spürte er, und dass ihr kleiner Körper ein wenig Wärme abgab, die jetzt in seine Handfläche drang. Er musste eingeschlafen sein, denn das Wasser wurde klarer, heller und schließlich grün wie ein kostbarer Smaragd. Der Morgen graute. Er stand auf, gähnte und reckte die Arme. Es war an der Zeit, sich eine billige Herberge zu suchen.
Der Mann war arm. Alles, was er besaß, hatte er in einem groben Leinensack verwahrt, den er auf der Schulter trug. Über dem Portal, durch das er die Innenstadt erneut betrat, hockte ein weißer Gott aus Marmor. Ruß und Schmutz hatten seinem ebenmäßigen Gesicht eine schwarze Maske übergestreift. Sie verbarg sein spöttisches Lächeln, das den Fußgängern galt, die vom Hafen kamen, mutig durch das Tor schritten und sich in dieses verwirrende Labyrinth enger Gassen begaben, die tiefen Messerschnitten glichen, Wunden, die sich zum Himmel hin zu schließen begannen. So eng waren sie, dass sich die Bewohner von einem Fenster zu
m gegenüberliegenden die Hand reichen oder bei einem Streit mühelos die Degenklingen kreuzen konnten. Manche dieser Sträßchen schienen über Nacht ihren Verlauf zu ändern. Jedenfalls konnte dies einem Fremden wie ihm so erscheinen. Die gestern noch durchschrittenen Wege waren verschwunden, oder sie krümmten sich anders, hatten ihre Namen geändert, mit der Folge, dass man leicht in die Irre ging. Wieder blieb er stehen. Er hatte sich verlaufen, wusste nicht mehr, wo er sich befand.
Jan Massys war Flame. Er war ein geachtetes Mitglied der Malergilde von Antwerpen gewesen, der berühmten Lukasgilde. Doch das war lange her. Man hatte ihn aus der Heimat verstoßen, davongejagt wie einen Verbrecher. Die Heilige Inquisition hatte sein ruhiges Leben an der Seite seiner Frau und seiner vier Kinder zerstört. Nie würde er die Tage und Nächte der Verhöre im Steen vergessen, jenem Teil der Antwerpener Burg, in dem die Inquisition residierte. Die dicken Mauern hatten nach dem Angstschweiß gestunken, den sie wie Schwämme von unzähligen Opfern aufgesogen hatten. Die meisten Fragen, die man ihm stellte, in zuvorkommendem Tonfall übrigens, hatten nach den Antworten geklungen, die man von ihm erwartete. Er hatte sein Heil in der Wahrheit gesucht, nichts abgeleugnet, weder seine Sympathien für die neue Frömmigkeit noch die heimlichen Treffen mit Gleichgesinnten. Vielleicht war dies ein Fehler gewesen, vielleicht hätte er leugnen sollen, andere denunzieren, die ihn denunziert hatten.
Der größte Fehler aber war die Tatsache gewesen, dass er einen Mann in seinem Atelier empfangen hatte, der sich von ihm porträtieren lassen wollte. Kein gewöhnlicher Mann, sondern ein berüchtigter Ketzer. Eligius Pruystinck, genannt Loy de Schaliedekker, Gründer und Haupt der Sekte der Loiisten. Jan Massys war kein Loiist. Das hatte er immer wieder beteuert, obwohl er zugeben musste, dass ihn die Thesen Pruystincks faszinierten. Er predigte die Zweiteilung des Menschen in eine innere und eine äußere Pe
rson. Nur die innere war Gott verantwortlich. Welch ein kühner Gedanke! Denn dies war nichts anderes als ein Freibrief für die Vergehen der äußeren Existenz. Alles schien plötzlich erlaubt, alle Ausschweifungen des Fleisches. Gewiss, es gab eine geistige und eine fleischliche Seite der Existenz. Aber er, Massys, strebte die Einheit dieser beiden Seiten an. Er wusste damals übrigens: Loy de Schaliedekker zu malen war gefährlich. Ein gutes Bild warb für die Ideen des Kopfes, der dargestellt war. Pruystinck hatte ein interessantes Gesicht. Es in Öl zu verewigen reizte Massys. Doch in den Augen der Kirche war es bereits Ketzerei, einen Ketzer zu malen. Er hatte den Auftrag abgelehnt, gegen sein Malergewissen, aber mit dem guten Grund, sich und seine Familie nicht in Schwierigkeiten bringen zu wollen. Doch da war es bereits zu spät gewesen. Sie hatten Jan Massys dennoch geholt. Jemand musste ihn denunziert haben.
Seine Familie war an jenem Tag auf dem Land gewesen. Vermutlich hatte man diesen Augenblick absichtlich gewählt. Mitten in der Nacht hatten ihn zwei fremde Männer geweckt. Sie hatten sich stumm über ihn hergemacht, ihn mit rohen Griffen auf den Rücken gedreht, ihm die Hände gebunden, eine Kapuze über den Kopf gestreift und ihn die Treppe hinuntergezerrt. Massys hatte alles willenlos mit sich geschehen lassen. Er wusste, dass man ihm bei der geringsten Gegenwehr einen Knebel in den Rachen stopfen und den Kopf in eine eiserne Gabel stecken würde, um ihn bewegungsunfähig zu machen.
Die Männer sprachen Spanisch. Nichts Ungewöhnliches, seitdem die Niederlande zur spanischen Krone gehörten. Sie schoben ihn in eine Kutsche mit schwarzen Vorhängen, und dann ging es durch die Stadt. Am Steen angelangt, dem mächtigen steinernen Gebäude direkt an der Schelde, führte man Massys durch lange Gänge und schob ihn schließlich in eine kleine Zelle, nicht mehr als zehn Fuß lang und sechs Fuß breit. Die Tür war so niedrig, dass man nur auf allen Vieren hindurchgelangen konn
te. Die Hälfte der Zelle nahm ein hölzernes Gestell ein, auf dem eine Strohmatte lag. Sonst gab es nur einen Wasserkrug und einen Eimer. Der Fußboden der Zelle bestand wie die gewölbte Decke aus Ziegeln, die Wände aus roh behauenen Natursteinen. Ein solides Eisengitter mit einem starken Schloss bildete die Tür. Dämmriges Licht aus dem Flur drang von hier in das fensterlose Verlies. Die Luft war stickig und feucht. Wassertropfen rannen die Eisenstäbe hinab.
Massys setzte sich auf den Rand der Pritsche. Der überreizte Zustand seiner Nerven war womöglich der Grund dafür, dass er alle möglichen Details überdeutlich sah. Die Ritzen zwischen den Steinen waren Schluchten, aus denen es kein Entrinnen gab. Verfärbungen, Muster auf den Mauersteinen glichen geheimnisvollen Labyrinthen, die Maserung des Holzes unwegsamen Regionen am Rande der Welt, die Poren im Ton des Wasserkruges bodenlos tiefen Löchern, an deren Grund man ertrinken konnte. In einer Mauerritze hockte ein riesiges, rotbraunes, abstoßendes Insekt mit behaarten Beinen, eine Spinne, die eine Fliege fraß.
Der Gefangene ließ sich auf die Strohmatratze fallen. Es war nicht Angst, die ihn lähmte, sondern eine tiefe Resignation, das Gefühl wehrlos zu sein, ausgesogen zu werden wie jenes armselige Insekt. Eine solche Ohnmacht zu empfinden war demütigend. Eine seelische Folter, die die körperliche vorwegnahm. Er dachte an seine Familie und hoffte, dass er hier wieder herauskam, ehe sie zurück waren. 'Anna', flüsterte er, als seien die Namen seiner Frau und Kinder ein Stärkungsmittel. 'Frans, Quentin, Katherina, Liesebeth.' Er hatte Durst, brennenden Durst, aber der Krug enthielt kein Wasser. Mit der Zunge leckte er die Gitterstäbe entlang und sog das Schwitzwasser auf. Es schmeckte fade nach Eisen, wie Blut.
Schließlich hörte er Schritte. Dann Stimmen, spanische Wörter. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Stunden, Tage vielleicht. Einem die Zeit einfach wegzunehmen war Teil der Strafe. Ohne Zeit wa
r man so gut wie gestorben. Ohne den Rhythmus der Stunden, ohne Abfolge von Morgen und Abend glich man einem Gegenstand, der keiner Welt mehr angehörte, weder der irdischen noch der himmlischen.
Das Gitter öffnete sich, und eine Laterne warf ihm ihr warmes Licht entgegen. Er kroch auf allen Vieren hinaus und wurde sofort an den Oberarmen gepackt und weitergezogen. So ging es durch von Fackeln notdürftig beleuchtete Gänge an zahllosen ähnlichen Verliesen vorbei, aus denen Heulen, Wimmern, Flüche schollen oder auch die Stille langsamen Sterbens. Massys hatte bereits die Apathie ergriffen, die Steine, Dunkelheit und Angst in diesem Hades wie einen giftigen Nebel ausdünsteten.
Man brachte ihn in einen Raum. Er war groß und das Mauerwerk stark wie bei einer Kirche. Aus einem hochgelegenen Fenster fiel dämmriges Licht. Doch Massys blendete die ungewohnte Helligkeit. Ein schwarzer Schatten lehnte an der Wand, ein Mann, der ihm den Rücken zukehrte. Kälte ging von ihm aus. Eine Stimme, durch Liturgien geübt, klar, und obwohl sie leise sprach, durchdringend.
Antwortet auf die Fragen! Zuvor aber schwört, die Wahrheit zu sprechen.
Ich schwöre es. Seine eigene Stimme klang wie die eines ihm unbekannten Mannes, der neben ihm stand.
Schwört auf die Bibel.
Einer der beiden Wärter schob Massys zu einem Tisch, auf dem ein großes Buch lag. Er legte seine linke Hand auf den dicken, kalten Schweinsledereinband der Heiligen Schrift. Dann hob er die Rechte und sagte so deutlich, wie es seine Erregung zuließ: Ich schwöre es. Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen zweiten Mann, der etwas abseits saß und dabei war, einige Bögen Papier zurechtzulegen, eine Feder zu spitzen und Streusand in eine Dose zu füllen. Als er fertig mit seinen Vorbereitungen war, nickte er, zückte die Feder und tauchte sie ins Tintenfass. Im gleichen Augenblick ließ sich die Stimme des anderen vernehmen.
Wie ist Euer Name?
Jan Massys.
Ihr seid ein Maler aus Antwerpen?
Ja, so ist
es.
Ihr seid der Sohn des Malers Quentin Massys aus dessen erster Ehe?
Ja.
Habt Ihr ein Weib und Kinder?
Ja. Ich bin verheiratet mit meiner Cousine Anna Tuylit aus Driest. Wir haben vier Kinder.
Nennt ihre Namen.
Frans, Quentin, Katherina, Liesebeth.
Wo habt Ihr Euer Weib und Eure Kinder gelassen?
Sie sind auf dem Lande bei meinem Bruder Cornelis.
Warum seid Ihr nicht bei Ihnen?
Ich habe einen Auftrag. Ich muss eine Bildtafel fertigstellen.
Was für ein Bild ist es?
Die Kopie eines Bildes meines Vaters.
Ist das der einzige Grund?
Ja.
Könnte es nicht noch einen anderen Grund geben? Zum Beispiel gewisse heimliche Treffen mit anderen Leuten, die eine besondere Meinung von der Auslegung der Heiligen Schrift haben?
Mir sind solche Leute unbekannt.
Ist Euch der Name Serveto bekannt?
Ich habe ihn gehört.
Welche Meinung hat Serveto von der Dreifaltigkeit?
Die Frage kam schnell und scharf. Massys wusste, dass ihm eine Falle gestellt wurde. Gab er zu genau Auskunft, würde ihn dies in den Augen des Inquisitors als Anhänger überführen. Stellte er sich völlig unwissend, würde dies seine Glaubwürdigkeit schwächen. Er schloss die Augen. Die Dogmen der römischen Kirche waren ihm schon lange fremd geworden. Sie kamen ihm wie eine Hausordnung vor, die weniger für die Mieter des Hauses als für seinen Besitzer von Vorteil war. Serveto hatte behauptet, dass Jesus nichts als ein Mensch war, von einer irdischen Mutter gezeugt. Die Dreifaltigkeit war in seinen Augen nichts anderes als Vielgötterei und der Papst deshalb der größte Häretiker und die Kirche eine heidnische Institution. Solche Ansichten waren von unüberbietbarer Lebensgefährlichkeit! Massys öffnete die Augen wieder und sagte ruhig: Ich habe davon gehört, dass dieser Mann die Dreifaltigkeit leugnet.
Und Ihr? Leugnet Ihr sie ebenfalls?
Ich glaube, dass der Vater stärker ist als der Sohn, denn er hat ihn gezeugt, und der Zeugende ist von Natur
aus immer stärker als der Gezeugte. Ich glaube aber genauso, dass der Vater die Liebe des Sohnes braucht, insofern ist der Sohn stärker als der Vater. Der Heilige Geist aber ist das Band, das beide verbindet und einander ebenbürtig macht.
Was Ihr sagt, findet sich so in keiner theologischen Schrift. Ich muss über das nachdenken, was Ihr als Eure Meinung ausgebt.
Der Inquisitor wandte sich ab und drehte das Gesicht dem fahlen Licht entgegen, das aus dem hochgelegenen Fenster fiel. Als er wieder zu sprechen begann, klang seine Stimme vollkommen anders, nicht kalt und abweisend, sondern freundlich und beinahe liebevoll.
Du bist Maler wie dein Vater. Dein Vater war ein frommer, gottesfürchtiger Mann. Dennoch raubte auch er wie du der Natur Ansichten, Bilder. Ihr Maler seid im Grunde Diebe, die der Schöpfung etwas stehlen, um es gegen Geld an Menschen zu verkaufen. Das sollte man eigentlich verachten. Doch weiß ich sehr wohl, dass die Menschen Bilder brauchen wie die Kinder ein Spielzeug. Wenn es fromme Ideen sind, die ihr Maler auf euren Tafeln Gestalt annehmen lasst, dann kann darin sogar etwas Gutes liegen. Ihr seid Verführer der Augen, und diese Fähigkeit muss sorgsam verwendet werden.
Massys wollte etwas erwidern, aber er fühlte sich so schwach und leer, dass er es dabei beließ zu sagen: Wir Maler geben der Schöpfung ein wenig von dem zurück, was sie von sich aus in ihrem Reichtum und ihrer Überfülle verschenkt.
Der Inquisitor schwieg.
Dann, nach einer Pause, drehte er sich wieder um, und seine Stimme wurde von neuem scharf: Gesteht. Hat Euch nicht jener Mann besucht?
Jan Massys wusste sofort, wer gemeint war. Loy de Schaliedekker. Ja, es ist wahr, er hat mich aufgesucht in meinem Atelier.
Das genügt mir vorerst. Bringt ihn weg in seine Zelle, aber zeigt ihm vorher, was er zu erwarten hat, wenn er nicht die volle Wahrheit spricht.
Die beiden Gefängniswärter packten Massys an den Armen und führten ihn in einen anderen Raum. Dort,
auf einer Bank, lag ein Schwein auf dem Rücken. Es war festgebunden mit Stricken. In sein Maul hatte man ein zu einem Trichter geformtes Tuch gestopft. Die berüchtigte Toca. Ein Mann goss aus einem irdenen Krug langsam Wasser in den Trichter. Das Schwein quiekte in Todesangst, seine Augen quollen aus ihren Höhlen. Seine Beine strampelten in der Luft. Wasser floss aus seinem Maul, sein Bauch war aufgebläht wie ein Ballon. Plötzlich ging ein Ruck durch das Tier, die Beine wurden starr wie Stöcke. Auch die Augen erstarrten, kleine Glaskugeln, in denen nichts war als dort eingeschmolzene, kalte Angst. Der Mann nahm den Trichter aus dem Maul. Man band das Tier los. Es rollte zur Seite und fiel mit einem Aufklatschen auf den Boden. Augenblicks sprudelte ein Schwall Wasser aus seinem Maul, seinem After, seinen Ohren. Eine große Pfütze bildete sich um den Kadaver herum. Der Inquisitor war ihnen gefolgt und sagte jetzt mit ruhiger, beinahe wieder sanfter Stimme: Ein Schwein verträgt bis zu zehn Krüge, Menschen schaffen selten mehr als sechs. Wie wird es bei dir sein?


Pressestimmen

"Ein wunderbarer Roman über die schwierige Kunst, das Wesen anderer zu erkennen und sich selbst zu finden."

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