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Die Traumheilerin

Originaltitel: La profezia della curandera. 'btb'. Deutsche Erstausgabe.
Taschenbuch
Über die geheime Kraft, die jede Frau in sich trägt

Die Peruanerin Kantu wird als junges Mädchen vom Blitz getroffen. Dieses Ereignis wirft ihr Leben aus der Bahn, da sie plötzlich hellseherische Fähigkeiten entwickelt, mit denen sie nicht umzugehen w … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die Traumheilerin
Autor/en: Hernán Huarache Mamani

ISBN: 3442737672
EAN: 9783442737673
Originaltitel: La profezia della curandera.
'btb'.
Deutsche Erstausgabe.
Übersetzt von Franziska Kristen
btb Taschenbuch

1. August 2008 - kartoniert - 368 Seiten

Beschreibung

Über die geheime Kraft, die jede Frau in sich trägt

Die Peruanerin Kantu wird als junges Mädchen vom Blitz getroffen. Dieses Ereignis wirft ihr Leben aus der Bahn, da sie plötzlich hellseherische Fähigkeiten entwickelt, mit denen sie nicht umzugehen weiß. Ein weiser Heiler rät ihr, sich diese Fähigkeiten zunutze zu machen, doch Kantu zeigt keinerlei Interesse. Erst durch die unglückliche Liebe zu einem weißen Mann, der sie belügt und betrügt, besinnt sie sich auf die Worte des Schamanen und macht sich auf die Suche nach einem Schlangenmenschen, der ihr helfen soll, ihre wahre Macht als Frau zu entdecken.

Portrait

Hernán Huarache Mamani wurde in Chivay, einem kleinen Dorf in den Anden, geboren. Er ist vom Stamm der Quechua, der letzte in einer langen Ahnenfolge von "Curanderos" - Heilern und Medizinmännern, die moderne Wissenschaft mit spiritueller Tradition der Inkas verknüpfen. Professor Mamani lehrt an der Universität von Arequipa in Peru Kulturgeschichte der Anden und die Sprache der Quechua und begründete das "I.N.C.A.", "Native Institute of Andean Culture". Seit 1996 lebt er in Europa und reist jedes Jahr nach Peru.

Leseprobe

Vorwort des Autors


Lange Zeit habe ich über dieses Buch nachgedacht und mich immer wieder gefragt: Wer gibt mir das Recht, über dieses Thema zu schreiben? Wäre es nicht sinnvoller, wenn eine Frau es schriebe?
Aber dann rief ich mir die Worte meiner Lehrerin und wahren Meisterin Mama Qoyllurchiy ins Gedächtnis, die immer wieder betonte, dass Mütter durch ihre Kinder und Lehrer durch ihre Schüler zur Welt sprechen. Als ihr Schüler habe ich daher beschlossen, der Welt das mitzuteilen, was sie mich über die schönsten und geheimnisvollsten Geschöpfe der Erde gelehrt hat: die Frauen.
Ich lernte Mama Qoyllurchiy in der Gemeinde Ipana kennen, einem Ort, an dem noch heute das Wissen und die Tradition der alten Andenkultur fortleben. Sie brachte mir bei, dass das Leben eine Schule ist, in der man lernen muss zu lieben und seinem Nächsten zu dienen.
Von Mama Qoyllurchiy erfuhr ich, dass die Frauen der Anden in der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielten und dass es ihnen darum ging, eine neue Gesellschaft zu errichten: das Tawantinsuyo, die perfekte Ordnung, die Herrschaft der vier Regionen oder, wie es die meisten westlichen Historiker nennen, das sagenhafte goldene Reich der Inkas. Sie erzählte mir von dem Akllawasi, einer Bildungsstätte für Frauen, die vor vielen Jahrhunderten existierte. Im Akllawasi, das von den Mamakuna gegründet wurde, lehrten Frauen die Wissenschaft von Pachamama, eine Wissenschaft, bei der es um das Verständnis und die Achtung der Natur geht. Auf der Grundlage dieser Lehren entwickelte sich die Kultur der Inkas, der Kinder der Sonne. Ihr spirituelles Wissen erhellte die Völker der Anden bis zur Ankunft der Spanier.
Durch Mama Qoyllurchiy wurde mir bewusst, welchen Stellenwert die Frau in Wahrheit hat und dass sie eine große Macht besitzt, mit der sie die Gesellschaft lenken könnte. Auf der ganzen Welt finden derzeit tiefgreifende Veränderungen statt. Auf Grund der unverantwortlichen Anwendung von Technologien und Forsc
hungsergebnissen steuert die Erde auf eine gewaltige ökologische Katastrophe zu. Die Tragweite der daraus erwachsenden Probleme kann keiner besser erkennen als die Frau, denn sie ist mit der Erde, dem Wasser, der Luft und dem Feuer verbunden.
Nach und nach entwickeln immer mehr Frauen ein Bewusstsein dafür, dass unser Planet ernsthaft in Gefahr ist. Instinktiv sammeln sie ihre Kräfte und Energien, um einen Ausweg zu finden. In letzter Zeit musste ich oft an eine alte Prophezeiung denken: Der Schlüssel zum Eintritt in die sechste Menschheit, in das neue Jahrtausend, liegt in den Händen der Frau. Als seien diese Worte den Frauen bekannt, suchen viele von ihnen, bewusst oder unbewusst, nach diesem Schlüssel, der es ihnen ermöglicht, die Zügel der Menschheit, die man ihnen fortgenommen hat, erneut zu ergreifen.
Die meisten Frauen sind sich ihrer zukünftigen Rolle ebenso wenig bewusst wie ihrer ungeheuren, in Vergessenheit geratenen Fähigkeiten.
Ich habe dieses Buch geschrieben, um die Lehren meiner Meisterin zu verbreiten und den Initiationsweg aufzuzeigen, dem die weisen Frauen unseres Volkes folgen. Sie bewahren das geheime und heilige Wissen Pachamamas.
Die Erfahrungen Kantus, der Protagonistin, sind auf jede Frau übertragbar. Die Ereignisse dieser Geschichte zeigen, zu was eine Frau fähig ist, wenn sie wieder die Rolle übernimmt, die ihr die Natur zugedacht hat. Auf ihrer langen Suche beweist Kantu, dass es möglich ist, in sich die nötige Willenskraft, den Mut, das Wissen und die Energie zu finden, um den Lauf des eigenen Schicksals zu lenken und Schmerz, Einsamkeit und Trauer in Freude, Freundschaft und Glückseligkeit zu verwandeln. Sie zeigt uns außerdem, dass eine auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung zwischen Mann und Frau nur dann funktionieren kann, wenn die Fesseln, mit denen manche Männer versuchen, die Frauen zu unterwerfen, zerrissen werden.
Die Personen dieser Geschichte sind real. Allerdings wurden Namen und Ortsnamen verändert, um
Ruhe und Frieden zu bewahren.
Ich habe versucht, die Ereignisse möglichst genau wiederzugeben und nur dort einzugreifen, wo es dem Textverständnis und einer flüssigen Lektüre dienlich ist.
Hernán Hurache Mamani


Du hast Macht
Das Gewitter zog fort, aber auf die trockene, verdorrte Erde von Coporaque prasselte immer noch dichter Regen. Dunkle Wolken hingen am Himmel, wie um anzukündigen, dass in diesem Teil von Peru nun die Regenzeit begann. Nach und nach wurde der Regen schwächer. Der kleine siebenjährige Tilico trat hinaus in den Hof, um in den Pfützen zu spielen. Voller Freude planschte er mit seinen nackten Füßen herum und verspritzte das Wasser in alle Richtungen. Aber plötzlich blieb er erschrocken stehen: Aus dem Nachbarhaus stiegen Flammen auf! Er rannte ins Haus und schrie: Das Haus gegenüber brennt! Das Dach steht in Flammen! Im gleichen Augenblick hörte man schon von überall her die Rufe Feuer! und Es brennt!. Wenige Minuten später begann die Kirchenglocke Alarm zu schlagen.
Männer und Frauen liefen auf die Straße und riefen: Das Haus der Quispes hat Feuer gefangen! Einige eilten, mit Eimern, Leitern und Hacken gerüstet, herbei. Aus dem vom Regen getränkten Strohdach stiegen große Flammen empor. Die Helfer sprangen über das Eingangstor, durchquerten den kleinen Garten und sahen plötzlich neben der Tür des brennenden Hauses Kantu liegen. Sie war ohnmächtig und vollkommen durchnässt. Vorsichtig hoben vier Leute sie vom Boden auf und trugen sie an einen sicheren Ort, während die anderen verzweifelt versuchten, die Flammen zu löschen.
Ohne zu ahnen, was geschehen war, kam die junge Frau wieder zu sich, als erwache sie aus einem Traum. Sie öffnete die Augen und stellte überrascht fest, dass sie von Leuten umringt war, die sie besorgt betrachteten. Tata Facundo, ein alter Nachbar, weinte verzweifelt, während seine Frau Mama Santusa sie traurig ansah und ihr dabei den Unterleib und die Brust massierte.
Kantu kannte diese Leute
, es waren Indios wie sie selbst. Sie waren in bunte Gewänder aus roher Schafs-, Lama- oder Alpakawolle gekleidet. Einigen tropfte das Wasser aus dem Haar, da sie keine Kopfbedeckung trugen. Andere hatten triefend nasse Mützen oder Chullos auf dem Kopf. Sie waren barfüßig oder trugen die typischen Sandalen der Anden, die sie aus alten Reifen hergestellt hatten.
Sie lebt! Sie lebt!, rief Facundo und hörte auf zu weinen. Der düstere Gesichtsausdruck wich einem strahlenden Lächeln.
Schnell! Wir müssen ihr trockene Kleider anziehen, sagte Mama Santusa, während sie Kantu kraftvoll weitermassierte und ihr zusätzlich die Hände rieb. Dann trocknete sie ihr das Gesicht, hob ihren Kopf an und legte ihn vorsichtig auf ihren Arm.
Ach mein Täubchen, wir haben schon gedacht, du hättest uns für immer verlassen, rief Tata Facundo bewegt und wischte sich die Tränen aus den Augen. Holt rasch Decken und trockene Kleider. Wir bringen sie zu mir!
Facundo war ein einfacher, aufrichtiger alter Mann, der immer aufmerksam verfolgte, was um ihn herum geschah. Er liebte seinen Nächsten und betrachtete sein Volk als eine große Familie. Es gab niemanden auf der Welt, der sich über ihn hätte beklagen können. Er war sehr empfindsam und teilte den Schmerz anderer, als sei es sein eigener. Er konnte weder lesen noch schreiben, doch er kannte die Bedeutung der väterlichen Liebe. In seinem Haus fand man immer ein wenig Brot, Schutz und guten Rat. Obwohl er nicht mit Kantu verwandt war, liebte er sie, als sei sie seine eigene Tochter. Er nannte sie gerne Täubchen, ein liebevoller Ausdruck, der auf die Fürsorge und Zärtlichkeit zurückzuführen ist, mit denen die Tauben sich gegenseitig bedenken und den die Bewohner der Anden oft benutzen, wenn sie sich an eine Frau wenden.
Kurz darauf kam auch Mama Josefa hinzu. Sie war eine magere, schweigsame und verschlossene Frau, die nachdenklich, bisweilen sogar geheimnisvoll wirkte. Wenn es jedoch darum ging, einem anderen zu helfen, war sie i
mmer sofort zur Stelle. Obwohl sie nur wenige Häuser entfernt lebte, sprach sie nie ein Wort mit Kantu, sondern schaute sie lediglich an und lächelte ihr zu. An jenem Tag trug Josefa einen dunkelblauen Rock, ein graues Hemd mit fuchsienfarbenem Muster und einen Umhang über den Schultern. Sie hatte einige Decken mitgebracht, um die junge Frau zu wärmen. Doch kaum hatte sie sie erblickt, rief sie: Man muss ihr unbedingt trockene Kleider anziehen und sie verarzten, sie blutet.
Während man sie zum Haus von Facundo trug, sah Kantu auf den regennassen, von kleinen Rinnsalen durchfurchten Boden. Ihr Blick fiel auf ihr Haus. In dem vom Rauch geschwärzten Strohdach klaffte ein großes Loch, durch das man die Stützen und Balken erkennen konnte. Vor dem Haus herrschte ein großes Durcheinander. Mehrere Männer versuchten, der Flammen Herr zu werden, Wassereimer wurden weitergereicht, und manche schlugen mit feuchten Decken auf das noch glimmende Stroh. Von der Straße aus sahen Alte, Frauen und Kinder in ihren bunten Kleidern dem Kampf gegen das Feuer zu.
In diesem Augenblick fiel Kantu Quispe wieder ein, was einige Stunden zuvor geschehen war. An die Haustür gelehnt hatte sie in den Himmel geschaut. Schwarze, drohende Wolken ballten sich zusammen. Vielleicht würde an diesem Nachmittag endlich der erste Regen auf die trockene, ausgedörrte Erde fallen. In der Ferne am Horizont hatten sich die Wolken verdunkelt und ließen kaum noch die Umrisse der Berge erkennen. Plötzlich frischte der Wind auf und fuhr heftig durch die Blätter der Eukalyptusbäume. Im Hof hatte sich ein Wirbel gebildet, der wie ein riesiger Staubsauger trockene Blätter, Papierstückchen, Plastikabfälle und andere leichte Gegenstände anzog.
Kantu stand auf der Türschwelle und beobachtete alles. Der Wind spielte mit ihrem langen schwarzen Haar. Zum Schutz gegen die Witterung trug sie ein Hemd und ein paar Hosen. Die schwarze Wolkenmasse näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Plötzlich drehte der Wind, und
der Himmel färbte sich dunkelgrau. Einige Minuten später begann es zu blitzen. Es schien, als habe sich der Himmel geöffnet und würde von unzähligen Schwerthieben zerteilt. Es entlud sich eines jener außergewöhnlichen Gewitter, bei denen Blitz und Donner den Himmel wie Kanonenschläge zerreißen.
Kantu war weder beunruhigt noch verängstigt. In diesem Dorf, das hoch in den Bergen lag, hatte sie mehr als einmal ein heftiges Gewitter erlebt.
Sie war ins Wohnzimmer zurückgekehrt, als sie plötzlich eine starke Unruhe überfiel. Das Donnern kam immer näher. Eine innere Stimme riet ihr, die Flucht zu ergreifen. Sie zögerte einen Augenblick und rannte dann hinaus. Im selben Moment ertönte ein ohrenbetäubender Lärm, und Kantu hatte das Gefühl, als ob sich tausend Nadeln in ihre Haut bohrten. Brandgeruch stieg ihr in die Nase, dann wurde ihr schwarz vor Augen, und ein bodenloser Abgrund tat sich vor ihr auf.


Als Kantu wieder zu sich kam, schmerzte der ganze Körper. Sie blutete aus Nase und Ohren. Die alten Leute legten sie auf ein einfaches Bett und eilten dann hinaus, um alle zu beruhigen, die um das Leben der jungen Frau bangten. Kantu ist von einem Blitz gestreift worden, aber sie lebt. Sie muss verarztet werden. Sie wird hier bleiben, bis ihre Eltern zurückgekehrt sind.
Zum Glück hatte der Blitzschlag sie nicht vollständig erwischt. Sie war ihm noch rechtzeitig ausgewichen. Hätte der Blitz sie direkt getroffen, wäre sie sicher nicht mit dem Leben davongekommen. Seine Kraft hatte allerdings ausgereicht, sie vor dem Haus gewaltsam zu Boden zu schleudern.
Kantu versuchte sich zu bewegen, aber ein heftiger Schmerz im Rücken und in den Schultern hinderte sie daran. Ihr Kopf dröhnte. Alles war so schnell gegangen. Sie konnte es kaum glauben. Jede Bewegung fiel ihr schwer, ihr Körper war wie gelähmt. Mama Santusa und Mama Josefa zogen sie aus, um ihr trockene Kleidung überzustreifen, aber sobald der Stoff Kantus Haut berührte, begann ihr Körper zu zit
tern. Ihr Tastsinn war vollkommen verändert: Sie hatte das Gefühl, als habe sich die Haut vom Körper gelöst. Das Brustbein drückte auf die Lungen und erschwerte das Atmen. Sie verspürte starke Schmerzen entlang der Wirbelsäule.
Kantu wollte sich aufrichten, aber die Glieder gehorchten ihr nicht. Sie versuchte zu sprechen, doch ihr Mund brachte bloß ein leises Flüstern hervor. Ihr Blick war schmerzerfüllt, sie fühlte sich ohnmächtig, wehrlos und schwach. Die Angst vor dem Tod überfiel sie plötzlich, und in ihr schrie eine Stimme: Ich habe überlebt! Ich will nicht sterben! Ich will weiterleben! Dicke Tränen rannen über ihre Wangen.
Als Mama Santusa sah, dass Kantu weinte, streichelte sie ihr über den Kopf und tupfte mit einem Tuch vorsichtig das immer noch feuchte, versengte schwarze Haar trocken.
Ruh dich aus, versuche, dich nicht anzustrengen. Der Blitz hat keinem deiner inneren Organe einen Schaden zugefügt. Du wirst sehen, bald geht es dir besser, sagte sie, während sie die Brust der jungen Frau mit einer milden Kräutertinktur massierte. Nach und nach wurde Kantus Atmung ruhiger. Kurz darauf überlief ein Schauer ihren Körper, und der Unterkiefer begann derart stark zu zittern, dass die Zähne aufeinanderschlugen.
Man flößte ihr einen Sud aus Heilkräutern ein. Mama Jovita, die Hebamme, hatte ihn zubereitet. Sie war eine alte Frau mit weißem Haar und zahlreichen Falten im Gesicht, aber der Glanz ihrer Augen zeugte von innerer Kraft und unbezwingbarer seelischer Stärke. Sie kannte die Geheimnisse der Kräuterheilkunde und war sofort herbeigeeilt, als sie hörte, dass im Dorf jemand verletzt war. Wenige Schlucke dieser lauwarmen Flüssigkeit genügten, um Kantu wieder zu Kräften kommen zu lassen. Schließlich überkam sie Müdigkeit, die Lider wurden ihr schwer, sie konnte die Augen nicht mehr offen halten und schlief ein.
Lasst sie schlafen. Wenn sie sich in drei Tagen besser fühlt, heißt das, sie ist gesund. Andernfalls muss man einen Curandero aufsuchen
. Vielleicht ist sie durch den Blitzschlag aber auch zur Curandera auserwählt worden ..., meinte einer der Umstehenden.


Nach einem alten Glauben sind die Männer und Frauen, die durch einen Blitz getroffen wurden, dazu bestimmt, Heiler zu werden. Diese Überzeugung spielt in der Heilkunst der Pachamama, die durch die sogenannten Hampi kamayoq (Priesterheiler oder Curanderos) praktiziert wird, eine wichtige Rolle. Obwohl diese Kunst in Vergessenheit geraten ist, kommt sie in manchen Gemeinden noch immer zur Anwendung. In der Gesellschaftsform des Tawantinsuyo (das gesamte Gebiet des Inkareiches, das in vier Regionen unterteilt war und dessen Machtzentrum die Stadt Cuzco bildete), die auf Arbeitsteilung basierte, wurden die gesundheitlichen Probleme den fähigsten und geschicktesten Personen anvertraut. Deshalb galt der Heiler als eine Art Weiser. Da er eine schwere Aufgabe zu erfüllen hatte, musste er mit besonderen Fähigkeiten und einer starken Persönlichkeit ausgestattet sein. Er kümmerte sich nicht nur um die Krankheiten der Menschen, sondern nahm auch den Kampf gegen Seuchen und Epidemien bei Tieren und Pflanzen auf. Aus diesem Grund war der Hampi kamayoq von einer geheimnisvollen Aura der Macht umgeben. Er hatte eine ausgeprägte Vorstellungsgabe, zeichnete sich durch großen Verstand, durch Abstraktionsvermögen und die Fähigkeit zur genauen Beobachtung aus. Dank dieser Eigenschaften kam ihm innerhalb der Gesellschaft eine besondere Stellung zu.
Die Hampi kamayoq bildeten verschiedene Gemeinschaften, innerhalb derer die geheimen Formeln, Riten und Heilverfahren vermittelt wurden. Sie erhielten eine besondere, allumfassende Ausbildung, sowohl auf praktischer als auch auf theoretischer Ebene, und fast alle waren Priester. Der strenge Initiationsprozess begann mit dem Wamaq. Die Auserwählten mussten fasten und sich einer bestimmten Diät unterziehen, mussten ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis stellen und körperliche sowie geistige Übungen verrichten
. Vor allem aber lernten sie, die Angst vor dem Unbekannten zu überwinden. Sie ernährten sich fast ausschließlich von Kräutern, Wurzeln, Früchten und Mais. Fleisch, Fisch und Alkohol waren verboten.
Ihre Ausbildung dauerte lange, war hart und beschwerlich. Ziel war es, körperliche und geistige Kontrolle über sich zu gewinnen. Sie lebten in kleinen Gruppen an abgeschiedenen Orten unter der Leitung eines Amauta, eines Weisen, der sie in die Geheimnisse des menschlichen Seins einweihte. So mussten sie unter anderem die Geschichte ihrer Vorfahren kennen, die Legenden und Mythen, Festtage und Zeremonien, während derer die verschiedenen Heilverfahren vermittelt wurden. Fasten gehörte zum Alltag, und alle waren verpflichtet, an den alljährlichen Riten zur Reinigung des Körpers teilzunehmen. Die zukünftigen Heiler mussten sich sehr viel Wissen aneignen, die Wirkung der verschiedenen Heilkräuter, Amulette und Massagen kennen und die unsichtbare Welt begreifen lernen. Wer dieses Wissen verinnerlichte und die Tradition achtete, wurde als Hampi kamayoq anerkannt.
Unter ihnen gab es einige, die in die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft schauen konnten. Dazu verwendeten sie die Blätter der Kokapflanze, Maiskörner oder die Eingeweide von Tieren, insbesondere von Meerschweinchen und Lamas. Andere waren in der Lage, mit den Kräften der Natur in Kontakt zu treten und mit Blitzen, der Sonne oder dem Mond zu kommunizieren. Manche konnten mit den Geistern der Vorfahren sprechen, andere wiederum standen in Kontakt mit den Apukuna, den Schutzgeistern der Menschen.
Die zukünftigen Heiler wurden entweder auf Grund ihrer besonderen Fähigkeiten und Neigungen von der Gemeinschaft ausgewählt, oder aber diese schwierige Aufgabe wurde von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Manchmal entschied jedoch auch der Blitz. Die auf diese Weise auserwählten Personen wurden direkt von einem Curandero ausgebildet, der ihnen sein gesamtes Wissen vermittelte.




Pressestimmen

"Dieses Buch lädt zum Reisen und Träumen ein: eine Entdeckungsreise ins Herz der Anden, durch ein faszinierendes Land und seine Kultur, eine sinnliche Horizonterweiterung."

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