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Das Gesicht des Drachen

Ein Lincoln-Rhyme-Roman. Originaltitel: The Stone Monkey. 'Blanvalet Taschenbücher'. 'Lincoln Rhyme'.
Taschenbuch
Ein skrupelloser chinesischer Menschenschmuggler, der nur unter dem Decknamen der »Geist« bekannt ist, versucht an Bord der Fuzhou Dragon in die USA zu gelangen. Das FBI plant, ihn gleich bei seiner Ankunft im New Yorker Hafen zu verhaften.... weiterlesen
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Das Gesicht des Drachen als Taschenbuch
Produktdetails
Titel: Das Gesicht des Drachen
Autor/en: Jeffery Deaver

ISBN: 3442360919
EAN: 9783442360918
Ein Lincoln-Rhyme-Roman.
Originaltitel: The Stone Monkey.
'Blanvalet Taschenbücher'. 'Lincoln Rhyme'.
Übersetzt von Thomas Haufschild
Blanvalet Taschenbuchverl

17. September 2004 - kartoniert - 480 Seiten

Beschreibung

Ein skrupelloser chinesischer Menschenschmuggler, der nur unter dem Decknamen der »Geist« bekannt ist, versucht an Bord der Fuzhou Dragon in die USA zu gelangen. Das FBI plant, ihn gleich bei seiner Ankunft im New Yorker Hafen zu verhaften. Doch kurz vor der Küste zündet der Geist einen gewaltigen Sprengsatz und verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Als das Schiff sinkt, reißt es beinahe die gesamte Besatzung mit sich in die Tiefe. Fieberhaft machen sich Lincoln Rhyme und Amelia Sachs daran, den eiskalten Killer aufzuspüren, bevor er auch noch die letzten Zeugen seines grausamen Verbrechens ausschalten kann ...



Portrait

Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Wie kaum ein anderer beherrscht der von seinen Fans und den Kritikern gleichermaßen geliebte Jeffery Deaver den schier unerträglichen Nervenkitzel, verführt mit falschen Fährten, überrascht mit blitzschnellen Wendungen und streut dem Leser auf seine unnachahmliche Art Sand in die Augen. Seit dem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher, die in 25 Sprachen übersetzt werden und in 150 Ländern erscheinen, haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingebracht. Die kongeniale Verfilmung seines Romans Die Assistentin unter dem Titel Der Knochenjäger (mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen) war weltweit ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittler- und Liebespaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine riesige Fangemeinde erobert.

Leseprobe

Sie waren die Verschwundenen, die vom Ungl'ck Verfolgten.
F'r die Menschenschmuggler - die 'Schlangenk'pfe' -, die sie wie Paletten verdorbener Ware um die halbe Welt bef'rderten, waren sie ju-jia: Ferkel.
F'r die Beamten der amerikanischen Einwanderungsbeh'rde, die ihre Schiffe aufbrachten, sie verhafteten und abschoben, waren sie Illegale.
Sie waren die Hoffnungsvollen, die Heimat, Familie und eine tausendj'ige Ahnenreihe gegen die illusionslose Gewissheit eintauschten, dass ihnen gef'liche und arbeitsreiche Jahre bevorstanden.
Die nur eine winzige Chance hatten, in einem Land sesshaft zu werden, das ihren Familien Wohlstand versprach, weil dort, so hie'es, Freiheit, Geld und Zufriedenheit so allt'ich wie Sonnenschein und Regen seien.
Sie waren seine kostbare Fracht.
Und nun musste Kapit'Sen Zi-jun, die Beine gegen die tosenden, f'nf Meter hohen Wogen fest auf den Boden gestemmt, sich von der Br'cke zwei Decks nach unten in den d'steren Laderaum vork'fen, um ihnen die schlimme Nachricht zu 'berbringen, dass die wochenlange beschwerliche Reise wom'glich ganz umsonst gewesen war.
Es war kurz vor Tagesanbruch an einem Dienstag im August. Der st'ige Seemann, der seinen Kopf kahl geschoren hatte und stolz einen kunstvoll gezwirbelten, buschigen Schnurrbart zur Schau trug, schob sich an den leeren Containern vorbei, die zur Tarnung auf dem Deck der zweiundsiebzig Meter langen Fuzhou Dragon verzurrt waren, und 'ffnete die schwere Stahlluke zum Frachtraum. In dem spartanischen, fensterlosen Raum kauerten zwei Dutzend Menschen. Unter den billigen Feldbetten trieben Abf'e und Kinderbaukl'tze aus Plastik im flachen Bilgenwasser.
Trotz des starken Seegangs stieg Kapit'Sen, der drei'g Jahre Erfahrung auf den Weltmeeren besa' die steile Metalltreppe hinunter, ohne die Handl'e zu benutzen, und trat in die Mitte des Laderaums.
Ein Blick auf die Kohlendioxidanzeige verriet keine besorgniserregende Konzentration, obwohl die Luft nach Dies
elkraftstoff und nach Menschen stank, die zwei Wochen auf engstem Raum ausgeharrt hatten.
Im Gegensatz zu den Kapit'n und Mannschaften vieler anderer 'Eimer' - wie die Schlepperschiffe im Allgemeinen genannt wurden -, die ihre Passagiere bestenfalls ignorierten, sie manchmal jedoch sogar schlugen oder vergewaltigten, f'gte Sen den Leuten keinen Schaden zu, sondern war fest davon 'berzeugt, ein gutes Werk zu tun: Er half diesen Familien aus einer schwierigen Lage, an deren Ende zwar kein sicherer Reichtum, aber immerhin die Aussicht auf ein gl'ckliches Leben in Amerika stand, das auf Chinesisch Mei Guo hie' 'Sch'nes Land'.
Auf dieser 'erfahrt allerdings schienen die meisten der Emigranten ihm nicht zu trauen. Das war verst'lich, denn sie nahmen an, er mache gemeinsame Sache mit dem Schlangenkopf, der die Dragon gechartert hatte: Kwan Ang, eher bekannt unter seinem Spitznamen Gui, der Geist. Da Kwan als 'beraus gewaltt'g galt, hatten die Passagiere fast jedes Gespr'sangebot des Kapit' ausgeschlagen. Nur mit einem der M'er hatte Sen sich ein wenig anfreunden k'nnen. Chang Jingerzi - der den westlichen Namen Sam Chang vorzog - war f'nfundvierzig Jahre alt und hatte fr'her als Universit'professor in einem Vorort der gro'n s'dostchinesischen Hafenstadt Fuzhou gelebt. Er nahm seine gesamte Familie nach Amerika mit: seine Frau, zwei S'hne und seinen verwitweten Vater.
Unterwegs hatten Chang und Sen ein halbes Dutzend Mal im Frachtraum gesessen, den starken mao-tai getrunken, den der Kapit'stets in ausreichender Menge an Bord mitf'hrte, und sich 'ber das Leben in China und den Vereinigten Staaten unterhalten.
Sen entdeckte Chang auf einer Pritsche in der vorderen Ecke des Laderaums. Der hoch gewachsene, gelassene Mann runzelte die Stirn, als er den Kapit'sah. Er reichte seinem halbw'chsigen Sohn das Buch, aus dem er den anderen vorgelesen hatte, und stand auf.
Alle Anwesenden verstummten.
'Unser Radar zeigt ein schnelles Schiff auf Abfangkurs.'<
br/> Best'rzung machte sich breit.
'Die Amerikaner?', fragte Chang. 'Die K'stenwache?'
'So muss es wohl sein', antwortete der Kapit' 'Wir befinden uns in amerikanischen Hoheitsgew'ern.'
Er lie'den Blick 'ber die ver'stigten Gesichter der Emigranten schweifen. Wie bei nahezu jeder Ladung Illegaler, die Sen transportiert hatte, waren auch diese ehemals Fremden innerhalb kurzer Zeit zu Freunden geworden. Nun fassten sie einander bei den H'en oder raunten sich leise etwas zu, manche verunsichert, andere beruhigend. Die Augen des Kapit' richteten sich auf eine Frau, die ihre anderthalbj'ige Tochter im Arm hielt. Die Mutter, deren Gesicht von den Schl'n in einem Umerziehungslager gezeichnet war, senkte den Kopf und brach in Tr'n aus.
'Was k'nnen wir tun?', fragte Chang besorgt.
Kapit'Sen wusste, dass der Professor offene Kritik am chinesischen Regime ge'ert hatte und daraufhin fliehen musste. Falls die amerikanische Einwanderungsbeh'rde ihn zur'ck in die Heimat schickte, w'rde er wahrscheinlich als politischer Gefangener in einem der ber'chtigten Gef'nisse im Westen Chinas landen.
'Es ist nicht mehr weit bis zum Absetzpunkt, und wir sind mit voller Kraft unterwegs. Mit etwas Gl'ck kommen wir nahe genug an die K'ste heran, um Sie mit Schlauchbooten 'bersetzen zu k'nnen.'
'Nein, nein', wandte Chang ein. 'Bei diesen Wellen? Wir w'rden alle sterben!'
'Ich steuere einen nat'rlichen Hafen an. Dort d'rfte es ruhig genug sein, dass Sie auf die Boote umsteigen k'nnen. Am Ufer warten bereits Lastwagen, um Sie nach New York zu bringen.'
'Und was ist mit Ihnen?', fragte Chang.
'Ich fahre wieder hinaus in den Sturm. Bis die Beamten gefahrlos an Bord kommen k'nnen, befinden Sie sich l'st auf den goldenen Pfaden, die direkt in die Stadt der Diamanten f'hren Und jetzt sollten alle ihre Sachen zusammenpacken. Nehmen Sie nur das Notwendigste mit, das Geld, die Fotos. Alles andere lassen Sie zur'ck, denn Sie m'ssen so schnell wie m'glich an
Land gelangen. Bleiben Sie unter Deck, bis entweder der Geist oder ich Sie nach oben rufen.'
Kapit'Sen eilte die steile Treppe wieder hinauf und richtete ein Sto'ebet an Tian Hou, die G'ttin der Seeleute, sie m'ge ihrer aller Leben besch'tzen. Dann wich er der grauen Wasserwand aus, die neben dem Schiff aufragte.
Als er die Br'cke erreichte, stand dort der Geist vor dem Radarschirm und starrte auf die schimmernde Anzeige. Der Mann verharrte v'llig reglos und hielt sich mit beiden H'en fest, um auf dem schlingernden Schiff nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Manche der Schlangenk'pfe kleideten sich wie die reichen kanto- nesischen Gangster aus einem Film von John Woo, doch der Geist sah stets wie ein ganz gew'hnlicher Chinese aus, mit schlichter Stoffhose und einem kurz'eligen Hemd. Er war muskul's, ziemlich klein, glatt rasiert, trug das Haar etwas l'er als ein typischer Gesch'smann, benutzte aber weder Gel noch Spray.
'In f'nfzehn Minuten haben sie uns erreicht', sagte der Schlangenkopf. Sogar jetzt, angesichts einer drohenden Enterung und Festnahme, wirkte er so lethargisch wie der Fahrkartenverk'er eines l'lichen Busbahnhofs.
'F'nfzehn?', entgegnete der Kapit' 'Unm'glich. Mit wie vielen Knoten sind die denn unterwegs?'
Sen ging zum Kartentisch, dem Kernst'ck aller hochseet'chtigen Schiffe. Darauf ausgebreitet lag eine Seekarte des Gebiets, hergestellt von der amerikanischen Defense Mapping Agency. Zur Ermittlung der relativen Position beider Schiffe standen ihm nur diese Karte und das Radar zur Verf'gung, denn um nicht angepeilt werden zu k'nnen, hatten sie die Satellitennavigation der Dragon, das EPIRB-Funkfeuer und das Global Maritime Distress and Safety System abgeschaltet.
'Ich sch'e, es wird noch mindestens vierzig Minuten dauern', sagte der Kapit'
'Nein, ich habe genau verfolgt, welche Strecke sie seit der ersten Sichtung zur'ckgelegt haben.'
Kapit'Sen sah kurz zu dem Matrosen am Ruder der Fuzhou Dragon, der si
ch schwitzend abm'hte, die mit einem St'ck Schnur markierte Speiche des Rads immer genau senkrecht zu halten, was bedeutete, dass das Steuer exakt parallel zum Rumpf ausgerichtet war. Die Gashebel standen auf volle Kraft voraus. Falls der Geist mit seiner Einsch'ung Recht behielt, blieb ihnen nicht mehr genug Zeit, den gesch'tzten Hafen zu erreichen. Sie w'rden sich der felsigen K'ste allenfalls bis auf einen knappen Kilometer n'rn k'nnen - was dicht genug war, um die Schlauchboote zu Wasser zu lassen, die dann jedoch der erbarmungslosen See ausgesetzt w'n.
'Womit werden die Amerikaner bewaffnet sein?', fragte der Geist.
'Wissen Sie das denn nicht?'
'Man hat mich noch nie abgefangen', erwiderte der Geist. 'Reden Sie schon.'
Bisher hatte Sen es zweimal erlebt, dass Schiffe unter seinem Kommando angehalten und geentert wurden - zum Gl'ck auf v'llig legalen Reisen und nicht w'end seiner Emigrantentransporte f'r die Schlangenk'pfe. Doch die Erfahrung war trotzdem alles andere als angenehm gewesen. Ein Dutzend bewaffnete Beamten der K'stenwache hatten sich an Bord verteilt, derweil Sen und die Mannschaft von Deck des anderen Boots aus mit einem zweil'igen Maschinengewehr in Schach gehalten worden waren. Au'rdem hatte es dort ein kleines Gesch'tz gegeben.
Er verriet dem Geist, womit sie rechnen mussten.
Der Mann nickte. 'Wir sollten die verschiedenen Alternativen 'berdenken.'
'Was f'r Alternativen?', fragte der Kapit' 'Sie denken doch nicht etwa daran, einen Kampf zu riskieren, oder? Nein, das werde ich nicht zulassen.'
Aber der Schlangenkopf reagierte nicht. Er blieb am Radar stehen und starrte auf den Schirm.
Der Mann wirkte absolut ruhig, wenngleich der Kapit'vermutete, dass er innerlich vor Wut kochte. Keiner der Schlangenk'pfe, mit denen Sen bislang zusammengearbeitet hatte, hatte so viele Vorkehrungen getroffen, um eine m'gliche Entdeckung und Gefangennahme zu vermeiden, wie der Geist auf dieser Fahrt. Die zwei Dutzend Em
igranten hatten sich in einem leeren Lagerhaus am Rande Fuzhous einfinden und dort zwei Tage unter der Aufsicht eines Handlangers des Geists - eines 'kleinen Schlangenkopfs' - ausharren m'ssen. Dann hatte der Mann die Chinesen in eine gecharterte Tupolev 154 verfrachtet, die zu einem verlassenen Milit'lugplatz in der N' des russischen Sankt Petersburg geflogen war. Dort mussten die Leute in einen Schiffscontainer umsteigen, wurden 120 Kilometer nach Wy- borg gefahren und an Bord der Fuzhou Dragon gebracht, die erst tags zuvor in den russischen Hafen eingelaufen war. Die Zolldokumente und das Ladungsverzeichnis hatte Sen h'chstpers'nlich und peinlich genau ausgef'llt - alles streng nach Vorschrift, um keinen Verdacht zu erregen. Der Geist war erst in letzter Minute zu ihnen gesto'n, und das Schiff hatte planm'g abgelegt. Nach Ostsee, Nordsee und dem englischen Kanal hatte die Dragon dann in der Keltischen See bei 49' n'rdlicher Breite und 7' westlicher L'e den Ausgangspunkt der ber'hmten Transatlantikrouten erreicht und s'dwestlichen Kurs nach Long Island, New York, eingeschlagen.
Genau genommen h'e nichts an dieser Fahrt das Misstrauen der amerikanischen Beh'rden wecken d'rfen. 'Wie hat die K'stenwache das angestellt?', fragte der Kapit'
'Was denn?', entgegnete der Geist zerstreut.
'Uns gefunden. Wie haben sie das geschafft? Es ist v'llig unm'glich.'
Der Geist richtete sich auf und trat hinaus in den tobenden Sturm. 'Wer wei'', rief er 'ber die Schulter zur'ck. 'Vielleicht war es Zauberei.'
^ Zwei
'Wir sind ihnen dicht auf den Fersen, Lincoln. Das Boot h' auf die K'ste zu, aber wird es sie auch erreichen? O nein, Sir, auf gar keinen Fall. Moment, m'sste ich es nicht eigentlich ein >Schiff 'Keine Ahnung', sagte Lincoln Rhyme geistesabwesend zu Fred Dellray. 'Ich bin wei'Gott nicht oft auf dem Wasser unterwegs.'
Bei der Jagd auf den Geist fungierte der hoch aufgeschossene, schlaksige FBI-Agent Dellray als leitender Vertreter der Bundesbeh'
rden. Weder sein kanariengelbes Hemd noch der schwarze Anzug, dessen Farbe der schimmernden Haut des Mannes entsprach, waren in letzter Zeit geb'gelt worden - allerdings sah keiner der Anwesenden besonders ausgeruht aus. Das halbe Dutzend Leute, das sich um Rhyme dr'te, hatte w'end der letzten vierundzwanzig Stunden praktisch in dieser au'rgew'hnlichen Kommandostelle kampiert - dem Wohnzimmer von Rhymes Haus am Central Park West, das einst ein viktorianischer Salon gewesen war, inzwischen jedoch eher einem forensischen Labor 'elte, zum Bersten vollgestopft mit Tischen, technischen Ger'n, Computern, Chemikalien, Leitungen und Hunderten von Fachb'chern und -zeitschriften.
Dem Team geh'rten sowohl Bundesbeamte als auch Angeh'rige der lokalen Dienststellen an. Zu Letzteren z'te Lieutenant Lon Sellitto vom Morddezernat der New Yorker Polizei, der noch zerknitterter als Dellray und zudem wesentlich st'iger war. (Er war erst k'rzlich zu seiner Freundin nach Brooklyn gezogen - einer begnadeten K'chin, wie der Cop mit wehm'tigem Stolz verk'ndete.) Begleitet wurde er von Eddie Deng, einem jungen sino-amerikanischen Detective aus dem F'nften Revier des New York Police Department, zu dessen Bezirk auch Chinatown geh'rte. Deng war von athletischer Statur und auffallend elegant, einschlie'ich einer Armani-Brille und einer schwarzen Igelfrisur. Man hatte ihn Sellitto vor'bergehend als Mitarbeiter zugewiesen; Roland Bell, der eigentliche Partner des massigen Lieutenants, war vor einer Woche mit seinen beiden S'hnen zu einem Familientreffen ins heimatliche North Carolina gefahren. Wie es der
Zufall wollte, hatte er sich dort mit einer ortsans'igen Polizistin namens Lucy Kerr angefreundet und seinen Urlaub daraufhin um ein paar Tage verl'ert.
Zu den Bundesvertretern der Gruppe geh'rte der Mittf'nfziger Harold Peabody, ein mittlerer Beamter von birnenf'rmiger Gestalt und wachem Verstand, der in der New Yorker Zweigstelle des Immigration and Naturalization Service eine le
itende Funktion innehatte. Wie alle B'rokraten, die sich dem Pensionsalter n'rn, erz'te Peabody kaum etwas von sich, aber seine weitreichenden Kenntnisse 'ber alle denkbaren Einwanderungsfragen zeugten von einer langj'igen und erfolgreichen Arbeit im Dienst der Beh'rde.
Im Zuge der aktuellen Ermittlungen war er mehrfach mit Dellray aneinander geraten. Nach dem Zwischenfall mit der Golden Venture - bei dem zehn illegale Einwanderer ertranken, als das Schlepperschiff dieses Namens vor Brooklyn auf Grund lief - hatte der Pr'dent der Vereinigten Staaten angeordnet, dass f'r gr''re F'e von Menschenschmuggel ab sofort nicht mehr der INS, sondern das FBI zust'ig sein w'rde, unterst'tzt durch die CIA. Die Einwanderungsbeh'rde kannte sich auf dem Gebiet der Schlangenk'pfe und ihrer Schlepperaktivit'n sehr viel besser aus als das FBI und war nicht im Geringsten erfreut dar'ber, die Zust'igkeit an andere Beh'rden abzutreten - vor allem nicht an eine, die darauf bestand, Schulter an Schulter mit dem NYPD und, nun ja, alternativen Beratern wie Lincoln Rhyme zusammenzuarbeiten.
Als Assistenten hatte Peabody einen jungen INS-Beamten namens Alan Coe mitgebracht, einen Mann Anfang drei'g mit kurz geschorenem, dunkelrotem Haar. Auch Coe gab sich verschlossen, war einerseits tatkr'ig, andererseits aber m'rrisch und launenhaft. Zu seinem Privatleben 'erte er sich 'berhaupt nicht, zu seinem Werdegang - abgesehen von dem vorliegenden Fall - nur einsilbig. Rhyme hatte bemerkt, dass Coe Anz'ge von der Stange - sie waren zwar halbwegs modisch, aber mit deutlichen N'en gearbeitet - und staubige schwarze Schuhe mit dicken Gummisohlen trug, als w' er ein Kaufhausdetektiv, der st'ig Ladendieben hinterherhetzen musste. Coe wurde nur dann gespr'ig, wenn er zu einem seiner spontanen - und langweiligen - Vortr' 'ber das 'el der illegalen Einwanderung ansetzte. Wie dem auch sei, er arbeitete unerm'dlich und war eifrig darauf bedacht, dem Geist das Handwerk zu legen.
Dar'ber hinaus war
en im Verlauf der letzten Woche noch diverse andere Untergebene beider Parteien ein und aus gegangen, um die unterschiedlichsten Boteng'e zu erledigen.
Ich komme mir vor wie in der verfluchten Grand Central Station, hatte Lincoln Rhyme in den vergangenen Tagen immer wieder gedacht - und gelegentlich auch laut ausgesprochen.
Jetzt, um Viertel vor f'nf an diesem st'rmischen Morgen, fuhr er mit seinem batteriebetriebenen Rollstuhl, Modell Storm Arrow, durch den voll gestopften Raum zu der Wandtafel, auf der sie den aktuellen Status des Falls festhielten. Gegenw'ig hing dort eines der wenigen existierenden Fotos des Geists, aufgenommen bei einer 'erwachungsaktion und von sehr schlechter Qualit' ein Bild von Sen Zi- jun, dem Kapit'der Fuzhou Dragon, und eine Karte des 'stlichen Long Island sowie der umliegenden Gew'er.
Vor einigen Jahren hatte Rhyme bei der Untersuchung eines Tatorts einen Unfall erlitten, durch den sein vierter Halswirbel verletzt worden war. Infolge der daraus resultierenden Querschnittsl'ung hatte er sich zun'st vollst'ig von allen Aktivit'n zur'ckgezogen und sein Bett nicht mehr verlassen. Mittlerweile verbrachte er die H'te des Tages in seinem kirschroten Storm Arrow, der sich seit neuestem 'ber ein hochmodernes MKIV-Touchpad lenken lie' das Lincolns Betreuer Thom im Sortiment von Invacare entdeckt hatte. Rhyme bediente es mit seinem einen noch funktionsf'gen Finger und erhielt dadurch bei der Steuerung des Rollstuhls eine weitaus gr''re Flexibilit'als mit dem alten Strohhalmsystem.
'Wie weit noch bis zur K'ste?', rief er, ohne den Blick von der Karte abzuwenden.
Lon Sellitto, der am Telefon sa' hob den Kopf. 'Ich werde mal nachfragen.'
Rhyme arbeitete h'ig als Berater f'r das NYPD, aber meistens ging es dabei um klassische forensische Spurenauswertung - um Kriminalistik, wie es im Jargon der Strafverfolgungsbeh'rden heutzutage bevorzugt hie' Dieser neue Auftrag war ungew'hnlich. Vor vier Tagen hatten Sellitto, Dellray,
Peabody und der wortkarge Alan Coe ihn in seinem Haus aufgesucht. Rhyme war mit den Gedanken anfangs nicht ganz bei der Sache gewesen - ihn besch'igte zurzeit vor allem eine nahe bevorstehende Operation -, aber Dellrays eindringliche Bitte hatte schlie'ich seine Neugier geweckt: 'Sie sind unsere letzte
Hoffnung, Line. Wir stecken in gro'n Schwierigkeiten und haben nicht die leiseste Ahnung, an wen wir uns sonst wenden k'nnten.'
'Fahren Sie fort.'
Interpol - die Zentralstelle zur internationalen Koordination der Ermittlungsarbeit in der Verbrechensbek'fung - hatte eines ihrer ber'chtigten Roten Bulletins in Umlauf gebracht. Es ging um den Geist. Nach Aussage mehrerer Informanten war der weltweit gesuchte Schlangenkopf im chinesischen Fuzhou aufgetaucht, von dort erst nach S'dfrankreich und dann weiter in irgendeine russische Hafenstadt geflogen, um eine Schiffsladung illegaler chinesischer Auswanderer zu 'bernehmen, zu denen auch der bangshou, der Assistent des Geists z'te - ein Spion, der sich als einer der Emigranten ausgab. Als Zielort vermutete man New York, aber dann war der Mann von der Bildfl'e verschwunden, und weder die taiwanesische noch die franz'sische oder russische Polizei konnten ihn aufsp'ren, desgleichen FBI und INS.
Das einzige Material, das ihnen zur Verf'gung stand, hatte Dellray gleich mitgebracht - einen Aktenkoffer mit ein paar pers'nlichen Habseligkeiten des Geists, die man in seinem franz'sischen Unterschlupf sichergestellt hatte. Der FBI-Agent hoffte, Rhyme w'rde daraus vielleicht ablesen k'nnen, wohin die Spur des Mannes f'hrte.
'Warum dieses allgemeine Interesse?', hatte Rhyme mit Blick auf die Neuank'mmlinge gefragt, die immerhin drei bedeutende Strafverfolgungsbeh'rden repr'ntierten.
'Er ist ein verdammter Soziopath', antwortete Coe.
Peabodys Antwort fiel etwas ma'oller aus. 'Bei dem Geist handelt es sich wahrscheinlich um den gef'lichsten Menschenschmuggler der Welt. Er wird im Zusammenhang mit elf Mor
den gesucht - zu den Opfern z'en sowohl Emigranten als auch Polizisten und verdeckte Ermittler. Aber wir wissen, dass er noch weitere Menschen umgebracht hat. Die Illegalen werden oft auch als >Verschwundene 'Und er hat mindestens f'nfzehn Fl'chtlingsfrauen vergewaltigt', f'gte Coe hinzu. 'Das jedenfalls sind die F'e, von denen wir wissen. Ich bin 'berzeugt, es gibt noch mehr.'
'Hochrangige Schlangenk'pfe wie er nehmen normalerweise nicht pers'nlich an den 'erfahrten teil', erkl'e Dellray. 'Seine Anwesenheit hat vermutlich einen ganz bestimmten Grund: Er will seinen hiesigen Einflussbereich ausdehnen.'
'Falls ihm die Einreise gelingt, werden Menschen sterben', sagte Coe. 'Viele Menschen.'
'Tja, und wieso ich?', fragte Rhyme. 'Ich kenne mich mit Menschenschmuggel doch 'berhaupt nicht aus.'
'Wir haben schon alles ausprobiert, Lincoln, aber leider ohne Erfolg', sagte der FBI-Agent. 'Uns liegen keinerlei pers'nliche Informationen 'ber den Mann vor, keine guten Fotos, keine Fingerabdr'cke. Rein gar nichts. Abgesehen davon.' Er nickte in Richtung des Aktenkoffers.
Rhyme warf einen skeptischen Blick darauf. 'Und wohin in Russland ist er geflogen? K'nnen Sie mir eine Stadt nennen? Einen Staat, eine Provinz oder wie auch immer die da dr'ben organisiert sind? Soweit ich wei' ist das ein ziemlich gro's Land.'
Sellitto hob als Antwort lediglich eine Augenbraue, was zu besagen schien: Wir haben nicht die geringste Ahnung.
'Ich werde sehen, was ich tun kann, aber erwarten Sie bitte keine Wunder.'
Zwei Tage sp'r hatte Rhyme sie alle wieder zu sich gebeten. Thom reichte Agent Coe den Aktenkoffer.
'War etwas Hilfreiches dabei?', fragte der junge Mann.
'Nein', entgegnete Rhyme vergn'gt.
'Mist', murmelte Dellray. 'Da haben wir wohl Pech gehabt.'
Das reichte Lincoln Rhyme als Stichwort. Er lehnte den Kopf auf das bequeme Kissen zur'ck, das Thom an dem Rollstuhl befestigt hatte, und begann sogleich mit seinen Ausf'hrungen.

'Der Geist und zirka zwanzig bis drei'g illegale chinesische Auswanderer halten sich an Bord eines Schiffs namens Fuzhou Dragon auf, Heimathafen Fuzhou, Provinz Fujian, China. Es handelt sich um ein zweiundsiebzig Meter langes Frachtschiff mit Laderaum und Containerdeck, angetrieben durch zwei Dieselmotoren. Der sechsundf'nf- zigj'ige Kapit'hei' Sen Zi-jun - Sen ist dabei der Nachname - und verf'gt 'ber eine siebenk'pfige Besatzung. Die Dragon ist vor vierzehn Tagen um acht Uhr f'nfundvierzig morgens aus dem russischen Hafen von Wyborg ausgelaufen und befindet sich gegenw'ig - das ist jetzt eine Sch'ung - knapp f'nfhundert Kilometer vor der K'ste von New York. Ihr Ziel ist der Hafen von Brooklyn.'
'Wie, zum Teufel, haben Sie das denn herausgefunden?', rief Coe verbl'fft. Sogar Sellitto, der an Rhymes deduktive F'gkeiten gew'hnt war, lachte unwillk'rlich auf.
'Ganz einfach. Zuerst mal bin ich davon ausgegangen, dass diese Leute von Osten nach Westen fahren w'rden - andernfalls h'en sie auch direkt von China aus aufbrechen k'nnen. Ein Freund von mir arbeitet bei der Moskauer Polizei - ein Kriminaltechniker, ich habe mit ihm zusammen einige Aufs'e verfasst. Der weltweit beste Experte f'r Bodenproben, nebenbei bemerkt. Ich habe ihn gebeten, sich mit den Hafenmeistereien der westrussischen Seeh'n in Verbindung zu setzen. Er hat seine Beziehungen spielen lassen und die Ladungsverzeichnisse s'licher chinesischer Schiffe besorgt, die in den letzten drei Wochen dort ausgelaufen sind. Es hat ein paar Stunden gedauert, die Unterlagen mit ihm durchzugehen. Ach, 'brigens, Sie k'nnen sich schon mal darauf einstellen, die immense Telefonrechnung zu begleichen. Und ich habe ihm gesagt, er soll Ihnen auch die 'ersetzung berechnen. Ich an seiner Stelle w'rde das tun. Wie auch immer, wir haben festgestellt, dass nur ein einziges Schiff gen'gend Treibstoff f'r eine dreizehntausend Kilometer lange Reise an Bord genommen hat, obwohl die Strecke laut der Dokumente nur sechseinh
albtausend Kilometer betragen sollte. Dreizehntausend Kilometer entsprechen einer Fahrt von Wyborg nach New York und zur'ck ins englische Southampton, um dort erneut zu tanken. In Brooklyn wurde kein Anlegeplatz reserviert. Man hat vor, den Geist und die Emigranten abzusetzen und sofort wieder nach Europa zur'ckzufahren.'
'Vielleicht ist denen nur der Treibstoff in New York zu teuer', warf Dellray ein.
Rhyme zuckte die Achseln - eine der wenigen beil'igen Gesten, die sein K'rper ihm noch gestattete. 'Alles in New York ist zu teuer', lautete sein m'rrischer Kommentar. 'Aber da ist noch etwas: Das Ladeverzeichnis der Dragon besagt, dass sie Industriemaschinen nach Amerika transportiert. In den Papieren muss der aktuelle Tiefgang des Schiffs vermerkt werden, um sicherzustellen, dass der Rumpf in einem zu flachen Hafenbecken nicht auf Grund l't. Der Tiefgang der Dragon wurde mit drei Metern angegeben, wohingegen ein voll bela- denes Schiff dieser Gr'' auf wenigstens siebeneinhalb Meter kommen d'rfte. Demnach hatte sie 'berhaupt keine Ladung an Bord, abgesehen von dem Geist und den Emigranten. Ich gehe von zwanzig bis drei'g Leuten aus, weil die Dragon entsprechend viel Trinkwasser und Proviant aufgenommen hat, obwohl die eigentliche Besatzung - wie schon erl'ert - aus nur sieben M'ern und dem Kapit'besteht.'
'Da hol mich doch der Teufel', sagte der ansonsten so spr'de Harold Peabody mit bewunderndem Grinsen.
Wenig sp'r an jenem Tag machten Beobachtungssatelliten die Dragon ungef' vierhundertf'nfzig Kilometer vor der amerikanischen K'ste aus, genau wie Rhyme vorhergesagt hatte.
Das K'stenwachboot Evan Brigant, ausgestattet mit f'nfundzwanzig Mann Besatzung, gro'alibrigen Zwillingsmaschinengewehren und einem 80-mm-Gesch'tz, ging in Bereitschaft, blieb jedoch zun'st auf Distanz, um die Dragon n'r herankommen zu lassen.
Jetzt - kurz vor Tagesanbruch am heutigen Dienstag - befand sich das chinesische Schiff in amerikanischen Hoheitsgew'ern, und
die Evan Brigant hatte die Verfolgung aufgenommen. Der Plan sah vor, die Dragon zu entern und den Geist samt seinem Gehilfen und der Besatzung zu verhaften. Dann sollte die K'stenwache das Schiff in den Hafen von Port Jefferson auf Long Island bringen, von wo aus man die Emigranten bis zur Abschiebung oder dem Asylverfahren in ein Bundesgef'nis 'berstellen w'rde.
Von Bord des K'stenwachboots kam ein Funkspruch herein. Thom legte ihn auf den Lautsprecher.
'Agent Dellray? Hier spricht Captain Ransom auf der Evan Bri- gant.'
'Ich h're Sie, Captain.'
'Wir wurden anscheinend bemerkt - deren Radar ist besser, als wir vermutet haben. Das Schiff h' nun geradewegs auf die K'ste zu. Wir ben'tigen neue Anweisungen hinsichtlich unseres Vorgehens. Es besteht Grund zu der Bef'rchtung, dass ein Enterversuch zu einem Schusswechsel f'hren k'nnte. Ich meine, wir wissen ja schlie'ich, um wen es sich bei diesem Kerl handelt. Vielleicht gibt es Verluste. Kommen.'




Pressestimmen

"Deaver schreibt meisterhaft konzipierte Thriller mit intelligenter, messerscharfer Logik."

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