Es hätte ein gutes dünneres, stringenteres Buch werden können. Die Mängel des Buches sind sicher der (laut Klappentext) "Bestsellerautorin" Inge Kloepfer anzulasten, die höchstwahrscheinlich Interviews mit Nagano in ein furchtbares, unidiomatisches Deutsch übertragen und in eine oft konfuse Form gebracht hat.
Zur Sprache einige Beispiele: "Es war ein Jahr, nachem ihr Konterfei den Titel des Time Magaine zierte, dass ich versuchte ..." (statt einfach: Ein Jahr, nachdem ihr Konterfei ... geziert hatte, versuchte ich); "Nicht für den Moment eines Geistesblitzes war es mir in den Sinn gekommen." (S. 25); eine "Tarte" wird mit einer "Torte" gleichgesetzt (S. 75); Nagano ist es gewöhnt, "sich nach Finanzmitteln auf die Suche zu machen" (S. 113). Im Kapitel über Trimborn: "Bei ihm lernte ich vor allem eines: (...) die Unbestechlichkeit und Unbescholtenheit, die Aufrechterhaltung der Übereinstimmung des eigenen Wertesystems im dem eigenen Reden und Handeln." (S. 156) - Das ist schon eine Frechheit.
Gleich im 1. Kapitel über Sarah Caldwell wird die Situation, in der der erzählerische Höhepunkt stattfindet - Naganos "Blamage" auf der Orchesterprobe - fast unverständlich. Nagano (der als Caldwells Faktotum 24 Stunden am Tag zur Verfügung zu stehen hat) hat unter extremem Zeitdruck die Trompetenstimme in einer obskuren Arie nicht korrekt transponiert. Es heißt dann: "Genussvoll schlugen sie sich auf die Schenkel, als hätte da gerade jemand einen unerhörten Witz gemacht. Von besonderer Pikanterie: Unter Sarahs Dirigat hätte man sich derlei niemals getraut." Diese Formulierung passt überhaupt nicht und führt in die Irre, denn Caldwell dirigiert die Probe ja eben selbst (wie im nächsten Absatz klar wird) - sie trauen sich also doch? Was soll das also? Und was ist an der Situation "pikant"?
Bei nur 201 Seiten in relativ großer Schrift ist die Nachlässigkeit doch erstaunlich und die Leserin wünscht, es hätte ein Lektorat gegeben. Nur ein weiteres Beispiel im Boulez-Kapitel: "Da hatte er sich längst in Baden-Baden mit [sic!] einem ständigen Wohnsitz niedergelassen." (S. 96) Nur eine Seite weiter nochmals: "Seinen Wohnsitz hatte er derweil sowieso schon nach Baden-Baden verlegt."
Die Stories werden mit - meiner Meinung nach - oft überflüssigen biografischen Angaben gestreckt, die vermutlich einfach aus Wikipedia abgeschrieben sind. Ich muss beispielsweise nicht wissen, bei wem die 1924 geborene und 2010 gestorbene Yvonne Loriod studiert hat, Nagano beschreibt ihre Persönlichkeit völlig ausreichend. Im Kapitel zu Björk klappt dann nicht einmal das Wiedergeben von biografischem Füllmaterial richtig, wenn es sich liest (sogar durch eine Absatzmarke entsprechend unterteilt), als habe Björk vor (!) den Sugarcubes "zwischen 1986 bis 1992" mit Freunden "eine Art psychedelischen Post-Punk-Pop" geschaffen. Natürlich handelt es sich um die Sugarcubes selbst.
Das musste ich loswerden! Man hätte wirklich mehr draus machen können. Schade, so nur drei Sterne. Die "Lektionen" an sich sind gut.