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Lexikon Geschichtswissenschaft

Hundert Grundbegriffe. 'Reclam Universal-Bibliothek'.
Taschenbuch
Die 100 wichtigsten Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft, von »Alltagsgeschichte« bis »Zyklentheorie« - präzise definiert von führenden Historikern.
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Produktdetails

Titel: Lexikon Geschichtswissenschaft

ISBN: 3150005035
EAN: 9783150005033
Hundert Grundbegriffe.
'Reclam Universal-Bibliothek'.
Herausgegeben von Stefan Jordan
Reclam Philipp Jun.

Oktober 2003 - kartoniert - 370 Seiten

Beschreibung

Die 100 wichtigsten Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft, von »Alltagsgeschichte« bis »Zyklentheorie« - präzise definiert von führenden Historikern.

Portrait

Stefan Jordan, Jg. 1967, Dr. phil., Wiss. Angestellter in der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München.


Leseprobe

Leseprobe

Gedächtnis
G. ist die Fähigkeit, Erlebtes und Gelerntes zu behalten, aber auch zu vergessen, um Neues aufnehmen zu können; Erinnerung ist demgegenüber der Akt, sich im G. Gespeichertes bewusst zu machen. Als Grundbegriff der Geschichtswissenschaft tritt G. in zwei Bedeutungen auf: (1) als Oberbegriff für verschiedene Formen des Vergangenheitsbezugs, zu denen auch die Historiografie als Form des 'sozialen' oder 'kollektiven G.' gehört (G1), und (2) als Gegenpol zu einer positivistisch verstandenen Geschichtswissenschaft (G2).
G1 geht bereits auf Herodot zurück, der unter Historie das G. rühmenswerter Taten verstand. Hegel verwandte die Begriffe Geschichtsschreibung und mnemosyne (griech. für G.) synonym. Für Peter Burke ist Geschichte "soziales Gedächtnis" (History as Social Memory, in: Memory. History, Culture and Mind, hrsg. von Thomas Butler,1989; dt. in: Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, hrsg. von Aleida Assmann und Dietrich Harth, 1991), aber der Historiker spielt, anders als bei Herodot, die Rolle des remembrancers, des SchuldenEintreibers im frühen England, der die Gesellschaft an das erinnert, was sie gerne vergessen will.
G2 hat sich erst im Kontext des Historismus und einer dem Ideal der Objektivität verschriebenen positivistischen Geschichtswissenschaft entwickelt, wie sie Nietzsche in seiner 2. Unzeitgemäßen Betrachtung (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben, 1873) als lebensfeindlich anprangert und dem G., das auch vergessen kann, gegenüberstellt. Während Nietzsche jedoch den Begriff 'G.' in diesem Zusammenhang kaum verwandte, hat der frz. Soziologe Maurice Halbwachs den Gegensatz zwischen mémoire und histoire explizit entfaltet (La mémoire collective, 1950; dt. Das kollektive Gedächtnis, 1985). Nach Halbwachs sieht das kollektive G. die Gruppe "von innen" und war bestrebt, ihr ein Bild ihrer Vergangenheit zu zeigen, in dem sie sich in allen Stadien wieder erkennen kann. Das kollekti
ve G. blendet daher Veränderungen aus, während die 'Geschichte' wiederum nur das als historische Tatsache gelten lässt, was als Prozess oder Ereignis Veränderung anzeigt. Während aber umgekehrt das GruppenG. die Differenz und Eigenart der eigenen Geschichte betont, nivelliert die Geschichte alle derartigen Differenzen und reorganisiert ihre Fakten in einem vollkommen homogenen historischen Raum, in dem alles mit allem vergleichbar und v.a. alles gleichermaßen wichtig und bedeutsam ist. Denn es gibt zwar viele KollektivG., aber nur eine Historie, die jeden Bezug auf eine Identität und einen spezifischen Bezugspunkt abgestreift hat und die Vergangenheit in einem 'identitätsabstrakten' Tableau rekonstruiert. Abstrakt ist v.a. die Zeit, in die die Historie ihre Daten einfügt. Die historische Zeit ist eine durée artificielle ('künstliche Dauer'), die von keiner Gruppe als durée erlebt und erinnert wird, ein funktionsloses Artefakt, herausgelöst aus den Bindungen und Verbundenheiten, die durch das soziale raum und zeitkonkrete Leben gestiftet werden. Die Domäne des Historikers beginnt dort, wo die Vergangenheit nicht mehr 'bewohnt', d.h. nicht mehr vom kollektiven G. lebender Gruppen in Anspruch genommen wird.
Diesen Begriff von 'G.' als Gegensatz zu Geschichte hat Pierre Nora seinem Projekt einer Beschreibung frz. "Erinnerungsorte" zugrunde gelegt (Les lieux de mémoire I-III, 1986-92; dt. Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 1990). Der Geschichte als Dynamik der Historisierung, die alles in "tote Vergangenheit" verwandelt, steht das G. gegenüber als "Wärme der Tradition, Schweigen des Brauchtums, Wiederholung des Überlieferten". "Es gibt lieux de mémoire, weil es keine milieux de mémoire mehr gibt". Bewohnte Vergangenheit hat sich in Überreste, Spuren, Erinnerungsorte verwandelt. Auch Yosef Hayim Yerushalmi (Zakhor. Jewish History and Jewish Memory, 1987; dt. 1991) stellt das moderne Ethos des Historismus, das sich auf die Werte der kritischen Distanz und der Objektiv
ität beruft, den vormodernen Ritualen der Erinnerung gegenüber, die Einfühlung und Identifikation vermitteln sollten. Für Yerushalmi entsteht Geschichte nicht nur aus einem Traditionsbruch, sondern erzeugt einen solchen Bruch, indem sie lebendige Traditionen durch Historisierung zerstört. Geschichte (im Sinne z.B. der Wissenschaft des Judentums) wird hier verstanden als Strategie kritischer Distanzierung und Verfremdung, in starkem Gegensatz zu G. als einer Form der Identifikation.
Demgegenüber hat in den letzten Jahren, vertreten etwa durch Saul Friedländer (z.B. Memory, History, and the Extermination of the Jews of Europe, 1993), und Dominick LaCapra (History and Memory after Auschwitz, 1998) eine andere Richtung der Geschichtsforschung im Zusammenhang mit dem Holocaust und der Traumaforschung den engen Zusammenhang von G. und Geschichtsschreibung hervorgehoben, die hier geradezu als eine Form posttraumatischer Erinnerungs und Trauerarbeit verstanden wird (s. insbesondere zahlreiche Beiträge der Zeitschrift History and Memory). Die Geschichtsschreibung bringt den Traditionsbruch nicht hervor; im Gegenteil: sie erwächst aus der traumatischen Erfahrung solchen Bruchs und versucht ihn durch die Rekonstruktion von Zusammenhängen zu überwinden. G. erscheint hier nicht als Gegensatz, aber doch als Gegenpol, auf einer Skala gleitender Übergänge, zu einer positivistischen, objektiven, wert- und identitätsneutralen Geschichtsforschung. Plädiert wird zugunsten einer Geschichtsschreibung, die beide Pole in produktive Beziehung setzt, indem sie das G. als Gegensteuerung zu den historisierenden und relativierenden Tendenzen der Historie, und die Historie wiederum als Korrektur der mythisierenden Tendenzen des G. einsetzt.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Theorie des "kulturellen G.", die eine Beziehung zwischen Vergangenheitsbezug und Identität konstatiert (Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen
, 1992). Der Gegensatz zwischen G. und Geschichtsforschung stellt sich im Rahmen dieser Theorie als Unterschied von "Funktions" und "Speicher"G. dar (Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, 1999). Die Theorie des kulturellen G. sucht die Unterscheidung zwischen Geschichte und G. zu überwinden, indem sie von der unaufgebbaren Perspektivität bzw. Identitätsbezogenheit jeder sinnproduzierenden Form von Vergangenheitsbezug ausgeht. Sinn, wie ihn Kulturen produzieren, um soziales Handeln in einem Horizont gemeinsamer Erfahrung und Erwartung zu fundieren - und zwar nicht nur "subjektiv gemeinter" (Max Weber), sondern v.a. kollektiv verbindlicher Sinn - wird typischerweise aus der gemeinsamen Geschichte, bes. aus kollektiven Leiderfahrungen gewonnen (Jan Assmann, Ägypten. Eine Sinngeschichte, 1996; Klaus E. Müller / Jörn Rüsen, Hrsg., Historische Sinnbildung, 1997).
Jan Assmann

Jacques Le Goff: Erinnerung. In: Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M. / New York 1992. S.87-136.
Aleida Assmann / Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit/Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999.
Paul Ricoeur: La mémoire, l'histoire, l'oubli. Paris 2000.
Etienne Francois / Hagen Schulze: Deutsche Erinnerungsorte. München 2001ff.
Harald Welzer (Hrsg.): Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001.

2005 Philipp Reclam jun. Verlag Gmbh & Co., Stuttgart

Pressestimmen

Dass Geschichte mehr ist als das Abspulen von nackten Daten, liegt auf der Hand. Erst wer mit Kategorien wie Dekadenz, Epoche, Evolution, Mythos, Diskurs oder Strukturgeschichte, mit Krise, Positivismus oder Zukunft hantiert, kann nicht nur mitreden, sondern einfach besser verstehen. Hundert Grundbegriffe von A bis Z stellt das Lexikon Geschichtswissenschaft vor, namhafte Wissenschaftler hat der Herausgeber Stefan Jordan gefunden für sein praktisches Handbuch. Eine Fundgrube für den interessierten Laien.
Heilbronner Stimme

Das Werk ist ein nützliches Nachschlagewerk für angehende Historiker und ist verdächtig, bald zur geschichtswissenschaftlichen Standardliteratur zu gehören.
Buchhändler heute

Was ist eigentlich Chronologie? Was bedeutet Individualität, was historische Objektivität? Die 100 wichtigsten Begriffe der Geschichtswissenschaft erklärt ein kleines Lexikon in kurzen, fundierten und leicht verständlich geschriebenen Aufsätzen, die von renommierten Geschichtswissenschaftlern in Deutschland verfasst wurden. Ausgewählte Literatur zu allen Artikeln, eine weiterführende Studienbibliografie für Studenten und Schüler und ausführliche Personen- und Sachregister runden das Informationsangebot in Taschenbuchform ab.
Freies Wort, Suhl

Anders als die Naturwissenschaften hat sie [die Geschichtswissenschaft] keine formalisierte Fachsprache, mit Vorliebe wildert sie in Nachbars Garten. Doch bei aller Gesetzlosigkeit - mit der Zeit hat auch die Historie "Grundbegriffe" ausgebildet, deren hundert "wichtigste" nun ein kleines Lexikon vorstellt. Die "hundert Grundbegriffe" sind durchgehend klar und verständlich beschrieben; die illustre Liste der Beiträger spannt sich von Jan Assmann bis zu Hayden White.
Süddeutsche Zeitung

Wer sich schnell über den gegenwärtigen Stand der Fachdiskussion informieren will, ist mit diesem kleinformatigen Lexikon gut bedient.
Geschichte betrifft uns


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