Zwischen den Regalen des Möglichen
Es gibt Bücher, die nimmt man etliche Mal in der Buchhandlung in die Hand und legt sie wieder weg, weil man unsicher ist, ob Themen wie Depressionen und Suizidgedanken ein Thema sind, über das man lesen möchte. Matt Haigs "Die Mitternachtsbibliothek" war für mich ein solches Buch ¿ eines jener Cover, die einen über Jahre hinweg im Vorübergehen mustern, halb einladend, halb mahnend. Letztlich habe ich den Roman nach Jahren dann doch gelesen und war begeistert. Und im Nachhinein wundere ich mich über mein langes Zögern, denn was mich beim Verweilen vor dem Regal abgeschreckt hatte, erwies sich als das genaue Gegenteil dessen, was ich gefürchtet hatte.Die Prämisse ist von beinahe märchenhafter Klarheit. Nora Seed, eine junge Frau, die das Gefühl hat, in jeder denkbaren Hinsicht gescheitert zu sein, gelangt an einen Ort zwischen Leben und Tod: eine Bibliothek, in der die Uhren stets auf Mitternacht stehen. Jedes Buch in ihren endlosen Regalen erzählt ein Leben, das sie hätte führen können ¿ wäre sie nur an dieser einen Weggabelung anders abgebogen, hätte sie jene Entscheidung nicht bereut, diesen Mut aufgebracht, jene Liebe nicht ziehen lassen. Sie darf hineintreten, probieren, verwerfen. Was wie eine bloße Spielerei mit dem Konjunktiv klingt, entfaltet sich rasch zu etwas Tieferem.Denn Haig tut etwas Kluges: Er widersteht der Versuchung, das ungelebte Leben zu romantisieren. Wer erwartet, dass Nora in den alternativen Versionen ihrer selbst endlich das Glück findet, das ihr verwehrt blieb, wird angenehm enttäuscht. Jedes dieser anderen Leben hat seine eigenen Risse, seine eigenen Kompromisse, seinen eigenen stillen Kummer. Und genau hier liegt die eigentliche List des Romans ¿ er hilft, Entscheidungen, die man bereut, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Nicht, indem er das Bedauern wegredet, sondern indem er ihm den Stachel zieht: Reue setzt voraus, zu wissen, wie es gekommen wäre. Und das, so lernt Nora, weiß niemand.Was diesen Roman trägt, ist nicht seine Schwere, sondern seine Leichtigkeit. Er ist ein kluges, ein unterhaltsames Buch, das Spaß macht und viel Positives über das Leben, das man tatsächlich lebt, transportiert. Haig schreibt mit einer beinahe entwaffnenden Wärme, mit einem Humor, der nie zynisch wird, und mit einem Tempo, das einen durch die Seiten zieht, als blättere man selbst durch die Bände der Mitternachtsbibliothek. Die philosophischen Anleihen ¿ ein Hauch Thoreau, eine Prise Quantentheorie als poetische Metapher ¿ trägt er federleicht, ohne den belehrenden Zeigefinger, der ähnlichen Stoffen so oft die Luft nimmt.Und ja, der Roman spricht von Depression und davon, das Leben nicht mehr ertragen zu wollen. Aber er tut es so, wie man mit jemandem spricht, den man nicht verlieren möchte: ehrlich, ohne Beschönigung, aber stets mit dem Licht am Ende des Ganges fest im Blick. Das Buch verharrt nicht im Dunkel, es durchschreitet es. Wer also, wie ich, jahrelang gezögert hat, dem sei gesagt: Die Furcht vor dem Thema ist größer als das Thema selbst. Was bleibt, ist nicht die Schwermut, sondern eine fast trotzige Zuversicht ¿ die Erkenntnis, dass das einzige Leben, das uns wirklich gehört, jenes ist, das wir gerade führen, mit all seinen unvollkommenen, unwiderruflichen, kostbaren Entscheidungen.Ein Buch, das man am Ende dankbar zuklappt. Und das man, anders als so manches andere, kein zweites Mal im Regal stehen lässt.