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Die fremde Braut

Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. 'Goldmanns Taschenbücher'. Empfohlen Ab 16…
Taschenbuch
Necla Kelek, Türkin mit deutschem Pass, deckt die Ursachen dieses Skandals auf. Sie ist in die Moscheen gegangen und hat mit den 'Importbräuten' gesprochen, sie forscht den Traditionen nach und zeigt, wie sich die Parallelgesellschaft verfestigt, an … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Die fremde Braut
Autor/en: Necla Kelek

ISBN: 3442153867
EAN: 9783442153862
Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland.
'Goldmanns Taschenbücher'.
Empfohlen Ab 16 Jahre.
Goldmann TB

18. Juli 2006 - kartoniert - 288 Seiten

Beschreibung

Zwangsheirat ist kein Randphänomen: Jede zweite Türkin in Deutschland gibt an, ihre Eltern hätten den Ehepartner für sie ausgesucht, jede vierte kannte ihren Mann vor der Hochzeit nicht.

Jedes Jahr werden Tausende junger Türkinnen durch arrangierte Ehen nach Deutschland gebracht. Necla Kelek hat, auf eigene Erfahrungen gestützt, mit den "Importbräuten" gesprochen und konfrontiert uns mit Verstößen gegen die Grund rechte türkischer Bürgerinnen, die mitten unter uns leben. Die Soziologin deckt die Ursachen dieses Skandals auf und erzählt zugleich von ihrem eigenen Weg in die Freiheit.




Portrait

Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren und lebt heute in Berlin. Sie hat Volkswirtschaftslehre und Soziologie studiert und wurde in Greifswald zum Dr. phil. promoviert. Ihre Bücher "Die fremde Braut", "Die verlorenen Söhne" und "Bittersüße Heimat" sind Bestseller und haben die Diskussion um Integration und den Islam in Deutschland nachhaltig geprägt. Necla Kelek wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Geschwister-Scholl-Preis 2005, dem Hildegard-von-Bingen-Preis und zuletzt mit dem Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Leseprobe

Zeynep ist 28 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und lebt seit zwölf Jahren in Hamburg. Sie versorgt den Haushalt ihrer Großfamilie und spricht kein Wort Deutsch. Die Wohnung verlässt sie nur zum Koranunterricht. Sie ist Import-Gelin, eine Importbraut, eine moderne Sklavin. Tausende junger türkischer Frauen werden jedes Jahr durch arrangierte Ehen nach Deutschland gebracht. Die demokratischen Grundrechte gelten für sie nicht, und niemand interessiert sich für ihr Schicksal. Die türkisch-muslimische Gemeinde redet von kulturellen Traditionen, beruft sich auf Glaubensfreiheit und grenzt sich von der deutschen Gesellschaft ab. Verständnis dafür findet sie bei den liberalen Deutschen, die eher bereit sind, ihre Verfassung zu ignorieren, als sich den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit machen zu lassen. Necla Kelek, Türkin mit deutschem Pass, deckt die Ursachen dieses Skandals auf. Sie ist in die Moscheen gegangen und hat mit den Importbräuten gesprochen, sie forscht den Traditionen nach und zeigt, wie sich die Parallelgesellschaft verfestigt, an der die Bemühungen um Integration immer wieder scheitern. Sie erzählt von ihrem Urgroßvater, einem Tscherkessen, der mit dem Verkauf von Sklavinnen an den Harem des Sultans zu Reichtum kam. Ihr Großvater raubte als Partisan seine junge Frau, der Vater kaufte seine Frau für zwei Ochsen und wurde als einer der ersten Türken Gastarbeiter in Deutschland. Und sie erzählt von ihrem eigenen Weg in die Freiheit.


Vorwort

Einige Wochen nach Erscheinen meines Buches, am 7. Februar 2005, wurde die 23-jährige Kurdin Hatun Sürücü ermordet. Ihre drei Brüder wurden kurz darauf verhaftet und angeklagt, die Tat gemeinsam begangen zu haben. Der Verdacht der Polizei: Die Schwester musste sterben, weil die mutmaßlichen Täter meinten, sie habe durch ihre Lebensweise die Ehre der Familie beschmutzt. Der älteste Bruder soll die Waffe besorgt, der zweite Schmiere gestanden und der Jüngste der Schwester in den Kopf geschossen hab
en. Es war der fünfte so genannte Ehrenmord in Berlin in Jahresfrist.
Hatun war in Berlin geboren und von ihren Eltern als 16-Jährige mit einem Cousin in Istanbul zwangsverheiratet worden. Sie bekam einen Sohn, konnte sich aber von ihrem gewalttätigen Mann lösen und nach Berlin zurückkehren. Sie kam zuerst in einem Wohnheim unter und begann eine Lehre. Später hatte sie ihre eigene Wohnung, vor der sie dann ermordet wurde.
Ich habe den Prozess beobachtet. Die Anwälte der Brüder hatten sich eine feine Strategie ausgedacht. Sie präsentierten zu Prozessbeginn den jüngsten Bruder Ayhan als Einzeltäter. Als Jugendlicher kann er für den Mord nur mit maximal zehn Jahren und nicht mit Lebenslänglich bestraft werden. Er bedauere, seiner Familie Unglück bereitet zu haben, sagte er, und bereue die Tat. Sein Geständnis und die Einlassungen der beiden anderen Angeklagten wurden nicht von ihnen selbst, sondern von ihren Verteidigern verlesen, die dem Gericht mitteilten, dass die Angeklagten lieber schweigen wollen. Und das ist auch während des
ganzen Prozesses so geblieben. Kein Familienangehöriger hat ausgesagt, weder die Angeklagten noch die Eltern, noch die Schwestern und Schwägerinnen. Niemand fand sich bereit, auch nur ein Wort zu Hatuns Verteidigung zu sagen. Zur Strategie der Verteidiger gehörte es ferner, die Aussagen der Kronzeugin der Anklage, der ehemaligen Freundin von Ayhan, zu widerlegen. Sie setzten alles dran, die 18-Jährige unglaubwürdig erscheinen zu lassen, ihr gar eine Mitschuld zu unterstellen. Stundenlang versuchten sie, die junge Frau in Widersprüche zu verwickeln. Unter dem Gejohle der Angeklagten wurde sie gefragt, warum sie denn auf einmal Angst habe vor Ayhan, der sie doch heiraten wolle, ob ihr die Antworten, die sie jetzt gebe, in der Therapie beigebracht worden seien.
Der Täter soll gesagt haben, er könne seit dem Mord wieder ruhig schlafen, weil er seinen Vater nicht enttäuscht habe. Im Sinne der Familientraditionen und mit Hilfe
des Korans hatte Ayhan nicht seine Schwester ermordet, sondern ein Problem gelöst. Die Söhne sind in diesen Kreisen der dem Kollektivgedanken des Clans verhafteten Menschen die Ordnungsmacht der Familien. Sie dürfen den Vater nicht enttäuschen, sie haben versagt, wenn die Schwester oder Frau nicht gehorcht. Der Jüngste hat mit der Beseitigung der Schwester die Schande von der Familie genommen.
Arzu, Hatuns Schwester, trat als Nebenklägerin in diesem Prozess auf - ein Kuriosum, das offenbar dem Zweck diente, ständig vollständige Akteneinsicht zu haben, um den Brüdern hilfreich zur Seite zu stehen. Arzu ging es nicht darum, ihrer Schwester Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Meine Schwester ist im Paradies. Ihr geht es gut, sagte sie lächelnd unter dem stramm gebundenen Kopftuch. Es ging ihr auch nicht um die Rechte des kleinen fünfjährigen Sohnes von Hatun, dem die Mutter genommen wurde. Arzu verteidigte - und auch das gehört zur archaischen Tradition - die Männer der Familie.
Hatun wurde zwangsverheiratet, geschlagen, eingesperrt und zum Schluss ermordet. Alles unter Berufung auf die Tradition und den Koran. Hatun wollte leben wie eine Deutsche. Das wurde ihr zum Verhängnis. Die Schüsse in ihren Kopf galten unserer Gesellschaft.
In diesem Buch berichte ich aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, über Zwangsheirat und arrangierte Ehen, ich erzähle von Frauen, denen ihre Familien die elementarsten Rechte verweigern. Der Mord an Hatun Sürücü ist die extremste Form der Verachtung, die diesen Frauen entgegengebracht wird. Wovon ich berichte, gehört dagegen eher zum Alltag vieler türkischer Frauen.
Trotzdem hat das Buch seit seinem Erscheinen eine heftige öffentliche Diskussion ausgelöst, wohl weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der türkischen Gemeinschaft verstößt - es macht das Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in Deutschland ein modernes Sklavendasein führen.
Das Buch hat mein Leben verändert. Für die
einen bin ich seitdem diejenige, die endlich die Dinge beim Namen nennt; für andere bin ich eine Kronzeugin jener Ewiggestrigen, die immer schon etwas gegen Ausländer und besonders gegen Muslime hatten. In türkischen Medien galt ich nach Erscheinen des Buches als Nestbeschmutzerin, als eine, die uns schlecht macht.
Ich war nicht die einzige Persona non grata - ein ähnliches Urteil traf die in Berlin praktizierende Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates sowie Serap Cileli, die sich mit einem Bericht über ihre Zwangsheirat ebenfalls engagiert für Frauenrechte eingesetzt hatten. Wochenlang waren wir drei Gegenstand einer bösartigen Medienkampagne von türkischer Seite. Ein türkischer Reporter machte sich auf die Suche nach den Frauen, von deren Schicksal ich in diesem Buch erzähle. Deren Identität hatte ich aus gutem Grund verändert. Aber in Moscheekreisen hatte sich herumgesprochen, in welchen Gemeinden ich die Frauen
getroffen und mit ihnen gesprochen hatte. Die Frauen hatten danach keine Angst vor der Öffentlichkeit, sondern vor ihren Männern, berichtete mir der Hodscha jener Moschee, die die meisten dieser Frauen besuchten. Er wurde inzwischen ebenso in eine andere Gemeinde versetzt wie die Frau Hodscha, die die Frauenarbeit in der Moschee organisiert hatte. Obwohl zum Freitagsgebet immer zwei- bis dreihundert Männer gekommen waren, wurde die Moschee inzwischen mangels Bedarfs geschlossen; der Vereinsvorsitzende, der mir die Vorstellung meines Buches in den Räumen des Kulturvereins der Moschee ermöglicht und sich dabei über die Weisung des Religionsattachés des türkischen Konsulats hinweggesetzt hatte, wurde - offiziell natürlich aus anderen Gründen - abgesetzt.
Aber ich habe auch viel Zustimmung erhalten. Ich bekomme Briefe von Frauen, die mir von ihrer Zwangsverheiratung erzählen; Strafgefangene, die mit dem hiesigen Gesetz in Konflikt geraten sind, bitten um Rat; Lehrerinnen flehen mich an, eine ihrer Schülerinnen vor der frühen Verheiratung zu
bewahren; aber es sind auch viele hoffnungsfrohe Briefe in meiner Post von Frauen und Männern, die Mut gefasst haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Und selbst die türkische Zeitung, die sich anfangs so vehement gegen mein Buch gewehrt hatte, initiierte einige Monate später eine Kampagne gegen Gewalt in der Familie und befragt seit Monaten täglich auf ganzen Seiten beruflich erfolgreiche Türkinnen zu den Themen Gewalt und Selbstbestimmung. Es tut sich etwas.
Auch die deutsche Politik hat sich des Themas angenommen. Die große Koalition hat gesetzliche Maßnahmen gegen Zwangsheirat angekündigt, unter anderem soll das Zuzugsalter bei Familienzusammenführungen auf 21 Jahre erhöht werden - ein erster richtiger Schritt in Richtung einer anderen Integrationspolitik, die die Integration fördert, aber von den Migranten auch fordert, sich zu diesem Land, seinen Gesetzen und Werten zu bekennen. Und eben das hat auch Gegner auf den Plan gerufen.
Im Februar 2006 kritisierten 60 Migrationsforscher, ich hätte Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt, nur um mir unverdiente Aufmerksamkeit zu erschleichen. Würden sie Schulen, Beratungsstellen, Frauenärzte oder Moscheen besuchen und das Gespräch mit den Frauen suchen, würden sie erfahren, dass es in diesem Land verbreitet Zwangsheirat, Gewalt in der Ehe, Vergewaltigungen und sogar die Mehr-Ehe gibt; dass es kurdische Familienväter gibt, die ihre minderjährigen Nichten nach Deutschland holen, sie als ihre Töchter ausgeben - dabei Kindergeld beziehen - und mit ihnen in Polygamie leben. Ich empfehle darüber hinaus die Lektüre der Studie des Frauenberatungszentrums SELIS vom Stadtrat von Batman in Ost-Anatolien von Ende Januar 2006. Diese Studie berichtet, dass 62 Prozent der Frauen von ihren Familien verheiratet wurden, ohne vorher nach ihrer eigenen Meinung gefragt worden zu sein. Einzelfälle?
1991 hat der Ethnologe Werner Schiffauer seine Studie Die Migranten aus Subay veröffentlicht - ein Meilenstein der
Migrationsforschung. Anhand von acht Menschen, deren Schicksal er auf ihrem Weg von Anatolien bis nach Deutschland verfolgte, zog Schiffauer seine Schlüsse über die Türken in Deutschland. Er ging damals davon aus, dass der Weg der Einwanderer in die Moderne unaufhaltsam mit einer Ablösung von ihrer Herkunftskultur und ihrer Neuorientierung an den Werten der westlichen Gesellschaft verbunden sei. Die politisch Aufgeschlossenen der Bundesrepublik sind nur zu gern dieser Theorie gefolgt, sie schien das Versprechen zu beinhalten, die Integration der Türken und Muslime erledige sich gleichsam von selbst. Die Wirklichkeit hat diese Theorie inzwischen widerlegt.
Auch ich habe noch in meiner 2002 erschienenen Dissertation über Islam im Alltag ähnlich wie Schiffauer gedacht und die Macht des islamischen Weltbildes sträflich unterschätzt. Aber ich habe in den letzten zehn Jahren genau hingesehen und die Veränderungen registriert, die seitdem zu beobachten sind. Als ich 1995 in Berlin Kopftuch tragende junge Türkinnen interviewen wollte, musste ich selbst in Berlin-Kreuzberg lange suchen, um überhaupt die eine oder andere Verschleierte anzutreffen. Geht man heute zum Kottbusser Tor in Kreuzberg, findet man kaum noch eine muslimische Frau ohne Kopftuch.
Auch die 60 Migrationsforscher hätten solche Veränderungen registrieren können. Gerade sie hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe - oder auch andere. Für sie stand allerdings nie die Frage der Integration im Zentrum ihres Interesses - die erledigte sich ja angeblich von selbst -, sondern eher die Frage, wie man die Herkunftsidentität der Migranten bewahren und schützen kann. Deren eigene Kultur wurde immer wieder als Rechtfertigung bemüht, wenn es um Praktiken ging, die frauenfeindlich und menschenrechtsverletzend sind, etwa dass die Söhne muslimischer Migranten auf eine starre Kultur der Ehre verpflichtet oder die Töchter in die Türkei an einen Ehemann verkauft werden. Die 60 Migrationsforscher hätten
in den vergangenen Jahrzehnten die Mittel und den Apparat gehabt, die Probleme von Zwangsheirat, arrangierten Ehen und Ehrenmorden zu untersuchen und damit einen Beitrag zur Integrationspolitik zu leisten. Das haben sie nicht getan. Sie gefielen sich in der Rolle vermeintlicher Fürsprecher der Muslime, deren Probleme aber haben sie nicht sehen wollen. Damit haben sie ein Tabu akzeptiert, die Verletzung von Menschenrechten und das Leid anderer zugelassen.
Bei den Recherchen zu diesem Buch habe ich mir auch angesehen, wie die Nachbarländer Deutschlands mit der Integration muslimischer Bürger umgehen. Die Politik der Niederlande scheint mir - neben der der skandinavischen Länder - mit ihrem eindeutigen Bekenntnis zu den Errungenschaften der Demokratie und mit ihrer liberalen, aber durch Prinzipien geprägten Praxis in vielem weiter zu sein als die deutsche Politik.
Die Niederländer haben aus dem Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh gelernt. Auch für mich war mit diesem Verbrechen jede Hoffnung zerstört, dass es zwischen dem gelebten Islam und einer zivilen Gesellschaft auf absehbare Zeit einen konstruktiven Dialog geben kann. Da helfen auch die Vorhaltungen einiger Muslime und Islamversteher nicht weiter, die nach Erscheinen meines Buches in Deutschland immer wieder behaupteten, dass das, was ich über den Islam schreibe, nichts mit dem Islam zu tun habe. Ich würde Falsches über den Propheten und über die türkischen Muslime verbreiten. Nur hat mir bisher keiner der Religionswächter oder Türkenretter nachweisen können, wie denn der echte oder wahre Islam im Gegensatz zu meinem Bild beschaffen sei. Dabei gibt es in der Tat gravierende Unterschiede zwischen uns: Für die selbsterklärten Hüter der Religion ist der Koran heilig, er kommt direkt von Allah und gilt Wort für Wort. Aber wer sich weigert, den Koran als historisches Dokument zu sehen, wer sich weigert, den Propheten als einen Mann aus der Mitte des 7. Jahrhunderts zu erkennen, der unter bes
timmten Umständen und Verhältnissen gelebt hat, die auf das Hier und Heute nicht übertragbar sind, der plädiert auch für die Scharia und eine Welt, in der Frauen nicht die gleichen Rechte wie die Männer haben. Wer nicht nur den Koran, sondern auch den Propheten und die Überlieferungen, also praktisch die gesamte religiöse Praxis für heilig hält und Kritik daran als Blasphemie ächtet, verweigert sich jeder Veränderung. Er proklamiert ein Weltbild, das seine Ideale aus dem tiefsten Mittelalter schöpft. Und es gibt Menschen, die wollen einem solchen Weltbild mitten im Europa des
21. Jahrhunderts nacheifern. Immer, wenn dem Islam vorgeworfen wird, er würde die Menschenrechte nicht achten, wird von den Islamvertretern gesagt, das habt ihr falsch verstanden. Dabei spricht die gelebte Realität des Islam eine allzu deutliche Sprache.
Der Schriftsteller Salman Rushdie, einst von dem Ayatollah Chomeini mit dem Todesurteil einer Fatwa überzogen, hat das Dilemma dieser Position auf den Punkt gebracht. Er schreibt, die Diskussion über den Islam erinnert mich ein bisschen an das, was die Sozialisten während der schlimmsten Exzesse in der Sowjetunion behauptet haben. Das ist nicht wirklich Sozialismus, sagten sie. Es gibt einen wahren Sozialismus, in dem es um Freiheit, soziale Gerechtigkeit und so weiter geht, aber das tyrannische Regime dort drüben, der real existierende Sozialismus hat nichts mit dem wirklichen Marxismus zu tun. (-) Ich glaube, man fängt an, diese Trennung auch in der Debatte über den Islam zu machen. Es gibt aber einen aktuellen existierenden Islam, der überhaupt nicht liebenswert ist. Und dieser Islam existiert nicht nur im Iran, in der Türkei oder in Marokko, sondern vor unserer Haustür.
Bevor dieses Buch in Deutschland erschien, gab es immer wieder den einen oder anderen Bericht über Zwangsheirat und kulturell bedingte Morde, eine offene und kritische Diskussion über die Praxis der archaischen, islamisch fundierten Leitkultur aber fand nicht
statt. Inzwischen sind fast ein Dutzend Bücher von Frauen erschienen, die über ihr Leid berichten, werden Ehrenmorde und Gewalt gegen Frauen von der Presse aufmerksam registriert. Bei den Vertretern der Muslime selbst scheinen die Verbrechen keine Fragen auszulösen. Mit Terror, Ehrenmorden und Zwangsheirat, so geben sie in Presseerklärungen bekannt, haben sie nichts zu tun. Ihre Sorge gilt nicht den Entstehungsursachen solcher Verbrechen, sondern nur der Frage, welches Bild von den Muslimen in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht, wenn über diese Verbrechen berichtet wird.
Eine Diskussion innerhalb oder mit der muslimischen Community über Demokratie, Menschenrechte und Individualismus wird bisher sträflich vernachlässigt. Gern erklären die Muslimvereine den Ungläubigen den Islam. Sie wollen verstanden werden. Eine theologische Auseinandersetzung innerhalb des Islams und über den Islam, sein Menschen- und Weltbild - so wie es das im Judentum und im Christentum immer wieder gegeben hat - findet innerhalb der muslimischen Gemeinschaft nicht statt. Es wird sorgfältig darauf geachtet, dass nichts aus der Umma, der Gemeinschaft der Muslime, nach außen dringt. Aber auch die westlichen Intellektuellen haben auf diesem Feld einen großen Nachholbedarf.
Ich habe lange in Hamburg gewohnt, und die schönsten Spaziergänge kann man in Norddeutschland auf den Deichen machen. In einem der Gasthäuser im Alten Land, einem von Holländern erschlossenen Obstanbaugebiet nördlich der Stadt, habe ich den Spruch gelesen Wer nich will dieken, de muss wieken - wer nicht deichen will, muss weichen. Deichbau ist Bürgerpflicht, denn wer sein Haus nicht schützt, den holt die Flut. Für Niederländer und Norddeutsche ist die Erkenntnis, dass man wehrhaft die eigenen Errungenschaften verteidigen muss, sicher eine Binsenweisheit, aber ich, ein Mädchen aus Istanbul, musste das erst lernen. Mir scheint das ein passendes Bild für die Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte in Europa z
u sein. Wir verteidigen damit unser Leben gegen den Tod.
Ayaan Hirsi Ali, Theo van Gogh und Leon de Winter sind für mich Deichgrafen der Aufklärung. Leon de Winter hat Recht, wenn er den Islamismus als den Faschismus des 21. Jahrhundert charakterisiert, und Ayaan Hirsi Ali hat Recht, wenn sie Mut und Konsequenz von uns Demokraten einfordert und sich gegen die Kulturrelativisten wendet. Ich bewundere sie für das, was sie geschrieben hat und wofür sie einsteht.

Pressestimmen

»Keleks Buch hat eine wichtige Diskussion angestoßen.«

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