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Ein Hartmut-und-ich-Roman. 'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'. 'Hartmut und Ich'.
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Sollen Katzen Playstation spielen? Dürfen Malocher die Fünf Tibeter üben? Kann man Akademiker erfolgreich dequalifizieren? Hartmut und ich wollen es wissen. Bochums tiefsinnigste Männer-WG macht Byzantinisten zu Bauarbeitern, Inge… weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Voll beschäftigt
Autor/en: Oliver Uschmann

ISBN: 3596171253
EAN: 9783596171255
Ein Hartmut-und-ich-Roman.
'Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe'. 'Hartmut und Ich'.
FISCHER Taschenbuch

1. Oktober 2006 - kartoniert - 320 Seiten

Beschreibung

Sollen Katzen Playstation spielen? Dürfen Malocher die Fünf Tibeter üben? Kann man Akademiker erfolgreich dequalifizieren? Hartmut und ich wollen es wissen. Bochums tiefsinnigste Männer-WG macht Byzantinisten zu Bauarbeitern, Ingenieure zu Instandsetzern und Skandinavistinnen zu Ikea-Sekretärinnen. Ganzheitlich. Mit Jobgarantie.
Der unglaubliche Roman einer unglaublichen Wir-AG. Mit Haustier.
"Nach dem Genuss dieses Buches bin ich kurz davor, ins Ruhrgebiet zu ziehen. Ich wusste bisher nicht, dass dort so weise Menschen leben." Bela B., Die Ärzte
"Der Weltverbesserer und sein Kumpel: ein geniales Duo!" WDR

Portrait

Oliver Uschmann wurde geboren, als seine Eltern es für angebracht hielten und wuchs in Wesel am Niederrhein auf. In Bochum studierte er Literatur und in Berlin das Leben. Mit seiner Frau Sylvia Witt veröffentlicht er Jugendromane, Erwachsenenromane sowie lustige und ernste Sachbücher. Ihre bekannte Romanserie "Hartmut und ich" haben die beiden als "Hui-Welt" im Internet sowie 2010 als bewohnbare Ausstellung namens "Ab ins Buch!" aufgebaut. Auf der Videospielkonsole stellt sich Oliver Uschmann regelmäßig den schwersten Gegnern. Zu seinen Hobbies außerhalb des Hauses gehören das Barfußlaufen und das Guerilla-Gärtnern. Außerdem begrüßt er jedes natürliche Gewässer, indem er vollständig seinen Schädel hineinsteckt. Uschmann lebt mit seiner Frau sowie zwei Katern auf einem Dorf im Münsterland.
Literaturpreise:
Förderpreis NRW 2008

Leseprobe

BEWERBUNGEN



Ich stehe bei den Veteranen vor der Theke und warte auf meine Pommes Spezial. Das Fett brutzelt, die Luft ist schwül. Es ist nicht gesund, wenn man in einem schiefen, schlecht sitzenden Haus gegenüber der besten Pommesbude Bochums wohnt. Aber es macht glücklich. Neben Tür und Zigarettenautomat steht ein kleiner Pulk von Menschen. Der Mann direkt neben mir, der mit seiner Bestellung dran wäre, blättert in einem Buch über Hegel. "Was wollen???", bellt ihn der kleine Jugoslawe mit dem Stiernacken an, und der Mann zuckt zusammen und steckt das Bändchen in die Tasche seines Jacketts. "Ich suche Arbeit", sagt er und wird ein wenig rot. "Arbeit?" fragt der kleine Jugoslawe, und sein Kollege an der Wurst dreht sich um. Er hat noch weniger Haare im Nacken. "Ja, Arbeit", sagt der Mann wie ein Kadett vor dem Brigadegeneral. "Kellnern, Kochen, was Sie wollen."

"Nix Arbeit, nur Pommes! Nächster!", sagt der Jugoslawe. Männer, die den Krieg gesehen haben, sind erfrischend direkt. "Noch jemand lieber Arbeit als Pommes?", lacht der Veteran und macht große Augen, als auch die restlichen Kunden die Bude verlassen. Sein Kollege reicht ihm die Pommesschalen, die ich bestellt habe. Er wickelt sie in das graue Papier ein und macht ein nachdenkliches Gesicht.

Ich lasse mir Zeit, während ich die Straße überquere und betrachte unser Haus, wie es in seiner ganzen Pracht in der Frühlingsluft steht.

Die Fassade ist immer noch schmutzig, und von außen bleibt es tapfer der Schandfleck des Viertels, aber von innen hat sich viel getan. Ich kaufe jetzt Pommes für drei.



Susanne sitzt auf der Couch und hat den Fernseher eingeschaltet. Sie hat Motoröl an den Armen. Yannick hockt auf der Fensterbank, lässt ein Pfötchen herunterhängen und schaut in den Abend, das Köpfchen und die Ohren unmerklich bewegend, als verfolge er mit dem Blick eine Ameise zwischen den Pflasterritzen. Ich stelle die Tüte ab, und wir entfalten die sti
nkende Wonne. Susanne hat bis eben Motorräder repariert, ich habe noch blaue Flecken von den Paketen, die mir mein Kollege Martin heute vor die Brust geworfen hat. Er hat einfach zu viel Kraft. Einmal schleuderte mich eine Sendung quer durch den Anhänger. "Wo ist Hartmut?", frage ich.

"Onlineberatung", sagt sie und nickt essend mit dem Kopf Richtung Westflügel, wo sie sich den Lagerraum neben Hartmuts Zimmer zu einem vollwertigen Appartement ausgebaut hat. Man erkennt ihn nicht wieder. Es ist, als betrete man ein anderes Haus. Auch die Scheune hat sie umgebaut. Eine riesige Werkbank unter den hohen, hellen Scheiben, einen alten amerikanischen Kühlschrank und Poster von männlichen Pin-ups. Rechts hat sie alte Couchen positioniert. Die Tischtennisplatte steht im hinteren Teil des Komplexes. Sie hat ihn neu ausgeleuchtet und zu einem kleinen Partyraum mit Bar und Theke ausgebaut. Selbst die Videosammlung ist größer geworden, seit sie eingezogen ist. Sie hat bei einem Importversand sämtliche Staffeln von Mac Gyver im Original bekommen. Wir essen unsere Pommes und zappen hin und her. Wir sehen von Laien gespielte Privatdetektive, von Laien gespielte Richter, von Laien gespielte Polizisten und von Laien gespielte Ärzte. Bei zwei Berufspolitikern bleiben wir hängen, weil sie besser spielen können. Die Moderatorin hat eine schwarze Kurzhaarfrisur, die vorne weiß gefärbt ist. Der eine Politiker sagt: "Es muss doch in der Freiheit der Unternehmer liegen, wen sie auf welche Weise einstellen wollen!"

Der andere rollt mit den Augen. Dann geht das Licht aus.

"Mann, Mann, Mann!!!", brüllt Hartmut, während seine Schritte sich durch großes Bad, Flur und Küche in unsere Richtung bewegen. Seine Silhouette steht einen Moment schwarz im Perlenschnurvorhang zum Wohnzimmer, bis er sich mit einer Taschenlampe wie damals im Zeltlager von unten das Gesicht beleuchtet.

"Die Leute wollen keine Seelsorge mehr", sagt er. Susanne und ich sehen ihn aus dem D
unkel heraus an. Eine Pommes mit Zwiebel- und Majomatsch fällt in den Flokati. Seit vielen Monaten nimmt Hartmuts Online-Lebensberatung den ersten Platz in seinem Leben ein. Sein Studium der Philosophie hat er in Rekordzeit vorangetrieben und Scheine gesammelt wie andere Postkarten. Allein Nietzsche, Gadamer und Derrida wurden vollständig auf dem Klo gelesen. Jetzt fehlt ihm nur noch die Magisterarbeit. Aber die muss warten. Auf eine gute Idee. Und auf eine Pause seines "eigentlichen" Jobs.

Hartmut atmet. "Wo sind sie hin, die inneren Konflikte? Die Sinnfragen? Die Selbstsabotagen? Die seelischen Qualen? Nix mehr. Wisst ihr, was die Leute nur noch von mir wollen?"

"Arbeit!", sage ich schmatzend, eher so aus Spaß, weil ich an den Jugoslawen denken muss.

Hartmut wackelt mit dem Lichtkegel. "Ja, genau!", sagt er. "Sie wollen wissen, wie sie endlich an einen Job kommen. Ich mach hier nur noch Bewerbungsberatung."

"Hartmut, Schatz. Warum haben wir keinen Strom mehr?", fragt Susanne.

"Wegen Bernd", sagt Hartmut.

"Wegen Bernd ..."

"Bernd wohnt fast schon bei Vorstellungsgesprächen, aber er kriegt keinen Job", sagt Hartmut.

"Aha."

"Wahrscheinlich liegt es an seiner Gestik. Er fummelt ständig an seinem linken Finger herum. Und wenn er nicht fummelt, nuschelt er."

"Und darum haben wir keinen Strom?"

Mir fällt wieder eine Pommes herunter, ich will sie fangen, dann spüre ich eine Ecke der Schale an meinem Finger und höre ein leises Platschen. Die ganze Pommes Spezial liegt nun im Flokati, mit dem Matsch nach unten.

"Bernd schickt mir Videos von sich per Mail. Dann schicke ich ihm ein Video, wie man richtig sitzen soll. Dann schickt er mir wieder ein Video, wo er besser sitzt, aber fummelt. Ich schreibe dann "du fummelst", und er schickt mir ein neues. Bei 14 Gigabyte ist der Strom ausgefallen."

Susanne und ich betrachten, wie der Lichtkegel Hartmuts Gesich
t rund ins Dunkel klebt. Das Licht verfängt sich in seinen Koteletten. Wir wissen nicht so recht, wer es ihm zuerst sagen soll. Dann sagt es Susanne: "Hartmut, mein Engel. Man kann Menschen auch treffen. So live."

Der Lichtkegel verschwindet und wo Hartmuts Kopf war, bleibt noch kurz ein gelber, runder Fleck vor den Augen. Der Fleck sagt: "Aber ich mache doch Onlineberatung."

"Die Zeiten ändern sich", sagt Susanne.

"Man muss flexibel sein!", sage ich. Dann merke ich, dass ich mit meiner Socke die Pommes Spezial tiefer in den Flokati drücke.



Zwei Tage später sitzt Bernd in unserer Küche und übt mit Hartmut Vorstellungsgespräche. Hartmut hat den Esstisch seitlich zur Wand gezogen und Telefon, Büroablagen und ein paar Playstationmagazine daraufgelegt, die Firmenkataloge darstellen sollen. Hartmut spielt den Chef. Vor ihm liegen Bernds Bewerbungsunterlagen, zwei prall gefüllte Clipmappen, dick wie Telefonbücher. Er zieht an dem Clip, und die Mappe spuckt die Blätter wie einen Erdrutsch auf seinen Tisch. Bernd kräuselt seine Augenbrauen und fummelt an seinem linken Zeigefinger. "Das muss ich erst mal ordnen", sagt Hartmut und beginnt, die Zettel auf Tisch und Fensterbank auszubreiten. Dann auf der Arbeitsplatte neben der Spüle. Dem Board mit der Sandwichmaschine. Dann holt er Tesafilm und klebt sie an Wand und Möbel. Nach 30 Minuten sieht unsere Küche aus wie die Zimmer von besessenen Stalkern oder Schizos in amerikanischen Psychothrillern, die ihre Wände mit flatternden Zeitungsausschnitten bepinnt haben. Hartmut läuft die Galerie ab. Zeugnisse, Empfehlungsschreiben, Bescheinigungen. Der Lebenslauf hängt an den gestapelten Mineralwasserkisten wie ein Vorhang. Wir trinken viel Mineralwasser.

"Du hast über Adorno promoviert?", fragt Hartmut. Bernd nickt und dreht an seinem Finger. Hartmut hebt kurz die Brauen. "Mal sehen. Schülervertretung, Fachschaftsrat, Vorsitzender der germanistischen Tutoriengruppe, Fakultäts
rat." Hartmut kneift die Augen zusammen: "Was ist ein Vertrauensjunge?"

"Das war im Kindergarten", sagt Bernd. "Das Amt hat nach mir keiner mehr bekleidet." Er senkt den Kopf. "Vor mir auch nicht."

Hartmut geht weiter.

"Du hast schon in Wirkendes Wort veröffentlicht?"

Bernd nickt. "Und in Sinn und Form, im Merkur, in den Weimarer Beiträgen." Hartmut unterbricht ihn und tippt auf die Blätter. "Noch bevor du deinen Magister hattest?"

"Ja."

Hartmut bläst Luft durch die Nase und geht zu den Zeugnissen, die sich von den Schränken über der Spüle bis zum Regal mit dem Radio ziehen. Yannick sitzt auf dem Brett und schaut kopfüber auf die Blätter. Hartmut liest vor: "Fortbildung in Projektmanagement. Fortbildung in Eventmanagement. Fortbildung in Change Management. Fortbildung in Key Account Management."

"Adorno reicht nicht", sagt Bernd.

Hartmut liest weiter, lupft Zettel, tippt mit einem Kuli auf dem Blätterwald herum.

"Du sprichst sieben Sprachen?"

Bernd nickt.

"Du hast ein Theater geleitet?"

Bernd nickt.

Hartmut bleibt an einem bunten Blatt stehen und vergewissert sich, dass er sieht, was er sieht: "Du hast die Werbekampagne für Mercedes gemacht?"

Bernd nickt. "Ja. Als Praktikant."

Hartmut steht im Blätterwald, Yannick holt aus und zerfetzt mit seiner Tatze zwei Fortbildungszeugnisse.

"Und dich will niemand einstellen?", fragt Hartmut noch mal. Bernd tippt auf eine Liste, die links und rechts über den Küchentisch hängt. Bewerbungen und Absagen. 729 Stück. Zu den meisten Firmen wird er nicht mal eingeladen. Hartmut zwirbelt an seinen Koteletten herum. "Das kann doch nicht nur an der Fingerfummelei liegen." Bernd nimmt hastig die Hand von seinem Finger.

Susanne kommt durch die Wohnungstür, wirft zwei Arbeitshandschuhe neben den Toaster und sieht sich flüchtig um. "Was ist das denn? Spielt ihr Fletchers Visio
nen? Wer ist Mel Gibson?" Hartmut sieht sie an und preist mit den Händen die aufgehängte Pracht. "Der Mann da ist unglaublich gut. Und er kriegt keinen Job!"

"Habt ihr schon in den Ratgebern nachgesehen?", fragt Susanne und meint es ironisch. Sie legt zwei Toasts in die Sandwichmaschine und holt Tomaten und Käse aus dem Kühlschrank. Die Zeugnisse flattern. Hartmut hebt den Finger, küsst sie, läuft in sein Zimmer und kehrt mit einem Einkaufskörbchen voller Ratgeber zurück. Er blättert. Bernd friemelt wieder an seinem Finger.

"Recherchierst du vor den Gesprächen immer über die Firmen, bei denen du dich beworben hast?", fragt Hartmut aus seiner Lektüre im Einkaufskorb heraus.

"Ja", sagt Bernd.

"Tust du so, als wenn du dort und nur dort deine Erfüllung finden könntest?"

"Ja."

"Tust du so, als wenn Gehalt das letzte ist, was dich interessiert, bist dann im zweiten Gespräch aber entschlossen in den Verhandlungen?"

"Ja."

Hartmut blättert weiter. Die Seiten sausen. Yannick springt vom Regal und lässt sich an den Blättern hinab wie an einem Vorhang, den er wie ein Schredder in Streifen zerteilt.

"Ha! Jetzt hab ich's! 'Seien sie trotz allem anspruchsvoll. Lassen Sie sich nicht einreden, Sie müssten jeden Job annehmen, weil die Zeiten hart sind. Bleiben Sie wählerisch.' Bist du wählerisch, Bernd?"

"Nein", sagt er, zieht einen Zettel aus seiner Hosentasche und wirft ihn auf den Tisch. "Aber ich könnte jetzt mal damit anfangen."

"Was ist das?"

"Eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Seit acht Wochen mal wieder die erste. Dabei hatte ich als Bewerbung nur drei Zeilen hingemailt. Aus einem Internetcafé. Mit Kopfschmerzen. Um überhaupt an dem Tag auf irgendeine Stelle geschrieben zu haben. Ist ein Scheißjob. Will ich gar nicht haben. Ich wollte eigentlich morgen hin. Aber ich glaub, ich lass' es."

"Zeig mal her", sagt Hartmut und überfliegt den Zettel.
"Und du hast denen damals nur ein paar Zeilen Mail geschickt?"

Bernd nickt.

"Dann kennen die dein Gesicht nicht?"

Bernd schüttelt den Kopf.

Hartmut nickt, gibt Bernd mit einem Ruck den Zettel zurück und sagt: "Okay, ich gehe hin."

"Was?", fragen Susanne und Bernd gleichzeitig.

"Ja", sagt Hartmut und sieht Susanne an, "er will doch den Job ohnehin nicht, und mich fragen meine Kunden nur noch, wie sie bloß Arbeit finden sollen. Da kann so ein Vorstellungsgespräch doch mal nicht schaden, oder?"

Bernd schaut ihn ängstlich an.

"Keine Sorge", sagt Hartmut, "ich werde schon dafür sorgen, dass du den Job nicht kriegst."

Wir kichern.

Yannick frisst ein Zeugnis.



Am Mittwochnachmittag stehen Hartmut und ich vor der Empfangstheke der Firma, die Bernd kennen lernen will, und tragen unser Anliegen vor. Eine junge Frau, die wie Sarah Connor aussieht, weist uns einen Platz zu, damit wir auf Herrn Sandforth warten können. Herr Sandforth ist der Personaler. Ich habe extra die Frühschicht genommen, weil Hartmut wollte, dass ich mitkomme. Gestern hat er schon wieder bis 3:00 Uhr nachts Mails von Klienten beantwortet, die kein Geld mehr haben. Einer davon hat ihm eine Liste der Zeitarbeitsfirmen geschickt, bei denen er sich eingetragen hat und die sich ganz sicher bei ihm melden wollen. Hartmut hat sie sich aufgehängt, um eine Übersicht über den Markt zu haben. Es sind im Grunde alle, die existieren. Wir strecken die Beine aus und vergleichen die Größe unserer Füße. Eine Fliege landet auf der Spitze meiner Chucks und saust wieder davon.

Sarah Connor nimmt ein Telefonat an.

"Ich geh mal aufs Klo", sagt Hartmut. Sarah Connor zeigt ihm, während sie telefoniert, die Richtung und lächelt, als hätte sie ihm den Weg zur Quelle gezeigt. Ich stehe auf, verschränke die Arme hinter dem Rücken und gehe den Flur entlang. An der Wand hängen gerahmte Urkunden und D
okumente, die belegen, welch große Leistungen die Firma schon in der Medienanalyse vollbracht hat. Es sieht aus wie eine Pokalsammlung im Partykeller. Bernd hat sich als Medienbeobachter beworben, was bedeutet, dass er von morgens um fünf bis mittags um zwei Nachrichten und Pressetexte auswerten müsste. Am Ende des Flurs stehen zwei Sessel neben einer Gummipalme. Aus einem Büro kommen Stimmen. Ich setze mich in den Sessel und lausche.

"Sagen Sie uns doch noch mal, was Sie als Ihre Stärken bezeichnen würden."

"Nun ja, ich liebe es, Zusammenhänge herauszuarbeiten. Ich war schon immer gut in der Recherche und darin, große Informationsmengen in den Griff zu kriegen."

"Mhm. Mhm."

"Ja, im Geschichtsstudium ist so etwas besonders wichtig. Textgenauigkeit. Zusammenfassen können. Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden."

"Ich sehe, Sie haben mit 'sehr gut' abgeschlossen."

"Ja."

"Mhm. Mhm."

"Ja, jedenfalls, Stärken. Ich denke, ich habe eine breite Allgemeinbildung. Ich war bei der Universitätszeitung. Zwei Praktika bei Zeitungen. Waz und Taz. Ich denke also schon, dass ich Medienauswertung beherrschen kann."

"Mhm. Können Sie gut früh aufstehen?"

"Wie bitte?"

"Ja, die Frage scheint Ihnen banal, aber Sie wissen, es geht hier um fünf Uhr morgens los."

"Ja. Ja, sicher."

"Hier steht bei Hobbys auch noch eine Menge."

"Ja, ich spiele Schach in der Verbandsliga. Und ich bin Bassist in einer Chansonband. Wir touren so durch die Kleinkunsthäuser, wissen Sie?"

"Sie haben schon eine CD aufgenommen?"

"Ja, was Kleines. Wir vertreiben sie selber."

"Wo sehen Sie sich eigentlich in fünf Jahren?"

"Nun, ich kann mir schon vorstellen, in der Medienauswertung etwas zu werden. Aufzusteigen. Die Prozesse vielleicht mit zu optimieren."

"Aha."

"Ja, es macht mir einfach Freude, konzentriert zu arbeiten und etwas zu scha
ffen, wissen Sie?"

"Mhm."

"Und später vielleicht, ja. Mal schauen."

"Und Sie könnten schon Anfang nächsten Monats einsteigen?"

"Ja!"

"Also übernächste Woche?"

"Ja."

"Und unsere Konditionen sind für Sie auch okay?"

"Auf jeden Fall."

"Na ja, ich meine, Sie sind Akademiker."

"Das macht nichts."

"Gut, dann erlösen wir Sie an dieser Stelle und melden uns nächste Woche bei Ihnen."

"Sehr schön. Danke."

Ich höre, wie sich von innen Schritte der Tür nähern, und springe vom Sessel auf. Als der Befragte auf den Flur tritt, studiere ich aufmerksam die Urkunden, als wäre ich gerade erst gekommen. "Guten Tag", sagt der Mann, der gerade das Vorstellungsgespräch geführt hat. Ich nicke ihm zu. "Sind Sie Herr Waldeck?", fragt er. Ich schüttele den Kopf. "Der ist auf der Toilette. Soll ich ihn holen?"

"Nein, schon gut, wir haben eh noch ein paar Minuten." Der Mann sieht auf die Uhr. Er trägt ein weißes Hemd, unter dem man ein paar Brusthaare erkennen kann. "Sagen Sie ihm, er soll hier warten." Ich nicke. Die Tür schließt sich wieder.

"Was für ein Typ", höre ich den Brusthaarmann dahinter sagen. Ein anderer lacht. Es klingt nach Kaffee und Zigaretten.

"Geht's schon los?", fragt Hartmut und kommt um die Ecke gestürmt, als hätte er gerade erst seinen Hosenstall geschlossen.

"Er holt dich gleich", sage ich. Hartmut stopft an seinem T-Shirt herum. Er hat sich nicht sonderlich schick gemacht. "Sag lieber nicht, dass du Kleinkunst machst", sage ich. Er schiebt seine Augenbrauen vor. "Oder doch, sag es wohl, du willst den Job ja nicht, Bernd." Wir kichern. Die Tür geht auf.

"So. Herr Waldeck?"

"Ja!", sagt Hartmut und steht stramm.

"Na rein, na rein, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit", sagt der Mann und tänzelt in den Raum zurück. Hartmut folgt ihm und flüstert mir zu: "So, jetzt zeige ich dir mal, wie ma
n einen Job nicht kriegt."

Die Tür schließt sich, und ich setze mich wieder in den Sessel. Von drinnen drücken sich Stimmen durch das Holz der Tür.

"Sie haben uns eine kleine Mail geschrieben."

"Ja, ich hatte nicht mehr Zeit", sagt Hartmut.

"Aber jetzt haben Sie Zeit?", lacht der Brusthaarmann.

"Na ja, geht so", sagt Hartmut und schnieft ein wenig mit der Nase. Der Brusthaarmann stoppt sein Lachen. Papiere werden geschoben.

"Okay, dann erzählen Sie doch mal was über sich. Sie haben Germanistik studiert, richtig?"

"Ja, aber nicht so wirklich", sagt Hartmut. "Um ehrlich zu sein, habe ich mehr gejobbt als studiert. Vor allem in Kneipen. Ich kann ihnen bis heute nicht sagen, was Hermeneutik ist." Er lacht dreckig, als hätte er eine Raucherlunge.

"Würden Sie sich nicht als Akademiker betrachten?"

"Gott bewahre, nein! Bloß, weil ich ein paar Seminarräume gefunden habe?"

Der Personaler schweigt einen Moment.

"Haben Sie denn schon Erfahrung mit Medienauswertung? Lesen Sie viel? Interessieren Sie sich für das Tagesgeschehen?"

"Wissen Sie", setzt Hartmut an, "es muss vor allem schnell gehen. Ich kann nicht verstehen, wie jemand eine Zeitung von vorn bis hinten durchlesen kann. Oft ziehe ich die Nachrichten nur aus dem Fernsehen."

"Und selber haben Sie auch noch keine Medien gemacht? Schülerzeitung. Unipresse? Irgendwas?"

"Nö. Nix."

"Was sind denn so Ihre Interessen?"

"Das Übliche", sagt Hartmut gelangweilt, "Kino, Fernsehen, ein wenig Sport." Ich nehme ein Blatt der Gummipalme in die Hand und versenke darin meine Stirn.

"Was würden Sie denn als Ihre Stärken bezeichnen?"

"Konzentrationsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Flexibilität, Belastbarkeit." Hartmut nölt die Begriffe herunter wie ein Kellner in einem Landcafé, der zum achthundertsten Mal die Kuchensorten aufzählt. Es ist grauenhaft. Ich warte, wann der Mann
das Gespräch abbrechen wird.

"Und was prädestiniert Sie ausgerechnet für diese Stelle?"

Hartmut sagt nichts. Ich höre, wie er mit den Füßen scharrt. Er sagt in einem Tonfall, als würde er sich für diese lächerliche Bemerkung entschuldigen: "Ich schaffe Ihnen was weg. Und ich kann gut früh aufstehen." Dann lacht er verlegen.

"Und die Konditionen sind für Sie auch okay?"

"Um ehrlich zu sein: Ich brauche die Kohle. Ich würde auch für weniger arbeiten. Ich weiß, das gibt man nicht so zu, aber ..."

"Das ist schon okay, Herr Waldeck."

"Gut", sagt Hartmut kleinlaut.

"Ja, dann erlösen wir Sie jetzt mal. Aber warten Sie noch einen Moment draußen, ja?"

"Ja."

Die Tür geht auf und ich lache leise, als Hartmut mich ansieht. Ich sitze breitbeinig in dem Ledersessel, und meine Bauchdecke wippt auf und ab. Hartmut fällt in das Gelächter ein und prustet leise. Wir schlagen ein. "Vor dem Job hast du Bernd sicher verschont", sage ich.

"Auf jeden Fall", sagt Hartmut und fläzt sich in den zweiten Sessel.

"Ich lese kaum Zeitung, ich sehe lieber fern", äffe ich ihn nach.

"Und studiert habe ich auch nicht richtig", sagt er.

"Aber vor allem: Ich brauche die Kohle und schaff Ihnen was weg!", lache ich.

"Ja, wie der Kohlenschaufler", gackert Hartmut. Wir schlagen wieder ein zwischen den Blättern der Palme.

Die Tür öffnet sich, und der Mann mit den Brusthaaren steht im Rahmen. Er kratzt sich an der Seite, als wäre dort etwas hängen geblieben, widmet uns dann wieder seine Aufmerksamkeit und sagt: "Glückwunsch, Herr Waldeck. Sie haben den Job!"



"Soll das heißen, ich bin zu gut?", fragt Bernd, der noch am selben Abend an unserem Küchentisch sitzt und ein Schreiben an Herrn Sandforth verfasst, dass er für die Stelle aus privaten Gründen doch nicht zusagen kann, da er eine Erbschaft im Hunsrück antreten muss.

Hartmut tippt au
f Bernds Zeugnis- und Empfehlungsstapel, der wieder in die Clipmappen zurückgedrängt wurde und sagt: "Diese These ließe sich aufstellen."

Susanne und ich spielen gegeneinander Gran Turismo mit Split-Bildschirm. Sie fährt einen Honda Prelude, ich einen getunten Civic. Sie ist verdammt gut. Die Playstation röhrt Motorengeräusche, Yannick sitzt daneben und wackelt mit dem Köpfchen. "Probiert es doch einfach aus!", ruft Susanne in die Küche herüber, während sie mich beiläufig überrundet.

"Wie?", ruft Hartmut zurück.

"Schreib eine Stelle aus und schau mal, wie viele Bernds sich noch so bewerben. Die Arbeit darf natürlich nicht attraktiv sein. Schreib einfach 'Minijob in Beratungsinstitut. Sekretariatsaufgaben und Kaffee kochen.'" Sie meint es wieder nur zum Spaß. Sie vergisst, dass man Hartmut so was nicht sagen darf. Mein Honda Civic landet im Graben, Hartmut sitzt schon am PC und bucht einen Platz in der Zeitung.



Hartmut schrieb tatsächlich 'Kaffee kochen' ins Aufgabenprofil. 950 Bewerbungen gingen ein. 948 davon waren Akademiker. Jetzt sitzt er mit Bernd in seinem Zimmer, und sie werten akribisch die Mappen aus. Hartmut wittert wieder etwas. Ein Geschäft, die Revolution, was weiß ich. Man kann es nicht stoppen. Man muss es nehmen, wie es kommt. Wie eine Naturkatastrophe oder einen kaputten Fernseher kurz vor einem wichtigen Spiel. Hartmut bezahlt Bernd für die Arbeit, so gesehen ist der junge Mann jetzt doch Medienauswerter, und die Kaffeemaschine läuft auf vollen Touren. Susanne und ich spielen einfach weiter und sehen uns manchmal nachdenklich an, wenn die Playstation die heißen Wiederholungssequenzen des Rennens abspielt und im Ostflügel bei Hartmut wieder ein Zehnerstapel Bewerbungen bearbeitet in einen Karton fällt. Yannick kratzt mit den Pfoten am Fernseher, damit wir weiterspielen.



Nach drei Tagen intensiver Arbeit betreten Hartmut und Bernd das Wohnzimmer und stellen sich vor den Bildschirm,
damit wir zuhören. Bernd lässt das Rollo herunter, und Hartmut klappt seinen Laptop auf. Bernd schließt einen Beamer an. Und da frage ich mich manchmal, wo das Geld aus unserer Haushaltskasse bleibt. Hartmut sagt: "Wir werden reich!", und erklärt uns warum.

Als er seine Ausführungen beendet hat, bekomme ich heiße Ohren. "Nein, nein, nein!", sage ich, "Kommt gar nicht in Frage!"

"Aber wir brauchen jemanden, der auch die harten Fälle übernimmt", sagt Hartmut, der uns bis eben erklärt hat, dass er ein "Institut für Dequalifikation" eröffnen will, da wir in Zeiten leben, in denen die meisten Menschen überqualifiziert sind. Einen Kundenstamm hätte man ja nun schon mit den 948 Akademikern, die sogar Kaffee kochen würden, und mit all seinen Klienten aus der Online-Lebensberatung, die keine Zeit mehr für seelische Probleme haben, weil sie einen Job finden müssen. Hartmut möchte die Kunden in drei Klassen einteilen. Auf der höchsten Stufe lernen die Akademiker bei Hartmut, wie man die ganze Kulturkritik wieder vergisst und für den Stadtboten Artikel über den Schützenverein schreibt. Auf der mittleren Stufe soll Susanne arbeitslosen Ingenieuren und Technikern das Leben als Mechaniker in der Werkstatt beibringen. Und ganz unten, da bin ich. Zuständig für Menschen, die überhaupt keine Arbeit mehr kriegen und nur noch Malocher werden können, bei UPS, beim Müll, am Fließband. Hethithologen, Frühgeschichtler, Germanisten mit einem Schnitt schlechter als 3,0 und ohne Praktika.

"Ich habe bereits einen Job", sage ich und mache mir Sorgen, weil Susanne ihren Hartmut ein wenig stolz ansieht, so, als wäre mal wieder eine grandiose Idee aus dessen Koteletten geplumpst, die wirklich etwas taugt. Auf dem Rollo erscheinen jetzt Entwürfe für Anzeigen und Faltblätter. Man wird ihn nicht mehr zurückhalten können.

"Ich habe gehört, die Japaner sollen unglaubliche Badeöle herstellen", sagt Hartmut jetzt und ändert das Bild in dem Beamer. Eine Flasche ersc
heint, golden glänzend, ein paar Tropfen darauf. "Und die Thermen in Rom sollen auch der Wahnsinn sein. Da haben sie ein echtes Badeparadies erhalten, so wie zu den dekadenten Zeiten des Imperiums. Man sagt, ein Trainer des Institutes für Dequalifikation bekomme dort freien Eintritt, wann immer er will. Das sind so Prämien, die sich der Boss ausgedacht hat." Hartmut grinst. Ich schmeiße eine Zeitung nach ihm. "Du Verführer!", lache ich und schaue auf die Therme. Dann sage ich nichts. Ich merke, wie sich in mir der Widerstand auflöst wie das beste Badeöl in einer einlaufenden Wanne.

"Es wird nicht sooo viele Klienten für dich geben", sagt Hartmut. "Das sind wirklich nur die ganz harten Fälle."

Ich schweige und schaue zumindest nicht so aus der Wäsche, als hätte ich gerade mein Vermögen verloren. Hartmut nimmt das als ein "Ja". Ich denke an die Therme.



Zwei Tage später stehe ich vor unserer Haustür und atme die Luft des Frühlings, der sich so langsam anbahnt wie manche Songs auf Hartmuts CDs, die erst richtig anfangen, wo bei anderen schon das ganze Album wieder aufhört. Auf unserer Klingel steht "Institut für Dequalifikation - Ihr Weg zur neuen Arbeit. Mit Jobgarantie!" Bernd lernt gerade bei Hartmut, seine Germanistik zu vergessen und für die Lokalzeitung zu schreiben. Kurze Sätze, noch kürzere Gedanken. Es ist die Hölle für ihn. Er hat über Adorno promoviert. Aber es muss sein. Er ist unser erster Kunde. Ein warmer Wind weht durch den Baum vor unserer Haustür, als plötzlich ein junger Mann vor mir steht. Er ist stilvoll gekleidet, trägt eine Brille mit dünnem Rand und hat feingliedrige Finger. Er fragt mich, ob er hier richtig sei beim Institut für Dequalifikation, und sieht ein wenig ängstlich an der dreckigen Fassade unseres Hauses empor, das jeden Moment absacken könnte. Ich folge seinem Blick und lächele, er legt den Kopf schief, lacht einmal kurz und nickt, als sage das alles.

"Was haben Sie studiert?", frage i
ch ihn.

"Musikwissenschaften und Altphilologie", sagt er.

Ich denke an Hartmuts Worte, dass es für mich nicht viele Klienten geben wird, seufze, klopfe dem jungen Mann auf die Schulter und denke intensiv an die frischen Therme, als ich ihn in unser Institut führe.

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