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Dekonspiratione als Taschenbuch
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Dekonspiratione

Erzählung. 'suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe'. mit fünf Bildern.
Taschenbuch
Dekonspiratione erzählt eine kleine Geschichte des Schreibens. Wie kommt man dazu? Warum macht man das? Was wird dadurch aus einem? Und wie lebt es sich schließlich in dieser Welt der Schreiber und der Schrift?
Ein Tagebuch, ein Buch über die Arbeitss … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Dekonspiratione
Autor/en: Rainald Goetz

ISBN: 3518398776
EAN: 9783518398777
Erzählung.
'suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe'.
mit fünf Bildern.
Suhrkamp Verlag AG

29. April 2002 - kartoniert - 206 Seiten

Beschreibung

Dekonspiratione erzählt eine kleine Geschichte des Schreibens. Wie kommt man dazu? Warum macht man das? Was wird dadurch aus einem? Und wie lebt es sich schließlich in dieser Welt der Schreiber und der Schrift?
Ein Tagebuch, ein Buch über die Arbeitsseite des Lebens. Es spielt in Universitätsseminaren und Redaktionen, in Interaktionen, allein am Schreibtisch und im Gespräch.
Recht überschaubar: das Personal. Die Konstellation: eine Liebe, kaputt. Handlung deutet sich an. Reflexionen übernehmen. Fünf Tage, beginnend im Mai, fünf Monate des Jahres 1999.
Dekonspiratione ist ein Buch über Ambition, Kritik, Karriere, Scheitern und Verrat, über Momente von Integrität, über Text am öffentlichen Ort.

Portrait

Rainald Goetz, geboren 1954 in München, studierte Medizin und Geschichte, lebt in Berlin.

Er hat bisher fünf Bücher geschrieben über die folgenden Themen: über PSYCHIATRIE den Roman Irre; über REVOLUTION die Stücke Krieg; über die RAF: Kontrolliert. Geschichte; über SPRACHE: Festung. Stücke; und über PARTY die Geschichte der Gegenwart Heute Morgen.

Mit seinem neuen Roman setzt Goetz das Buch Schlucht, eine Analyse der Nullerjahre, fort; bisher erschienen: Klage, loslabern, elfter september 2010.


Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 21.03.2000

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung
Wie man Banalitäten beschreibt: Rainald Goetz verließ erst heute Morgen die Party / Von Eberhard Rathgeb

Lange, lange ist es her, da mussten die Kritiker des Kapitalismus früh aufstehen. Wie sonst hätten sie dementieren können, dass die Welt, wie der Volksmund versicherte, auch um sieben Uhr morgens in Ordnung sei. Der Philosoph Theodor W. Adorno gehörte zu den Frühaufstehern, denen kein Verblendungszusammenhang ein X für ein U vormachen konnte. Schon die morgendliche Zeitungslektüre musste den frühstückseiköpfenden Kritikern allen Anlass gegeben haben, sich die Augen hellwach zu reiben, damit zumindest sie durch den Schleier des kapitalistischen Tanzes um das Geld zu sehen in der Lage wären. Um sieben Uhr in der Früh hatten einige schon den gewaltigen Durchblick, der sich im Laufe des Tages zu Einsichten verdicken konnte, mit denen sich Theorien über den Verblendungszusammenhang, seine Vergangenheit und seine Zukunft bestreiten ließen. Nur eines konnte man offenbar nicht aufschreiben: wie der Verblendungszusammenhang morgens um sieben den Kritiker beim Frühstück erwischte.

Nach den lauten Kritikern kamen die stillen Beobachter des Kapitalismus. Sie konnten eine Runde länger schlafen, denn ein System blieb nun mal ein System und sollte ihrer Ansicht nach ein System auch weiterhin bleiben. Dem Beobachter ging es moralisch einfach nicht besser, wenn er eine Stunde früher zur Systembeobachtung aufstand. Man sprach nicht mehr von Verblendung, sondern von Medien, die in jede Bewusstseinsritze einsickerten und sogar das Ich, wie es leibt und lebt, überschwemmten. Schon morgens um sieben liefen die Medien auf Hochtouren, weshalb die agilen Medienbeobachter sich aus dem Bett schwangen, zum Frühstückstisch eilten und ganz Auge und Ohr waren, wie die Medien sie dort überrumpelten. Man schlug die Zeitung auf, schaltete das Radio an, zappte durch die Fernsehkanäle, surfte durch das Internet. Und das alles geschah "heute Morgen". In dieser neuen Zeit der Systeme trat dann auch der Medienbeauftragte der deutschsprachigen Literatur, der Schriftsteller Rainald Goetz, auf den Plan.

Seine Erzählung "Dekonspiratione" beschließt ein Projekt, das einen Vorabendserientitel trägt: "Heute Morgen". Es gehören dazu noch die Erzählung "Rave", das Stück "Jeff Koons", "Celebration. Texte und Bilder zur Nacht" sowie "Abfall für alle. Roman eines Jahres". Rainald Goetz ist ein Schriftsteller, der weiß, wo seine Schwächen und wo seine Stärken liegen. Es fehle ihm an "Leben", erklärt er in "Dekonspiratione", und man möchte ihm, wenn man sich "Heute Morgen" anschaut, nicht vehement widersprechen. Rainald Goetz wäre aber nicht er selbst, wenn er darin nun eine wirkliche Schwäche ausmachen würde. Denn das "Leben" ist ihm keine notwendige Bedingung für das Schreiben, weshalb er aus dem engen Kreis seiner Bekannten und seiner Erfahrungen mit beiden Händen auch die unerheblichsten Geschichten schöpft.

Dem "Leben" traut er sowieso nicht, weil er an eine "Wahrheit" des Lebens nicht glaubt. Wie denn auch, meint er doch, dass ein Leben die Erfahrung von Wirklichkeiten ist, die durch Medien definiert werden. Nichts liegt ihm daher so auf dem Herzen, als einmal einen "Medien-Roman" zu schreiben, der nicht nur ein Roman über Medienleute und die Medienbranche, Klatsch und Tratsch wäre, sondern über die Wirklichkeit der Medien und ein Leben durch die Medien.

Als seine Stärke rechnet Rainald Goetz sich das "Denken" an, und man wird ihm hier zustimmen dürfen, gibt es doch keinen zweiten deutschsprachigen Autor, der einem antiromantischen Ideal, dass "Poesie: ein Gedanke" sei, so ausdauernd huldigt wie er. Das hat zur Folge, dass Goetz dem sentimentalischen und dem naiven Erzählen, das den Figuren eine Geschichte, eine Vergangenheit und eine Zukunft gibt, nicht über den Weg traut und sogar, wie in der Erzählung "Dekonspiratione" exemplarisch vorgeführt, die Ansätze einer Erzählung über eine junge Frau durch eigene Reflexionen zersetzt. In seinen Büchern wird man nichts finden, was auch nur von ferne nach Lebensweisheit und Seelenkunde aussieht.

Rainald Goetz denkt gerne mit dem Soziologen und Erfinder aller Systeme, mit Niklas Luhmann, und wenn er erzählt, dann eben auch systemkongenial, weshalb er seinen Figuren keine zeitliche, keine charakterliche Schärfe und Gemütstiefe gibt, weder ein "Leben" noch eine "Aussage" fern eines unmittelbaren Kontextes. Wen man in "Dekonspiratione" auch treffen mag, es reicht einem schon oft, wenn man den Vornamen weiß. Als Erzähler ist Goetz ein agiler Medienbeobachter und insofern ein Oberflächenexperte, der sich konsequent von der romantischen Sprache der Ironie verabschiedet hat und dagegen an einer Sprache der Banalitäten bastelt. Das Banale ist der Ernst der Medien. Rainald Goetz, der Adornos Buch "Minima Moralia", die "Reflexionen aus dem beschädigten Leben", schätzt, hat den kapitalistischen Verblendungszusammenhang konsequent durch den medialen Banalitätenzusammenhang ersetzt. Wer als Schriftsteller die Wirklichkeiten der Medien ernst nimmt, der muss die Banalitäten beschreiben und ihre Genese und Wirkung reflektieren. Daraus könnten vielleicht einmal Goetzsche "Maxima Media. Reflexionen aus dem vorgelebten Leben" werden. Über das Banale, das einfach aussieht, aber nicht nur einfach wirkt, kann man nicht einfach schreiben.

Die kleine Erzählung "Dekonspriatione" zeigt, warum das nicht geht. Sie besteht aus fünf Teilen. In den ersten drei Abschnitten wird eine Geschichte angedeutet, aus der die Geschichte einer jungen Frau hätte werden können, die sich in einem kleinen Ausschnitt der großen Medienwelt bewegt. Im vierten und fünften Teil taucht dann aber Rainald Goetz auf und mit ihm die Flut der Einwände, diese Erzählung fortzuführen. Die Ereignisse der unmittelbaren Gegenwart, vor allem der Krieg im Kosovo, verbieten dem Schriftsteller, einer Erzählung nachzuhängen, in der für diese unmittelbare Gegenwart kein Platz ist. Kein Platz deswegen, weil Rainald Goetz auf sie nicht mit Poesie, sondern nur mit Gedanken antworten kann. Da aber in seinem Konzept "Poesie: ein Gedanke" ist, gehören der Abbruch der Binnenerzählung in der Erzählung "Dekonspiratione" und die Fortführung der Erzählung "Dekonspiratione" zusammen. Dekonspiration, erläutert Rainald Goetz, indem er referenzerfinderisch ein Wörterbuch der Staatssicherheit hinzuzieht, bedeutet, politisch-operative Arbeitsprinzipien, Ziele und Absichten, Mittel und Einrichtungen zu enttarnen, die allesamt die Realisierung operativer Aufgaben gefährden und politischen Schaden verursachen.

Der Medienbeauftragte Rainald Goetz zeigt in groben Zügen, was ihm als "Medienroman" vorschwebt und ihm noch nicht gelingt. Nach einer Premiere habe er mit Künstlern, dem Dramaturgen und Journalisten zusammengestanden, erzählt Goetz. Und dauernd habe er dabei gewusst: "das ist mein Buch über das Schreiben, das ich hier erlebe, das sich hier abspielt, und ich selber bin mittendrin, ich bin zu nahe dran. Ich kann es nicht schreiben. Ich werde es nicht schreiben können." Erst knickt er vor der Aufgabe ein, und dann steht er wieder da, als wäre alles ein Kinderspiel: "Dass man den Roman über die Medienwelt also auch dauernd selber zusammenlesen kann, direkt aus den Medien selber heraus." Will er mehr, als er kann? Goetz deckt seine Arbeitsprinzipien auf, die allesamt die Realisierung einer traditionellen modernen Erzählung gefährden und poetologischen Schaden anrichten. Wer, meint Goetz, im emphatischen Sinne heute schreiben möchte, der darf seine Augen und Ohren nicht vor den Medien und damit vor dem Wissen verschließen, ohne das die Medien nicht beobachtet werden können. Das Wissen und die Erzählung lassen sich für Goetz nicht trennen. Der "Medienroman" wird aus dieser Einheit einmal seine Form gewinnen. "Poesie: ein Gedanke": Alle Bücher von Rainald Goetz versuchen, diesen Doppelpunkt darzustellen.

In der Erzählung "Dekonspiratione" besucht Rainald Goetz mit einem Freund abends eine Dichterlesung. Es liest Durs Grünbein. Goetz hört Grünbein zu und hört ihm wiederum nicht zu, weil er nach einer Weile dem Dichter da vorne nicht mehr folgen kann. Im Saal hat sich seinem Geschmack nach zu viel Ernst und zu wenig Spaß verbreitet, zu wenig Sinn für die Absurdität dieser Lesung. Er hätte es, wie immer, erklärt Goetz, gerne kürzer, zerfetzter, kaputter und eben auch, das kann man ergänzen, banaler. Der Tag ist mit Grünbein noch nicht zu Ende. Goetz selber muss am Abend vor einem Publikum lesen. "Es ist ein kleines feines Hauptstadtevent für die smarte, darke, dreckige Klientel der anders Kaputten, der Kreativen." Er steigt auf die Bühne, ist verwirrt, packt Bücher dieser und jener Autoren aus seiner Tasche und beginnt, daraus vorzulesen. Danach wird geredet, getrunken und geraucht. In aller Frühe macht er sich schließlich mit Alexa auf den Heimweg. Sie sagt: Schatz, und fragt, ob er betrunken sei. Und er sagt: Ja, Schatz. Kann es kürzer, zerfetzter, kaputter, banaler gehen? Endlich einmal war die Welt um sieben Uhr morgens wieder in Ordnung.

Rainald Goetz: "Dekonspiratione". Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 200 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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