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Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten als Taschenbuch
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Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten

'Beck Reihe'.
Taschenbuch
Kurt Gerstein (1905 - 1945) ist eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des Widerstandes gegen das "Dritte Reich". Schon im Mai 1933 trat er der NSDAP bei, um den Staat Hitlers von innen bekämpfen zu können, wurde jedoch 1936 aus der Partei aus … weiterlesen
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Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten als Taschenbuch

Produktdetails

Titel: Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten
Autor/en: Saul Friedländer

ISBN: 3406548253
EAN: 9783406548253
'Beck Reihe'.
Beck C. H.

19. September 2007 - kartoniert - 207 Seiten

Beschreibung

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2007 Kurt Gerstein (1905-1945) ist eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten des Widerstandes gegen das "Dritte Reich". Schon im Mai 1933 trat er der NSDAP bei, um den Staat Hitlers von innen bekämpfen zu können, wurde jedoch 1936 aus der Partei ausgeschlossen. 1941 meldete er sich zur Waffen-SS, um im verborgenen seinen Kampf gegen das Regime fortzusetzen. In der Folge war er auch an der Beschaffung des Giftgases Zyklon B für die Massenmorde in den Vernichtungslagern beteiligt. Über die Massenvergasung von Juden, deren Augenzeuge er wurde, hat er wiederholt unter Lebensgefahr Diplomaten und Geistliche informiert und damit maßgeblich zum Bekanntwerden des Holocaust bei den Alliierten beigetragen. Nach Kriegsende kam er unter nicht völlig geklärten Umständen ums Leben. Saul Friedländers Buch ist eine bis heute faszinierende Studie über die Verstrickung des Guten in das Böse und über die Frage nach der individuellen "Schuld" eines Menschen, der Komplize eines totalitären Regimes wird, um dagegen Widerstand zu leisten - während andere nur zuschauen und "unschuldig" bleiben.

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 18.11.2007

Spionage in der Hölle
SS-Karriere und christlicher Widerstand: Saul Friedländers großer Essay über Kurt Gerstein

"Einen Einblick gewinnen in diese ganze Maschinerie und es dann ins Volk schreien." Das war sein Entschluss vom Frühjahr 1941, als die Schwester seiner Schwägerin, Berta, als "Geisteskranke" im Rahmen des Euthanasieprogramms vergast wurde. Kurt Gerstein hatte seine Bewerbung bei der SS bereits eingereicht. Er wollte ins Herz der Finsternis vorstoßen, wollte das Böse sehen, um Zeugnis abzulegen und Sabotage zu leisten. Das erzählte er Freunden und Bekannten. Wollte er auch Karriere machen, weil er wegen seiner Arbeit für die Bekennende Kirche nicht mehr im Staatsdienst arbeiten durfte? 1953 erinnert sich der Pfarrer Otto Wehr, der im Frühjahr 1941 die Beisetzung von Berta Ebeling vornahm, an den hoch nervösen Geisteszustand Kurt Gersteins: "Nach der Beisetzung teilte er mir seinen Entschluss mit, er wolle dahinter kommen, was über die umlaufenden Gerüchte solcher und anderer verbrecherischer Aktionen den Tatsachen entspräche. Meinen starken Bedenken gegen diesen Plan, in das Lager der dämonischen Mächte hineinzugehen, begegnete er mit leidenschaftlich bewegter Entschlossenheit."

Saul Friedländer, der diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und Autor des Standardwerks "Das Dritte Reich und die Juden", veröffentlichte 1968 in kleiner Auflage seine Studie "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten", die der Verlag C. H. Beck jetzt wiederaufgelegt hat. Darin resümiert Friedländer das Schicksal Gersteins, der als "Spion Gottes in der Hölle" Zeuge der Massenvernichtung der Juden wurde und in gefährlichen Aktionen versuchte, die Weltöffentlichkeit zu informieren: "Das wahre Drama Gersteins war die Einsamkeit seines Handelns. Das Schweigen und die völlige Passivität der Deutschen, das Ausbleiben jeder Reaktion bei den Alliierten und den Neutralen, ja des gesamten christlichen Abendlandes gegenüber der Vernichtung der Juden verleihen der Rolle Gersteins erst die wahre Bedeutung: Sein Rufen blieb ohne Widerhall, seine Hingabe war einsam, sein Opfer erschien deshalb ,unnütz' und wurde zur ,Schuld'."

Man kann Friedländers eindringliches und glänzend geschriebenes Buch als ebenbürtiges Pendant zu Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen" (1961) lesen - und ihm heute eine möglichst weite Verbreitung wünschen. In den sechziger Jahren interessierte man sich kaum für den Widerstand, schon gar nicht für so "zwiespältige" Figuren wie Gerstein.

Während Arendt, neben den vielen noch kaum bekannten Fakten, die sie reportagehaft berichtet, eine Entdämonisierung des NS-Täters anpeilt, um das massenweise Funktionieren von Hilfs- und Schreibtischmördern zu erklären, zielt Friedländer auf die Ambiguität "des Guten", das heikle Ineinanderfließen von Mimikry und Widerstand. Die "Banalität des Bösen" zeigt die Mentalität, die die Maschinerie am Laufen hielt. Die "Zwiespältigkeit des Guten" zeigt den Widerstandswillen eines einzelnen christlichen Humanisten, der sich absichtlich tief in das Zentrum des Bösen begab und sich damit schuldig machte. Von den vielen Tonnen Zyklon B, deren Bestellung bei der Firma Degesch über seinen Schreibtisch lief, konnte er nur einen Bruchteil sabotieren.

Friedländers Buch ist eine historisch-handwerklich zuverlässige Einzelstudie, die nur in Details von aktuellen Arbeiten wie Jürgen Schäfers Dissertation von 1999 oder dem lesenswerten Buch "Der ungehörte Zeuge" von Dieter Gräbner und Stefan Weszkalnys (2006) korrigiert wird und deshalb unverändert wiederaufgelegt werden konnte. Vielleicht ist erst jetzt die Zeit reif dafür, dass Kurt Gerstein, den die Spruchkammer im Jahr 1950 postum als "belastet" eingestuft hatte und der 1965 rehabilitiert wurde, einen Platz im kulturellen Gedächtnis erhält. Als Typus des Verstrickten, dessen Augen sich angesichts der Verbrechen öffnen und der dann unter Lebensgefahr handelt, gewinnt er in Friedländers Studie enorme Prägnanz.

Am 10. März 1941 erreichte Gerstein die Einberufung zur SS-Standarte "Germania". In einem atemberaubenden Doppelleben machte der gelernte Bergbauingenieur eine Blitzkarriere in der SS, wurde Obersturmführer im Hygiene-Institut der SS in Berlin und mit der Lieferung von Zyklon B an die KZs Belzec und Treblinka beauftragt. Das Blausäurepräparat hat Gerstein nach eigenen Angaben auf dem Weg in den Osten unbrauchbar gemacht.

Am 19. August 1942 erlebte er die Vergasung von zwölftausend Männern, Frauen und Kindern in Belzec. Schon im Zug auf der Rückreise nach Berlin begann er mit seiner Agententätigkeit. Er traf zufällig einen Angehörigen der schwedischen Botschaft, den Legationsrat Baron Göran von Otter. Die ganze Nacht habe Gerstein von seinen Erlebnissen erzählt, berichtete später von Otter. Gerstein sagte: "Wenn die Alliierten anstelle der vielen Bomben Millionen von Broschüren und gut gemachte Flugblätter schicken würden, die das deutsche Volk über all das, was vor sich geht, informieren, wäre es möglich, dass in einigen Monaten das deutsche Volk mit Hitler Schluss machen würde."

Vielleicht mag die Vorstellung, mit Flugblättern gegen die NS-Verbrechen vorzugehen, auf den ersten Blick als naive Idee erscheinen, vor allem in Hinblick auf den geringen Widerstandswillen der Deutschen. Aber im Fall der Euthanasie hatte die Öffentlichmachung des Protestes durch Bischof Graf von Galen einen eindeutigen Erfolg gezeitigt. Die Fragen, warum die Alliierten mit ihrem Wissen nicht die deutsche Zivilbevölkerung informierten und warum sie die Zufahrten zu den Vernichtungslagern und die Tötungseinrichtungen nicht gezielt bombardierten, gehören jedoch nach wie vor zu den brisantesten Feldern der Zeitgeschichte.

Kurt Gerstein wurde am 11. August 1905 in Münster geboren. 1925 machte er Abitur und trat als Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde in den CVJM und in die Bibelkreisbewegung ein. Er studierte Ingenieurswissenschaften in Berlin und Aachen. Wohl aufgrund des Einflusses des Vaters sind alle Gerstein-Brüder schon 1933 in die NSDAP eingetreten, das Elternhaus Gerstein war antisemitisch.

Als Kirchenfunktionär kämpfte Kurt Gerstein gegen die Übernahme der Evangelischen Jugend in die Hitlerjugend und kam Ende 1933 mit der NSDAP und der "Reichskirche" in Konflikt. Er war befreundet mit Pastor Martin Niemöller und Generalsuperintendent Otto Dibelius, identifizierte sich mit dem Programm der Bekennenden Kirche. Ab 1936 verschickte er in hohen Auflagen (nach eigener Aussage über 200 000 Stück) Streitschriften der Bekennenden Kirche. 1936 wurde er von der Gestapo inhaftiert und aus der NSDAP ausgeschlossen. Zwei Jahre später wurde er wieder verhaftet und war sechs Wochen im KZ Welzheim inhaftiert. Am 9. November erlebte er, inzwischen in Tübingen, die "Reichspogromnacht" und bemerkte gegenüber einem Freund, dass nun das Böse "seine Maske fallenlässt". Bei Kriegsausbruch wird Gerstein wegen seines Dienstes im Bergbau unabkömmlich gestellt. Im August 1940 stellte er nach einer tiefen Krise den Aufnahmeantrag zur Waffen-SS, über den erstaunlicherweise positiv beschieden wurde. Kurt Gerstein sagte zu Freunden, die Bewerbung sei einfach gewesen, weil er zuvor alle Bedingungen der Gestapo erfüllte, was die Arbeit für die Bekennende Kirche anging. Aber die Frage, die ihn zermarterte, war: Ist es legitim, eine Karriere in der SS anzustreben, um Bericht zu erstatten und im Rahmen seiner Möglichkeiten zu sabotieren, wenn er dadurch mitschuldig würde?

Im Juni 1941 wurde er nach Berlin ans Hygiene-Institut der SS versetzt. Dort arbeitete er als Spezialist für Desinfektion und Wasseraufbereitung. Nach seiner erschütternden Reise nach Treblinka und Belzec nahm er Kontakt zu Botschaftsangehörigen, dem Syndikus des katholischen Bischofs von Berlin und niederländischen Widerstandskreisen auf. Der Historiker Florent Brayard hat gezeigt, dass ein Report von Gerstein bereits 1943 über die Niederlande nach London gelangt ist. Alle Berichte blieben jedoch ohne Reaktion.

Im April 1945 wurde Kurt Gerstein von den Alliierten verhaftet und zunächst als bevorzugter Gefangener behandelt. In einem Hotel in Rottweil untergebracht, verfasste er den später auch im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verwendeten "Gerstein-Bericht", der einen der frühesten und aus heutiger Historikersicht auch authentischen Berichte über die Vernichtungsmaschinerie der Nazis darstellt. Im Juni 1945 wurde Gerstein nach Paris überstellt und vom "Organe de Recherche des Criminels de Guerre" (ORCG) verhört. Für das französische Komitee stand er unter dem Vorwurf von "Massenverbrechen". Gerstein konnte nicht schnell genug Fürsprecher kontaktieren. Noch am 23. Juli 1945 setzte sich Baron von Otter beim schwedischen Botschafter in London für eine Verwendung für Kurt Gerstein bei der britischen Regierung ein. Am 25. Juli wurde Gerstein in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Die Akte Gerstein mit Dokumenten und den Abschiedsbriefen ist verschollen. Die Familie Gersteins zweifelte den Selbstmord an, weil Gerstein für einen Suizid zu gläubig gewesen sei.

Das endlich wieder verfügbare Buch von Saul Friedländer, das auch ein Musterbeispiel seiner Methode der einfühlenden Biographik ist, wirft ein kontrastreiches Licht auf das moralisch zwiespältige Schicksal einer der - neben Georg Elser - eigenwilligsten Figuren des deutschen Widerstands. Dass ihm Rolf Hochhuth ein Denkmal im "Stellvertreter" setzte, wirkte sich für die Kanonisierung Kurt Gersteins wohl eher negativ aus, da Hochhuth die Geschichte sentimentalisierte und grob veränderte, ganz zu schweigen von der missglückten Verfilmung des "Stellvertreters" durch Costa-Gavras. Es wäre zu wünschen, dass Kurt Gerstein - vielleicht durch Friedländers Buch - endlich den Raum in der öffentlichen Erinnerung erhält, der ihm gebührt.

MARIUS MELLER

Saul Friedländer: "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten". Verlag C. H. Beck, 208 Seiten

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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