Dieses Buch lebt von Gegensätzen, von Nähe und Distanz, mal finden sie zueinander, mal drängt es sie auseinander ...
Bei chemischen Prozessen finden Reaktionspartner dann zusammen, wenn der eine etwas zur Verfügung stellen kann (Elektron(en)), was dem anderen fehlt. Und auch in einer Beziehung wird - zumindest in der ersten Phase - das sich Ergänzende besonders hervorgehoben, was in Aussagen wie "gemeinsam sind wir stark" oder "Gegensätze ziehen sich an" seinen Ausdruck findet. Dieses Buch lebt von Gegensätzen, allerdings oft in einer äußerst dynamischen Ausprägung, mal finden sie zueinander, mal drängt es sie auseinander. Nähe und Distanz geben sich die Hand oder stoßen sich weg. Dabei bilden die Gegensätze nicht nur das persönliche Spannungsfeld zwischen den beiden e-mailenden und whats-appenden Protagonisten ab (Roman in Dialogform), sondern auch das räumliche wie Stadt-Land, Ost-West oder andere wie schwarz-weiß, richtig-falsch oder alt-jung. In erfrischend frechen bis wohltuend-aggressiven Dialogen nähern sich das "Landei" aus dem Osten und der erfolgreiche Kulturchef einer Hamburger Wochenzeitung an, um kurz darauf doch wieder festzustellen zu müssen, dass die Unterschiede elementar sind und ihr Aufheben viel Arbeit bedeuten würde. Doch die gegenseitige Zuneigung meistert so manche persönliche Eskapade, die eingebunden in die "Weltgeschichte" erlebt werden. Dabei geht es um die besonderen Probleme in der Landwirtschaft, um Klimaschutz und da die Geschichte zwischen dem 5. Januar und 4. Oktober 2022 spielt auch um den Ukraine-Krieg, um nur die wichtigsten zu nennen. Und fasst immer geht es äußerst emotional zu, weil die unterschiedlichen Lebewelten zum gegenseitigen Widerspruch reizen und die Themen hierdurch eine besondere Leidenschaft (auf beiden Seiten) entfachen. Man schenkt sich nichts und kann dennoch den jeweiligen Argumentationen so einiges abgewinnen. Als Leser wird man ebenfalls hin- und her geworfen. Mal kann man zig Häkchen der Zustimmung setzen oder fette Striche unter das Gesagte ziehen, weniger häufig bleibt ein Kopfschütteln übrig. Als Leser*in (Gendersternchen spielen hier ebenfalls eine nette Nebenrolle) wird man förmlich in die Dialoge hineingezogen, und man wird nicht umhinkommen, sich mit den jeweiligen Argumenten auseinanderzusetzen. Insofern unterhält dieser Roman nicht nur ausgesprochen gut, sondern ist auch ein Lehrstück in politischer wie gesellschaftlicher Bildung.(30.1.2023)