Sehr fordernd zu lesen, am Ende hat sich die Lektüre aber gelohnt.
"Zwischen Welten" ist ein moderner Briefroman von Juli Zeh und Simon Urban über die Kluft in unserer Gesellschaft und ob diese überwindbar ist. Das Buch liest sich nicht wie ein fiktionales Werk, sondern fast wie ein Protokoll der Realität. Thematisiert werden unter anderem Klimapolitik, Gendersprache, Rassismus und Unterdrückung von Minderheiten.Die beiden Protagonisten Stefan und Theresa treffen sich nach zwanzig Jahren zufällig wieder und starten daraufhin ihre Kommunikation per E-Mail, später auch WhatsApp und Telegram. Im gemeinsamen Studium vor vielen Jahren noch miteinander verbunden, interessiert an Martin Walser und Literatur, ist Stefan mittlerweile Redakteur bei einer großen deutschen Zeitung und Theresa Landwirtin in der Provinz. Es trennt sie weit mehr, als sie verbindet, trotzdem bricht der Kontakt nicht ab und intensiviert sich immer mehr. Wer hier jedoch eine Liebesgeschichte vermutet, liegt falsch. Vielmehr geht es um die Frage, ob zwei Menschen die Gräben, die aus unterschiedlichen Meinungen, Werten und Weltanschauungen bestehen, im Sinne ihrer Freundschaft überwinden können.Ich muss ehrlich gestehen, dass mir die ersten zweihundert Seiten des Romans sehr schwer gefallen sind. Ich habe selten so ein anstrengendes Buch gelesen. Auf der einen Seite steht Stefan, der Besserwisser, der Theresa immer wieder vorhält, was richtig und was falsch ist. Der glaubt zu wissen, was man machen darf und was nicht. Und auf der anderen Seite Theresa, die Stefan gegenüber ständig gemein und zynisch ist. Für keine Figur konnte ich so richtig Sympathie empfinden, überraschenderweise noch am ehesten für Theresa, die Stefan oft die Grenzen seines eigenen Mikrokosmos aufzeigen konnte. Erst als ein Witz von Stefans Vorgesetztem Flori Sota die gesamte Gesellschaft empört, beginnt sich das Blatt langsam zu wenden und ich habe mit Spannung weitergelesen. Die Geschichte war so echt, dass es teilweise weh getan hat. So viel Gegenwart gibt es tatsächlich selten in der deutschen Literatur, da muss ich dem Zitat auf dem Umschlag recht geben.Das Buch macht deutlich, wie unüberwindbar die Gräben in unserer Gesellschaft sind. Was mir eindringlich im Gedächtnis bleiben wird: dass sich manche Gruppen "Probleme" aneignen, die gar nicht die ihren und in Wahrheit vielleicht gar keine sind. Carla verlangt von Flori keine Entschuldigung für den Witz, die beiden sind im Reinen miteinander. Das Buch zeigt, dass Empörung oft von Menschen ausgeht, die selbst gar nicht betroffen sind. Hier findet ein Umdenken in Stefan statt, was mir sehr gut gefallen hat. Auch die Tatsache, dass so gut wie kein Diskurs mehr möglich ist, wird eindrücklich geschildert. Denn mit bestimmten Menschen redet Stefan einfach nicht, er spricht ihnen ab, eine eigene Meinung zu haben.Besonders interessant an "Zwischen Welten" ist die literarische Form. Es gibt keinen Fließtext im klassischen Sinne, sondern seitenlange E-Mails oder kurze WhatsApp-Nachrichten. Manch einer könnte sagen, dass diese Form und insbesondere die Sprache der E-Mails nicht authentisch seien, jedoch kenne ich solch einen Austausch auch aus meinem persönlichen Umfeld, weshalb ich mich gut damit identifizieren konnte. Wie Missverständnisse entstehen, wenn nur per Text kommuniziert wird, hat der Roman eindeutig gezeigt. Juli Zeh und Simon Urban haben es geschafft, Theresa und Stefan einen ganz eigenen Stil zu geben, weshalb anhand des Textes stets klar war, wer hier schreibt.Abschließend war das ein bewegender Schlagabtausch zweier Menschen, der zwar sehr anstrengend, für mich aber auch erhellend war. Das Buch macht zwar nicht unbedingt Lust, in unserer heutigen Gesellschaft zu leben, ich empfehle es aber weiter, gerade weil es so anstrengend und fordernd war und zum Nachdenken anregt.