Nach fast anderthalb Jahren am Basgiath War College ist klar: Die Zeit der Übungen ist vorbei, der Krieg ist Realität. Feinde lauern innerhalb und außerhalb der Schutzmauern, Vertrauen wird zur gefährlichen Währung. Um ihre Drachen, ihre Familie und ihre Heimat zu retten, muss Violet jenseits des Schutzzaubers nach Verbündeten suchen und sich einer Wahrheit stellen, die alles verändern könnte.
Nach den ersten beiden Bänden, die ich förmlich verschlungen habe, bleibe ich bei Onyx Storm mit gemischten Gefühlen zurück.
Zuallererst möchte ich die Auflistung der Reiter, ihrer Drachen und der jeweiligen Siegelkräfte auf den ersten Seiten als äußerst positiv hervorheben. In einer so komplexen Welt mit zahlreichen Figuren und Fähigkeiten war das eine hilfreiche und durchdachte Orientierung.
Die Geschichte beginnt vielversprechend: Krieg, politische Spannungen und neue Länder jenseits des bekannten Kontinents das sind Zutaten mit enormem Potenzial. Leider bleiben diese spannenden Elemente über weite Strecken im Hintergrund und gewinnen erst spät an Bedeutung. Besonders in der ersten Hälfte zog sich die Handlung für mich spürbar hin. Inhalte wiederholen sich, Konflikte drehen sich im Kreis und manche Liebesszenen erstrecken sich über mehrere Kapitel.
Was in Band eins noch wie eine intensive, knisternde Liebesgeschichte begonnen hat, wirkt hier stellenweise wie ein Bremsklotz für die eigentliche Handlung. Die Beziehung zwischen Violet und Xaden dominiert viele Abschnitte so stark, dass politische Entwicklungen, strategische Entscheidungen und der Weltaufbau in den Hintergrund geraten. Das ist besonders schade, da gerade diese Aspekte ein enormes Spannungspotenzial besitzen.
Erst etwa ab der Hälfte gewinnt die Geschichte für mich deutlich an Dynamik. Die Reise über den Schutzzauber hinaus, die Suche nach Andarnas Art und die Erkundung fremder Inseln fand ich dann wirklich fesselnd. Auch das Lüften lang gehüteter Geheimnisse und einige unerwartete Wendungen haben starke Emotionen in mir ausgelöst. In diesen Momenten zeigt sich, wie viel Inhalt und durchdachter Hintergrund in dieser Reihe stecken.
Für mich gehören die Nebencharaktere und die Drachen nach wie vor zu den Höhepunkten der Geschichte. Ich habe bei ihnen stets das Gefühl, dass sie sich von Teil zu Teil weiterentwickeln und dabei immer neue, noch spannendere Seiten zeigen. Mit Violet hingegen hatte ich in diesem Band zunehmend Schwierigkeiten. Je stärker sie in ihren Fähigkeiten wird, desto mehr verliert sie an Tiefe. Ihre ständigen Sorgen, emotionalen Ausbrüche und impulsiven Entscheidungen stehen für mich im Kontrast zur strategisch denkenden, klugen Figur aus den ersten beiden Teilen. Dadurch wirkte sie auf mich weniger stabil.
Erst im letzten Viertel nimmt die Handlung dann wieder richtig Fahrt auf. Die Ereignisse überschlagen sich, die Spannung zieht spürbar an, und endlich ist dieses Gefühl zurück, mitten im Geschehen zu stehen. Besonders erfrischend empfand ich die Perspektivwechsel am Ende, durch die man in die Gedanken anderer Figuren eintauchen konnte. Das brachte neue Tiefe und Dynamik in die Geschichte.
Der Cliffhanger hinterlässt mich allerdings eher verwirrt als euphorisch. Natürlich werde ich weiterlesen, dafür liebe ich diese Welt und ihre Drachen noch immer zu sehr. Doch die Begeisterung, die ich bei den ersten beiden Bänden empfunden habe, ist hier deutlich verhaltener.
Fazit:
Onyx Storm Flammengeküsst erweitert die Welt und enthält starke Enthüllungen, verliert sich jedoch lange in Wiederholungen und einer überdominanten Liebesdynamik. Erst in der zweiten Hälfte entfaltet der Band sein volles Potenzial.