
Wie man ein Geisterdorf umsiedelt
Seit Bodhis Familie nach Neu-Nebelheim umgesiedelt wurde, vermisst der Elfjährige sein altes Dorf Nebelheim, dem der Abriss bevorsteht. Bei einem letzten Besuch entdeckt er dort Geister. Auf der Suche nach ihren sterblichen Überresten, die ungefragt nach Neu-Nebelheim umgebettet wurden, spuken sie durch das verlassene Dorf und wollen den Arbeitern aus dem Kohleloch ihre Körper stehlen. Gemeinsam mit der Gespenster-Expertin Joe will Bodhi das Unheil abwenden. Dafür müssen sie die Geister "nur" nach Neu-Nebelheim bringen - ein Abenteuer voller Freundschaft und neuer Hoffnung beginnt.
Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister: Eine lustige Geschichte über Freundschaft und Geister
" Sabrina Schmohls kluge, witzige und spannende Gespenstergeschichte ist eine Parabel auf den Heimatverlust [. . .] Die reizenden Gruselvignetten von Timo Grubing sorgen außerdem dafür, dass Kinder auch bei zwischenzeitlich erstaunlich hart wirkenden Szenen nicht die Hoffnung auf eine glückliche Auflösung verlieren. " (Oliver Jungen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. 12. 2025)
Besprechung vom 22.12.2025
Die Geister, die man weckt
Sabrina Schmohls kluge, witzige und spannende Gespenstergeschichte ist eine Parabel auf den Heimatverlust.
Eigentlich können Geisterjäger cool aussehen. Man denke an die lässig uniformierten "Ghostbusters" mit ihren Protonenkanonen, so sehr deren Rückenmodule auch an aufgemotzte Staubsauger erinnern. Bodhi, der junge Held in Sabrina Schmohls Geisterjägergeschichte, hat weniger Glück: Dick eingewickelt in Luftpolsterfolie trägt er um den Bauch einen Schwimmring und auf dem Kopf ein luftgepolstertes Nudelsieb. Die kesse Joe, die ihn in diese Schutzausrüstung gesteckt hat, kommentiert: "Wenn die Giftspucker nur sehen könnten, wie beknackt du aussiehst."
Die Giftspucker, das sind die hier wahrlich gruseligen Geister. Dass sie Bodhis (und Joes) Aufmachung nicht erblicken können, liegt daran, dass sie anstelle von Augen nur dunkle Höhlen aufweisen. Sie schweben als halbkörperliche Nebelschwaden umher und reagieren rein instinktiv, warten auf warmes "Menschenfleisch", um die Person "zu besiedeln". Feindliche Übernahmen sind in Gespenstergeschichten nicht allzu üblich, durchaus aber im Horrorfilm. Es erinnert auch ein wenig an südasiatische Bhutas (gut- oder bösartige Dämonen), zumal in Verbindung mit dem indischen Namen des Helden, auch wenn diese Herkunft - und der wahrscheinliche Heimatverlust von Bodhis Familie - sonst keine explizite Rolle spielen.
Schutz vor den aufgestörten Seelen der Toten bietet nur eine undurchdringliche Hülle aus eingeschlossener Luft. Das ist etwas unlogisch, weil Außenluft die Geister nicht weiter stört, und damit ziemlich elaboriertes Geisterjägerwissen. Bodhi wundert sich zu Recht, warum die eben erst im mitternächtlich verlassenen Gespensterdorf Nebelheim kennengelernte Joe darüber verfügt. Aber das ist nicht ihr einziges Geheimnis.
Die wilde, witzige und hintergründige Geschichte "Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister", gekonnt zwischen personaler und auktorialer Perspektive wechselnd, folgt selbst einer Art geisterhaften Poetik, besiedelt nämlich im Vorüberschweben ein anderes Genre: das des politisch engagierten Kinderbuchs. Das deutet sich bereits im großartigen Setting an, denn Nebelheim ist eines der umgesiedelten und auf seinen Abriss wartenden Dörfer am Rande eines Tagebaus. Bodhi wohnt mit seinen Eltern im frisch errichteten, öden Neu-Nebelheim ("Ein billiger Abklatsch"); sein Vater arbeitet im "Loch". Soeben wird als letzte Maßnahme der Friedhof umgesiedelt; Tag für Tag bringen Leichenwagen exhumierte Knochen, die neu bestattet werden. Die Seelen aber können am Tag nicht folgen und wabern verstört über den leeren Gräbern.
Sabrina Schmohl weiß, wovon sie schreibt. Sie ist in Mönchengladbach aufgewachsen, die gewaltigen Tagebau-Krater Garzweiler und Hambach gleich vor der Haustür. Eine milde Kritik am Fossilismus hat sie ins Buch einfließen lassen, wenn es von den "paar Brocken Kohle", die da ausgegraben werden, heißt: "mit denen man absolut gar nichts anfangen konnte, außer sie zu verbrennen". Auch ist Widerständigkeit ein Zentralmotiv ("Nebelheim bleibt!"). Und doch hat man es nicht mit aktivistischer Literatur zu tun, denn die Fronten lösen sich sozusagen im Nebel auf, die Freund-Feind-Zuordnungen geraten in einen immer furioseren Tanz. Es geht hier vielmehr um Mut, Wut und Trauer, um Abschiede und Neuanfänge, um Selbstwirksamkeit und Verantwortung.
Bodhi, ein Naturbursche, möchte aus der verlorenen Heimat noch einiges nach Neu-Nebelheim hinüberretten, zumindest die im Garten vergrabenen Überreste seines Katers, eine Ameisenkolonie und auch das längst verstummte Glockenläuten der Ortskirche (als Handyaufnahme). Natürlich ist das Betreten des verlassenen Dorfs verboten, also schleicht er sich in der Nacht hinein - und trifft auf Joe und die nebelhaften Geister. Die sind gefährlich, aber nicht per se böse, erfährt Bodhi, sondern folgen einfach ihrer Natur. Die Kinder wissen: Ewige Ruhe werden die Ortlosen nur finden, wenn man sie zu ihren neuen Gräbern bringt; eine äußerst gefährliche Operation.
Allein diese Grundidee ist genial, luftig einfach und hochkomplex, schließlich spiegelt sich darin unser gesamtes Verhältnis zur (wilden) Natur und zur Vergangenheit. Und nun beginnen die Schwierigkeiten erst, zumal die Geister doch nicht alle gleich sind: Wie immer im Leben gibt es solche und solche. Die Dämonen, auch das lässt sich lernen, sind immer nur andere Versionen unserer selbst: Nichts haben sie weniger verdient als Protonenbeschuss.
Auch muss Bodhi erfahren (und damit umgehen), dass Joe eine geheime Agenda, dass sie ihn belogen hat: Schmohls Buch, so sehr es von Heimat und deren Verlust handelt, ist im Kern eines über die Kunst und die Macht der Freundschaft (die wahre Heimat). Die reizenden Gruselvignetten von Timo Grubing sorgen außerdem dafür, dass Kinder auch bei zwischenzeitlich erstaunlich hart wirkenden Szenen nicht die Hoffnung auf eine glückliche Auflösung verlieren. OLIVER JUNGEN
Sabrina Schmohl: "Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister".
Mit Vignetten von Timo Grubing. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2025. 176 S., geb., 15 Euro. Ab 9 J.
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