Werke 5. Aufsätze zur Literatur und zum Film als Buch
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Werke 5. Aufsätze zur Literatur und zum Film

Hrsg. v. Hans Höller. 'Werke. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger zur Förderung der Wissenschaft und…
Buch (gebunden)
"Aufklärung ist ... das immerwährende erhellende Gespräch, das wir mit uns selbst und mit dem anderen zu führen gehalten sind."
Jean Améry
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Werke 5. Aufsätze zur Literatur und zum Film als Buch

Produktdetails

Titel: Werke 5. Aufsätze zur Literatur und zum Film
Autor/en: Jean Amery

ISBN: 3608935657
EAN: 9783608935653
Hrsg. v. Hans Höller.
'Werke. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger zur Förderung der Wissenschaft und Kultur'.
1. , Aufl.
Herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard
Klett-Cotta Verlag

1. Juli 2003 - gebunden - 640 Seiten

Beschreibung

Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellern und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung wohl nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Améry hat wie kein anderer die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Dichtern und Denkern wie Proust und Flaubert, Sartre und Simone de Beauvoir bekannt gemacht.
Diese große neue Edition der Werke Amérys gibt zum ersten Mal einen Gesamtüberblick über die Vielseitigkeit dieses europäischen Denkers. Die auf neun Bände angelegte Ausgabe stellt den Kulturkritiker wie den Romancier vor, zum Teil mit noch nie erschienenen Texten. Jeder Band enthält einen Dokumentationsteil und ein eingehendes Nachwort zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der jeweiligen Texte.
Einen zentralen Teil der Ausgabe bilden die drei Aufsatzbände. Zunächst erscheint Band 5 - er sammelt Amérys Arbeiten zur Literatur und zum Film. Amérys Literaturessays repräsentieren eine faszinierende Form gelebten Lesens. Die Texte dieses Bandes, deren Spektrum von Georges Bataille bis Michel Tournier, von Thomas Mann bis Thomas Bernhard reicht, machen Literatur als existentielle Erfahrung nachvollziehbar. Gleiches gilt für die Filmkritiken, die in diesen Band aufgenommen wurden.

Portrait

Jean Améry wurde am 31.10.1912 in Wien geboren. Studium der Literatur und Philosophie. 1938 Emigration nach Belgien. Teilnahme an der Widerstandsbewegung. 1943 Verhaftung, zwei Jahre KZ-Haft. Nach 1945 in Brüssel als freier Schriftsteller und Rundfunk- Mitarbeiter tätig. 1970 wurde er mit dem Deutschen Kritiker-Preis ausgezeichnet. 1971 mit dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 1977 mit dem Lessingpreis der Freien und Hansestadt Hamburg. Améry nahm sich 1978 in Salzburg das Leben.

Leseprobe

Hans Höller: Nachwort Die annähernd 40 Essays in diesem Band repräsentieren den großen und entscheidenden Teil von Jean Amérys Literatur- und Film-Essays. Gleichwohl stellen sie eine Auswahl dar. Auszuwählen war unter einzelnen, kaum voneinander abweichenden Fassungen einzelner Essays. Sie sind zu erklären mit der Situation des freiberuflichen Journalisten, der unter dem Zwang zur Mehrfachverwertung seiner Arbeiten in Funk und Printmedien stand. Und auszuwählen war im Sinne der Intention einer Leseausgabe, die der Wiederentdeckung oder überhaupt erst der Neuentdeckung von Amérys Arbeiten zu Literatur und Film dienen sollte. Sinnvoller, als eine ohnehin fragwürdige Vollständigkeit zu erzielen, erschien es, durch eine überlegte und nachvollziehbare Präsentation der Texte Verständnis für einen der ungewöhnlichsten schreibenden Leser des vergangenen Jahrhunderts zu wecken. Denn besonders »die für den Tag geschriebenen und den Tag doch weit überdauernden« Texte können, »in allzu großer Zahl versammelt«, einander auch »im Wege stehen«, so hat Elsbeth Pulver einmal ihre Befürchtung im Hinblick auf eine Améry-Gesamtausgabe ausgedrückt, und »trotz allem« nach einer systematischeren Ausgabe verlangt und, »warum nicht, trotz allem, etwas mehr thematische Konzentration ?« Postume Sammelbände 1981 1994 Aus den bereits seit längerem vorliegenden postumen Sammelbänden von Amérys Literatur- und Film-Essays Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts (1981), Der integrale Humanismus (1985), Cinema (1994) wurden wesentliche Teile in Band 5 übernommen. Der Band Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts, für den noch der Autorwille relevant war (hg. v. Gisela Lindemann), wurde in seiner Ganzheit aufgenommen. Nur das Wort »Wiederlesen« wurde in den Titel eingefügt: Wiederlesen Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts, denn es hatte im urspünglichen Konzept der Sendung (von Jean Améry gemeinsam mit Ulrich Gembardt 1975 für den WDR konzipiert) als Signalwort eine tragende Bedeutung und wurde erst bei der Übernahme der Sendereihe für den NDR Hannover weggelassen. Unter dem Titel Cinema hat Joachim Kalka 1994 Amérys »Arbeiten zum Film« publiziert. »Cinema«, das war ursprünglich der Titel des von Améry in der Zeitschrift »Merkur« ab 1977 (Heft 349) geführten »Filmtagebuch(s)«, das nur sehr zögerlich zustande kam, immer wieder hinausgeschoben, und, nicht zuletzt aus Zeitgründen, »stets« mehr eine »Lieblingsidee« blieb. Die publizistische Realisierung des Projekts unter diesem »Titel« kam nicht über zwei Filme hinaus. Aus den eher heterogenen Beiträgen (u. a. Künstlerporträts zu Jean-Paul Belmondo, Romy Schneider, Marlene Dietrich) wurden die filmästhetisch bzw. die für Amérys poetische Idee des Kinos relevanten Essays in Band 5 aufgenommen. Auch Helmut Heißenbüttels Auswahlband Der integrale Humanismus. Zwischen Philosophie und Literatur. Aufsätze und Kritiken einer Literatur 1966 1978, für den kein Autorwille mehr vorlag, ist für Band 5 kritisch revidiert worden. Heißenbüttel, vielleicht Amérys wichtigster Freund in der Bundesrepublik Deutschland, präsentiert in seiner Ausgabe einige der schönsten Literatur- und Philosophie-Essays von Jean Améry. In Band 5 der Werkausgabe können seine editorischen Kriterien »objektiv zu sein in der Einhaltung bestimmter Grenzlinien und im Weglassen von bloßer Polemik« erweitert werden. In der Begründung dieser Erweiterung lassen sich die Kriterien der hier vorgelegten Edition konkreter erklären: verglichen mit den vorangegangenen Sammelbänden, wird eine größere thematische Vielfalt und zugleich Einheit in der Vielfalt präsentiert; die Gliederung in thematische Gruppen ermöglicht einen besseren Überblick über das formen- und themenreiche Spektrum der Literatur- und Film-Essays die »Polemik« als ein nicht unwesentlicher Teil der Essays kommt stärker zu ihrem Recht als ein wesentliches kritisches Moment von Amérys Literatur- und Filmkritik Amérys innovative, quasi fiktionale Formen der Literaturkritik werden durch die thematische Gruppierung in ihrer Eigentümlichkeit besser erkennbar. Sie ergeben in ihrem Ensemble eine Art modernen Essay-Roman des Lesens, mit fließenden Übergängen zwischen den mehr oder weniger fiktionalen Literatur-Essays (»Oudenaarde«, bzw. »Bergwanderung« oder »Zugang zu Marcel Proust«) durch die thematische Zusammenstellung der Essays wird Amérys Konzentration auf einige wenige Lebensbücher besser sichtbar und sichtbar wird auch, in Amérys sonst eher reservierter Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur, die besondere Attraktion, die für ihn von der österreichischen Gegenwartsliteratur, besonders den Büchern von Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, ausging. Der aus der österreichischen Heimat Exilierte entdeckte bei ihnen einen sprachlichen Nachklang des alten Österreich und, bei Bernhard, einen österreich-kritischen Eigensinn, der auf ihn eine wenn auch nicht geheure, so doch tiefgreifende Anziehung ausübte. [ ]

Pressestimmen

Seit seinem Selbstmord vor einem Vierteljahrhundert ist es still geworden um Jean Améry. Dabei zählt der 1912 Geborene zu den radikalsten, zu den originellsten Schriftstellern der österreichischen, nein, der europäischen Literatur. ...
Die große zehnbändige Werkausgabe, die mit der finanziellen Unterstützung Jan Philipp Reemtsmas im Klett-Cotta-Verlag erscheint, bietet eine wunderbare Möglichkeit, sich mit Jean Améry von Neuem auseinanderzusetzen.
3sat, Kulturzeit, 14.9.2004

... Amérys Aufsätze zum Film sind Huldigungen eines passionierten Kinogehers, der sich wider den elitären Hochmut der jeweils neuesten cineastischen Theorien zu Sehnsucht und Geschmack des Massenkonsumenten, ja zum Film als 'naiver Kunstform' bekennt. ...
In den bisher erschienen Bänden der Werkausgabe ... ist fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod ein Autor zu entdecken, der sich in jedem seiner Texte als genau jener Schriftsteller erweist, der er zu sein beanspruchte: als ein Schriftsteller, der den literarischen Grossrichtern seiner Zeit insofern voraus war, als er souverän die Grenzen der Gattungen überschreitet, vom luziden Argumentieren zum dichterischen Evozieren wechselt, von der beissenden Satire zur einfühlenden Deutung ...
Karl-Markus Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2004

... Die literarturanalytischen Texte ergeben ein Porträt des Lesers, der sich mit Witz und Leidenschaft, nicht ohne linke Romantik, seine Texte erwirbt, der nicht in der hochfahrenden Geste des Bildungsbürgers darüber verfügt. Er schneidet sich die Bücher für seine Existenz zurecht, vor allem Marcel Proust, Heinrich und Thomas Mann, erwirbt sich einen persönlichen Kanon ...
Wilfried F. Schoeller, Die Zeit, 15.1.2004

... Dieses Grauen: dass das Alte noch da ist und nicht loslässt und dass es dennoch niemals einen gesicherten Besitz begründet - und dann die Erlösung, diesen Sachverhalt gültig gestaltet zu finden: es ist das zentrale literarische Erlebnis des Jean Améry. />Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 20.12.2003


Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 02.12.2003

Im Blickfeld des Ressentiments
Expeditionen ins Denkreich: Die beiden ersten Bände der Werkausgabe Jean Amérys / Von Henning Ritter

In den späten sechziger und in den siebziger Jahren gehörte Jean Améry zu den wenigen Schriftstellern in Deutschland, die eine unangefochtene persönliche Autorität besaßen. Er hatte sein Schicksal nicht moralisierend beschworen, sondern in "Jenseits von Schuld und Sühne" in einem kurzen Kapitel - "Die Tortur" - in einer ungeheuer eindringlichen Weise beschrieben. Die Erfahrung der Folter, das ergab sich aus diesen wenigen Seiten, war für Jean Améry zur Erfahrung schlechthin geworden. Die Folter war, indem sie alles Bewußtsein in den Körper auflöste, eine Auskunft über die Existenz. Diese Seiten teilten über den Autor kaum mehr mit, als daß sein Leben durch diese Erfahrung absolut bestimmt sei. Er nahm nichts weiter für sich in Anspruch als die Authentizität seines Berichts über die Folter und den Weg nach Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen, wo er im April 1945 befreit worden war.

Der zunächst unter dem Titel "Ressentiments. Bewältigungsversuche eines Überwältigten" angekündigte Essayband "Jenseits von Schuld und Sühne", der 1966 erschien, war das erste Werk des vierundfünfzigjährigen Autors, der im übrigen ein vielbeschäftigter Verfasser von Rundfunksendungen und Buchbesprechungen war. Seit 1965 publizierte er in Hans Paeschkes "Merkur", es wurden, bis zu seinem Selbstmord 1978, rund sechzig Essays, Glossen, Rezensionen. Auftritte in Werner Höfers "Internationalem Frühschoppen", in Akademien und bei Diskussionen kamen hinzu.

Jean Améry beeindruckte durch seine lakonische Sprache, vor allem aber dadurch, daß er mit keiner der gängigen intellektuellen Moden paktierte. Sartre, dem er sich aus der Distanz wie einem Lehrer verbunden fühlte, war damals schon nicht mehr die allgegenwärtige Gestalt, die er in den ersten Nachkriegsjahren gewesen war. Dem Leser seiner Essays konnte nicht verborgen bleiben, daß die sehr entschiedenen Ansichten ihres Verfassers sich nicht der Kommunikation verdankten.

Das Moralisieren war Amérys Sache nicht, er appellierte nicht, sondern er stellte fest. Ihm fehlte durchaus die Beziehung zu dem, was gewöhnlich als Moral bezeichnet wird. Sein Billigen wie sein Verurteilen hatten Gründe, die außerhalb der Zuständigkeit des Gedankenaustauschs lagen. Sie hingen letztlich mit der Erfahrung zusammen, die er in dem erwähnten Kapitel geschildert hat: Er war dem Bösen begegnet und war sich dessen gewiß, es jederzeit erkennen und bezeichnen zu können. Die Eindeutigkeit seiner Erfahrung war nicht zu erschüttern oder zu überbieten.

Mit dieser Gewißheit der Bundesrepublik sich zu nähern mußte zu Schwierigkeiten führen - zunächst zu eigenen Schwierigkeiten, dann aber auch im Sichhineindenken in ein Land, das sich, anders als Jean Améry, von den Schrecken der Vergangenheit in einem beispiellosen Tempo zu lösen schien. In seinem 1971 erschienenen schmalen Buch mit dem wunderschönen Titel "Unmeisterliche Wanderjahre" hat Jean Améry nicht nur die ersten Schocks seiner Begegnung mit Deutschland, sondern die anhaltenden Verwirrungen geschildert, in die es ihn stürzte und die auch der studentische Aufbruch der sechziger Jahre und die neue Linke bei ihm nicht zu beschwichtigen vermochten. Von dem, was sich nun theoriegestützt als Antifaschismus gerierte, war Jean Améry nicht zu beeindrucken, geschweige denn zu integrieren. Er blieb der Außenseiter auch der Theorien, die eben das Grauen zu denken versuchten, das er erfahren hatte.

Jean Améry hat die Schilderung seiner Expedition in die neue linke Welt mit Zügen eines Schelmenromans versehen, dessen Held aus dem Staunen nicht herauskommt und sich am Ende zurückzieht - "so lernte er bei den Expeditionen neben dem Gruseln auch die Bescheidenheit. Am besten war es, sich stille zu verhalten, nicht aufzufallen." Mit diesem Fazit endet ein Abschnitt über den erstaunlichen Erfolg Adornos bei der heranwachsenden Generation: "Die realen Greuel", schreibt Améry, "bei denen sich niemand aufzuhalten brauchte, wenn in angestrengter Begriffssprache doziert wurde, bekamen etwas Märchenhaftes, Greuelmärchen. Die abstrakte Reflexion nahm ihnen ihre Schrecken . . . In den Seminaren wurde der Schrecken transsubstantialisiert." Adorno warf er vor, "den heraufrückenden Generationen Intellektueller nebst dem schneidenden Vokabular auch das fleckenreine linke Gewissen" zu verschaffen.

An Äußerungen wie diesen wird deutlich, was Ressentiment vermag. Améry hielt unerbittlich an seiner Erfahrung des Bösen fest, so entschieden, daß er jedes Bündnis mit der Reflexion sich untersagte. Die Philosophie war ihm im Lager vergangen. Es blieb ein Positivismus des Leidens. Dieser unerbittliche Tatbestand ging in seine Beschreibungen des Landes ein, in das er nur noch berufliche Expeditionen machte. Amérys Ressentiment war um so leichter zu erkennen, als er sich zu ihm als Medium seiner Wahrnehmung bekannte. Der Purismus der Erfahrung macht stumm, aber das Ressentiment belebt. Eines Tages wird man die Beobachtungen, die Jean Améry über die Bundesrepublik machte, als ein Kapitel aus dem "Candide" unserer Zeit lesen, die Schilderung eines Landes, in dem die Menschen aufgehört hatten, das Böse wahrzunehmen.

Wie wenige sonst hat Jean Améry das Schicksal des Überlebenden sichtbar gemacht: "Für mich heißt Jude sein die Tragödie von gestern in sich lasten spüren." Als junger Mann war er sich seines Judentums erst bewußt geworden durch die Feinderklärung der Nationalsozialisten, und an dieser Identität hat er auch danach unerbittlich festgehalten. Mit dem Judentum verband ihn darüber hinaus wenig, sein Gefühl der Zugehörigkeit kam aus der gemeinsamen Verfolgung, wie er mit brutaler Offenheit ausgesprochen hat: "Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer; die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft." Dies war eine unangreifbare Position, aber sie bedeutete auch, daß Jean Améry als Teil eines kollektiven Gedenkens nicht taugte. Unter den namhaften Zeugen des Holocaust dürfte er einer der einsamsten sein. Seine Berichte über die Folter und die Lager, denen er knapp entronnen war, sind erschütternd auch durch die radikale Verweigerung jeden Trostes. Vielleicht liegt hier auch die Erklärung dafür, daß es um Jean Améry vergleichsweise still geworden ist.

Daß sein Verlag nun begonnen hat, eine Werkausgabe auf den Weg zu bringen, ist verdienstvoll. Die beiden bisher erschienenen Bände (von neun geplanten) enthalten die wichtigsten essayistischen Schriften Jean Amérys - "Jenseits von Schuld und Sühne", "Unmeisterliche Wanderjahre", "Örtlichkeiten" - und Buchbesprechungen und Filmkritiken. Im Lauf der Jahre wurde er ein vielbeschäftigter und angesehener Rezensent und Essayist. Ein Teil seiner Produktion wurde nur im Radio gesendet und ist nie gesammelt worden. All dies nachzulesen hat gewiß seinen Wert. Ob man daraus allerdings einen Gegenstand eingehenden Studiums machen sollte, ist zu fragen. Der zweite Band der Werkausgabe enthält einen Anhang von 360 Seiten mit Dokumenten und Interpretation, beim fünften Band sind es siebzig Seiten. In beiden Fällen gilt die editorische Anstrengung dem Versuch, die "Rezeption" Amérys nachzuzeichnen.

So enthält der zweite Band auch den Erstdruck eines Manuskriptes "Zur Psychologie des deutschen Volkes", das als Zeugnis der ersten Gedanken, die sich Jean Améry über die in seinen Augen wünschenswerte Zukunft machte, aufschlußreich ist. Aber schwieriger ist es, den Text überhaupt richtig einzuschätzen, es sei denn als Vorstufe zu "Jenseits von Schuld und Sühne". Er ist nur aus der Situation einer anderen Stunde Null zu verstehen. So fordert er nicht nur die "integrale physische Extermination von sämtlichen führenden Parteipersönlichkeiten", sondern sieht es auch als unbedenklich an, wenn dieses "generelle Vorgehen" auch Leute betreffen würde, denen individuell keine Verbrechen nachzuweisen wären, "denn es handelt sich auch bei ihnen um Menschen, deren Erziehung jederlei Abwegigkeiten erwarten läßt". Aus ähnlichem Furor entsprang auch seine Idee, Nietzsche, Klages, Spengler "nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern" verbieten zu lassen.

Wer sich die äußeren und inneren Schwierigkeiten vergegenwärtigt, die Jean Améry überwinden mußte, um als freier Journalist sein Auskommen zu finden und sich darüber hinaus von seinen Brotarbeiten zu befreien und Schriftsteller zu werden, wird mit Bedauern bemerken, wie ein Werk, dessen schmaler Umfang seine Physiognomie ausmacht, mit Dokumenten, Beilagen und Deutungen überladen wird. Die Vorstellung, in einen Seminardiskurs, gegen den er eine so deutliche Antipathie bekundet hat, integriert zu werden, hätte diesem Autor gewiß nicht behagt.

Zu dem komplizierten Verhältnis Adornos zu Améry stellt Gerhard Scheit in seinem Nachwort fest, daß die Spuren von dessen Auseinandersetzung mit dem Tortur-Essay in der abschließenden Fassung der "Negativen Dialektik" sich verloren hätten - für den Preis des vollen Bewußtseins, "daß die extreme Spannung zwischen dem Subjektiven und dem Allgemeinen sich nicht nach einer Seite hin auflösen läßt". Eben darin, so das Fazit, wäre "die Kritik der metaphysischen Philosophie zu formulieren". Nichts lag Jean Améry ferner als ein solches Vorhaben.

Jean Améry: "Aufsätze zur Literatur und zum Film". Werke. Band 5. Herausgegeben von Hans Höller. 640 S., geb., 34,- [Euro].

Jean Améry: "Jenseits von Schuld und Sühne. Unmeisterliche Wanderjahre. Örtlichkeiten". Werke. Band 2. Herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard und Gerhard Scheit. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2003. 852 S., geb.

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