Winterbienen

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2. mit 13…
Buch (gebunden)
Kundenbewertung: review.image.5 review.image.5 review.image.5 review.image.5 review.image.5
Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenst … weiterlesen
Dieses Buch ist auch verfügbar als:
Buch

22,00 *

inkl. MwSt.
Portofrei
Sofort lieferbar
Winterbienen als Buch

Produktdetails

Titel: Winterbienen
Autor/en: Norbert Scheuer

ISBN: 3406739636
EAN: 9783406739637
Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2.
mit 13 Zeichnungen.
Illustriert von Erasmus Scheuer
Beck C. H.

18. Juli 2019 - gebunden - 318 Seiten

Beschreibung

Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.
Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in "Winterbienen" einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Portrait

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane "Die Sprache der Vögel" (2015), der für den
Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und "Am Grund des Universums" (2017). Sein Roman "Überm Rauschen" (2009) stand auf der
Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 "Buch für die Stadt Köln".

Pressestimmen

"Ein großer Roman."
Der Standard, Alexander Kluy

"Ein herausragend guter Stilist und Erzähler, mit einer ganz eigenen lapidaren Erzählweise."
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Hubert Winkels

"Doch erzählen seine Bücher wie nebenbei, auf subtile Weise, ohne dass auf bestimmte Ereignisse einer Zeit hingewiesen wird, auch von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen; in einer Sprache, die präzise und klar ist, die auf der Oberfläche leicht und leicht lesbar erscheint, darunter aber sehr poetisch ist."
Der Tagesspiegel, Gerrit Bartels

"Sein kluges Porträt vom bienenaffinen Einzelgänger entwickelt sich von einer stillen Studie zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte. (...) Scheuer beschreibt die Suche nach Normalität in Zeiten des Ausnahmezustands."
Landshuter Zeitung, Günter Keil

"Der souverän erzählte Roman (...) nimmt seinen Leser von Anfang an gefangen und hält die Spannung bis zum düsteren Ende."
Rheinische Post, Ronald Schneider

"Die Bücher von Norbert Scheuer habe ich in den letzten Jahren am liebsten gelesen. Seine leisen und wuchtigen Bücher, seine verrätselten und traumklaren. Wenn Sie sie verpasst haben, dann holen Sie es nach!"
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Frank Meyer

"Die deutsche Gegenwartsliteratur ist im oberen Niveau stark geprägt von regional grundierten Romanen: Walsers Bodensee, Günter Grass und die kaschubischen Rübenäcker, Masuren von Siegfried Lenz, Johnson und Mecklenburg. Da würde ich Norbert Scheuer einreihen. Norbert Scheuer und die Eifel. Wenn man sein Werk liest, dann kommt man über die Provinz immer im Mittelpunkt der Welt an. Ein Autor, den ich allerdringlichst empfehlen kann. Ein Buch, das mich tief beeindruckt hat."
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Jörg Magenau

"Mit Eleganz und Feingefühl vermeidet [Scheuer] es, die Primärreize des Schreckens abzuschöpfen (...) eine großartige Lektüre."
Deutschlandfunk Büchermarkt, Christoph Schröder

"Ein Roman mit einem großen Resonanzraum, reich an wiederkehrenden Motiven, deren Variationen mal heller und mal dunkler klingen (...) faszinierende Lektüre."
Frankfurter Rundschau, Martin Oehlen

"Ein Buch voller leichter Sätze, in denen doch das gesamte Gewicht des Lebens enthalten ist: die Hoffnung, die Angst, die Lust."
Stern, Oliver Creutz

"Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Patrick Bahners

"Ein wunderbares Buch über den Duft der Frauen, den Duft des Honigs und das Schicksal eines Mannes, der, so wie die Winterbienen, das Überleben seiner Artgenossen schützt."
Kölnische Rundschau, Susanne Schramm

"Wie Scheuer seinen Egidius das schildern lässt, was dieser dabei erlebt, was den Menschen widerfährt und angetan wird, sofern sie doch entdeckt werden, es zerreißt einem das Herz (...) Sätze, die man sich einrahmen möchte (...) Eintrag für Eintrag entwickelt Scheuers neuer Roman seine Tiefe und Dramatik."
Trierischer Volksfreund, Fritz-Peter Linden

"Ein zutiefst beeindruckender Roman."
Bayern 2, Knut Cordsen

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 18.07.2019

Im Bienenstock werden sie zuallerletzt suchen
Aus dem Tagebuch eines Flüchtlingshelfers: Norbert Scheuers jüngster Eifelroman

Deutschland, 1944. Im Westen des Reiches lebt ein Mann, der seit Jahren Juden bei der Flucht hilft. Ihm geht eine schriftliche Nachricht zu, wenn er neue Flüchtlinge in seine Obhut nehmen soll. Er versteckt sie in einer Höhle und wartet wochenlang auf die nächste Instruktion mit dem Termin für den Weitertransport. Dann bringt er sie mit einem Pferdefuhrwerk an die Grenze zu Belgien, wo sie erwartet werden. Nach getaner Arbeit wartet er noch stundenlang, für den Fall, dass die Abholer nicht zur Stelle waren. Nach Hause zurückgekehrt, setzt er sich an den Schreibtisch und führt Tagebuch. Über die Erledigung seines Auftrags berichtet er dort im Zusammenhang mit den übrigen Verrichtungen seines Tages. Aus den Tagebuchblättern dieses Egidius Arimond, eines aus dem Schuldienst entlassenen Lateinlehrers, der im Eifelstädtchen Kall die Bienenzucht seines verstorbenen Vaters fortführt, besteht der neue Roman von Norbert Scheuer.

Ein Manuskriptschatzfund, eine Tasche oder Kiste voller Papiere: Das ist ein Kniff, der so alt ist wie das Handwerk des Romaneschreibens. Er macht dem Schriftsteller, der sich die Geschichte ausgedacht hat, die Vortäuschung von Unmittelbarkeit möglich, von Gleichzeitigkeit des Berichts und Alltäglichkeit des Berichteten. Wann ist diese Erfindung glaubwürdig? Man muss sich vorstellen können, dass der vermeintliche Verfasser die Niederschrift wirklich zu Papier gebracht hat. Hatte er inmitten dramatischer Ereignisse überhaupt die Muße dazu? Und falls er Geheimnisse verrät: War es nicht zu gefährlich, sie dem Papier anzuvertrauen?

Die Antwort auf die erste der beiden Fragen liegt im Fall des Erzählers von "Winterbienen" auf der Hand. In der Eifel passiert nicht viel. Das weiß auch, wer dieses Hinterland des Rheinlands nie betreten hat und das Reich der erloschenen Vulkane nur aus der Fernsehserie "Mord mit Aussicht" kennt. Egidius Arimond hatte also alle Zeit der Welt, um seine Beiträge zur versuchten Judenrettung aufzuzeichnen, zumal der Zweite Weltkrieg bis weit ins Jahr 1944 hinein buchstäblich über die Köpfe der Eifelbewohner hinwegging, in Gestalt der alliierten Bomber, die ihre Last nicht über den verstreuten Dörfern im westdeutschen Niemandsland abwarfen, weil sie zunächst die Städte Köln und Bonn zerstören wollten. Aber wie konnte Scheuers Held Buch führen über Handlungen, die ihn zum sicheren Tod verurteilt hätten, wenn seine Akten der Gestapo in die Hände gefallen wären?

Der Autor hat Egidius Arimond mit einem Handicap ausgestattet, das ihn - ein makabres Paradoxon - vor dem Kriegsdienst verschont, weil sein Leben nach der Doktrin der Nationalsozialisten ohnehin nichts wert ist. Er ist Epileptiker. Aber die Annahme, dass der Tagebuchautor sowieso jederzeit damit rechnen musste, selbst abtransportiert zu werden, und sich deshalb vor dem leeren Blatt keinen Zwang antat, ist zur Erklärung der Existenz des Tagebuchs nicht erforderlich. Die Hypothese bleibt Spekulation, wie ohnehin in diesem Roman alle psychologischen Erwägungen spekulativ, will sagen: dem Leser anheimgestellt sind, weil der fingierte Autor sich an die Tatsachen hält, die sich naturwissenschaftlich ausweisen lassen.

Warum musste der Lehrer außer Diensten keine Angst vor der Entdeckung seines Diariums haben? Er hat es gut versteckt: in einem seiner Bienenstöcke. Der Verschlag mit den Bienenvölkern wäre erst durchsucht worden, wenn der Flüchtlingshelfer schon aufgeflogen wäre.

Die Meisterschaft des Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt. Sich am Feierabend hinzusetzen, das Tagwerk in Schriftform zu gießen und das Protokoll dann am Arbeitsplatz zu deponieren - das ist für den Bienenzüchter im Erbgang das Natürlichste auf der Welt, wie seine Bienen ein Programm der Natur ausführen, das sie den Nektar, den die Blüten absondern, sammeln lässt, um den Honig herzustellen, den ihr Züchter erntet.

Unter dem Datum des 27. Novembers 1944 schreibt Egidius Arimond: "Vielleicht sollte ich alle meine Notizen vernichten, nichts mehr aufschreiben, außer das, was die Bienen betrifft; aber das bringe ich nicht über mich, denn das Einzige, was bleibt, sind diese Notizen. Sie halten mich am Leben, sind meine einzige Erinnerung." Zum Zeitpunkt dieses Eintrags liegen drei Wochen Haft im Kölner Gestapokeller bereits hinter dem Lebensbuchhalter. Die Medikamente, die er mit dem Kutscherdienst für die Flüchtlinge bezahlte, wurden konfisziert. So treffen ihn die Angriffe seiner Krankheit, die jedes Mal einen Haufen Gehirnzellen absterben lassen, in immer kürzeren Abständen, und der Idealismus, der ihn wie die Protagonisten früherer Romane Scheuers seit jeher zu der Vermutung neigen ließ, dass die Erinnerung das wahre Leben sei, nimmt wahnhafte Züge an. Und doch ist auch in diesem Zustand der fortschreitenden Auflösung des erzählenden Subjekts die Erinnerung keine Einbildung, sondern das genaue Gegenteil: Materie, in Form eines Stapels von beschriebenem Papier.

Steht das Verhalten des Imkers unter demselben Gesetz wie die Bewegungen seiner Bienen? Die Frage treibt Egidius Arimond um - aber schon das ist ein Grund, sie zu verneinen. Denn die von den Menschen seit jeher bewunderte Koordination der arbeitsteiligen Bienengesellschaft kommt offenbar ohne Befehle oder andere Willensakte und Geistesblitze zustande. Der Geschäftsbericht des Bienenjahres, der Teile des Tagebuchs einnimmt, schildert auf den ersten Blick einen Staat nach dem Geschmack der NS-Propaganda: Alles ist auf das Überleben des Volkes ausgerichtet, die Winterbienen opfern sich, und unter den Drohnen wird ein Massenmord veranstaltet. Aber das Durchhalten kommt ohne Parolen zustande, so dass der Kreisleiter der Partei, mit dessen Frau der ausgemusterte Pädagoge eine Affäre anfängt, in seinen Reden wohl nicht auf das zoologische Exempel zurückgreift.

Ein Modell geben die Bienenvölker eher insofern ab, als der Krieg spurlos an ihnen vorübergeht. Als die Menschen von Kall von den Luftangriffen nicht länger verschont werden, müssen sie sich auf ihre Reflexe verlassen. Sie verwandeln sich der Natur an. Der lakonische Ton des Tagebuchs simuliert die Normalität eines Jahreslaufs, der von der Natur regiert wird. Eingelegt ins Tagebuch sind Blätter, die ein anderer Arimond beschrieben hat, ein angeblicher Vorfahr, welcher der Legende nach als Mönch die Bienen in der Eifel ansiedelte und ihnen den Trick abschaute, mit denen das zur Bestattung an der Mosel bestimmte Herz des Kardinals Nikolaus von Kues vor der Verwesung bewahrt werden konnte.

In den Aufzeichnungen des Mönchs Ambrosius Arimond findet der Lehrer Egidius Arimond ein Cusanus-Exzerpt, die Skizze einer Theorie der absoluten Ähnlichkeit, in der größte und kleinste Ähnlichkeit zusammenfallen. Dass Menschenvolk und Bienenwelt sich ähneln, ist keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine poetische Idee, die in Scheuers Roman mit den Mitteln seiner Romane nahegelegt wird, das heißt: beiläufig.

Die Notizen Egidius Arimonds sind alles, was von ihm bleibt, seine ganze Geschichte. Sie erinnern auch an das Wichtigste, was er tat, nicht nur dadurch, dass in ihnen davon die Rede ist, sondern auch durch die materiellen Bedingungen ihrer Überlieferung. Die Flüchtlinge rettete er nämlich genauso wie das Tagebuch: Er versteckte sie auf der Fahrt an die Grenze unter den Bienen. Diese ließen sich auf den Schutzbedürftigen nieder, weil er Lockenwickler an deren Kleidern befestigt hatte, in denen Königinnen gefangen waren. Die Röhrchen waren Souvenirs, die er seinen Geliebten geklaut hatte. Er unternahm die lebensgefährlichen Touren, weil er das Geld für seine Medizin brauchte. Nichts anderes nimmt er im Tagebuch für sich in Anspruch. Norbert Scheuers Romane sind so gebaut, dass sie mit aller Macht von dem zeichenhaften Sinn ablenken, den Koinzidenzen nahelegen. Um so verführerischer das Symbol des Lockenwicklers: die Denkmöglichkeit, dass der hoffnungslos vereinzelte Judenretter aus Liebe gehandelt hat.

PATRICK BAHNERS

Norbert Scheuer: "Winterbienen". Roman.

Verlag C. H. Beck, München 2019. 319 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
Empfehlungen Ihres Buchhändlers
Jens M.
von Jens M. - Hugendubel Buchhandlung Frankfurt/Main Steinweg - 06.09.2019
In seinem neuen Roman "Winterbienen" überzeugt Norbert Scheuer wieder einmal durch seine intensive, Stimmung erzeugende Sprache. Egidius Arimond, aus dem Schuldienst entlassen, wurde aufgrund seiner Epilepsie nicht zum Militär eingezogen, sondern betreut und züchtet in der Eifel in alter Familientradition Bienen. Bienenkörbe nutzt dazu, Juden zur Flucht über die Grenze zu helfen ...
Bewertungen unserer Kunden
Zu Recht auf der Longlist
von Sikal - 07.09.2019
Ich finde, das Buch ist zu Recht auf der Longlist des Deuschen Buchpreises und war ein richtiges Highlight. Der Schreibstil ist eher ungewöhnlich und wie ein Tagebuch geschrieben. Protagonist Egidius Arimond kämpft sich durch die letzten Kriegsmonate in einem kleinen Bergarbeiterstädtchen, während britische und amerikanische Bomber über der Landschaft kreisen. Vor dem Krieg war Egidius Gymnasiallehrer für Geschichte und Latein, doch aufgrund seiner Epilepsie wurde ihm ein Berufsverbot durch die Nazis auferlegt. Neben seiner Leidenschaft für diese beiden Fächer widmet er sich ebenfalls mit Begeisterung der Imkerei, die er von seinem Vater übernommen hat. Aufrecht hält ihn während dieser schrecklichen Kriegsmonate nicht nur seine Liebe zu den Bienen, sondern auch seine Studien in der noch vorhandenen öffentlichen Bibliothek - nicht nur wegen der beiden Bibliothekarinnen sondern auch wegen geheimer Botschaften einer Organisation, die jüdischen Flüchtlingen über die Grenze hilft, stöbert er enorm viel in den alten Schriften. Immer auch auf der Spur seines Vorfahren Ambrosius, der bereits im 15. Jahrhundert von der Imkerei besessen war. Egidius erzählt in seinem Tagebuch mal mehr mal weniger vom Kriegsverlauf, von seinen Ängsten, dass der Apotheker ihm seine Medikamente verweigert, von seinen Frauengeschichten, von Schrecklichkeiten, die zum Kriegsalltag gehören, von seiner Familie und seiner Mithilfe beim Widerstand. Vieles erfahren wir auch über Bienenhaltung, Winter- und Sommerbienen und den Status der Königinnen. Zwischendurch finden sich immer wieder Flugzeugskizzen sowie eine genaue Beschreibung diverser Typen. Besonders berührend finde ich die Danksagung in diesem Buch, in dem man auch erfährt wie der Autor zu dieser Geschichte kam und welche Bedeutung Bienenstöcke haben können. Der Autor Norbert Scheuer erzählt mit einem außergewöhnlichen Stil und enormer Empathie von den Schrecklichkeiten der letzten Kriegsmonate und vom schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Gerne vergebe ich für diesen großartigen Roman 5 Sterne.
Gestreifte Fluchthelfer
von Elke Seifried - 29.08.2019
Ich interessiere mich sehr für historische Romane und Sachbücher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, zudem war mein Papa Hobbyimker, deshalb hat mich die Beschreibung sofort angesprochen und ich wurde nicht enttäuscht. Der Autor hat in seinem Roman tatsächlich gefundene Aufzeichnungen eines Imkers, der im Zweiten Weltkrieg Menschen zur Flucht verholfen hat, gefunden und hier zu einem bewegenden Roman verarbeitet. Diesen bekommt man als Leser in Form von Tagebucheinträgen geboten, die im Januar 1944 beginnen und nach Kriegende enden. Egidius Arimond, ein ehemaliger Gymnasiallehrer, der unter Epilepsie leidet und deshalb keinen Frontdienst leisten muss, ist leidenschaftlicher Imker. Dass er von Jupp (so nennt er Hitler) und dessen Politik noch nie etwas gehalten hat, muss wohl einer Fluchthelferorganisation zu Ohren gekommen sein und deshalb haben sie zu ihm Kontakt aufgenommen. Seither bringt er jüdische Flüchtlinge aus der Eifel in präparierten Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien. Ein gut ausgeklügelter Plan macht es möglich, denn sollte sein Fuhrwerk auf dem Nachttransport kontrolliert werden, schwärmen die Bienen und bedecken den Körper der Flüchtlinge, da er auf deren Kleidung Lockenwickler mit Königinnen befestigt. Als Leser erfährt man, wie er seine Informationen erhält, dass er niemanden kennt, wie die Rettungstransporte organisiert werden und ablaufen und ist bei vier bewegenden Transporten, die nicht alle glücken, mit dabei. Außerdem darf man sich mit ihm stundenlang in der Bibliothek, wo er auch seine Kassiber erhält, den Aufzeichnungen seines Vorfahren, des Benediktinermönchs Ambrosius aus dem 15. Jahrhundert, widmen und diese mit ihm aus dem Lateinischen übersetzen. Zudem erlebt man mit ihm, wie sich das Kriegsgeschehen in Kall und im Umland im letzten Kriegsjahr entwickelt. Während er anfangs noch relativ gelassen Kampfflieger über sich hinwegziehen, ab und an ein Flugzeug abstürzen sieht, wird die Stadt zunehmend voll mit Landsern, Gewalt und auch die Verwundeten bleiben nicht aus, als die Bomben auch dort landen, bevor der Krieg beendet werden kann. "¿dabei sollten zwei lange Stahlnadeln hinter meinen Augäpfeln ins Gehirn eingeführt und die kranken, für die Anfälle verantwortlichen Nervenfasern durchtrennt werden." Auch seine Epilepsie ist immer wieder Thema, was mich bewegt und gefesselt hat. Seine Mutter, die ihn vor einer solchen Behandlung rettet, wie gern er Kinder hätte, diesen Traum aber durch die Zwangssterilisation ad acta legen muss, dass er als Epileptiker nicht in einer Euthanasieanstalt "vernichtet" worden ist, weil sein Bruder Alfons ein hochdekorierter Kampfpilot ist und wie schwierig es wird Medikamente zu erhalten, die seine Anfälle in Zaum halten könnten, sind nur einige Beispiele, die bewegen. Nicht ganz so viel konnte ich mit seinen Frauengeschichten anfangen, denn Egidius Arimond ist ein Schwerenöter, und hat Beziehungen zu allerhand Frauen, Kellnerin Maria und auch Charlotte, die Frau des NSDAP-Kreisleiters, sind nur zwei davon. Aber darauf weißt ja der Klappentext schon hin, deshalb darf das wohl auch nicht kritisiert werden. Wieder ausgezeichnet gefallen hat mir hingegen der tolle Einblick in die Tätigkeiten eines Imkers, die Vorgänge in einem Stock und auch zahlreiche intensive Betrachtungen der Insekten. Durch die Hobbyimkerei meines Vaters und auch dem einen anderen Bienenbuch war mir einiges über deren Lebensweise bekannt, doch tatsächlich auch einiges neu. So habe ich z.B. bis dato nicht gewusst, wie sich ein Bienenvolk dem Eindringen einer Wanderratte erwehrt, "mit Stichen gelähmt und dann durch die Bewegungen ihrer Flügelchen eine solche Hitze erzeugt, dass sie innerlich verbrannt ist. Anschließend haben sie den Eindringling mir ihrem Harz so kunstvoll einbalsamiert, dass er nun aussieht wie die Mumie eines Pharaos.". Super interessant fand ich auch, dass man durch die Übersetzungen zusätzlich erfährt was im Mittelalter bereits über die Zucht bekannt war, da war das Wissen um die Mumifizierung im Übrigen auch schon bekannt. Erwähnen möchte ich auch noch die dreizehn Skizzen von Kampfflugzeugen, die jeweils mit genauer Bezeichnung und Angaben zu Besatzung, Antrieb, Bewaffnung und Bombenlast versehen sind. Auch hier hat der Autor wirklich äußerst genau recherchiert. Anzumerken hier vielleicht auch die umfangreichen Literaturtipps im Anhang. "Als ich nach der Entwarnung durch die Straßen gehe, klaffen überall Bombentrichter, ganze Häuserreihen sind verschwunden. Tote liegen, nur mit ihre Unterwäsche bekleidet, auf den Straßen, Häuser brennen und stürzen in sich zusammen, die heißen ätzenden Dämpfe des Sprengstoffs verstopfen mir die Nase." Der Stil der Einträge mutet stellenweise nüchtern, betrachtend und distanziert an, ist es vielleicht sogar, was aber auch zum Protagonisten passt, "Es wird viel erzählt, ich benutze lieber, meine Ohren als meine Zunge." Trotzdem gelingt es dem Autor beim Lesen Betroffenheit zu erzeugen. Allein schon durch die schrecklichen Dinge, die geschildert werden, aber auch durch Sätze wie "Ständig habe ich Angst, bald nicht mehr Herr meiner Sinne zu sein, Dinge zu sagen, die mit verraten könnten.", die durchaus bewegt mitfühlen lassen wie z.B. bei seinen Fieberträumen, die ihn am Ende des Krieges aufgrund der fehlenden Medikamente immer mehr plagen. Richtig gut haben mir auch die vielen detaillierten Beschreibungen der Landschaft und der Bienen gefallen. Zahlreiche Formulierungen konnte ich mir richtiggehend auf der Zunge zergehen lassen. Die Beschreibung, "¿runder Kopf erinnert an eine Futterrübe, die kleinen, versoffenen Mausaugen wie Löcher darin, überall mit wirren Wurzelhärchen, die Knorpelohren, die vom Alkohol glühenden Wangen," eines Einwohners, der täglich am Tresen sitzt, ist nur ein Beispiel dafür. Gut gemacht fand ich auch, wie er bei den Bienen einerseits die heile Welt feststellt, "Der Lärm der Angriffe scheint den Bienen nichts auszumachen; sie leben in einer anderen, wie es scheint friedlicheren Welt, sie interessiert der Krieg nicht.", aber andererseits auch Beobachtungen wie beim Auffinden von unzähligen toten Drohnen vor dem Stock "nur selten kommt es vor, dass welche den Winter im Stock überleben. Sie sind für den Staat nur noch Schmarotzer.", also Formulierungen parat hat, die durchaus auf das Terrorregime der NSDAP übertragbar wären. "[Na Arimond, hast du¿s auch überlebt?[ Die Zeit des Krieges ist für ihn abgeschlossen; er redet nicht mehr über sie, und es scheint, als hätte er für ihn nie stattgefunden.", ist ein Kommentar in der Dorfkneipe Ende Mai 1945. Dass die Schrecken und Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nie vergessen werden, dafür sorgt der Autor mit einem bewegend, fesselnden und super interessanten Roman, der von mir auf jeden Fall noch fünf Sterne bekommt.
Der Bienenzüchter der Eifel
von yellowdog - 25.08.2019
Der Roman ist sprachlich außerordentlich fein gestaltet. Es gibt genaue landschaftliche und situative Beschreibungen. Jeder Satz ist ausgearbeitet und doch ist das ganz im Fluss! Ein Fest für die Leser, die Literatur lieben. Erzähler ist Egidius Arimond, ein ehemaliger Lehrer, der jetzt Bienenzüchter in der Eifel ist und gelegentlich verfolgte Juden über die Grenze bringt. Aufgrund seiner Epilepsie befindet er sich in einer isolierten Grenzsituation. Er wurde deswegen auch nicht in den Krieg eingezogen und ist somit einer der wenigen Männer mittleren Alters, die in der Umgebung noch da ist. Er ruht sehr in sich selbst, doch die Angst, dass die Krankheit schlimmer wird oder er keine Medikamente mehr bekommt ist ebenfalls da. Je mehr sich die Kriegszeit dem Ende nähert, desto chaotischer wird es. Zwischendurch gibt es Abschnitte aus Fragmenten eines seines Vorfahren, eines Mönches aus dem 15.Jahrhundert, dessen Texte Egidius aus dem Latein übersetzt. Das sind interessante Passagen.. Norbert Scheuer hat eine metaphernreiche, bildmächtige Sprache, die sich aber gleichzeitig erstaunlich zurücknimmt und von Lakonie bestimmt ist. Sehr überzeugend!
Eigene Bewertung schreiben Zur Empfehlungs Rangliste
Servicehotline
089 - 70 80 99 47

Mo. - Fr. 8.00 - 20.00 Uhr
Sa. 10.00 - 20.00 Uhr
Filialhotline
089 - 30 75 75 75

Mo. - Sa. 9.00 - 20.00 Uhr
Bleiben Sie in Kontakt:
Sicher & bequem bezahlen:
akzeptierte Zahlungsarten: Überweisung, offene Rechnung,
Visa, Master Card, American Express, Paypal
Zustellung durch:
¹ Mängelexemplare sind Bücher mit leichten Beschädigungen, die das Lesen aber nicht einschränken. Mängelexemplare sind durch einen Stempel als solche ge-
kennzeichnet. Die frühere Buchpreisbindung ist aufgehoben.
* Alle Preise verstehen sich inkl. der gesetzlichen MwSt. Informationen über den Versand und anfallende Versandkosten finden Sie hier.
** Deutschsprachige eBooks und Bücher dürfen aufgrund der in Deutschland geltenden Buchpreisbindung und/oder Vorgaben von Verlagen nicht rabattiert werden. Soweit von uns deutschsprachige eBooks und Bücher günstiger angezeigt werden, wurde bei diesen kürzlich von den Verlagen der Preis gesenkt oder die Buchpreisbindung wurde für diese Titel inzwischen aufgehoben. Angaben zu Preisnachlässen beziehen sich auf den dargestellten Vergleichspreis.