Menschen neben dem Leben

Roman. 1. Aufl.
Buch (gebunden)
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»Eine wahnsinnig packende Wiederentdeckung.« Hildegard Elisabeth Keller, SRF

Nach der spektakulären literarischen Wiederentdeckung von »Der Reisende« erscheint nun auch der erste Roman von Ulrich Alexander Boschwitz zum ersten Mal auf Deutsch. Im Ber … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Menschen neben dem Leben
Autor/en: Ulrich Alexander Boschwitz

ISBN: 3608964096
EAN: 9783608964097
Roman.
1. Aufl.
Herausgegeben von Peter Graf
Klett-Cotta Verlag

21. September 2019 - gebunden - 302 Seiten

Beschreibung

"Eine wahnsinnig packende Wiederentdeckung." Hildegard Elisabeth Keller, SRF

Nach der spektakulären literarischen Wiederentdeckung von "Der Reisende" erscheint nun auch der erste Roman von Ulrich Alexander Boschwitz zum ersten Mal auf Deutsch. Im Berlin der Zwanzigerjahre porträtiert "Menschen neben dem Leben" jene kleinen Leute, die nach Krieg und Weltwirtschaftskrise rein gar nichts mehr zu lachen haben und dennoch nicht aufhören, das Leben zu feiern.

Leicht haben es die Protagonisten in Ulrich Alexander Boschwitz' Debütroman nicht. Sie sind die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise: Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierte, Verrückte. Doch abends zieht es sie alle in den Fröhlichen Waidmann. Die einen zum Trinken, die anderen zu Musik und Tanz. Sie treibt die Sehnsucht nach ein paar sorglosen Stunden, bevor sich der graue Alltag am nächsten Morgen wieder erhebt. Doch dann tanzt die Frau des blinden Sonnenbergs mit einem Mal mit Grissmann, der sich im Waidmann eine Frau angeln will und den Jähzorn des gehörnten Ehemanns unterschätzt. Und so nimmt das Verhängnis im Fröhlichen Waidmann seinen Lauf, bis sich neue Liebschaften gefunden haben, genügend Bier und Pfefferminzschnaps ausgeschenkt wurde und der nächste Morgen graut. Wie durch ein Brennglas seziert der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zweiundzwanzigjährige Autor das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre.

Portrait

Ulrich Alexander Boschwitz, Autor des Erfolgsromans »Der Reisende«, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman, »Menschen neben dem Leben«, erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als »enemy alien« interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

Leseprobe

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Pressestimmen

"Das Berlin- Bild wie es sich in diesem Roman präsentiert, hat nichts vom Glanz der Goldenen Zwanziger. Es ist der Schmutz der Straße, der hier aufgewirbelt wird, weil der Autor sich den Menschen zuwendet, die im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung übriggeblieben sind. [...] Der Ton ist rau, doch zuweilen auch verspielt, denn Ulrich Alexander Boschwitz hat ein feines Ohr für die Berliner mit ihrem mal schnippischen, mal großspurigen Auftreten. [...] "Menschen neben dem Leben" öffnet dem Leser noch einmal einen besonderen Blick in die Zeit."
Cornelia Geißler, Berliner Zeitung, 14.07.2019
Bewertungen unserer Kunden
Querschnitt durch das Lumpenproletariat der Wirtschaftskrisenzeit
von forti - 08.10.2019
Nach Der Reisende ist nun endlich auch Menschen neben dem Leben in Deutschland erschienen. Beide Bücher des deutschen Autoren Ulrich Alexander Boschwitz entstanden bereits in den 1930er Jahren, als Boschwitz sich im Exil befand. So erschienen beide Werke zunächst auch nur im Ausland, bis sie jetzt endlich (wieder) entdeckt wurden und auch in Deutschland veröffentlicht werden. In Menschen neben dem Leben porträtiert Boschwitz verschiedene Menschen des Lumpenproletariats, der gesellschaftlichen Unterschicht im Berlin der frühen 1930er Jahre. Im Wechsel werden die einzelnen Schicksale, die die Protagonisten meist abwärts zogen, beschrieben. Der Erste Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Technisierung - das alles führt zu einer Abwärtsspirale, der die Handelnden sich nicht entziehen können. Jetzt suchen sie ihren Weg, sich über Wasser zu halten, nur manchmal mit der Hoffnung, wieder aufzusteigen, Arbeit zu finden, ein gesellschaftliches Leben zu führen. Manche bleiben dabei ehrlich, andere schlagen illegale Wege ein. So entsteht ein interessanter, verdichteter, auf mich authentisch wirkender Querschnitt durch das Lumpenproletariat der Wirtschaftskrisenzeit. Auch die Stadt und ihre Entwicklungen werden dargestellt. Da Boschwitz offenbar schon gezielt für ein ausländisches Zielpublikum geschrieben hat, das dieses Berlin nicht kannte, ist es auch für Leser, die das Buch über 80 Jahre später lesen, sehr anschaulich und verständlich dargestellt.
Grandiose Gesellschaftsstudie zum Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsj
von Seifried - 06.10.2019
Schon der "Der Reisende" von Ulrich Alexander Boschwitz hat mir eine großartige Gesellschaftsstudie geboten und deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut, dass nun auch zum ersten Mal sein Debütroman "Menschen neben dem Leben" auf Deutsch veröffentlicht wird. Ich wurde nicht enttäuscht, ich denke sogar, dass ich hier beim Lesen noch eine Schippe mehr an Begeisterung verspürt habe. "Wenn sie morgens aus den Betten krochen, waren sie noch frisch und optimistisch und gingen Arbeit suchen. Waren sie aber den ganzen Vormittag vergeblich gelaufen oder kamen vom Stempeln, neigten sie mehr zur Melancholie. Dann saßen sie in den Parks und Anlagen und versuchten zu vergessen, dass sie arbeitslos waren. Sie wollten so tun, als seien Ferien, als wäre es ein Privileg, in der Sonne sitzen zu dürfen und nichts zu tun. Je nach Veranlagung gelang es ihnen mal besser, mal schlechter, sich davon zu überzeugen." Der Roman spielt im Berlin Anfang der 1930er-Jahre - ein Heer von Arbeitslosen, zahllose Prostituierte und Bettler prägen seit der Weltwirtschaftskrise das Stadtbild mit, kein Wunder, denn zwischen 1927 und 1932 steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von etwa einer Million auf über sechs Millionen an. Und genau dort halten sich sie drei Hauptpersonen Bettler Fundholz, Tönnchen, ein traumatisierter "Schwachsinniger", dem er sich angenommen hat, und der Arbeitslose und auf den großen Durchbruch als Kleinkrimineller hoffende Grissmann auf. Gekreuzt werden deren Wege durch weiteres, ebenfalls aus dem Takt geratenes "Menschenmaterial", wie Prostituierte, Kriegsveteranen oder auch Kriegswitwen. Man darf mit ihnen den traurigen Alltag erleben und dann erfahren, warum sich alle abends im Fröhlichen Waidmann treffen. Der eine sehnt sich nach Liebe, der andere will nur ein bisschen Abwechslung und ganz viele wollen einfach nur ihre Alltagssorgen bei einem Gläschen Schnaps vergessen. Was dann aber werden kann, wenn man einem Anderen die Frau ausspannen will, zu viel Alkohol fließt und die Moral sowieso am Boden liegt, wird nicht verraten. "Wo ehemals Hunderte von Arbeitern tätig gewesen waren, genügten nun einige vierzig. Man hatte ja Maschinen. Alle Probleme schienen sich herrlich lösen zu lassen.", allerdings "Maschinen hatten nicht genügend Bedürfnisse, um den menschlichen Käufer zu ersetzen." Dem Thema Industriealisierung und Rationalisierung widmet sich Boschwitz von allen Seiten. Toll fand ich auch solche kleine spannende Einblicke wie "In den letzten Jahren waren überall moderne Automatenrestaurants aus der Erde gewachsen. [¿.] Ersparnis der menschlichen Arbeitskraft; keine Kellner mehr, sondern Automaten. Außerdem waren sie eine gelungene Spekulation auf den menschlichen Spieltrieb. Die Brötchen lagen appetitlich drapiert hinter den großen Glasfächern. Sie reizten zum Kauf und waren sehr billig. Für zehn Pfennig gab es sogar Kaviarbrötchen. Zwar war es kein richtiger Störkaviar, eher Lachsrogen, und das Brötchen war klein, aber die Kaviar- oder auch nicht Kaviarbrötchen sahen so appetitlich aus, dass jeder sie einmal versuchen wollte.", vermitteln sie doch so viel vom Zeitgeist. Pointiert und mit spitzer Zunge wird auch immer wieder ein Augenmerk auf die Kluft zwischen Arm und Reich gelegt, was ich äußerst gelungen finde. Da kann es schon mal heißen, "Um die Mittagszeit fuhren alle Direktoren und Direktörchen zum Essen. Sie hatten es eilig und zeigten es auch. Sie hupten und tuteten wild durcheinander und fraßen die Nerven der Leute, die zu Fuß gingen. Benzingestank und Auspuffgase verpesteten die Luft. Wie schön ist es, bequem in einem Auto zu sitzen. Hinten aus dem Auspuffrohr kommt der Qualm in schmutzigen Schwaden hervor. Man selbst sitzt vorne, man selbst merkt nichts davon, man selbst gibt Gas und braust davon. Nur die anderen, die Unbekannten, die Uninteressanten bekommen das Gas mit Luft vermischt in die Lungen." oder ein Fundholz kann sich beim Betteln denken, "Die Reichen hatten doch mehr Geld, als sie für ihre Leben brauchten. Die Armen rechneten mit jeder Mark. Aber eher bekam man von einem Armen fünfzig Pfennige geschenkt, als von einem Reichen zwei Mark." "Geraten aber schon Staaten mit unzähliger Vielfalt der Interessen mörderisch aneinander, und Millionen sehen in den anderen Millionen plötzlich den Alp auf ihrer Brust, wie viel leichter kollidieren da zwei Menschen? Zwei Menschen, deren Existenzbasis eine so schmale ist, deren Lebensfreude eine so geringe ist, dass die Furcht, sie zu riskieren, leicht vom Hass zur Seite gedrängt werden kann. [¿] Zwei geprügelte Menschen standen vor der Explosion. Sie explodierten gegeneinander. Sie sahen in sich gegenseitig den Todfeind. Den Feind, dessen bloße Existenz das Leben vergiftete. Sie lagen beide unter den Rädern des Lebens." Dass sich Deutschland und die Menschen zwischen zwei Weltkriegen befinden, wird ebenfalls mehr als deutlich, ja schon erschreckend zum Ausdruck gebracht. Der Sprachstil, ist klar authentisch, ist er ja schließlich dieser Zeit entsprungen, nichtsdestotrotz liest sich der Roman äußerst flüssig. Dem Autor gelingt es Bilder im Kopf entstehen zu lassen und einen so richtig mit vor Ort zu nehmen. Er beschreibt mit vielen tollen Vergleichen, "Menschen, die morden wollen, ähneln gespannten Bogensehnen. Sie sind aufs Höchste konzentriert und bei der Sache. Alles Menschliche tritt in ihnen zurück, nur eins hebt sich aus ihnen heraus: der beabsichtigte Mord." und spielt mit Sprache, "Sein doppeltes Doppelkinn zitterte vor Aufregung.". Zudem sorgt er mit seinen pointierten Formulierungen wie, "Auch in den schlechtesten Zeiten hat man sich noch nicht abgewöhnen können zu essen." und auch mit der einen oder anderen amüsanten Szene für viel Lesevergnügen. Da kann von einem Tönnchen, dessen Leben nur das Essen bestimmt, schon mal bei einer Unterhaltung über Literaten ein, "Schiller dachte er, wie das wohl schmeckt? Er hatte noch den süßlichen Geschmack von Walter Schreibers Backpflaumen im Mund.", zu lesen sein. Das hat mir sehr gefallen, ebenso wie die Tatsache, dass Boschwitz darstellt ohne zu verurteilen, auch nicht, wenn sich menschliche Abgründe auftun. Fundholz mochte ich von Anfang an gern. Arbeitslos geworden, aber seine Moral nicht verloren, fand ich toll, dass er selbst das Wenige, das er hat, noch mit Tönnchen teilt, könnte der alleine sicher nicht überleben. Für den egoistischen Kleinkriminellen "Grissmann ärgerte sich bereits, ihm das Geld gegeben zu haben. Jetzt muss ich wieder zwanzig Pfennig billiger essen, dachte er erbittert. Immer die verdammte, weiche Birne. Dabei verpflegt doch Fundholz den Idioten.", konnte ich keine Sympathien entwickeln. Richtig ans Herz ging mir aber die Kriegerwitwe, die ihre Augen vor der Realität so komplett verschließt. "Wilhelm konnte gar nicht von einem Tage zum anderen gestorben sein. Das war unmöglich. Das war nur eine Intrige gegen sie, gegen Frau Fliebusch, geborene Kernemann. Und dass aus den sechzigtausend Mark, ihrem eingebrachten Heiratsgut, der Bruchteil eines Pfennigs geworden war? Nein, auch das war eine Intrige gegen sie, und das hatte sie dem Bankdirektor auch so gesagt." In Minchen, die alles andere als glücklich mit ihrem arbeitslosen Vater und den Männern, die ihr ein reiches Leben ermöglichen, ist, konnte ich mich richtig gut hineinversetzen. Sie ist wie die anderen Nebendarsteller gelungen gezeichnet. Alles in allem begeisterte fünf Sterne, wie schade, dass kein weiteres Werk dieses Autors erhalten ist.
Im Schatten des Reisenden
von Lacastra - 29.09.2019
Beim ersten Blick auf das Buch habe ich mich gefragt, warum denn auf der Rückseite nur Pressestimmen zu Boschwitz Roman Der Reisende stehen und nicht zu Menschen neben dem Leben , nach dem Lesen konnte ich mir das selbst beantworten. Das Gute, man kann sich durch die Schreibweise teilweise trotz der völlig unterschiedlichen Leben gut in die Protagonisten hineinversetzen, einige der Probleme sind auch heute noch durchaus aktuell. Das reicht aber bei Weitem nicht für einen guten Roman. Was mich nicht so recht überzeugen konnte war die Handlung an sich, das mag ein sehr subjektives Empfinden sein, aber mit manchen Büchern wird man einfach nicht warm. Die Geschichten waren mir zu belanglos und konnten mich wenig begeistern, ein spannendes Buch hält man hier definitiv nicht in den Händen. Für absolute Fans der Epoche eventuell interessant, für mich jedoch definitiv zu sehr gehyped, denn Menschen neben dem Leben bleibt leider weit hinter Der Reisende zurück. Ähnlich wie damals bei Harper Lees Gehe hin, stellen einen Wächter dachte ich auch hier nach dem Lesen, manche Bücher wurden zu Recht nicht veröffentlicht.
Ein wichtiges Buch
von Didi2256 - 26.09.2019
Der leider viel zu früh verstorbene Autor Ulrich Alexander Boschwitz nimmt uns mit in ein Milleu das so gar nicht zu den goldenen Zwanzigern passt und dennoch präsent war. Wir begegnen Arbeitslosen, Kriegsversehrten, Prostituierten, einem Geschäftsmann der um seine Existenz kämpft, kurzum Menschen denen das Leben nichts mehr schönes zu bieten hat und doch wollen sie leben. Für die heutige Zeit unvorstellbar, wie man in so einer Armut überleben kann und den Glauben ans Gute nicht verliert. Die Charaktere sind so klar dargestellt, daß man meint man wäre mittendrin. Mit einfacher Wortwahl beschreibt der Autor ein Milleu, das oft nur durch ein Gläschen Pfefferminzschnaps und ein Glas Bier leichter zu ertragen ist. Ein wunderbares Zeitdokument, das ich gerne weiter empfehle.
Ein trostloser Tag auf den Straßen Berlins
von Marianne - 25.09.2019
Am Anfang der 30er Jahre gibt es in Berlin viel Not. Maschinen ersetzen Menschen, darum gibt es viele Arbeitslose. Andere leiden unter den Folgen des Großen Kriegs. Männer müssen betteln, Frauen verdienen Geld mit "Gefälligkeiten". Diese Geschichte beginnt mit einem Gemüsehändler, der einen muffigen Kellerraum als Schlafplatz an zwei Obdachlose vermietet. Abends werden sie eingeschlossen und morgens herausgelassen, sodass die hungrigen Männer sich nicht an Obst und Gemüse des Händlers zu schaffen machen können. Der Tag beginnt viel zu früh für die beiden Männer. Während der eine hausieren geht, wartet der andere im Park. Er ist geistig behindert, die Folge eines traumatischen Erlebnisses in seiner Kindheit. Im Laufe des Tages tauchen viele weitere Männer und Frauen auf. Jeder hat seine Geschichte und alle leiden auf der einen oder anderen Weise Not. Da gibt es den Blinden, der im Krieg sein Augenlicht verlor, und seine Frau, die sich aus dieser gewalttätigen Beziehung befreien möchte. Eine betagte Frau glaubt auch mehr als Jahrzehnt später nicht, dass ihr Mann gefallen und ihr Vermögen wertlos geworden ist. Eine hübsche, junge Frau hat ein gutes Einkommen. Verschiedene ältere Herrn suchen sie regelmäßig auf. Ein Arbeitsloser ist wegen seinen Umständen wütend und er fragt sich, warum immer er benachteiligt wird. Er heckt verschiedene Pläne aus, um zu bekommen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Diese unterschiedlichen Personen haben eins gemeinsam: Sie stehen neben dem Leben. Sie sind die Leidtragenden der Wirtschaftskrise. Der junge Autor dieses literarischen Werks starb schon als junger Mann im Jahr 1942. Sein Buch wurde 1937 in Schweden herausgegeben. Der Text wurde vor dieser ersten deutschen Veröffentlichung lektoriert und dabei vermutlich der heutigen Sprache ein wenig angepasst. Die Lebensläufe der Menschen stehen nebeneinander. Immer wieder erfährt der Leser Bruchstücke aus ihrer traurigen Vergangenheit. Der Autor beschreibt die Beweggründe dieser Menschen und erzählt von Motiven, die ihnen oft selbst nicht bewusst sind. Es sind oft niedere Instinkte und Wünschen, von denen diese einfachen Menschen gesteuert sind. Was diesem Buch fehlt ist eine überzeugende Handlung. Die beschriebenen Menschen versammeln sich abends in einer Wirtschaft, in der etwas Dramatisches geschieht, aber dem Buch fehlt ein Spannungsbogen. Die Persönlichkeiten und Verhältnisse in dieser Stadt sind gut beschrieben, aber für einen Roman vielleicht zu sachlich und spannungslos. Die Beschreibungen der hoffnungslosen Schicksale lässt besser verstehen, warum ein Führer, der versprach die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, immer beliebter wurde. Als Zeitzeugnis ist dieses Buch besonders wertvoll. Hier schreibt jemand, der diese Zeit tatsächlich erlebt hat. Er kannte die Fragen und Probleme, aber er ahnte nicht wie viel Leid die angebliche Antwort mit sich bringen würde. Der Autor streut tiefsinnige Reflektionen und Vergleich in seine Geschichte ein. So vergleicht er neutrale Beobachter bei einer Auseinandersetzung in einer Kneipe mit Staaten, die den Starken unterstützen und doch auf Seiten der Schwachen stehen. "Ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, die kriegführenden Parteien aufzustacheln und, im Falle von Nationen, kriegsfähig durch Lieferungen zu erhalten." Wer denkt da nicht an aktuelle Ereignisse! Fazit: Die Besonderheit dieses Buchs ist, dass es das authentische Zeugnis eines Zeitgenossen ist. Da er Berlin in diesen längst vergangenen Jahren so gut kennt, kann er ein bewegendes Bild der vergessenen Menschen dieser Stadt malen.
Leben zwischen den Weltkriegen
von dozzeline - 23.09.2019
Berlin während der Wirtschaftskrise. Die Stadt wird bevölkert von einem Heer der Abgehängten - Arbeitslose, Bettler, Kriegsveteranen, Prostituierte, Kleinkriminelle. Mühsam halten sie sich tagsüber über Wasser und strömen abends in "Den fröhlichen Waidmann", um ihre Sorgen zu vergessen. Dort ergeben sich neue Möglichkeiten und die Situation zwischen dem blinden Bettler Sonnenberg und dem Arbeitslosen Grissmann eskaliert. Bei "Menschen neben dem Leben" handelt es sich um das Erstlingswerk des damals 22-jährigen Autors Ulrich Alexander Boschwitz, das nun nach seinem zweiten Werk "Der Reisende" zum ersten Mal auf Deutsch erscheint. Boschwitz hat für sein junges Alter einen sehr reifen Blick auf seine Mitmenschen und fängt Zwischenmenschliches geschickt ein. Er nimmt seine Protagonisten ernst, begegnet ihnen aber trotzdem oft mit Humor und feiner Ironie. Der Schreibstil ist flüssig, so dass es Spaß macht, sich auf die anfangs etwas eigenwillig erscheinende Geschichte einzulassen. Auch als historisches Dokument über das Leben der Berliner Unterschicht Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre ist "Menschen neben dem Leben" ein spannender Roman. Die Situation stellt sich für viele der Charaktere trostlos dar. Frauen haben nach wie vor kaum Rechte; auf der Straße regiert meist der Stärkere; ein Teil der Charaktere hat nach allen Entbehrungen sämtliche Hoffnung aufgegeben, andere sind nach Jahren der aufgestauten Wut bereit, über Leichen zu gehen. Erstmals erschienen 1937, blitzen innerhalb der Erzählung bereits erste Vorzeichen der Katastrophe auf, auf die das Land in den nächsten Jahren zusteuern wird. So kursieren auf der Straße zum Beispiel Gerüchte bezüglich der Freimaurer und der jüdischen Weltverschwörung. "Menschen neben dem Leben" eröffnet eine neue Perspektive auf das Leben zwischen den Weltkriegen und das Elend vieler Menschen, das letztendlich das Aufsteigen der Nationalsozialisten ermöglichte. Auch in der heutigen Zeit noch/wieder ein wichtiges Buch.
von lielo99 - 23.09.2019
Menschen neben dem Leben ist ein Roman, der bereits vor vielen Jahren geschrieben und veröffentlicht wurde. Im Jahr 1937 kam es in einer schwedischen Übersetzung auf den Markt. Der Autor Ulrich Alexander Boschwitz starb mit 27 Jahren als das Schiff auf dem er von Australien nach Deutschland reisen wollte, von einem deutschen Torpedo getroffen und versenkt wurde. Boschwitz war Jude und seit dem 12.07.2019 gibt es einen Stolperstein vor dem Haus seiner Familie in Berlin-Schmargendorf. Im Klappentext steht ein Satz, den ich hier zitiere: "Wie durch ein Brennglas seziert der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zweiundzwanzigjährige Autor das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre." So sah ich das auch beim Lesen und die Charaktere sind tatsächlich äußerst lebendig beschrieben. Die Sprache ist einfach und so, dass sie wirklich in den Gassen Berlins aufgenommen wurde. Menschen neben dem Leben beginnt mit Walter Schreiber, einem Gemüsehändler aus Berlin. Das Geschäft befindet sich im Keller und ein Mann kommt herein. Es ist Emil Fundholz, der auf der Suche nach einem Schlafplatz ist. Nach einigem Hin und Her einigen sich die beiden und für 1,50 Mark pro Woche darf Emil in dem feuchten, schimmeligen und muffigen Keller übernachten. Aber erst ab 22 Uhr und nur bis 8 Uhr am Morgen. Dass er nicht alleine kommt erzählt Schreiber erst, als die beiden handelseinig wurden. Er wird von Tönnchen begleitet. Einem Obdachlosen, der behindert ist und seit etlichen Monaten wie eine Klette an Fundholz hängt. Dass er den Spitznamen Tönnchen trägt, ist seinem Leibesumfang geschuldet. Neben Tönnchen zählt Grissmann auch noch zu den Freunden Walters. Nicht alle Bettler Berlins waren Kriegsversehrte. Viele von ihnen waren auch arbeitslos, da zu der Zeit die Rationalisierung begann. Die Idee kam aus Amerika und auch Maschinen wurden von dort geliefert. Die ersetzten die menschliche Arbeitskraft und die Arbeitslosen wurden immer mehr. Unterstützung gab es kaum und jeder musste sehen, wo er bleibt. Die Politiker versprachen viel, hielten aber nur sehr wenig. Der Roman fesselte mich von der ersten Seite an. Immer wieder sah ich die Bilder von Heinrich Zille vor Augen. So wie er sein Berlin der damaligen Zeit auf der Leinwand darstellte, so schaffte dies Herr Boschwitz mit seinem Schreiben. Neben den drei Freunden gibt es weitere Akteure, die sich immer mal wieder begegnen. Das Finale findet dann in einer Stammkneipe statt. Hier treffen sich die Menschen neben dem Leben und möchten nur für eine Weile ihren harten Alltag vergessen. Ein wunderbares Stück Literatur, welches von Peter Graf zum Glück entdeckt und herausgegeben wurde. Es erschien im Klett-Cotta-Verlag. Noch ein Zitat aus dem Buch, welches mir sehr gut gefiel: Wer Gott vertraut und Bretter klaut, der hat im Herbst ne billige Laube. Das Cover zeigt Männer, die Karten spielen und andere, die ihnen dabei zuschauen. Auch hier lässt das Berlin der 20er Jahre grüßen.
Menschen neben dem Leben - Zille lässt grüßen....
von Sagota - 22.09.2019
Nach der literarischen Wiederentdeckung von Der Reisende ist nun der erste (und leider auch letzte) Roman des Autors (man lese seine tragische Biografie und erfährt den Grund) auf Deutsch erschienen: Menschen neben dem Leben ist ein literarisch stimmungsvoller und in die Tiefe gehender Ausflug ins Berlin der frühen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts und wurde wiederum vom Verlag Klett-Cotta (HC, gebunden, 2019) herausgegeben. Die Weltwirtschaftskrise (1929) liegt noch nicht weit hinter den Menschen und hat ein Heer von Arbeitslosen, Prostituierten und Bettlern hinterlassen, die auch das Stadtbild von Berlin mitprägen. So besteht das Romanpersonal aus einigen Entwurzelten, die und deren Geschick und Vergangenheit hier näher kennenlernt: Boschwitz stellt seine HauptprotagonistInnen nach und nach vor; im Romanverlauf lernt man sie immer besser kennen. Der Beginn ist in Walter Schreibers Keller, in dem er mit Gemüse handelt und einen kleinen Raum für wenig Geld an Fundholz und Tönnchen zum Schlafen vermietet: Fundholz ist ein gutmütiger, immer noch sozialer Mensch, dem sich Tönnchen einst anschloss, da dieser ihn mitversorgt . So begleiten wir beide - oder nur Fundholz - durch Berlin und seinen Schnorr-Alltag - immer auf der Hut vor der Polizei. Während Fundholz einmal Heim und Frau hatte, war das Schicksal Tönnchen gegenüber weniger gnädig: Bis zum Alter von 12 Jahren ein normaler Junge, hatte er ein traumatisches Erlebnis, das ihn das Leben hätte kosten können und ihn für viele Jahre in die Klapse brachte. Dieser Vorfall hat die Verbindung zwischen seinem Denken und Handeln vollständig unterbrochen und der einzige Lebensinhalt ist das Essen; daher wohl auch sein Spitzname.... Diesen beiden schließt sich Grissmann an; ein über sein eigenes Schicksal der Armut erboster junger Mann, der im Gegensatz zu Fundholz jedoch noch nicht mit dem Leben abgeschlossen hat, nichts mehr erwartet. Seine Besuche in der Bibliothek sind nicht dem Motiv einer Weiterbildung zuzuordnen wie es bei vielen anderen Arbeitslosen der Fall ist, sondern um ein Gegenmittel gegen die Langeweile zu finden - und Menschen zu treffen, die wie er einen absonderen erotischen Hang zu Fotografien haben, die dort getauscht werden und mit denen er kleine Geschäfte macht. Im Grunde schlummert jedoch eine kriminelle Ader in ihm und seine Vorbilder sind die Ganoven amerikanischer Kriminalromane, die immer davonkommen . Solch ein Ganove möchte er sein, weiß jedoch, dass er die Gewieftheit eines größeren Dings nicht wirklich umsetzen kann. Denn im Grunde ist er ein ängstlicher Mensch... Bis er Elsi, die Frau des blinden Sonnenbergs trifft und mit ihr tanzt sowie das viel schönere Minchen Lindner, das ihn jedoch kalt abweist. Denn letztere hat Gefallen an dem schönen Wilhelm gefunden, den wiederum die geistig verwirrte Frau Fliebusch für ihren seit 20 Jahren verschollenen Wilhelm hält und an dessen Tod im 1. Weltkrieg sie nicht glaubt: Sie glaubt hingegen, dass alle Menschen niederträchtig sind und sie belügen. Daher trägt sie auch in zwei Koffern seine Uniform immer bei sich, in der Hoffnung lebend, ihn wiederzusehen... All diese tragischen Gestalten werden kurz angetroffen, bevor sich der Autor ihnen dann auf einer sehr einfühlsamen, warmherzig-emotionalen Ebene nähert und dem Leser das oftmals leidvoll erlittene Schicksal der ProtagonistInnen beschreibt, uns daran teilhaben lässt und Verständnis hat für die jeweilige Überlebensstrategie , ohne einen moralischen Zeigefinger. Ausser Grissmann und auch dem alten Sonnenberg, der über den Verlust seines Augenlichts im 1. Weltkrieg wütend und verbittert ist, dies auch seine Frau spüren lässt, sind die übrigen Figuren, die sich letztendlich im Fröhlichen Waidmann treffen, durchaus sehr sympathisch. In einer Nebenfigur skizziert Boschwitz auch die bereits vorhandene Ablehnung gegenüber Juden, die in den frühen 30er Jahren (und auch zuvor) in Form von bestehendem Antisemitismus durchaus vorhanden war und die nicht unerheblich zum Entstehen des nationalsozialistischen Denkens beitrug. In der Eskalation zwischen Sonnenberg und Grissmann, in der die aufgestaute Wut beider Ausdruck findet, beide unter den Rädern des Lebens liegend, nimmt der Roman eine überaus dramatische Wendung; Boschwitz vergleicht den Kampf der beiden Unterdrückten mit dem Krieg von Nationen und sieht die Zukunft, in der noch mehr Vernichtungserfolge in Kriegen zu finden sein werden, sehr realistisch: Er sollte Recht behalten, was beim Lesen mehr als betroffen macht. Während die beiden Kontrahenten keinen Ausweg sehen, ihrer Wut zu entkommen und auch Fundholz nicht schlichten kann, endet das Zusammentreffen in einer Katastrophe: Für andere wiederum gibt es Hoffnung auf ein besseres Leben als jenes, das sie nicht mehr führen möchten: Wird Minchen Lindner, deren Ersparnisse aus ihrer Edelprostitution stammen, mit dem früheren Zuhälter Wilhelm einen Kolonialwarenladen führen können; werden beide heiraten? Wir wissen es nicht, aber zu hoffen wäre es. Ein sehr berührendes Gesellschaftsportrait der oftmals in schuldlos unwürdigen Lebensverhältnissen lebenden Menschen im Berlin der frühen 30er Jahre, in dem der Autor es zutiefst menschlich versteht, jeder Romanfigur Respekt, Aufmerksamkeit und Würde entgegen zubringen, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. Ein Roman, der nachhallt - und dessen Personal an Zille sein Milljöh , an Hans Fallada ( Kleiner Mann - was nun? ) und an Döblins Berlin Alexanderplatz . Eine absolute Leseempfehlung von mir und ein Dank an den Herausgeber Peter Graf, dessen brillantem Nachwort zum Roman ich mich gerne anschließe! 4,5*
Was hätte dieser Mann noch alles schreiben können...
von Diamondgirl - 22.09.2019
In diesem Roman wird das Leben verschiedener Protagonisten im Berlin der 20er Jahre beschrieben. Der Gemüsehändler Schreiber, der einen Nebenkeller an 2 Arbeitslose für 1,50 Mark die Woche als Schlafplatz vermietet; die Arbeitslosen Fundholz und Tönnchen, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln müssen und schließlich den jungen Arbeitslosen Grissmann. Grissmann lebt am Rande zur Illegalität, denn seine Gedanken kreisen ständig um evtl. Chancen, zu Geld zu kommen. An anderer Leute Geld, versteht sich, durchaus auch mittels Einbruch, Raub oder Erpressung. Fundholz hingegen hat sich mit seiner desolaten Lage abgefunden. Er träumt schon länger nicht mehr davon, aus dieser prekären Situation heraus zu finden, sondern fristet sein Leben mit Betteleien. Als ob er nicht schon wenig genug hätte, füttert er auch noch Tönnchen mit durch, der durch eine psychische Beeinträchtigung nicht mehr für sich sorgen kann. Es gibt noch so einige Mitwirkende, die ebenfalls ihr Päckchen zu tragen haben und für den Handlungsverlauf interessant sind. Trotz ihres trüben Tagesablaufs zieht es sie abends in den Fröhlichen Waidmann, um bei Pfefferminzschnaps, Musik und Tanz dem grauen Alltag für wenige Stunden zu entfliehen, was nicht immer reibungslos vonstatten geht. Trotz aller Entbehrungen und Tiefschläge bleibt letztlich dennoch ein Hoffnungsschimmer in den Köpfen der Protagonisten, dass es irgendwann ja auch wieder bergauf gehen muss. Ähnlich wie das bereits zuvor erschienene Buch Der Reisende hat mich sein Erstwerk Menschen neben dem Leben begeistert. Erzählt wird aus der dritten Person und das so gekonnt, dass ich immer wieder verwundert war, dass man einen solchen Schriftsteller so lange ignorieren konnte in Deutschland. Man ist innerhalb einer Seite in der grauen Zeit der Weltwirtschaftskrise und spürt förmlich die weitgehend vorhandene Hoffnungslosigkeit der Menschen. Boschwitz verrät uns die Gedankengänge der Protagonisten, als ob er selbst bereits in ähnlichen Situationen gewesen wäre. Aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt steuert alles auf einen Showdown im Waidmann hin, wo die Ereignisse sich quasi überschlagen. Boschwitz Sprache hat absolut nichts antiquiertes an sich sondern könnte auch vor wenigen Jahren niedergeschrieben worden sein. An einigen Stellen war der Text sogar hochaktuell - bspw. wenn er von der Umweltbelastung des starken Verkehrs auf Berlins Straßen berichtet. Dass ein so junger Mensch einen solch tiefen Blick auf die Gesellschaft werfen und dann auch noch derart eindrucksvoll formulieren kann, ist in meinen Augen herausragend. Als ob er gewusst hätte, dass ihm nicht viel Zeit zum schreiben vergönnt sein würde. Was hätte dieser Mann noch alles schreiben können....
Unter den Rädern des Lebens
von Emmmbeee - 14.09.2019
Die Kneipe Der fröhliche Waidmann ist eine Oase der Gestrandeten, der Verlierer und Obdachlosen, der am Rand der Gesellschaft lebenden Menschen. Sie tragen die Auswirkungen der Elendsjahre nach Ende des ersten Weltkrieges und sind unter die Räder des Lebens geraten. Vielfach geprügelt von der Not, kollidieren sie immer wieder mit den Anforderungen des Alltags. Um nicht allein zu sein und sich ein wenig abzulenken, suchen sie die billige Geselligkeit. Alkohol ist allgegenwärtig, im Hintergrund lauert stets die Gewalt. Der Autor skizziert den bisherigen Lebenslauf der tragenden Figuren und gibt Einblick in ihre spezielle Lage. Er greift zwei Tage heraus, die besser als jeder Geschichtsunterricht deutlich machen, wie so viele Arbeitslose und Bettler (in Deutschland und bestimmt auch in weiten Teilen Europas) ums Überleben kämpfen mussten. Er schildert die einzelnen Episoden keineswegs larmoyant, sondern nüchtern und objektiv. Gerade dadurch hatte ich Mitleid mit diesen Menschen. In fast heiterem, leichtem Ton erzählt Boschwitz von dieser Subkultur, in der sich Trägheit und Explosion nebeneinander bewegen. Ihm selbst werden die geschilderten Situationen nicht gänzlich fremd gewesen zu sein, musste er doch selbst emigrieren. So sind auch weite Teile des Textes den Betrachtungen über die menschliche Psyche gewidmet, besonders nach Niederlagen und in Konfliktsituationen. Daneben gefiel mir besonders die Art, wie die Geräusche der Strasse in Worte gefasst werden, zum Beispiel: Leise meckerten die Klingeln der Fahrräder. Das dürfte in der Literatur nicht oft vorkommen. Der Titel allerdings könnte besser gewählt sein, denn neben dem Leben befinden sich die Protagonisten keineswegs. Für sie ist es DAS LEBEN. Es sieht auch heute noch für viele ganz ähnlich aus, denn Leben ist nicht gleich Wohlstand. Nur widmet ihnen - seit Erich Kästner, Irmgard Keun und Hans Fallada - kaum ein Autor mehr als ein paar Worte.
Eindrucksvoll
von Sandra Schmidt - 14.09.2019
Bei " Menschen neben dem Leben" von Ulrich Alexander Boschwitz handelt es sich um einen Roman. "Menschen neben dem Leben" porträtiert kleine Leute in Berlin der zwanziger Jahre, die nach Krieg und Weltwirtschaftskrise rein gar nichts mehr zu lachen haben und trotzdem nicht aufhören, das Leben zu feiern. In Boschwitz Debütroman haben es die Protagonisten nicht leicht, da sie die wahren Verlierer der Wirtschaftskrise sind. Abends zieht es Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierte und Verrückte alle in den Fröhlichen Waidmann. Einige zum Trinken, Andere zu Musik und Tanz. Bevor sich der graue Alltag am nächsten Morgen wieder erhebt, haben sie Sehnsucht nach ein paar sorglosen Stunden. Grissmann, der sich im Waidmann eine Frau angeln will, tanzt mit der Frau des blinden Sonnenbergs und unterschätzt den Jähzorn des gehörnten Ehemanns. Im Fröhlichen Waidmann nimmt das Verhängnis seinen Lauf, bis sich neue Liebschaften gefunden haben und Bier und Pfefferminzschnaps ausgeschenkt wurde und der nächste Morgen graut. Sehr interessant finde ich den abgedruckten Lebenslauf des Autors, der alle wichtigen Stationen in seinem leider viel zu kurzen Leben beinhaltet. Das Berliner Lumpenproletariat der Zwischenkriegsjahre wird sehr gut beschrieben. Man spürt beim Lesen, dass der Autor ein feines Gespür für interessante Menschen hatte. Seine Auswahl der Protagonisten- einfach klasse. Die Protagonisten werden sehr lebendig und authentisch beschrieben. Der Autor hat jedem "seine" Geschichte gegen. Diese sind sehr interessant. Jeder erlebt sein Schicksal. Dieses wird sehr authentisch beschrieben..Da der Autor uns Leser an dem Leben der Protagonisten ein Stückchen teilnehmen lässt, konnte ich mich sehr gut in die einzelnen Protagonisten hineinversetzen und ihr Ängste, Verluste, Hoffnungen usw. spüren. Der Schreibstil des Autors hat mir sehr gut gefallen. Knackige , leicht verständliche Sätze. Einmal angefangen, konnte ich diese Buch kaum aus der Hand legen. Das Nachwort des Herausgebers Peter Graf hat mir sehr gut gefallen. Es ist sehr interessant, lehrreich und macht nachdenklich. Ein sehr zu empfehlender Roman.
Ein kleines Stück großer Literatur
von elke17 - 07.09.2019
Mit dem 2018 in deutscher Fassung erschienenen "Der Reisende" von Ulrich Alexander Boschwitz hat der Verlag Klett-Cotta einen Autor wiederentdeckt, dessen in den dreißiger Jahren geschriebenen Romane auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Nun also erstmals eine deutsche Ausgabe von "Menschen neben dem Leben", 1937 in schwedischer und 1939 in englischer Sprache verlegt. Und wie bereits der Vorgänger besticht auch dieses Werk durch einen unverstellten Blick auf das Leben nach dem Ersten vor dem Zweiten Weltkrieg. Zeigt, wie es dazu kommen konnte, dass der Nationalsozialismus auf fruchtbaren Boden fiel. Es sind die einfachen Menschen und deren Kampf ums Überleben, denen Boschwitz` Interesse gilt. Das hat nichts von einem "Babylon Berlin" Glamour, das ist die Betrachtung von einem Leben ganz unten, in dem man das Dach über dem Kopf verloren hat, in dem man sich für das täglich Brot prostituieren muss, in dem die Schrecken des vergangenen Krieges noch immer allgegenwärtig sind. In dem man aber nicht aufgibt, sondern weiter strampelt und sich seinen kleinen Augenblick des täglichen Glücks in der Kneipe um die Ecke mit einem Glas Pfefferminzschnaps und einem Tänzchen verschafft. Für einen kurzen Augenblick die Sorgen des Alltags vergisst und nicht an die Zukunft denkt. Das drohende Unheil noch nicht kommen sieht. Ein schmaler Roman, aber dennoch ganz dicht dran an den Menschen, voller Sympathie für die Verlierer, plastisch und dicht in den Beschreibungen. Authentisch und voller Atmosphäre. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Ein kleines Stück großer Literatur.
ergreifend
von inya - 05.09.2019
Dieses Buch erzählt die Geschichten unterschiedlicher Menschen der Stadt Berlin Anfang der 30er Jahre. Sie sind alle aus verschiedenem Hause und haben unterschiedliche Ziele im Leben, doch was sie verbindet ist, dass sie ganz unten im Leben angekommen sind. Sie sind Bettler, Prostituierte und Arbeitslose, die sich Tag für Tag durch die Stadt und ums Überleben kämpfen. Hauptfiguren sind der Bettler Fundholz und sein geistig beeinträchtigter Begleiter Tönnchen. Beide versuchen sich mit ihrem Elend abzufinden und versuchen so gut wie es geht über die Runden zu kommen. Das Buch hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen, da es absolut realistisch die Schicksale der Menschen zu dieser Zeit beschreibt und einen sehr lebendigen Einblick in die Geschichte gibt.
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