Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Fragen hasst sie am meisten, vor allem die nach ihrem Aussehen.Liss ist eine starke, verschlossene Frau, die die Arbeit, die auf dem Hof anfällt, problemlos zu meistern scheint. Schon beim ersten Gespräch der beiden stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für Eine, die nie über sich spricht, die das Haus, in dem die frühere Anwesenheit anderer noch deutlich zu spüren ist, allein bewohnt? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten und Liss die alten Birnensorten in ihrem Obstgarten beschreibt, deren Geschmack Sally so liebt, kommen sich die beiden Frauen näher. Und erfahren nach und nach von den Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden.Dieses Buch hatte ich schon sehr lange auf meiner Wunschliste, da hier vor allem die Frauenfiguren richtig stark sein sollten. Trotzdem hat es gedauert, bis es dann auch einen Weg zu mir gefunden hat.Die Erwartungen waren also dementsprechend hoch.Allerdings hatte ich dann leider ziemliche Probleme in der Handlung anzukommen.Mein größtes Problem war, dass ich lange Zeit das Gefühl hatte, nicht richtig an diese beiden Frauenfiguren heranzukommen.Erst im letzten Drittel, als wir endlich alle Fakten über Liss' Leben erfahren, wurde es für mich immer besser und als Sally sie dann "retten" durfte, war ich komplett gefesselt.Auch all die Dinge, die wir mal ganz nebenbei über Feld-/Bauernhofarbeit, Imkerei, übers Keltern und natürlich alte Birnensorten lernen durften, waren einfach unglaublich interessant und fesselnd.Allerdings wurden mir einige Dinge einfach nicht ausreichend aufgeklärt. So habe ich z.B. nie verstanden, warum Sally dermaßen wütend auf alles und jeden reagieren musste und manchmal ohne Provokation komplett übertrieben aus der Haut fährt (wie z.B. bei der Kartoffelernte). Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass ihr Verhalten irgendwie nachvollziehbar wird, aber das war für mich einfach nicht der Fall.Liss dagegen war - gerade, wenn man ihre Hintergrundgeschichte endlich kennt - viel zu wenig wütend. Ich fand es schon seltsam, dass sie Sally und ihre ständigen Ausbrüche einfach so hinnehmen kann, selbst wenn Sally alles gibt, um sie aufs Blut zu reizen.Auch zum Ende hin wurde mir nicht alles hinreichend genug geklärt, aber zu diesem Zeitpunkt war ich so weit mit den Figuren und ihren Taten versöhnt, dass das nicht mehr so weit ins Gewicht gefallen ist.Fazit: Das ist mal wieder ein Buch von Ewald Arenz bei dem ich mir nicht sicher bin, wie ich es bewerten soll. Der Schreibstil ist mal wieder herrlich, aber zu den Figuren habe ich lange Zeit keinen richtigen Zugang finden können. Besonders zu Sally, deren Wut auf alles und jeden mir einfach nur übertrieben vorkam, da es nie eine ordentliche Erklärung dafür gab und sie mir so einfach nur extrem pubertär vorkam, dabei sollte sie eindeutig so viel mehr sein.Erst im letzten Drittel konnten die Beiden mich endlich einfangen und sogar richtig fesseln mit ihrer Geschichte und auch, wenn mir einige Handlungspunkte nicht ausreichend geklärt wurden oder sogar nicht ganz logisch erschienen, konnte ich das Buch dann doch noch relativ zufrieden weglegen. (3,5 Sterne)