Roh und reflektiert.
Ich gehöre zu den Leuten, die sich normalerweise nicht für das Leben von Schauspieler:innen interessieren und vermutlich auch als Letzte zu einer Memoir von einer solchen Person greifen würden. Obwohl ich mit iCarly aufgewachsen bin, war meine Motivation, dieses Buch zu lesen, eher begrenzt stark, bis mir eine Freundin das Buch mit ernster Miene in die Hand drückte und nur sagte: "Lies einfach." (Kurze Anmerkung: Wer Probleme mit Emetophobie oder Essstörungen hat, sollte dieses Buch mit Vorsicht genießen, da es explizite und sehr detaillierte Beschreibungen dieser Themen enthält. Ich musste das Buch mehrere Male weglegen.)Der Titel ist natürlich direkt provokant und wirkte auf mich anfangs eher wie ein Marketing-Gag mit "Shock Value", etwas, dem ich sehr kritisch und skeptisch gegenüberstehe. Froh sein über No Contact - sicherlich. Aber froh, dass die eigene Mutter stirbt? Klingt doch etwas extrem, oder? "I'm Glad My Mom Died" von Jennette McCurdy ist eine autobiografische Erzählung, die ihre Erfahrungen als ehemalige Schauspielerin im Rahmen ihrer schwierigen Beziehung mit ihrer Mutter dokumentiert. Ich schreibe "ehemalig", weil sich Jennette inzwischen als Autorin etabliert und dem Schauspiel den Rücken gekehrt hat. Wer also hofft, einfach einen positiven Einblick hinter die Kulissen von iCarly zu bekommen, sollte besser drei Schritte zurückgehen. Jennette beginnt ihre Erzählung von ganz vorne: ihrer Kindheit. Sie gewährt Einblicke in die Familiendynamik, die finanziellen Sorgen und die Wahrnehmung ihrer eigenen kindlichen Naivität sowie die Abhängigkeit von ihrer Mutter.In Jennettes Darstellung setzte ihre Mutter sie bereits als Kind unter enormen Druck, ein erfolgreicher Star zu werden, um ihre eigenen, unerfüllten Ambitionen zu verwirklichen. Es geht von Casting zu Casting und von Rolle zu Rolle. Die Manipulation ihrer Mutter funktionierte laut Jennette besonders deshalb so gut, weil diese häufig ihre Krebserkrankung als Werkzeug einsetzte, um Jennette emotional zu vereinnahmen. Dieser Druck und präsente Willen ihrer Mutter Debra macht Jennette schon im jungen Alter zur Schauspielerin.Auch die Verletzung der Privatsphäre während ihrer Kindheit und auch Teenagerzeit, spielt eine entscheidende Rolle in der Beziehung von Mutter und Tochter. Die wiederholte Missachtung von Jennettes Bedürfnissen spitzt sich in ein derart übergriffiges Verhalten der Mutter zu, dass ich beim Lesen richtig wütend geworden bin. Jennette widerum berichtet recht schambefreit, und mit einer Transparenz, dass es mir regelrecht die Fußnägel gekräuselt hat. Sicherlich kommen einige Leser gerade in diesen Szenen an einen Punkt, wo sie sich fragen "Ist ihr nicht klar, dass das Verhalten der Mutter nicht okay ist?" Aber die Ambivalenz dieser gestörten Beziehung entsteht unter anderem durch die Tatsache, dass ihre Mutter nicht einfach nur "die Böse" ist. Sie ist auch Jennettes Freundin, ihre Vertraute, ihre größte Cheerleaderin und Beschützerin. Diese Mischung aus emotionaler Misshandlung und entweder aufrichtiger oder interpretierter Fürsorge macht es Jennette besonders schwer, sich von ihrer Mutter zu lösen. Unter dem Druck, den ihre Mutter ausübt, entwickelt Jennette schließlich eine lang anhaltende Essstörung sowie andere psychische Probleme.Das Buch teilt sich (wahrscheinlich auch sinnbildlich emotional) in ein "Davor" und ein "Danach". Das "Danach", beginnt mit dem Tod ihrer Mutter, der ein Katalysator für komplizierte Gefühle wird. Erleichterung, weil sie endlich von der toxischen Beziehung befreit ist, und Trauer, weil die Verletzungen tief sitzen und ihr ganzes Leben von der Anerkennung ihrer Mutter abhing. Das Buch behandelt nicht nur Missbrauch, Essstörungen und psychische Gesundheit, sondern auch die Auswirkungen von Ruhm und die Schutzlosigkeit, den Kinder in der Unterhaltungsbranche ausgeliefert sind, sofern die Eltern dieser Verantwortung nicht nachkommen. Jennette reflektiert zudem ihre eigenen Bemühungen, sich von Hollywood zu distanzieren und ihre wahre Identität zu finden. Diese Reise führt sie letztlich zur Schriftstellerei und zum Autorentum.Jennette schreibt mit einer Mischung aus humorvollen, oft bissigen Anekdoten und schmerzhaften, ehrlichen Reflexionen. So schamfrei und uneitel, wie sie ihre Geschichte erzählt, konnte ich mich wirklich gut in das Buch einfühlen und ihre Wahrnehmung nachvollziehen."I'm Glad My Mom Died" habe ich als ein ehrliches und oft verstörendes Memoir über eine ambivalente und missbräuchliche Mutter-Kind-Beziehung wahrgenommen, das den steinigen Weg zur Selbstheilung und Unabhängigkeit von Jennette McCurdy beschreibt. Es ist ein Buch, das nicht nur das persönliche Leid der Autorin, sondern auch die Auswirkungen eines toxischen Umfelds und den Weg zu persönlicher Freiheit thematisiert. Ich persönlich, fand es sehr authentisch geschrieben und konnte Jennettes "Stimme" gut heraushören (und lesen). Em Ende klappe ich also dieses Buch zu, schau auf den Titel und kann den Schmerz und die Bitterkeit wirklich fühlen. Der Titel passt meiner Ansicht nach in die trotzige und schmerzliche Aufarbeitung von Jennette McCurdy und markiert die bittere Erkenntnis über die Freiheit, die ihr der Tod ihrer Mutter sowohl psychisch als auch physisch gebracht hat.