Gut gemachtes, unterhaltsames und originelles Buch, wobei mich die Konzeption stellenweise ein bisschen gestört hat.
Was Handlung und Erzählart betrifft, ist dieser Roman in gewisser Weise ein modernes Märchen mit gewissen konventionellen Motiven wie Drache und böser Zauberin - aber doch ganz anders. Dabei bleibt er aber zu jedem Zeitpunkt unkonventionell und definitiv unterhaltsam. Schreibstil: Der Schreibstil ist anders als erwartet, denn es gibt hier einen namentlich genannten Erzähler, der in der Rückschau Tress' Geschichte erzählt. Prinzipiell bin ich nicht unbedingt ein Fan von solchen Rückschauen, aber hier ist es richtig gut gemacht. Der Sprache ist bildhaft, humorvoll und interessant. 5 Sterne Charaktere: Die Figuren sind (alle?) sehr unkonventionell. Ob es realistisch ist, dass so viele einzigartige Typen aufeinandertreffen, sei mal dahingestellt. Aber ich mochte es und die Figuren bleiben mir auch im Gedächtnis. Definitiv kein Einheitsbrei, gut gemacht und originell. 5 Sterne Handlung und Struktur: Insgesamt war die Handlung spannend. Manchmal gab es auch ruhigere Stellen - dieses Buch war also sicherlich nicht das rasanteste, das ich je gelesen habe. Gelangweilt habe ich mich aber nie. Es gibt allerdings etwas, das ich unglücklich finde (und ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Kategorie ist, "Worldbuilding" oder "Tiefgang" kämen auch infrage, aber nachdem es etwas Inhaltliches ist, schreibe ich es hier): die Einbindung der Figur Hoid. Wer sich mal ein wenig mit Sanderson beschäftigt, weiß, dass der Autor das Konzept hat, dass alle seine Romane im selben Universum spielen und dadurch miteinander verknüpft sind. Allerdings sind die Magiesysteme so originell und unterschiedlich, dass diese Verknüpfungen nun nicht sonderlich leicht zustandekommen. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich stört, wie hier zwanghaft etwas verbunden werden soll, das nicht verbunden werden muss. Dass nun in jedem Buch beispielsweise Hoid vorkommen muss, empfinde ich nicht als Bereicherung, sondern tatsächlich als störend. Und auch die Anspielungen verwässern für mich den Text eher und nehmen ihm die Aussagekraft und die Möglichkeit, für sich selbst zu stehen. Ja, Hoid wurde hier immerhin richtig in die Handlung eingebunden. Trotzdem schien er mir bis zum Ende eine Fehlbesetzung an dieser Stelle zu sein. Ich hätte lieber einen Verrückten aus dieser Welt gehabt als einen verrückten Weltenwanderer, der dauernd kryptisches Zeug von sich gibt, das man nur versteht, wenn man die anderen Romane kennt. Vor diesem Hintergrund wirkte auch das Ende für mich wie ein Deus ex Machina. Denn die angeblich so herausragenden Fähigkeiten von Hoid werden niemals irgendwie dargestellt oder erklärt, sondern einfach mal behauptet und fertig. Das empfand ich als sehr plump und unbefriedigend. 3,5 Sterne Tiefgang: In dem Roman gibt es viel Reflexion über Menschen, ihre Motivationen und die Welt. Das liegt daran, dass der Erzähler das Verhalten von Tress oder auch von anderen Figuren immer wieder kommentiert und dass auch Tress an sich eine Figur ist, die viel nachdenkt und Entwicklung durchmacht. Hier gibt es auf jeden Fall einiges zum Nachdenken, an dem man hängen bleiben kann. 5 Sterne Worldbuilding: Das Sporenmeer und die damit verbundene Magie ist sehr originell, definitiv einzigartig. Dafür gibt es natürlich auch volle Punktzahl. Allerdings merke ich, dass ich, nachdem ich auch anderes von Sanderson kenne, immer mehr die Machart des Magiesystems wahrnehme. Ähnlich wie bei den "Nebelgeborenen" gibt es auch hier geheime Sporen mit unbekannten Kräften (bei den "Nebelgeborenen" war es Metall) und natürlich sind die Sporen auch nicht das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Es gab hier also für mich einige Strukturen, die mir schon bekannt und dadurch auch vorhersehbar waren. Allerdings hat mich das nun nicht wirklich gestört und angesichts des wirklich ungewöhnlichen Settings ist das sicher Meckern auf hohem Niveau. 5 Sterne Insgesamt hat mir der Roman sehr gut gefallen. Schreibstil, Figuren, Worldbuilding haben wunderbar funktioniert, Tiefgang gab es auch. Ich persönlich wäre allerdings wirklich froh, wenn Sanderson von seinem "Kosmeer" lassen würde, aber da wird mich der Autor kaum erhören. Diese zwanghafte Einbindung ist nämlich tatsächlich mein einziger Kritikpunkt und ich fürchte, dass sie mir noch in mehr Büchern des Autors begegnen wird. Gesamtwertung: 4,7 Sterne, macht gerundet 5 Sterne