
Das neue Buch der renommierten und vielfach ausgezeichneten Historikerin, Publizistin und Schriftstellerin Irina Scherbakowa
»Eines der 10 besten Sachbücher 2025. « Deutschlandfunk Kultur, 3. 12. 2025
»Das berührende Dokument einer Zeitzeugin. « Welt, 8. 1. 2026
In »Der Schlüssel würde noch passen« erzählt Irina Scherbakowa von den kurzen Jahren der Perestroika, . Sie berichtet vom Alltag und vom politischen Aufbruch in Moskau und auf dem Land zu Beginn der 1990er-Jahre. Sie beschreibt die ungewohnte Freiheit und wie die Menschen mehr schlecht als recht damit umzugehen lernten. Scherbakowas Thema ist auch ihre bis heute andauernde aktive politische Tätigkeit und das scheinbar unaufhaltsame Abgleiten Russlands in die Diktatur. Ihre beeindruckenden Moskauer Erinnerungen sind dicht verwoben mit der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert und ihrem lebenslangen Kampf gegen Staatsterror und für die Erinnerung.
Irina Scherbakowa ist eine der bedeutendsten russischen Oppositionellen. Sie ist Mitgründerin der Menschenrechts-Organisation Memorial, die 2022 mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Das autobiografische Sachbuch schließt damit an »Die Hände meines Vaters« an, das 2017 ebenfalls bei Droemer erschien.
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»Das Buch führt durch mehr als siebzig Jahre eines bewegten Intellektuellenlebens und russischer, vor allem Moskauer Zeitgeschichte. « Kerstin Holm in der FAZ, 4. 11. 2025
»Und obwohl ich wusste, dass es vorbei ist, hatte ich beim Packen doch nicht das Gefühl, für immer zu gehen. « Irina Scherbakowa im Interview mit Alice Bota und Alexander Kauschanski, DIE ZEIT Nr. 47, 6. 11. 2025
»Irina Scherbakowa gibt eine persönliche und detaillierte Antwort auf die Frage, wie der russische Staat im 20. Jahrhundert seine Bürger missbraucht hat und wie er das weiterhin tut, solange die alten Verbrechen nicht aufgearbeitet sind. « Süddeutsche Zeitung
»Diejenigen Russinnen und Russen, die wie Irina Scherbakowa immer eindeutig für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte eingetreten sind, die dabei großen Mut bewiesen und persönliche Risiken in Kauf genommen haben - sie sind nicht Widersacher der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Putins brutalen Krieg. Im Gegenteil, sie sind Seelenverwandte und Mitstreiter in unserem gemeinsamen Kampf für eine friedliche, freiheitliche und demokratische Zukunft Europas. « Bundeskanzler Olaf Scholz anlässlich der Verleihung des Marion-Dönhoff-Preises 2022 für internationale Verständigung und Versöhnung
Besprechung vom 04.11.2025
Da wurden Mafiosi Leitfiguren der Politik
Irina Scherbakowa, Mitbegründerin von Memorial und seit drei Jahren im deutschen Exil lebend, blickt auf Leben und Arbeit in Moskau zurück.
Die russische Germanistin und Memorial-Mitbegründerin Irina Scherbakowa, die kurz nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 ihren Heimatort Moskau verlassen musste, hat ihre Lebenserinnerungen vorgelegt. Das Buch führt durch mehr als siebzig Jahre eines bewegten Intellektuellenlebens und russischer, vor allem Moskauer Zeitgeschichte. Sein Titel, "Der Schlüssel würde noch passen", bezieht sich zum einen auf Scherbakowas angestammten Wohnsitz im Zentrum der russischen Hauptstadt, wo sie bei ihrer überstürzten Abreise das kulturelle Erbe ihrer Familie zurückließ, zum anderen auch auf Moskau selbst, dessen Geistesleben sie über Jahrzehnte mitprägte und wo weiterhin Freunde zu ihr Kontakt halten. Ihre Geschichte steht stellvertretend für viele russische Bürgerrechtsaktivisten und insbesondere Memorial-Mitstreiter, die mit einem Einsatz und einem persönlichen Risiko, wie man ihn in Westeuropa nicht kennt, die tragische Vergangenheit ihres Landes Stück für Stück aufarbeiteten - und die jetzt, da ihr Werk in Scherben liegt, sich fragen, was sie möglicherweise falsch gemacht haben.
Eine Antwort deutet sich im mit "Verbrechen ohne Strafe" überschriebenen Anfangskapitel an. Es versetzt in die wilden Neunzigerjahre, da nach dem Zusammenbruch des Sowjetstaats die Autorin plötzlich in Geheimarchiven arbeiten, Bücher veröffentlichen und Vorträge halten konnte und eine Privatwirtschaft entstand, allerdings ohne Regeln, sodass viele Menschen in die Armut abstürzten, während Schutzgelderpresser und bewaffnete Banden ihr Unwesen trieben, oft in Absprache mit der Miliz. Scherbakowa erzählt, wie ihre Töchter und Freunde Opfer von Raubüberfällen, wie unbescholtene Menschen in Hauseingängen ermordet wurden, aber auch wie ein Ganove, dem ihr Mann mit einem Autobatteriekabel aushelfen konnte, ihr als Dank Geldscheinbündel durchs Beifahrerfenster zuwarf. Die Mafiosi wurden damals nicht nur Kultfiguren, so Scherbakowa, sie stifteten auch das brutale Gangsterbandenethos, nach dem Russlands Machthaber bis heute leben und agieren.
Dass der spätere Präsident Putin Anfang der Neunziger als rechte Hand des Petersburger Bürgermeisters Sobtschak und Leiter von dessen Außenhandelsausschuss durch kriminelle Geschäftsmethoden vermutlich zig Millionen Dollar abzweigte, erwähnt sie in einem Rückblick auf das Erbe des ersten postsowjetischen Präsidenten Boris Jelzin, der Putins Alma Mater, den Inlandsgeheimdienst KGB, nicht nur nicht zu reformieren wagte, sondern ihm fatalerweise schließlich auch die Macht und die wichtigsten finanziellen Ressourcen übergab. Während der Nullerjahre nahm der durch den Ölboom steigende Wohlstand - auch im Vergleich zu anderen postsowjetischen Ländern - die Mehrheit für Putin ein. Dieser erwies sich im Umgang mit Katastrophen, wie dem Untergang des U-Bootes Kursk, den Terroranschlägen im Moskauer Musicaltheater und in der Schule von Beslan, bei denen er unnötigerweise viele Unschuldige opferte, als absolut empathiefrei und nahm sie nur zum Anlass, demokratische Prozeduren konsequent zurückzuschneiden.
Scherbakowa schildert aber auch, wie ehemals unabhängige Intellektuelle sich einem postsowjetischen Despoten andienten, was ihre enge Freundin, die Dichterin und Kritikerin Tatjana Bek (1949 bis 2005), in den Freitod trieb. Bek lebte für die Literatur und ihre Schriftstellerfreunde, weshalb es sie entsetzte, als sich 2004 drei bekannte Lyriker und ein sich fortschrittlich gebender Kritiker in einem Huldigungsschreiben an den turkmenischen Herrscher Saparmurat Nijasow mit dem Vorschlag wandten, dessen poetisches Werk ins Russische zu übertragen - während dieser in seinem Land Oppositionelle verfolgen, Krankenhäuser schließen und sich als "Turkmenbaschi" (Turkmenenführer) glorifizieren ließ. Scherbakowa nennt die Dichter nicht, von denen der 89 Jahre alte Jewgeni Rejn, der 2022 einen Brief zur Unterstützung der "militärischen Spezialoperation" in der Ukraine unterzeichnet hat, der bekannteste ist, man findet sie aber leicht im Netz. Rejn hatte Bek, als diese das Diktatorenlob publizistisch anprangert, telefonisch beschimpft und bedroht.
Das Buch würdigt zudem einen Kämpfer für Demokratisierung wie den Historiker Juri Afanasjew (1934 bis 2015), der 1989 Volksdeputierter und Ko-Vorsitzender von Memorial wurde, 1991 die bald international renommierte Russische Geisteswissenschaftliche Universität (RGGU) gründete und früh vor einem Russland warnte, das nach dem Zerfall der Sowjetunion den Sprung in die Zivilisation verpasst habe und als selbstherrliches, aggressives Imperium fortbestehe. 2006 musste Afanasjew den Posten als Präsident der RGGU räumen, wo seit 2023 der reaktionäre Kreml-Guru Alexander Dugin die nach dem faschistoiden Denker Iwan Iljin benannte politische Hochschule leitet, die westliche Aufklärung verteufelt und das "glänzende" neue Mittelalter begrüßt.
Den größten Raum nimmt freilich Scherbakowas Lebenswerk ein, das Sammeln und Bewahren der Geschichten und Memorabilien von Lagerinsassen, die Pflege der Gedenkorte und die Anleitung Jugendlicher zu selbständiger Geschichtsforschung bei den Memorial-Schülerwettbewerben. Dabei sticht eine Biographie besonders heraus, die der Geheimdienstlergattin Agnessa Mironowa (1903 bis 1983), die nach ihrer Haftentlassung der Memorial-Chronistin Mira Jakowenko von sich nicht aus der Opferperspektive erzählte, sondern aufrichtig und fast begeistert schilderte, wie sie während der Dreißigerjahre zur Zeit von Hunger und Massenverhaftungen im Luxus schwelgte.
Die politisch desinteressierte Agnessa, eine griechischstämmige Schönheit aus dem südrussischen Maikop, lernte im Bürgerkrieg, die Sieger zu lieben, erst einen Weißen Offizier, dann einen Roten, dann den attraktiven Tschekisten Sergej Mironow, an dessen Seite sie in Brokatroben auftrat, im Cabriolet fuhr, einen Hofstaat um sich scharte - bis ihr Mann, der nach Planvorgaben Tausende erschießen ließ, selbst verhaftet und liquidiert wurde. Agnessa wurde dann im Zweiten Weltkrieg während der Evakuierung denunziert und kam ins Lager. Ihre außergewöhnlichen Selbstzeugnisse, die Einblicke ins Denken der Täter eröffnen, sind 2019 in Moskau als Buch erschienen.
Schon drei Jahre zuvor wurde Memorial zum "Ausländischen Agenten" erklärt und von den Behörden mit Razzien und Strafzahlungsforderungen immer ärger drangsaliert. Scherbakowa erlebte, wie Memorial zur Insel engagierter Solidarität und unabhängigen Gedenkens wurde, während im Land Sowjetromantik und Stalinnostalgie, von Kremlideologen gefördert, wuchsen. Zum Jahresende 2021, kurz vor Beginn von Russlands Vollinvasion in die Ukraine, wurde Memorial liquidiert, und im Frühjahr 2022 fand sich die Autorin, die ihr Land nie verlassen wollte, im voll besetzten Flugzeug nach Israel wieder. Das Memorial-Projekt einer Zivilisierung durch Aufklärung sei gescheitert, so schließt sie, mit dem Hinweis auf Erich Kästner, dem zufolge Diktaturen nur erfolgreich bekämpft werden können, bevor sie entstehen. KERSTIN HOLM
Irina Scherbakowa: "Der Schlüssel würde noch passen". Moskauer Erinnerungen.
Aus dem Russischen von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer. Droemer Verlag, München 2025. 328 S., geb.
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